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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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allerdings mit der vorsichtigen Einschränkung, er solle sich an den Beirat
des Erzbischofs von Reims halten. Man tadelte in Frankreich diese
Zurückhaltung: der Papst, so schrieb einer seiner Freunde, schreite zwar
nicht voran, aber wenigstens nicht zurück. Hugo zögerte nicht, von seiner
neuen Vollmacht in alter Weise Gebrauch zu machen. Nicht um die
Jnvestitur oder ähnliche Dinge handelte es sich damals, der Fall lag
auf einem andern Gebiet. König Philipp hatte zwei Jahre zuvor sich
von der Königin getrennt, die Gräfin von Anjon ihrem Gemahl entführt
und sich mit ihr, seiner Base, von einem gefälligen Bischof trauen
lassen. Ein doppeltes Ärgernis, wie es seit den Zeiten Lothars II. und
Waldrads, an die sich schon die Zeitgenossen erinnert haben, nicht mehr
vorgekommen war. Urban hatte sich zunächst gehütet, selbst dagegen ein-
zuschreiten, und sich begnügt, durch andere auf den König zu wirken. Jetzt
nahm Hugo als sein Vertreter die Sache in die Hand, berief ein Konzil
nach Autun, lud den König vor und schloß ihn aus der Kirche aus. Damit
war nun auch in Frankreich der Krieg zwischen Kirche und Krone an-
gesagt, und für Urban fragte es sich, ob er das Vorgehen seines Legaten
decken und den Kampf mit allen Waffen, über die er gebot, durch-
führen sollte.

Als diese Frage an ihn herantrat, war er bereits mit einer viel
größeren beschäftigt. Ereignisse, die weit außerhalb des Umkreises der
gewöhnlichen Geschäfte eines Papstes lagen, hatten bewirkt, daß der
Gedanke, den Gregor VII. im Beginn seiner Regierung verfolgt und
notgedrungen aufgegeben hatte, mit günstigeren Aussichten wieder auf-
gelebt war und greifbare Gestalt angenommen hatte. Auch auf diesem
Gebiet war es Urban II. vorbehalten, auszuführen, was Gregor geplant
hatte. Er hat damit, wie für das gesamte Abendland, so vor allem für
das Papsttum ein neues Blatt im Buch der Geschichte aufgeschlagen.

Seit dem Zusammenbruch auf dem Schlachtfeld von Manzikert*)
hatte das griechische Reich eine jener schlimmen Zeiten erlebt, die sich
in seiner Geschichte wiederholen. Unter den Angriffen der Türken im
Osten, der Kumanen und Petschenegen im Norden, der Normannen im
Westen drohte es zusammenzubrechen. Daß es sich dennoch behauptete
und aus dem Kampf zwar nicht im alten Umfang, aber innerlich ge-
festigter hervorging, war das Werk des großen Soldatenkaisers Alexios

*) Vgl. oben S. 347.

Frankreich
allerdings mit der vorſichtigen Einſchränkung, er ſolle ſich an den Beirat
des Erzbiſchofs von Reims halten. Man tadelte in Frankreich dieſe
Zurückhaltung: der Papſt, ſo ſchrieb einer ſeiner Freunde, ſchreite zwar
nicht voran, aber wenigſtens nicht zurück. Hugo zögerte nicht, von ſeiner
neuen Vollmacht in alter Weiſe Gebrauch zu machen. Nicht um die
Jnveſtitur oder ähnliche Dinge handelte es ſich damals, der Fall lag
auf einem andern Gebiet. König Philipp hatte zwei Jahre zuvor ſich
von der Königin getrennt, die Gräfin von Anjon ihrem Gemahl entführt
und ſich mit ihr, ſeiner Baſe, von einem gefälligen Biſchof trauen
laſſen. Ein doppeltes Ärgernis, wie es ſeit den Zeiten Lothars II. und
Waldrads, an die ſich ſchon die Zeitgenoſſen erinnert haben, nicht mehr
vorgekommen war. Urban hatte ſich zunächſt gehütet, ſelbſt dagegen ein-
zuſchreiten, und ſich begnügt, durch andere auf den König zu wirken. Jetzt
nahm Hugo als ſein Vertreter die Sache in die Hand, berief ein Konzil
nach Autun, lud den König vor und ſchloß ihn aus der Kirche aus. Damit
war nun auch in Frankreich der Krieg zwiſchen Kirche und Krone an-
geſagt, und für Urban fragte es ſich, ob er das Vorgehen ſeines Legaten
decken und den Kampf mit allen Waffen, über die er gebot, durch-
führen ſollte.

Als dieſe Frage an ihn herantrat, war er bereits mit einer viel
größeren beſchäftigt. Ereigniſſe, die weit außerhalb des Umkreiſes der
gewöhnlichen Geſchäfte eines Papſtes lagen, hatten bewirkt, daß der
Gedanke, den Gregor VII. im Beginn ſeiner Regierung verfolgt und
notgedrungen aufgegeben hatte, mit günſtigeren Ausſichten wieder auf-
gelebt war und greifbare Geſtalt angenommen hatte. Auch auf dieſem
Gebiet war es Urban II. vorbehalten, auszuführen, was Gregor geplant
hatte. Er hat damit, wie für das geſamte Abendland, ſo vor allem für
das Papſttum ein neues Blatt im Buch der Geſchichte aufgeſchlagen.

Seit dem Zuſammenbruch auf dem Schlachtfeld von Manzikert*)
hatte das griechiſche Reich eine jener ſchlimmen Zeiten erlebt, die ſich
in ſeiner Geſchichte wiederholen. Unter den Angriffen der Türken im
Oſten, der Kumanen und Petſchenegen im Norden, der Normannen im
Weſten drohte es zuſammenzubrechen. Daß es ſich dennoch behauptete
und aus dem Kampf zwar nicht im alten Umfang, aber innerlich ge-
feſtigter hervorging, war das Werk des großen Soldatenkaiſers Alexios

*) Vgl. oben S. 347.
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[418/0426] Frankreich allerdings mit der vorſichtigen Einſchränkung, er ſolle ſich an den Beirat des Erzbiſchofs von Reims halten. Man tadelte in Frankreich dieſe Zurückhaltung: der Papſt, ſo ſchrieb einer ſeiner Freunde, ſchreite zwar nicht voran, aber wenigſtens nicht zurück. Hugo zögerte nicht, von ſeiner neuen Vollmacht in alter Weiſe Gebrauch zu machen. Nicht um die Jnveſtitur oder ähnliche Dinge handelte es ſich damals, der Fall lag auf einem andern Gebiet. König Philipp hatte zwei Jahre zuvor ſich von der Königin getrennt, die Gräfin von Anjon ihrem Gemahl entführt und ſich mit ihr, ſeiner Baſe, von einem gefälligen Biſchof trauen laſſen. Ein doppeltes Ärgernis, wie es ſeit den Zeiten Lothars II. und Waldrads, an die ſich ſchon die Zeitgenoſſen erinnert haben, nicht mehr vorgekommen war. Urban hatte ſich zunächſt gehütet, ſelbſt dagegen ein- zuſchreiten, und ſich begnügt, durch andere auf den König zu wirken. Jetzt nahm Hugo als ſein Vertreter die Sache in die Hand, berief ein Konzil nach Autun, lud den König vor und ſchloß ihn aus der Kirche aus. Damit war nun auch in Frankreich der Krieg zwiſchen Kirche und Krone an- geſagt, und für Urban fragte es ſich, ob er das Vorgehen ſeines Legaten decken und den Kampf mit allen Waffen, über die er gebot, durch- führen ſollte. Als dieſe Frage an ihn herantrat, war er bereits mit einer viel größeren beſchäftigt. Ereigniſſe, die weit außerhalb des Umkreiſes der gewöhnlichen Geſchäfte eines Papſtes lagen, hatten bewirkt, daß der Gedanke, den Gregor VII. im Beginn ſeiner Regierung verfolgt und notgedrungen aufgegeben hatte, mit günſtigeren Ausſichten wieder auf- gelebt war und greifbare Geſtalt angenommen hatte. Auch auf dieſem Gebiet war es Urban II. vorbehalten, auszuführen, was Gregor geplant hatte. Er hat damit, wie für das geſamte Abendland, ſo vor allem für das Papſttum ein neues Blatt im Buch der Geſchichte aufgeſchlagen. Seit dem Zuſammenbruch auf dem Schlachtfeld von Manzikert *) hatte das griechiſche Reich eine jener ſchlimmen Zeiten erlebt, die ſich in ſeiner Geſchichte wiederholen. Unter den Angriffen der Türken im Oſten, der Kumanen und Petſchenegen im Norden, der Normannen im Weſten drohte es zuſammenzubrechen. Daß es ſich dennoch behauptete und aus dem Kampf zwar nicht im alten Umfang, aber innerlich ge- feſtigter hervorging, war das Werk des großen Soldatenkaiſers Alexios *) Vgl. oben S. 347.

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 418. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/426>, abgerufen am 19.09.2020.