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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Einfluß Pseudoisidors
sei nicht gegen eine Regierung oder einen Herrscher, sondern gegen den
Staat selbst.

Neben der Frage nach dem Recht von König und Staat gegenüber der
Kirche tritt die andere nach den Grenzen päpstlicher Befugnisse innerhalb
der Kirche auffallend zurück. Daß der Papst die ganze Kirche vertrete
und beherrsche, scheint bereits im allgemeinen anerkannt zu sein, wenig-
stens hat Gregor in diesem Punkt keinen grundsätzlichen Widerspruch
gefunden. Es wäre auch schwer gewesen, eine andere Meinung erfolg-
reich zu vertreten, seit die Zeugnisse der gefälschten Dekretalen mit der
Wucht ihrer Masse und ihres scheinbaren Alters auf die Denkweise
weiterer Kreise zu wirken begonnen hatten. Jn die Jahrzehnte seit der
Mitte des elften Jahrhunderts fällt ihre eigentliche Verbreitung, aus
dieser Zeit stammen die meisten Handschriften, die wir von ihnen be-
sitzen. Auch in Deutschland hat man sie gekannt und benutzt, ohne an
ihrer Echtheit zu zweifeln. Nur einmal ist es, soweit wir wissen, vor-
gekommen, daß wenigstens ihre Beweiskraft bestritten wurde. Auf einer
Synode der päpstlichen Partei, die zu Ostern 1085 in Quedlinburg unter
dem Vorsitz des Bischofs von Ostia, des späteren Urban II., stattfand,
erhob ein sonst nicht bekannter Geistlicher aus Bamberg Widerspruch
gegen die Verlesung und Bekräftigung von "Dekreten der heiligen
Väter" -- es können nur die pseudoisidorischen gewesen sein -- über den
Vorrang des apostolischen Stuhles und die Unantastbarkeit seiner Ur-
teile. Er behauptete kühn, diesen Vorrang hätten nur die römischen
Bischöfe sich selbst zugeschrieben, aber von niemand vererbt erhalten. Von
der ganzen Versammlung wurde er zurückgewiesen: wie nach dem Wort
des Evangeliums der Jünger nicht über seinen Meister sei, so dürfe
auch "dem Vertreter Sankt Peters, den alle Katholiken als Herrn und
Meister verehren", das in allen Ständen geltende Recht nicht bestritten
werden, "daß der Höhere nicht vom Geringeren gerichtet werde". Daß
Pseudoisidor auf der kaiserlichen Seite nicht weniger bekannt war, beweist
ein Zwischenfall, der sich einige Wochen früher auf einer Versammlung
von Bischöfen beider Parteien, einer Art von nationalem Religions-
gespräch, zugetragen hatte. Die Kaiserlichen behaupteten, Gregor sei
rechtswidrig verfahren, als er Heinrich IV. verurteilte, der damals nicht
im Vollbesitz seines Reiches gewesen sei. Zum Beweise führten sie die
entsprechenden Stellen aus Pseudoisidor an, worauf die Gegner nichts
zu antworten wußten. Man sieht, die Fälschung des neunten Jahr-

Einfluß Pſeudoiſidors
ſei nicht gegen eine Regierung oder einen Herrſcher, ſondern gegen den
Staat ſelbſt.

Neben der Frage nach dem Recht von König und Staat gegenüber der
Kirche tritt die andere nach den Grenzen päpſtlicher Befugniſſe innerhalb
der Kirche auffallend zurück. Daß der Papſt die ganze Kirche vertrete
und beherrſche, ſcheint bereits im allgemeinen anerkannt zu ſein, wenig-
ſtens hat Gregor in dieſem Punkt keinen grundſätzlichen Widerſpruch
gefunden. Es wäre auch ſchwer geweſen, eine andere Meinung erfolg-
reich zu vertreten, ſeit die Zeugniſſe der gefälſchten Dekretalen mit der
Wucht ihrer Maſſe und ihres ſcheinbaren Alters auf die Denkweiſe
weiterer Kreiſe zu wirken begonnen hatten. Jn die Jahrzehnte ſeit der
Mitte des elften Jahrhunderts fällt ihre eigentliche Verbreitung, aus
dieſer Zeit ſtammen die meiſten Handſchriften, die wir von ihnen be-
ſitzen. Auch in Deutſchland hat man ſie gekannt und benutzt, ohne an
ihrer Echtheit zu zweifeln. Nur einmal iſt es, ſoweit wir wiſſen, vor-
gekommen, daß wenigſtens ihre Beweiskraft beſtritten wurde. Auf einer
Synode der päpſtlichen Partei, die zu Oſtern 1085 in Quedlinburg unter
dem Vorſitz des Biſchofs von Oſtia, des ſpäteren Urban II., ſtattfand,
erhob ein ſonſt nicht bekannter Geiſtlicher aus Bamberg Widerſpruch
gegen die Verleſung und Bekräftigung von „Dekreten der heiligen
Väter“ — es können nur die pſeudoiſidoriſchen geweſen ſein — über den
Vorrang des apoſtoliſchen Stuhles und die Unantaſtbarkeit ſeiner Ur-
teile. Er behauptete kühn, dieſen Vorrang hätten nur die römiſchen
Biſchöfe ſich ſelbſt zugeſchrieben, aber von niemand vererbt erhalten. Von
der ganzen Verſammlung wurde er zurückgewieſen: wie nach dem Wort
des Evangeliums der Jünger nicht über ſeinen Meiſter ſei, ſo dürfe
auch „dem Vertreter Sankt Peters, den alle Katholiken als Herrn und
Meiſter verehren“, das in allen Ständen geltende Recht nicht beſtritten
werden, „daß der Höhere nicht vom Geringeren gerichtet werde“. Daß
Pſeudoiſidor auf der kaiſerlichen Seite nicht weniger bekannt war, beweiſt
ein Zwiſchenfall, der ſich einige Wochen früher auf einer Verſammlung
von Biſchöfen beider Parteien, einer Art von nationalem Religions-
geſpräch, zugetragen hatte. Die Kaiſerlichen behaupteten, Gregor ſei
rechtswidrig verfahren, als er Heinrich IV. verurteilte, der damals nicht
im Vollbeſitz ſeines Reiches geweſen ſei. Zum Beweiſe führten ſie die
entſprechenden Stellen aus Pſeudoiſidor an, worauf die Gegner nichts
zu antworten wußten. Man ſieht, die Fälſchung des neunten Jahr-

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[416/0424] Einfluß Pſeudoiſidors ſei nicht gegen eine Regierung oder einen Herrſcher, ſondern gegen den Staat ſelbſt. Neben der Frage nach dem Recht von König und Staat gegenüber der Kirche tritt die andere nach den Grenzen päpſtlicher Befugniſſe innerhalb der Kirche auffallend zurück. Daß der Papſt die ganze Kirche vertrete und beherrſche, ſcheint bereits im allgemeinen anerkannt zu ſein, wenig- ſtens hat Gregor in dieſem Punkt keinen grundſätzlichen Widerſpruch gefunden. Es wäre auch ſchwer geweſen, eine andere Meinung erfolg- reich zu vertreten, ſeit die Zeugniſſe der gefälſchten Dekretalen mit der Wucht ihrer Maſſe und ihres ſcheinbaren Alters auf die Denkweiſe weiterer Kreiſe zu wirken begonnen hatten. Jn die Jahrzehnte ſeit der Mitte des elften Jahrhunderts fällt ihre eigentliche Verbreitung, aus dieſer Zeit ſtammen die meiſten Handſchriften, die wir von ihnen be- ſitzen. Auch in Deutſchland hat man ſie gekannt und benutzt, ohne an ihrer Echtheit zu zweifeln. Nur einmal iſt es, ſoweit wir wiſſen, vor- gekommen, daß wenigſtens ihre Beweiskraft beſtritten wurde. Auf einer Synode der päpſtlichen Partei, die zu Oſtern 1085 in Quedlinburg unter dem Vorſitz des Biſchofs von Oſtia, des ſpäteren Urban II., ſtattfand, erhob ein ſonſt nicht bekannter Geiſtlicher aus Bamberg Widerſpruch gegen die Verleſung und Bekräftigung von „Dekreten der heiligen Väter“ — es können nur die pſeudoiſidoriſchen geweſen ſein — über den Vorrang des apoſtoliſchen Stuhles und die Unantaſtbarkeit ſeiner Ur- teile. Er behauptete kühn, dieſen Vorrang hätten nur die römiſchen Biſchöfe ſich ſelbſt zugeſchrieben, aber von niemand vererbt erhalten. Von der ganzen Verſammlung wurde er zurückgewieſen: wie nach dem Wort des Evangeliums der Jünger nicht über ſeinen Meiſter ſei, ſo dürfe auch „dem Vertreter Sankt Peters, den alle Katholiken als Herrn und Meiſter verehren“, das in allen Ständen geltende Recht nicht beſtritten werden, „daß der Höhere nicht vom Geringeren gerichtet werde“. Daß Pſeudoiſidor auf der kaiſerlichen Seite nicht weniger bekannt war, beweiſt ein Zwiſchenfall, der ſich einige Wochen früher auf einer Verſammlung von Biſchöfen beider Parteien, einer Art von nationalem Religions- geſpräch, zugetragen hatte. Die Kaiſerlichen behaupteten, Gregor ſei rechtswidrig verfahren, als er Heinrich IV. verurteilte, der damals nicht im Vollbeſitz ſeines Reiches geweſen ſei. Zum Beweiſe führten ſie die entſprechenden Stellen aus Pſeudoiſidor an, worauf die Gegner nichts zu antworten wußten. Man ſieht, die Fälſchung des neunten Jahr-

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 416. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/424>, abgerufen am 19.09.2020.