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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Heinrich IV. in Jtalien: Erfolge und Zusammenbruch
Sohn des Baiernherzogs die Gräfin Mathilde, er siebzehn, sie vierund-
vierzig Jahre alt. Es mag nicht leicht gewesen sein, den Jüngling zur
Ehe mit der Witwe, die seine Mutter sein konnte, noch schwerer, das
stolze Mannweib zu solcher Rolle zu bereden, und der Papst hat viele
Briefe deswegen schreiben müssen. Aber die Wirkung blieb nicht aus.
Sie ließ sich zunächst nicht günstig an. Heinrich IV. sah sich genötigt,
die Dinge in Deutschland seinen Anhängern zu überlassen, um den
Krieg in Jtalien gegen Mathilde selbst zu leiten. Jm Frühjahr 1090
überschritt er den Brenner und eröffnete den Feldzug gegen die Be-
sitzungen Mathildens nördlich des Po. Langsam kam er vorwärts,
aber im April 1091 gelang ihm die Einnahme Mantuas nach elf-
monatiger Belagerung, Mathildens Truppen wurden geschlagen und
über den Po zurückgeworfen. Um dieselbe Zeit wurde in Rom die
kaiserliche Partei durch Einnahme der Engelsburg Herr über die ganze
Stadt, Clemens III. konnte dort seinen ständigen Sitz nehmen. Jm
Sommer 1092 begann der Angriff auf Mathildens Burgen, die den
Zugang zum Apennin sperrten. Es sah aus, als sollte das Papsttum
Urbans II. in ähnlicher Weise zusammenbrechen wie das Gregors.
Schon eröffnete die Gräfin Verhandlungen mit dem Kaiser. Sie soll
nahe daran gewesen sein, sich zu ergeben, und nur der Zuspruch des
Abtes von Canossa sie zurückgehalten haben. Jn diesem Augenblick
wandte sich das Glück. Während des August und September 1092 hatte
der Kaiser vor der Burg Monteveglio gelegen und sie nicht nehmen
können. Nachdem er abgezogen war, erlitt er im Oktober bei Canossa
eine Niederlage, die ihn zum Rückzug hinter den Po nötigte. Von nun
an ging es rasch abwärts mit ihm, aber nicht im Felde wurde er besiegt.
Als wäre ein unsichtbares Netz um ihn gespannt, sah er sich plötzlich
umstellt, verlassen, ohnmächtig. Wie es gekommen, können wir nicht
sagen, da die Vorbereitungen in tiefem Geheimnis betrieben wurden,
nur das Ergebnis kennen wir. Zu Anfang des Jahres 1093 verbanden
sich vier Städte der Lombardei, die alten Patarenernester Mailand,
Cremona, Piacenza nebst Lodi, auf zwanzig Jahre zur Bekämpfung des
Kaisers. Dann gelang es, ihm in der Person des eigenen Sohnes einen
Gegner zu stellen. Der junge Konrad, seit 1087 deutscher König, hatte
einen großen Teil seiner Jugend in Jtalien verbracht. Er wird geschil-
dert als stattlich und schön, auch körperlich tüchtig, aber dem Kriege ab-
geneigt und ohne Ehrgeiz, dafür den Geistlichen um so mehr ergeben. Sie

Heinrich IV. in Jtalien: Erfolge und Zuſammenbruch
Sohn des Baiernherzogs die Gräfin Mathilde, er ſiebzehn, ſie vierund-
vierzig Jahre alt. Es mag nicht leicht geweſen ſein, den Jüngling zur
Ehe mit der Witwe, die ſeine Mutter ſein konnte, noch ſchwerer, das
ſtolze Mannweib zu ſolcher Rolle zu bereden, und der Papſt hat viele
Briefe deswegen ſchreiben müſſen. Aber die Wirkung blieb nicht aus.
Sie ließ ſich zunächſt nicht günſtig an. Heinrich IV. ſah ſich genötigt,
die Dinge in Deutſchland ſeinen Anhängern zu überlaſſen, um den
Krieg in Jtalien gegen Mathilde ſelbſt zu leiten. Jm Frühjahr 1090
überſchritt er den Brenner und eröffnete den Feldzug gegen die Be-
ſitzungen Mathildens nördlich des Po. Langſam kam er vorwärts,
aber im April 1091 gelang ihm die Einnahme Mantuas nach elf-
monatiger Belagerung, Mathildens Truppen wurden geſchlagen und
über den Po zurückgeworfen. Um dieſelbe Zeit wurde in Rom die
kaiſerliche Partei durch Einnahme der Engelsburg Herr über die ganze
Stadt, Clemens III. konnte dort ſeinen ſtändigen Sitz nehmen. Jm
Sommer 1092 begann der Angriff auf Mathildens Burgen, die den
Zugang zum Apennin ſperrten. Es ſah aus, als ſollte das Papſttum
Urbans II. in ähnlicher Weiſe zuſammenbrechen wie das Gregors.
Schon eröffnete die Gräfin Verhandlungen mit dem Kaiſer. Sie ſoll
nahe daran geweſen ſein, ſich zu ergeben, und nur der Zuſpruch des
Abtes von Canoſſa ſie zurückgehalten haben. Jn dieſem Augenblick
wandte ſich das Glück. Während des Auguſt und September 1092 hatte
der Kaiſer vor der Burg Monteveglio gelegen und ſie nicht nehmen
können. Nachdem er abgezogen war, erlitt er im Oktober bei Canoſſa
eine Niederlage, die ihn zum Rückzug hinter den Po nötigte. Von nun
an ging es raſch abwärts mit ihm, aber nicht im Felde wurde er beſiegt.
Als wäre ein unſichtbares Netz um ihn geſpannt, ſah er ſich plötzlich
umſtellt, verlaſſen, ohnmächtig. Wie es gekommen, können wir nicht
ſagen, da die Vorbereitungen in tiefem Geheimnis betrieben wurden,
nur das Ergebnis kennen wir. Zu Anfang des Jahres 1093 verbanden
ſich vier Städte der Lombardei, die alten Patarenerneſter Mailand,
Cremona, Piacenza nebſt Lodi, auf zwanzig Jahre zur Bekämpfung des
Kaiſers. Dann gelang es, ihm in der Perſon des eigenen Sohnes einen
Gegner zu ſtellen. Der junge Konrad, ſeit 1087 deutſcher König, hatte
einen großen Teil ſeiner Jugend in Jtalien verbracht. Er wird geſchil-
dert als ſtattlich und ſchön, auch körperlich tüchtig, aber dem Kriege ab-
geneigt und ohne Ehrgeiz, dafür den Geiſtlichen um ſo mehr ergeben. Sie

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[413/0421] Heinrich IV. in Jtalien: Erfolge und Zuſammenbruch Sohn des Baiernherzogs die Gräfin Mathilde, er ſiebzehn, ſie vierund- vierzig Jahre alt. Es mag nicht leicht geweſen ſein, den Jüngling zur Ehe mit der Witwe, die ſeine Mutter ſein konnte, noch ſchwerer, das ſtolze Mannweib zu ſolcher Rolle zu bereden, und der Papſt hat viele Briefe deswegen ſchreiben müſſen. Aber die Wirkung blieb nicht aus. Sie ließ ſich zunächſt nicht günſtig an. Heinrich IV. ſah ſich genötigt, die Dinge in Deutſchland ſeinen Anhängern zu überlaſſen, um den Krieg in Jtalien gegen Mathilde ſelbſt zu leiten. Jm Frühjahr 1090 überſchritt er den Brenner und eröffnete den Feldzug gegen die Be- ſitzungen Mathildens nördlich des Po. Langſam kam er vorwärts, aber im April 1091 gelang ihm die Einnahme Mantuas nach elf- monatiger Belagerung, Mathildens Truppen wurden geſchlagen und über den Po zurückgeworfen. Um dieſelbe Zeit wurde in Rom die kaiſerliche Partei durch Einnahme der Engelsburg Herr über die ganze Stadt, Clemens III. konnte dort ſeinen ſtändigen Sitz nehmen. Jm Sommer 1092 begann der Angriff auf Mathildens Burgen, die den Zugang zum Apennin ſperrten. Es ſah aus, als ſollte das Papſttum Urbans II. in ähnlicher Weiſe zuſammenbrechen wie das Gregors. Schon eröffnete die Gräfin Verhandlungen mit dem Kaiſer. Sie ſoll nahe daran geweſen ſein, ſich zu ergeben, und nur der Zuſpruch des Abtes von Canoſſa ſie zurückgehalten haben. Jn dieſem Augenblick wandte ſich das Glück. Während des Auguſt und September 1092 hatte der Kaiſer vor der Burg Monteveglio gelegen und ſie nicht nehmen können. Nachdem er abgezogen war, erlitt er im Oktober bei Canoſſa eine Niederlage, die ihn zum Rückzug hinter den Po nötigte. Von nun an ging es raſch abwärts mit ihm, aber nicht im Felde wurde er beſiegt. Als wäre ein unſichtbares Netz um ihn geſpannt, ſah er ſich plötzlich umſtellt, verlaſſen, ohnmächtig. Wie es gekommen, können wir nicht ſagen, da die Vorbereitungen in tiefem Geheimnis betrieben wurden, nur das Ergebnis kennen wir. Zu Anfang des Jahres 1093 verbanden ſich vier Städte der Lombardei, die alten Patarenerneſter Mailand, Cremona, Piacenza nebſt Lodi, auf zwanzig Jahre zur Bekämpfung des Kaiſers. Dann gelang es, ihm in der Perſon des eigenen Sohnes einen Gegner zu ſtellen. Der junge Konrad, ſeit 1087 deutſcher König, hatte einen großen Teil ſeiner Jugend in Jtalien verbracht. Er wird geſchil- dert als ſtattlich und ſchön, auch körperlich tüchtig, aber dem Kriege ab- geneigt und ohne Ehrgeiz, dafür den Geiſtlichen um ſo mehr ergeben. Sie

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 413. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/421>, abgerufen am 19.09.2020.