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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Glaubenskrieg
geführt hatten, ging nicht so tief, daß nicht im Osten lateinisches Kirchen-
tum ebenso weiterbestanden hätte wie griechisches im Westen. Jn Kon-
stantinopel lebte eine Kolonie von Lateinern, auf dem heiligen Berge
Athos gab es ein lateinisches Kloster, das sich kaiserlicher Gunst erfreute,
zwischen Montecassino und dem griechischen Hof bestanden freundliche
Beziehungen. Jn Rom und Umgebung blühten griechische Klöster, in
Kalabrien und Sizilien war die Kirche im wesentlichen griechisch. Seit
der Mitte des elften Jahrhunderts hatten die Pilgerfahrten nach dem
Osten beträchtlich zugenommen, begünstigt durch die Vorstellung eines
nahen Weltendes. Jn ganzen Karawanen, mit bewaffnetem Gefolge,
sah man vornehme Herren ins Heilige Land ziehen. So wanderte im
Jahr 1064 Erzbischof Siegfried von Mainz nach Jerusalem, um dort
das Ende der Dinge zu erwarten, ihn begleiteten die Bischöfe von Bam-
berg, Regensburg und Utrecht. Für die lateinischen Pilger gab es seit
kurzem (1063) in Jerusalem eine eigene Herberge, das Hospital des hei-
ligen Johannes, gestiftet von Kaufleuten aus Amalfi. Der Orden der
Johanniter ist später daraus hervorgegangen. So zahlreich waren nach-
gerade die Pilgerzüge, daß die griechische Regierung es vorteilhaft fand,
sie einer Steuer zu unterwerfen, um deren Aufhebung Viktor III. in
seiner kurzen Regierung sich bemüht hat. An Teilnahme für die Lage der
morgenländischen Christen kann es im Westen also nicht gefehlt haben.

Auch der Gedanke des Kampfes gegen die Ungläubigen war den
Abendländern längst nicht mehr fremd, von Spanien aus, wo er nie
ruhte, hatte er sich verbreiten können. Jst der Anteil der Nachbarn an
der "Reconquista" auch nicht so groß, wie man wohl gemeint hat, so
hatte dieses Ziel doch schon mehrfach französische Ritter über die Pyre-
näen geführt. Jm übrigen sorgte Cluny mit seinen spanischen Tochter-
klöstern und seiner führenden Rolle in der spanischen Kirche dafür, daß
die Kunde von diesen Dingen sich verbreitete und die Geister beschäf-
tigte. Jn Jtalien hatte Pisa, das selbst einmal (1010) Gegenstand eines
zerstörenden Angriffs der Sarazenen gewesen war, den Kampf gegen
diese Feinde Christi mit Entschlossenheit aufgenommen, am Eroberungs-
krieg der Normannen sich lebhaft beteiligt und im Jahr 1087/1088
im Bunde mit Genuesen und andern einen erfolgreichen Feldzug nach
Tunis ausgeführt, zu dem Viktor III. die Bevölkerung Jtaliens aufrief
und den Kämpfenden die Kriegsfahne Sankt Peters und volle Sünden-
vergebung verlieh. An den Gedanken des Glaubenskriegs war die Welt

Glaubenskrieg
geführt hatten, ging nicht ſo tief, daß nicht im Oſten lateiniſches Kirchen-
tum ebenſo weiterbeſtanden hätte wie griechiſches im Weſten. Jn Kon-
ſtantinopel lebte eine Kolonie von Lateinern, auf dem heiligen Berge
Athos gab es ein lateiniſches Kloſter, das ſich kaiſerlicher Gunſt erfreute,
zwiſchen Montecaſſino und dem griechiſchen Hof beſtanden freundliche
Beziehungen. Jn Rom und Umgebung blühten griechiſche Klöſter, in
Kalabrien und Sizilien war die Kirche im weſentlichen griechiſch. Seit
der Mitte des elften Jahrhunderts hatten die Pilgerfahrten nach dem
Oſten beträchtlich zugenommen, begünſtigt durch die Vorſtellung eines
nahen Weltendes. Jn ganzen Karawanen, mit bewaffnetem Gefolge,
ſah man vornehme Herren ins Heilige Land ziehen. So wanderte im
Jahr 1064 Erzbiſchof Siegfried von Mainz nach Jeruſalem, um dort
das Ende der Dinge zu erwarten, ihn begleiteten die Biſchöfe von Bam-
berg, Regensburg und Utrecht. Für die lateiniſchen Pilger gab es ſeit
kurzem (1063) in Jeruſalem eine eigene Herberge, das Hoſpital des hei-
ligen Johannes, geſtiftet von Kaufleuten aus Amalfi. Der Orden der
Johanniter iſt ſpäter daraus hervorgegangen. So zahlreich waren nach-
gerade die Pilgerzüge, daß die griechiſche Regierung es vorteilhaft fand,
ſie einer Steuer zu unterwerfen, um deren Aufhebung Viktor III. in
ſeiner kurzen Regierung ſich bemüht hat. An Teilnahme für die Lage der
morgenländiſchen Chriſten kann es im Weſten alſo nicht gefehlt haben.

Auch der Gedanke des Kampfes gegen die Ungläubigen war den
Abendländern längſt nicht mehr fremd, von Spanien aus, wo er nie
ruhte, hatte er ſich verbreiten können. Jſt der Anteil der Nachbarn an
der „Reconquiſta“ auch nicht ſo groß, wie man wohl gemeint hat, ſo
hatte dieſes Ziel doch ſchon mehrfach franzöſiſche Ritter über die Pyre-
näen geführt. Jm übrigen ſorgte Cluny mit ſeinen ſpaniſchen Tochter-
klöſtern und ſeiner führenden Rolle in der ſpaniſchen Kirche dafür, daß
die Kunde von dieſen Dingen ſich verbreitete und die Geiſter beſchäf-
tigte. Jn Jtalien hatte Piſa, das ſelbſt einmal (1010) Gegenſtand eines
zerſtörenden Angriffs der Sarazenen geweſen war, den Kampf gegen
dieſe Feinde Chriſti mit Entſchloſſenheit aufgenommen, am Eroberungs-
krieg der Normannen ſich lebhaft beteiligt und im Jahr 1087/1088
im Bunde mit Genueſen und andern einen erfolgreichen Feldzug nach
Tunis ausgeführt, zu dem Viktor III. die Bevölkerung Jtaliens aufrief
und den Kämpfenden die Kriegsfahne Sankt Peters und volle Sünden-
vergebung verlieh. An den Gedanken des Glaubenskriegs war die Welt

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[420/0428] Glaubenskrieg geführt hatten, ging nicht ſo tief, daß nicht im Oſten lateiniſches Kirchen- tum ebenſo weiterbeſtanden hätte wie griechiſches im Weſten. Jn Kon- ſtantinopel lebte eine Kolonie von Lateinern, auf dem heiligen Berge Athos gab es ein lateiniſches Kloſter, das ſich kaiſerlicher Gunſt erfreute, zwiſchen Montecaſſino und dem griechiſchen Hof beſtanden freundliche Beziehungen. Jn Rom und Umgebung blühten griechiſche Klöſter, in Kalabrien und Sizilien war die Kirche im weſentlichen griechiſch. Seit der Mitte des elften Jahrhunderts hatten die Pilgerfahrten nach dem Oſten beträchtlich zugenommen, begünſtigt durch die Vorſtellung eines nahen Weltendes. Jn ganzen Karawanen, mit bewaffnetem Gefolge, ſah man vornehme Herren ins Heilige Land ziehen. So wanderte im Jahr 1064 Erzbiſchof Siegfried von Mainz nach Jeruſalem, um dort das Ende der Dinge zu erwarten, ihn begleiteten die Biſchöfe von Bam- berg, Regensburg und Utrecht. Für die lateiniſchen Pilger gab es ſeit kurzem (1063) in Jeruſalem eine eigene Herberge, das Hoſpital des hei- ligen Johannes, geſtiftet von Kaufleuten aus Amalfi. Der Orden der Johanniter iſt ſpäter daraus hervorgegangen. So zahlreich waren nach- gerade die Pilgerzüge, daß die griechiſche Regierung es vorteilhaft fand, ſie einer Steuer zu unterwerfen, um deren Aufhebung Viktor III. in ſeiner kurzen Regierung ſich bemüht hat. An Teilnahme für die Lage der morgenländiſchen Chriſten kann es im Weſten alſo nicht gefehlt haben. Auch der Gedanke des Kampfes gegen die Ungläubigen war den Abendländern längſt nicht mehr fremd, von Spanien aus, wo er nie ruhte, hatte er ſich verbreiten können. Jſt der Anteil der Nachbarn an der „Reconquiſta“ auch nicht ſo groß, wie man wohl gemeint hat, ſo hatte dieſes Ziel doch ſchon mehrfach franzöſiſche Ritter über die Pyre- näen geführt. Jm übrigen ſorgte Cluny mit ſeinen ſpaniſchen Tochter- klöſtern und ſeiner führenden Rolle in der ſpaniſchen Kirche dafür, daß die Kunde von dieſen Dingen ſich verbreitete und die Geiſter beſchäf- tigte. Jn Jtalien hatte Piſa, das ſelbſt einmal (1010) Gegenſtand eines zerſtörenden Angriffs der Sarazenen geweſen war, den Kampf gegen dieſe Feinde Chriſti mit Entſchloſſenheit aufgenommen, am Eroberungs- krieg der Normannen ſich lebhaft beteiligt und im Jahr 1087/1088 im Bunde mit Genueſen und andern einen erfolgreichen Feldzug nach Tunis ausgeführt, zu dem Viktor III. die Bevölkerung Jtaliens aufrief und den Kämpfenden die Kriegsfahne Sankt Peters und volle Sünden- vergebung verlieh. An den Gedanken des Glaubenskriegs war die Welt

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 420. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/428>, abgerufen am 19.09.2020.