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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Frankreich
hunderts war durchgedrungen, von der deutschen Kirche als Rechtsquelle
angenommen, die pseudoisidorische Auffassung des Papsttums setzte sich
als Lehre durch.

Die schwere Erschütterung, die der Kampf mit Rom für Deutschland
brachte, ist Frankreich erspart geblieben. Schon Gregor VII. hatte die-
sem Reich gegenüber, nach dem kurzen drohenden Anlauf der ersten Jahre,
nicht die gleiche Strenge wie anderswo gezeigt. Er konnte hier ruhiger
vorgehen, weil einmal der Hauptgegner, der König, ungefährlicher
war, dann auch, weil die Ansprüche des Papstes in der Geistlichkeit selbst
weithin anerkannt wurden, in einer Zeit, da in Deutschland seine über-
zeugten Anhänger auf den Bischofssitzen nur ein winziges Häuflein
bildeten. Jmmerhin war auch in Frankreich sein Einfluß in den letzten
Jahren zurückgegangen, insbesondere das Verbot der Jnvestitur vom
König nicht beachtet worden. Den verlorenen Boden wiederzugewinnen,
war dem schmiegsamen und geräuschlosen Verfahren Urbans II. vor-
behalten. Dem bisherigen Legaten, dem herausfordernd strengen Hugo
von Lyon, wurde die Vollmacht nicht bestätigt, dem Erzbischof von
Reims das Vorrecht, das Gregor aufgehoben hatte, nur vor dem Papst
zu Recht zu stehen, erneuert. Urban hat keine schroffen Befehle erteilt
und keine Strafen verhängt, dagegen Nachsicht walten lassen, wo man
zur Unterwerfung bereit war. Bischöfe, die sich vom König hatten in-
vestieren lassen, erhielten Verzeihung und Bestätigung im Amt, wenn
sie einen Eid schworen, der neben der Versicherung allgemeinen Gehor-
sams die Verpflichtung enthielt, an Weihen von Jnvestierten nicht teil-
zunehmen. Wenn sich keine Bischöfe mehr fanden, die Jnvestierten zu
weihen, wurde die Jnvestitur gegenstandslos. So ist es nirgends zu ge-
fährlichem Zusammenstoß gekommen, obwohl Anlässe dazu nicht fehlten,
wohl aber hat Urban vom König alsbald die ausdrückliche Anerkennung
erhalten. Wie weit die materielle Unterstützung ging, die ihm aus Frank-
reich zuteil wurde, ist nicht abzuschätzen, aber daß die Summen, die ihm
von dort zuflossen, Abgaben der Schutzklöster und freiwillige Beisteuern,
ihm das Ausharren in den ersten Jahren erleichtert haben, ist nicht zu
bezweifeln.

Eine Änderung trat ein, als mit dem Sturz des Kaisers die Lage des
Papstes sich zu bessern begann. Das erste Anzeichen dafür war (Mai
1094), daß Hugo von Lyon die Vertretung in Frankreich wiedererhielt,

Haller, Das Papsttum II1 27

Frankreich
hunderts war durchgedrungen, von der deutſchen Kirche als Rechtsquelle
angenommen, die pſeudoiſidoriſche Auffaſſung des Papſttums ſetzte ſich
als Lehre durch.

Die ſchwere Erſchütterung, die der Kampf mit Rom für Deutſchland
brachte, iſt Frankreich erſpart geblieben. Schon Gregor VII. hatte die-
ſem Reich gegenüber, nach dem kurzen drohenden Anlauf der erſten Jahre,
nicht die gleiche Strenge wie anderswo gezeigt. Er konnte hier ruhiger
vorgehen, weil einmal der Hauptgegner, der König, ungefährlicher
war, dann auch, weil die Anſprüche des Papſtes in der Geiſtlichkeit ſelbſt
weithin anerkannt wurden, in einer Zeit, da in Deutſchland ſeine über-
zeugten Anhänger auf den Biſchofsſitzen nur ein winziges Häuflein
bildeten. Jmmerhin war auch in Frankreich ſein Einfluß in den letzten
Jahren zurückgegangen, insbeſondere das Verbot der Jnveſtitur vom
König nicht beachtet worden. Den verlorenen Boden wiederzugewinnen,
war dem ſchmiegſamen und geräuſchloſen Verfahren Urbans II. vor-
behalten. Dem bisherigen Legaten, dem herausfordernd ſtrengen Hugo
von Lyon, wurde die Vollmacht nicht beſtätigt, dem Erzbiſchof von
Reims das Vorrecht, das Gregor aufgehoben hatte, nur vor dem Papſt
zu Recht zu ſtehen, erneuert. Urban hat keine ſchroffen Befehle erteilt
und keine Strafen verhängt, dagegen Nachſicht walten laſſen, wo man
zur Unterwerfung bereit war. Biſchöfe, die ſich vom König hatten in-
veſtieren laſſen, erhielten Verzeihung und Beſtätigung im Amt, wenn
ſie einen Eid ſchworen, der neben der Verſicherung allgemeinen Gehor-
ſams die Verpflichtung enthielt, an Weihen von Jnveſtierten nicht teil-
zunehmen. Wenn ſich keine Biſchöfe mehr fanden, die Jnveſtierten zu
weihen, wurde die Jnveſtitur gegenſtandslos. So iſt es nirgends zu ge-
fährlichem Zuſammenſtoß gekommen, obwohl Anläſſe dazu nicht fehlten,
wohl aber hat Urban vom König alsbald die ausdrückliche Anerkennung
erhalten. Wie weit die materielle Unterſtützung ging, die ihm aus Frank-
reich zuteil wurde, iſt nicht abzuſchätzen, aber daß die Summen, die ihm
von dort zufloſſen, Abgaben der Schutzklöſter und freiwillige Beiſteuern,
ihm das Ausharren in den erſten Jahren erleichtert haben, iſt nicht zu
bezweifeln.

Eine Änderung trat ein, als mit dem Sturz des Kaiſers die Lage des
Papſtes ſich zu beſſern begann. Das erſte Anzeichen dafür war (Mai
1094), daß Hugo von Lyon die Vertretung in Frankreich wiedererhielt,

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[417/0425] Frankreich hunderts war durchgedrungen, von der deutſchen Kirche als Rechtsquelle angenommen, die pſeudoiſidoriſche Auffaſſung des Papſttums ſetzte ſich als Lehre durch. Die ſchwere Erſchütterung, die der Kampf mit Rom für Deutſchland brachte, iſt Frankreich erſpart geblieben. Schon Gregor VII. hatte die- ſem Reich gegenüber, nach dem kurzen drohenden Anlauf der erſten Jahre, nicht die gleiche Strenge wie anderswo gezeigt. Er konnte hier ruhiger vorgehen, weil einmal der Hauptgegner, der König, ungefährlicher war, dann auch, weil die Anſprüche des Papſtes in der Geiſtlichkeit ſelbſt weithin anerkannt wurden, in einer Zeit, da in Deutſchland ſeine über- zeugten Anhänger auf den Biſchofsſitzen nur ein winziges Häuflein bildeten. Jmmerhin war auch in Frankreich ſein Einfluß in den letzten Jahren zurückgegangen, insbeſondere das Verbot der Jnveſtitur vom König nicht beachtet worden. Den verlorenen Boden wiederzugewinnen, war dem ſchmiegſamen und geräuſchloſen Verfahren Urbans II. vor- behalten. Dem bisherigen Legaten, dem herausfordernd ſtrengen Hugo von Lyon, wurde die Vollmacht nicht beſtätigt, dem Erzbiſchof von Reims das Vorrecht, das Gregor aufgehoben hatte, nur vor dem Papſt zu Recht zu ſtehen, erneuert. Urban hat keine ſchroffen Befehle erteilt und keine Strafen verhängt, dagegen Nachſicht walten laſſen, wo man zur Unterwerfung bereit war. Biſchöfe, die ſich vom König hatten in- veſtieren laſſen, erhielten Verzeihung und Beſtätigung im Amt, wenn ſie einen Eid ſchworen, der neben der Verſicherung allgemeinen Gehor- ſams die Verpflichtung enthielt, an Weihen von Jnveſtierten nicht teil- zunehmen. Wenn ſich keine Biſchöfe mehr fanden, die Jnveſtierten zu weihen, wurde die Jnveſtitur gegenſtandslos. So iſt es nirgends zu ge- fährlichem Zuſammenſtoß gekommen, obwohl Anläſſe dazu nicht fehlten, wohl aber hat Urban vom König alsbald die ausdrückliche Anerkennung erhalten. Wie weit die materielle Unterſtützung ging, die ihm aus Frank- reich zuteil wurde, iſt nicht abzuſchätzen, aber daß die Summen, die ihm von dort zufloſſen, Abgaben der Schutzklöſter und freiwillige Beiſteuern, ihm das Ausharren in den erſten Jahren erleichtert haben, iſt nicht zu bezweifeln. Eine Änderung trat ein, als mit dem Sturz des Kaiſers die Lage des Papſtes ſich zu beſſern begann. Das erſte Anzeichen dafür war (Mai 1094), daß Hugo von Lyon die Vertretung in Frankreich wiedererhielt, Haller, Das Papſttum II1 27

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 417. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/425>, abgerufen am 19.09.2020.