Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

Bild:
<< vorherige Seite

Federkrieg
losigkeit, den Begriff der Simonie und den Wert der Sakramente
schuldiger Priester. Fast das gesamte Feld des Kirchenrechts und der
Kirchenverfassung wird durchgepflügt, am tiefsten aber an der Stelle,
wo Geistliches und Weltliches sich berühren. So aufreizend die Forde-
rungen der Reformer bezüglich Priesterehe und Amtserwerb auf weiteste
Kreise wirkten, am meisten hat die Zeitgenossen doch die Behauptung
Gregors erregt, daß es ihm zustehe, Könige aus der Kirche zu verbannen
und ihrer Herrschaft zu berauben. Diesen letzten Schluß aus dem Grund-
satz von der Überlegenheit des Himmlischen über das Jrdische, des
Priesters über den Laien, hatte man bis dahin nicht gekannt, Gregor hat
ihn als erster gezogen und damit die Welt in zwei Lager gespalten, die
nun einander durch Jahrhunderte bekämpfen. Regiert der Herrscher,
besteht der Staat aus eigenem Recht, ist er auf Erden niemand Rechen-
schaft schuldig, oder untersteht auch er dem Urteil der Kirche als der
irdischen Verkörperung der Gottesgemeinde? Jst er von Gottes Gnaden
insofern, als er Recht und Dasein von Gott selbst erhält und darum
niemand als Gott zu gehorchen hat, oder muß er sich der Kirche unter-
werfen, um seiner göttlichen Sendung gerecht zu werden? Jst er, wie
Gregor einmal gesagt hat, nur der Mond, der sein Licht von der Sonne
der Kirche empfängt? Diese Frage, auf die die Welt bis zum heu-
tigen Tag keine einheitliche Antwort gefunden hat, ist damals zuerst
aufgeworfen und umstritten worden. Frühere Zeiten hatten sie nicht
gekannt, weil es ihnen feststand, daß der König nach Amt und Person
nicht ein Laie wie andere, sondern mit geistlicher Weihe und geistlichen
Fähigkeiten ausgestattet sei. Ein Stück aus der geistigen Erbschaft des
Altertums, das dem Staat göttliches Wesen zuschrieb und dem Herr-
scher göttliche Eigenschaften beilegte, konnte dieser Gedanke leicht ins
Christliche umgedeutet werden, seit Kaiser und Könige bei ihrer Krönung
durch Salbung mit heiligem Öl geistliche Weihe erhielten. Daß Gre-
gor und seine Anhänger dies nicht gelten ließen, im König nichts weiter
sehen wollten als einen Laien, der mit all seinem Tun der Zucht der
Kirche unterstehe, hat auf der Gegenseite den lebhaftesten Widerspruch
gefunden, am eindrucksvollsten bei einem unbekannten Deutschen, dessen
Schrift "Über die Wahrung der Einheit in der Kirche" noch Ulrich von
Hutten so wertvoll erschien, daß er sie seinen Zeitgenossen zur War-
nung drucken ließ. Hier hat die Erkenntnis den glücklichsten Ausdruck
gefunden, daß der Anspruch Gregors und der Seinen eine Revolution

Federkrieg
loſigkeit, den Begriff der Simonie und den Wert der Sakramente
ſchuldiger Prieſter. Faſt das geſamte Feld des Kirchenrechts und der
Kirchenverfaſſung wird durchgepflügt, am tiefſten aber an der Stelle,
wo Geiſtliches und Weltliches ſich berühren. So aufreizend die Forde-
rungen der Reformer bezüglich Prieſterehe und Amtserwerb auf weiteſte
Kreiſe wirkten, am meiſten hat die Zeitgenoſſen doch die Behauptung
Gregors erregt, daß es ihm zuſtehe, Könige aus der Kirche zu verbannen
und ihrer Herrſchaft zu berauben. Dieſen letzten Schluß aus dem Grund-
ſatz von der Überlegenheit des Himmliſchen über das Jrdiſche, des
Prieſters über den Laien, hatte man bis dahin nicht gekannt, Gregor hat
ihn als erſter gezogen und damit die Welt in zwei Lager geſpalten, die
nun einander durch Jahrhunderte bekämpfen. Regiert der Herrſcher,
beſteht der Staat aus eigenem Recht, iſt er auf Erden niemand Rechen-
ſchaft ſchuldig, oder unterſteht auch er dem Urteil der Kirche als der
irdiſchen Verkörperung der Gottesgemeinde? Jſt er von Gottes Gnaden
inſofern, als er Recht und Daſein von Gott ſelbſt erhält und darum
niemand als Gott zu gehorchen hat, oder muß er ſich der Kirche unter-
werfen, um ſeiner göttlichen Sendung gerecht zu werden? Jſt er, wie
Gregor einmal geſagt hat, nur der Mond, der ſein Licht von der Sonne
der Kirche empfängt? Dieſe Frage, auf die die Welt bis zum heu-
tigen Tag keine einheitliche Antwort gefunden hat, iſt damals zuerſt
aufgeworfen und umſtritten worden. Frühere Zeiten hatten ſie nicht
gekannt, weil es ihnen feſtſtand, daß der König nach Amt und Perſon
nicht ein Laie wie andere, ſondern mit geiſtlicher Weihe und geiſtlichen
Fähigkeiten ausgeſtattet ſei. Ein Stück aus der geiſtigen Erbſchaft des
Altertums, das dem Staat göttliches Weſen zuſchrieb und dem Herr-
ſcher göttliche Eigenſchaften beilegte, konnte dieſer Gedanke leicht ins
Chriſtliche umgedeutet werden, ſeit Kaiſer und Könige bei ihrer Krönung
durch Salbung mit heiligem Öl geiſtliche Weihe erhielten. Daß Gre-
gor und ſeine Anhänger dies nicht gelten ließen, im König nichts weiter
ſehen wollten als einen Laien, der mit all ſeinem Tun der Zucht der
Kirche unterſtehe, hat auf der Gegenſeite den lebhafteſten Widerſpruch
gefunden, am eindrucksvollſten bei einem unbekannten Deutſchen, deſſen
Schrift „Über die Wahrung der Einheit in der Kirche“ noch Ulrich von
Hutten ſo wertvoll erſchien, daß er ſie ſeinen Zeitgenoſſen zur War-
nung drucken ließ. Hier hat die Erkenntnis den glücklichſten Ausdruck
gefunden, daß der Anſpruch Gregors und der Seinen eine Revolution

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0423" n="415"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#g">Federkrieg</hi></fw><lb/>
lo&#x017F;igkeit, den Begriff der Simonie und den Wert der Sakramente<lb/>
&#x017F;chuldiger Prie&#x017F;ter. Fa&#x017F;t das ge&#x017F;amte Feld des Kirchenrechts und der<lb/>
Kirchenverfa&#x017F;&#x017F;ung wird durchgepflügt, am tief&#x017F;ten aber an der Stelle,<lb/>
wo Gei&#x017F;tliches und Weltliches &#x017F;ich berühren. So aufreizend die Forde-<lb/>
rungen der Reformer bezüglich Prie&#x017F;terehe und Amtserwerb auf weite&#x017F;te<lb/>
Krei&#x017F;e wirkten, am mei&#x017F;ten hat die Zeitgeno&#x017F;&#x017F;en doch die Behauptung<lb/>
Gregors erregt, daß es ihm zu&#x017F;tehe, Könige aus der Kirche zu verbannen<lb/>
und ihrer Herr&#x017F;chaft zu berauben. Die&#x017F;en letzten Schluß aus dem Grund-<lb/>
&#x017F;atz von der Überlegenheit des Himmli&#x017F;chen über das Jrdi&#x017F;che, des<lb/>
Prie&#x017F;ters über den Laien, hatte man bis dahin nicht gekannt, Gregor hat<lb/>
ihn als er&#x017F;ter gezogen und damit die Welt in zwei Lager ge&#x017F;palten, die<lb/>
nun einander durch Jahrhunderte bekämpfen. Regiert der Herr&#x017F;cher,<lb/>
be&#x017F;teht der Staat aus eigenem Recht, i&#x017F;t er auf Erden niemand Rechen-<lb/>
&#x017F;chaft &#x017F;chuldig, oder unter&#x017F;teht auch er dem Urteil der Kirche als der<lb/>
irdi&#x017F;chen Verkörperung der Gottesgemeinde? J&#x017F;t er von Gottes Gnaden<lb/>
in&#x017F;ofern, als er Recht und Da&#x017F;ein von Gott &#x017F;elb&#x017F;t erhält und darum<lb/>
niemand als Gott zu gehorchen hat, oder muß er &#x017F;ich der Kirche unter-<lb/>
werfen, um &#x017F;einer göttlichen Sendung gerecht zu werden? J&#x017F;t er, wie<lb/>
Gregor einmal ge&#x017F;agt hat, nur der Mond, der &#x017F;ein Licht von der Sonne<lb/>
der Kirche empfängt? Die&#x017F;e Frage, auf die die Welt bis zum heu-<lb/>
tigen Tag keine einheitliche Antwort gefunden hat, i&#x017F;t damals zuer&#x017F;t<lb/>
aufgeworfen und um&#x017F;tritten worden. Frühere Zeiten hatten &#x017F;ie nicht<lb/>
gekannt, weil es ihnen fe&#x017F;t&#x017F;tand, daß der König nach Amt und Per&#x017F;on<lb/>
nicht ein Laie wie andere, &#x017F;ondern mit gei&#x017F;tlicher Weihe und gei&#x017F;tlichen<lb/>
Fähigkeiten ausge&#x017F;tattet &#x017F;ei. Ein Stück aus der gei&#x017F;tigen Erb&#x017F;chaft des<lb/>
Altertums, das dem Staat göttliches We&#x017F;en zu&#x017F;chrieb und dem Herr-<lb/>
&#x017F;cher göttliche Eigen&#x017F;chaften beilegte, konnte die&#x017F;er Gedanke leicht ins<lb/>
Chri&#x017F;tliche umgedeutet werden, &#x017F;eit Kai&#x017F;er und Könige bei ihrer Krönung<lb/>
durch Salbung mit heiligem Öl gei&#x017F;tliche Weihe erhielten. Daß Gre-<lb/>
gor und &#x017F;eine Anhänger dies nicht gelten ließen, im König nichts weiter<lb/>
&#x017F;ehen wollten als einen Laien, der mit all &#x017F;einem Tun der Zucht der<lb/>
Kirche unter&#x017F;tehe, hat auf der Gegen&#x017F;eite den lebhafte&#x017F;ten Wider&#x017F;pruch<lb/>
gefunden, am eindrucksvoll&#x017F;ten bei einem unbekannten Deut&#x017F;chen, de&#x017F;&#x017F;en<lb/>
Schrift &#x201E;Über die Wahrung der Einheit in der Kirche&#x201C; noch Ulrich von<lb/>
Hutten &#x017F;o wertvoll er&#x017F;chien, daß er &#x017F;ie &#x017F;einen Zeitgeno&#x017F;&#x017F;en zur War-<lb/>
nung drucken ließ. Hier hat die Erkenntnis den glücklich&#x017F;ten Ausdruck<lb/>
gefunden, daß der An&#x017F;pruch Gregors und der Seinen eine Revolution<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[415/0423] Federkrieg loſigkeit, den Begriff der Simonie und den Wert der Sakramente ſchuldiger Prieſter. Faſt das geſamte Feld des Kirchenrechts und der Kirchenverfaſſung wird durchgepflügt, am tiefſten aber an der Stelle, wo Geiſtliches und Weltliches ſich berühren. So aufreizend die Forde- rungen der Reformer bezüglich Prieſterehe und Amtserwerb auf weiteſte Kreiſe wirkten, am meiſten hat die Zeitgenoſſen doch die Behauptung Gregors erregt, daß es ihm zuſtehe, Könige aus der Kirche zu verbannen und ihrer Herrſchaft zu berauben. Dieſen letzten Schluß aus dem Grund- ſatz von der Überlegenheit des Himmliſchen über das Jrdiſche, des Prieſters über den Laien, hatte man bis dahin nicht gekannt, Gregor hat ihn als erſter gezogen und damit die Welt in zwei Lager geſpalten, die nun einander durch Jahrhunderte bekämpfen. Regiert der Herrſcher, beſteht der Staat aus eigenem Recht, iſt er auf Erden niemand Rechen- ſchaft ſchuldig, oder unterſteht auch er dem Urteil der Kirche als der irdiſchen Verkörperung der Gottesgemeinde? Jſt er von Gottes Gnaden inſofern, als er Recht und Daſein von Gott ſelbſt erhält und darum niemand als Gott zu gehorchen hat, oder muß er ſich der Kirche unter- werfen, um ſeiner göttlichen Sendung gerecht zu werden? Jſt er, wie Gregor einmal geſagt hat, nur der Mond, der ſein Licht von der Sonne der Kirche empfängt? Dieſe Frage, auf die die Welt bis zum heu- tigen Tag keine einheitliche Antwort gefunden hat, iſt damals zuerſt aufgeworfen und umſtritten worden. Frühere Zeiten hatten ſie nicht gekannt, weil es ihnen feſtſtand, daß der König nach Amt und Perſon nicht ein Laie wie andere, ſondern mit geiſtlicher Weihe und geiſtlichen Fähigkeiten ausgeſtattet ſei. Ein Stück aus der geiſtigen Erbſchaft des Altertums, das dem Staat göttliches Weſen zuſchrieb und dem Herr- ſcher göttliche Eigenſchaften beilegte, konnte dieſer Gedanke leicht ins Chriſtliche umgedeutet werden, ſeit Kaiſer und Könige bei ihrer Krönung durch Salbung mit heiligem Öl geiſtliche Weihe erhielten. Daß Gre- gor und ſeine Anhänger dies nicht gelten ließen, im König nichts weiter ſehen wollten als einen Laien, der mit all ſeinem Tun der Zucht der Kirche unterſtehe, hat auf der Gegenſeite den lebhafteſten Widerſpruch gefunden, am eindrucksvollſten bei einem unbekannten Deutſchen, deſſen Schrift „Über die Wahrung der Einheit in der Kirche“ noch Ulrich von Hutten ſo wertvoll erſchien, daß er ſie ſeinen Zeitgenoſſen zur War- nung drucken ließ. Hier hat die Erkenntnis den glücklichſten Ausdruck gefunden, daß der Anſpruch Gregors und der Seinen eine Revolution

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/423
Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 415. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/423>, abgerufen am 19.09.2020.