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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Heinrichs IV. Zusammenbruch
werden ihm die Überzeugung beigebracht haben, daß es seine Pflicht sei,
an die Spitze des Aufstands gegen den Kaiser zu treten, den die Kirche
verfluche, so daß er sich bereden ließ, die Rolle des italischen Königs
gegen den eigenen Vater zu übernehmen. Jm Dom zu Mailand wurde
er vom Erzbischof gekrönt, und alsbald lief ihm alles zu. Von Truppen
und Anhängern verlassen, mußte Heinrich sich hinter die Etsch zurück-
ziehen, ein machtloser Herrscher und ein gebrochener Mann, der am
Leben verzweifelte. Er soll einen Versuch zum Selbstmord gemacht
haben. Während er nun, in einem Winkel bei Verona eingeschlossen,
fast in Vergessenheit geriet, triumphierten die Gegner. Rom, das
Clemens schon verlassen hatte, öffnete im November 1093 Urban die
Tore. Nur wenige Plätze in der Stadt waren noch in der Hand der
Gegner, darunter der Lateran, und so armselig war die Lage des Papstes
immer noch, daß er dem Befehlshaber des Palastes den für die Übergabe
geforderten Preis nicht hätte zahlen können, wäre ihm nicht der zufällig
anwesende Abt von Vendome zu Hilfe gekommen. Der Kampf um
Rom war beendet, Jtalien hatte der Kaiser verloren, und von Deutsch-
land sah er sich abgeschnitten. Um ihn vollends zugrunde zu richten, trat
nun auch seine zweite Gemahlin, die russische Fürstentochter Eupraxia,
genannt Adelheid, die er als Witwe eines sächsischen Markgrafen
geheiratet hatte, gegen ihn auf mit Anklagen wegen scheußlicher Un-
zucht, die sie mit frecher Stirn in öffentlichen Versammlungen zum
besten gab. Urban hatte gesiegt und konnte darangehen, die Früchte
des Sieges zu ernten.

Wie der Krieg im Felde, so flaute nun auch der Federstreit allmählich
ab, den der Kampf zwischen König und Papst entfesselt hatte. Diesseits
wie jenseits der Alpen mit zunehmender Schärfe geführt, hatte er seinen
Höhepunkt erlebt in den Jahren zwischen der zweiten Absetzung Hein-
richs und seiner Überwindung in Jtalien. Ein wenig erfreuliches Ka-
pitel! Es ist, als wäre die Luft vergiftet von dem Atem der Parteileiden-
schaft, die in ihrer Erhitzung nicht mehr zu scheiden weiß, nicht einmal
scheiden will zwischen Wahr und Falsch. An Verunglimpfung des
Gegners, Entstellung der Tatsachen leisten beide Teile das Menschen-
mögliche. Ob Hildebrand rechtmäßig Papst geworden, ob er ein Recht
gehabt, den König auszuschließen und abzusetzen, das sind die Fragen, an
denen der Streit sich zuerst entzündet. Daran knüpft sich die Erörterung
über Recht oder Unrecht der Laieninvestitur, über die Pflicht der Ehe-

Heinrichs IV. Zuſammenbruch
werden ihm die Überzeugung beigebracht haben, daß es ſeine Pflicht ſei,
an die Spitze des Aufſtands gegen den Kaiſer zu treten, den die Kirche
verfluche, ſo daß er ſich bereden ließ, die Rolle des italiſchen Königs
gegen den eigenen Vater zu übernehmen. Jm Dom zu Mailand wurde
er vom Erzbiſchof gekrönt, und alsbald lief ihm alles zu. Von Truppen
und Anhängern verlaſſen, mußte Heinrich ſich hinter die Etſch zurück-
ziehen, ein machtloſer Herrſcher und ein gebrochener Mann, der am
Leben verzweifelte. Er ſoll einen Verſuch zum Selbſtmord gemacht
haben. Während er nun, in einem Winkel bei Verona eingeſchloſſen,
faſt in Vergeſſenheit geriet, triumphierten die Gegner. Rom, das
Clemens ſchon verlaſſen hatte, öffnete im November 1093 Urban die
Tore. Nur wenige Plätze in der Stadt waren noch in der Hand der
Gegner, darunter der Lateran, und ſo armſelig war die Lage des Papſtes
immer noch, daß er dem Befehlshaber des Palaſtes den für die Übergabe
geforderten Preis nicht hätte zahlen können, wäre ihm nicht der zufällig
anweſende Abt von Vendôme zu Hilfe gekommen. Der Kampf um
Rom war beendet, Jtalien hatte der Kaiſer verloren, und von Deutſch-
land ſah er ſich abgeſchnitten. Um ihn vollends zugrunde zu richten, trat
nun auch ſeine zweite Gemahlin, die ruſſiſche Fürſtentochter Eupraxia,
genannt Adelheid, die er als Witwe eines ſächſiſchen Markgrafen
geheiratet hatte, gegen ihn auf mit Anklagen wegen ſcheußlicher Un-
zucht, die ſie mit frecher Stirn in öffentlichen Verſammlungen zum
beſten gab. Urban hatte geſiegt und konnte darangehen, die Früchte
des Sieges zu ernten.

Wie der Krieg im Felde, ſo flaute nun auch der Federſtreit allmählich
ab, den der Kampf zwiſchen König und Papſt entfeſſelt hatte. Diesſeits
wie jenſeits der Alpen mit zunehmender Schärfe geführt, hatte er ſeinen
Höhepunkt erlebt in den Jahren zwiſchen der zweiten Abſetzung Hein-
richs und ſeiner Überwindung in Jtalien. Ein wenig erfreuliches Ka-
pitel! Es iſt, als wäre die Luft vergiftet von dem Atem der Parteileiden-
ſchaft, die in ihrer Erhitzung nicht mehr zu ſcheiden weiß, nicht einmal
ſcheiden will zwiſchen Wahr und Falſch. An Verunglimpfung des
Gegners, Entſtellung der Tatſachen leiſten beide Teile das Menſchen-
mögliche. Ob Hildebrand rechtmäßig Papſt geworden, ob er ein Recht
gehabt, den König auszuſchließen und abzuſetzen, das ſind die Fragen, an
denen der Streit ſich zuerſt entzündet. Daran knüpft ſich die Erörterung
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[414/0422] Heinrichs IV. Zuſammenbruch werden ihm die Überzeugung beigebracht haben, daß es ſeine Pflicht ſei, an die Spitze des Aufſtands gegen den Kaiſer zu treten, den die Kirche verfluche, ſo daß er ſich bereden ließ, die Rolle des italiſchen Königs gegen den eigenen Vater zu übernehmen. Jm Dom zu Mailand wurde er vom Erzbiſchof gekrönt, und alsbald lief ihm alles zu. Von Truppen und Anhängern verlaſſen, mußte Heinrich ſich hinter die Etſch zurück- ziehen, ein machtloſer Herrſcher und ein gebrochener Mann, der am Leben verzweifelte. Er ſoll einen Verſuch zum Selbſtmord gemacht haben. Während er nun, in einem Winkel bei Verona eingeſchloſſen, faſt in Vergeſſenheit geriet, triumphierten die Gegner. Rom, das Clemens ſchon verlaſſen hatte, öffnete im November 1093 Urban die Tore. Nur wenige Plätze in der Stadt waren noch in der Hand der Gegner, darunter der Lateran, und ſo armſelig war die Lage des Papſtes immer noch, daß er dem Befehlshaber des Palaſtes den für die Übergabe geforderten Preis nicht hätte zahlen können, wäre ihm nicht der zufällig anweſende Abt von Vendôme zu Hilfe gekommen. Der Kampf um Rom war beendet, Jtalien hatte der Kaiſer verloren, und von Deutſch- land ſah er ſich abgeſchnitten. Um ihn vollends zugrunde zu richten, trat nun auch ſeine zweite Gemahlin, die ruſſiſche Fürſtentochter Eupraxia, genannt Adelheid, die er als Witwe eines ſächſiſchen Markgrafen geheiratet hatte, gegen ihn auf mit Anklagen wegen ſcheußlicher Un- zucht, die ſie mit frecher Stirn in öffentlichen Verſammlungen zum beſten gab. Urban hatte geſiegt und konnte darangehen, die Früchte des Sieges zu ernten. Wie der Krieg im Felde, ſo flaute nun auch der Federſtreit allmählich ab, den der Kampf zwiſchen König und Papſt entfeſſelt hatte. Diesſeits wie jenſeits der Alpen mit zunehmender Schärfe geführt, hatte er ſeinen Höhepunkt erlebt in den Jahren zwiſchen der zweiten Abſetzung Hein- richs und ſeiner Überwindung in Jtalien. Ein wenig erfreuliches Ka- pitel! Es iſt, als wäre die Luft vergiftet von dem Atem der Parteileiden- ſchaft, die in ihrer Erhitzung nicht mehr zu ſcheiden weiß, nicht einmal ſcheiden will zwiſchen Wahr und Falſch. An Verunglimpfung des Gegners, Entſtellung der Tatſachen leiſten beide Teile das Menſchen- mögliche. Ob Hildebrand rechtmäßig Papſt geworden, ob er ein Recht gehabt, den König auszuſchließen und abzuſetzen, das ſind die Fragen, an denen der Streit ſich zuerſt entzündet. Daran knüpft ſich die Erörterung über Recht oder Unrecht der Laieninveſtitur, über die Pflicht der Ehe-

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 414. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/422>, abgerufen am 19.09.2020.