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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Lage im Orient
Komnenos. Aber während er den Angriff Robert Guiscards erfolgreich
abwehrte (1084/1085), die bis ans Ägäische Meer vorgedrungenen
Petschenegen in offener Schlacht vernichtete (1091), konnte er nicht
hindern, daß die Türken ihre Eroberung in Kleinasien bis an die Küste
ausdehnten, Nikäa und Smyrna besetzten und gleichzeitig Syrien und
Palästina unterwarfen. Jm Jahr 1085 nahmen sie Antiochia; Jeru-
salem, bis dahin von Ägypten beherrscht, war ihnen schon 1076 zur
Beute gefallen. Der Tod ihres vielbewunderten Fürsten Melik (1092)
änderte die Lage. Jm Streit der Erben zerfiel das Reich, und Kaiser
Alexios, von andern Gegnern befreit, konnte daran denken, das Ver-
lorene zurückzuholen. Seine eigenen Kräfte reichten dazu nicht aus, zu-
mal ihm gerade die Provinzen fehlten, die früher die meisten und besten
Soldaten gestellt hatten, Kleinasien und Armenien. So kam er auf den
Gedanken zurück, der schon in der Zeit der höchsten Gefahr aufgetaucht
war und Gregor VII. zu seinem großen Plan angeregt hatte: Hilfe im
Abendland zu suchen.

Werbung von Hilfstruppen in westlichen Ländern war für den Kaiser
nichts Neues, schon in den bisherigen Kämpfen hatte er sich ihrer be-
dienen können. Jetzt indessen hatte er Größeres im Auge, ein gewaltiges
Aufgebot von Freiwilligen sollte ihm zur Vernichtung der Türken helfen.
Darum wandte er sich nicht an irgendeinen einzelnen Herrscher; wollte er
seinen Zweck erreichen, so empfahl es sich, religiöse Antriebe zu wecken,
und das konnte nur der Papst. An diesen richtete Alexios sein Gesuch.
Urban II. hatte soeben seinen Sitz in Rom einnehmen können, sein Sieg
über die Gegner war entschieden. Während Gegenpapst und Kaiser,
zu Ohnmacht und Untätigkeit verurteilt, in Verona eingeschlossen waren,
gehorchten ihm die wichtigsten Länder des Westens, Jtalien und Frank-
reich. Es ist bezeichnend für die Stellung, die Urban in den Augen der
Welt einnahm, daß der griechische Kaiser ihm genug Einfluß zutraute,
um durch ihn zu erhalten, was er brauchte.

Es war kein phantastischer Einfall, die Kräfte des Abendlands zum
Krieg gegen die Ungläubigen in Bewegung setzen zu wollen. Der Ge-
danke fiel auf vorbereiteten Boden. So völlig wie in späteren Jahr-
hunderten seit der türkischen Eroberung war der Zusammenhang zwischen
Ost und West nicht verlorengegangen; auch abgesehen vom niemals
unterbrochenen Handelsverkehr gab es Beziehungen genug, zumal auf
kirchlichem Gebiet. Der Bruch, den die römischen Legaten 1054 herbei-

Lage im Orient
Komnenos. Aber während er den Angriff Robert Guiscards erfolgreich
abwehrte (1084/1085), die bis ans Ägäiſche Meer vorgedrungenen
Petſchenegen in offener Schlacht vernichtete (1091), konnte er nicht
hindern, daß die Türken ihre Eroberung in Kleinaſien bis an die Küſte
ausdehnten, Nikäa und Smyrna beſetzten und gleichzeitig Syrien und
Paläſtina unterwarfen. Jm Jahr 1085 nahmen ſie Antiochia; Jeru-
ſalem, bis dahin von Ägypten beherrſcht, war ihnen ſchon 1076 zur
Beute gefallen. Der Tod ihres vielbewunderten Fürſten Melik (1092)
änderte die Lage. Jm Streit der Erben zerfiel das Reich, und Kaiſer
Alexios, von andern Gegnern befreit, konnte daran denken, das Ver-
lorene zurückzuholen. Seine eigenen Kräfte reichten dazu nicht aus, zu-
mal ihm gerade die Provinzen fehlten, die früher die meiſten und beſten
Soldaten geſtellt hatten, Kleinaſien und Armenien. So kam er auf den
Gedanken zurück, der ſchon in der Zeit der höchſten Gefahr aufgetaucht
war und Gregor VII. zu ſeinem großen Plan angeregt hatte: Hilfe im
Abendland zu ſuchen.

Werbung von Hilfstruppen in weſtlichen Ländern war für den Kaiſer
nichts Neues, ſchon in den bisherigen Kämpfen hatte er ſich ihrer be-
dienen können. Jetzt indeſſen hatte er Größeres im Auge, ein gewaltiges
Aufgebot von Freiwilligen ſollte ihm zur Vernichtung der Türken helfen.
Darum wandte er ſich nicht an irgendeinen einzelnen Herrſcher; wollte er
ſeinen Zweck erreichen, ſo empfahl es ſich, religiöſe Antriebe zu wecken,
und das konnte nur der Papſt. An dieſen richtete Alexios ſein Geſuch.
Urban II. hatte ſoeben ſeinen Sitz in Rom einnehmen können, ſein Sieg
über die Gegner war entſchieden. Während Gegenpapſt und Kaiſer,
zu Ohnmacht und Untätigkeit verurteilt, in Verona eingeſchloſſen waren,
gehorchten ihm die wichtigſten Länder des Weſtens, Jtalien und Frank-
reich. Es iſt bezeichnend für die Stellung, die Urban in den Augen der
Welt einnahm, daß der griechiſche Kaiſer ihm genug Einfluß zutraute,
um durch ihn zu erhalten, was er brauchte.

Es war kein phantaſtiſcher Einfall, die Kräfte des Abendlands zum
Krieg gegen die Ungläubigen in Bewegung ſetzen zu wollen. Der Ge-
danke fiel auf vorbereiteten Boden. So völlig wie in ſpäteren Jahr-
hunderten ſeit der türkiſchen Eroberung war der Zuſammenhang zwiſchen
Oſt und Weſt nicht verlorengegangen; auch abgeſehen vom niemals
unterbrochenen Handelsverkehr gab es Beziehungen genug, zumal auf
kirchlichem Gebiet. Der Bruch, den die römiſchen Legaten 1054 herbei-

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[419/0427] Lage im Orient Komnenos. Aber während er den Angriff Robert Guiscards erfolgreich abwehrte (1084/1085), die bis ans Ägäiſche Meer vorgedrungenen Petſchenegen in offener Schlacht vernichtete (1091), konnte er nicht hindern, daß die Türken ihre Eroberung in Kleinaſien bis an die Küſte ausdehnten, Nikäa und Smyrna beſetzten und gleichzeitig Syrien und Paläſtina unterwarfen. Jm Jahr 1085 nahmen ſie Antiochia; Jeru- ſalem, bis dahin von Ägypten beherrſcht, war ihnen ſchon 1076 zur Beute gefallen. Der Tod ihres vielbewunderten Fürſten Melik (1092) änderte die Lage. Jm Streit der Erben zerfiel das Reich, und Kaiſer Alexios, von andern Gegnern befreit, konnte daran denken, das Ver- lorene zurückzuholen. Seine eigenen Kräfte reichten dazu nicht aus, zu- mal ihm gerade die Provinzen fehlten, die früher die meiſten und beſten Soldaten geſtellt hatten, Kleinaſien und Armenien. So kam er auf den Gedanken zurück, der ſchon in der Zeit der höchſten Gefahr aufgetaucht war und Gregor VII. zu ſeinem großen Plan angeregt hatte: Hilfe im Abendland zu ſuchen. Werbung von Hilfstruppen in weſtlichen Ländern war für den Kaiſer nichts Neues, ſchon in den bisherigen Kämpfen hatte er ſich ihrer be- dienen können. Jetzt indeſſen hatte er Größeres im Auge, ein gewaltiges Aufgebot von Freiwilligen ſollte ihm zur Vernichtung der Türken helfen. Darum wandte er ſich nicht an irgendeinen einzelnen Herrſcher; wollte er ſeinen Zweck erreichen, ſo empfahl es ſich, religiöſe Antriebe zu wecken, und das konnte nur der Papſt. An dieſen richtete Alexios ſein Geſuch. Urban II. hatte ſoeben ſeinen Sitz in Rom einnehmen können, ſein Sieg über die Gegner war entſchieden. Während Gegenpapſt und Kaiſer, zu Ohnmacht und Untätigkeit verurteilt, in Verona eingeſchloſſen waren, gehorchten ihm die wichtigſten Länder des Weſtens, Jtalien und Frank- reich. Es iſt bezeichnend für die Stellung, die Urban in den Augen der Welt einnahm, daß der griechiſche Kaiſer ihm genug Einfluß zutraute, um durch ihn zu erhalten, was er brauchte. Es war kein phantaſtiſcher Einfall, die Kräfte des Abendlands zum Krieg gegen die Ungläubigen in Bewegung ſetzen zu wollen. Der Ge- danke fiel auf vorbereiteten Boden. So völlig wie in ſpäteren Jahr- hunderten ſeit der türkiſchen Eroberung war der Zuſammenhang zwiſchen Oſt und Weſt nicht verlorengegangen; auch abgeſehen vom niemals unterbrochenen Handelsverkehr gab es Beziehungen genug, zumal auf kirchlichem Gebiet. Der Bruch, den die römiſchen Legaten 1054 herbei-

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 419. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/427>, abgerufen am 19.09.2020.