Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

Bild:
<< vorherige Seite

Urbans entgegenkommende Haltung
geneigt war, gelinde Saiten aufzuziehen, bewies er auch in der Frage
der Priestersöhne. Sie waren bis dahin unerbittlich von den höhern
Weihen ausgeschlossen worden, Urban hob die Bestimmung auf, "wo
es die Not erforderte". Ähnliche Verfügungen, aus denen man sehen
konnte, daß dieser Papst nach Umständen fünf gerade sein ließ, wieder-
holten sich. Die wichtigste, eine Maßregel von großer Tragweite und
zugleich ein deutliches Bekenntnis veränderter Haltung, war die Er-
klärung, die er auf Anfrage nach Deutschland richtete: er halte die Aus-
schließung Wiberts und Heinrichs IV. aufrecht, desgleichen aller derer,
die diese beiden unterstützt oder von ihnen für Dienste oder Zahlung eine
kirchliche Würde erhalten hätten; die hingegen, die nur Verkehr mit
ihnen unterhielten, schließe er nicht aus, sondern erlaube ihre Aufnahme
in die Kirche nach leichter Buße. Damit trat Urban einen weiten Schritt
hinter die Linie zurück, die Gregor gezogen hatte, und nahm dem Kampf
der Parteien ein gut Teil seiner Schärfe. Fortan konnte jeder, ohne dem
Ausschluß zu verfallen, in Beziehung zu Kaiser und Gegenpapst treten,
sofern er nur an ihrem Krieg sich nicht selbst beteiligte. Wer deuteln
wollte, durfte sogar die Annahme einer königlichen Jnvestitur für er-
laubt halten, wenn sie nicht durch Leistungen oder ausdrückliche Ver-
pflichtungen erkauft war. Ja noch mehr. Wenn persönlicher Verkehr
mit dem ausgeschlossenen Herrscher nur noch als leicht zu sühnende Ver-
fehlung galt, war dann nicht die Lösung der Treueide, die Gregor ver-
fügt hatte, und damit die Absetzung des Königs praktisch zurückgenom-
men? Weiter, so muß man schon sagen, konnte Urban unter den ge-
gebenen Umständen nicht entgegenkommen. Das Verfahren sollte sich
bald bewähren. Wenn in Mailand der Kardinal, der dem Erzbischof
das Pallium brachte, von der Bevölkerung im Triumph eingeholt wurde,
so wußte man, daß die Hauptstadt der Lombardei, um derentwillen der
Streit zwischen Papst und König ausgebrochen war, nicht mehr die
Front gegen den Papst nehmen werde.

Das war bereits in Urbans erstem Jahr geschehen. Ein Jahr später,
und die kluge und leise, man muß schon sagen schleichende Diplomatie
des Papstes erntete ihren ersten Erfolg.

Wie in Jtalien Mathilde, so war in Deutschland neben dem größeren
Teil Sachsens der Herzog Welf von Baiern der eigentliche Vorkämpfer
der Päpstlichen. Urban gelang es, zwischen diesen beiden die engste Ver-
bindung herzustellen. Auf sein Betreiben heiratete der gleichnamige

Urbans entgegenkommende Haltung
geneigt war, gelinde Saiten aufzuziehen, bewies er auch in der Frage
der Prieſterſöhne. Sie waren bis dahin unerbittlich von den höhern
Weihen ausgeſchloſſen worden, Urban hob die Beſtimmung auf, „wo
es die Not erforderte“. Ähnliche Verfügungen, aus denen man ſehen
konnte, daß dieſer Papſt nach Umſtänden fünf gerade ſein ließ, wieder-
holten ſich. Die wichtigſte, eine Maßregel von großer Tragweite und
zugleich ein deutliches Bekenntnis veränderter Haltung, war die Er-
klärung, die er auf Anfrage nach Deutſchland richtete: er halte die Aus-
ſchließung Wiberts und Heinrichs IV. aufrecht, desgleichen aller derer,
die dieſe beiden unterſtützt oder von ihnen für Dienſte oder Zahlung eine
kirchliche Würde erhalten hätten; die hingegen, die nur Verkehr mit
ihnen unterhielten, ſchließe er nicht aus, ſondern erlaube ihre Aufnahme
in die Kirche nach leichter Buße. Damit trat Urban einen weiten Schritt
hinter die Linie zurück, die Gregor gezogen hatte, und nahm dem Kampf
der Parteien ein gut Teil ſeiner Schärfe. Fortan konnte jeder, ohne dem
Ausſchluß zu verfallen, in Beziehung zu Kaiſer und Gegenpapſt treten,
ſofern er nur an ihrem Krieg ſich nicht ſelbſt beteiligte. Wer deuteln
wollte, durfte ſogar die Annahme einer königlichen Jnveſtitur für er-
laubt halten, wenn ſie nicht durch Leiſtungen oder ausdrückliche Ver-
pflichtungen erkauft war. Ja noch mehr. Wenn perſönlicher Verkehr
mit dem ausgeſchloſſenen Herrſcher nur noch als leicht zu ſühnende Ver-
fehlung galt, war dann nicht die Löſung der Treueide, die Gregor ver-
fügt hatte, und damit die Abſetzung des Königs praktiſch zurückgenom-
men? Weiter, ſo muß man ſchon ſagen, konnte Urban unter den ge-
gebenen Umſtänden nicht entgegenkommen. Das Verfahren ſollte ſich
bald bewähren. Wenn in Mailand der Kardinal, der dem Erzbiſchof
das Pallium brachte, von der Bevölkerung im Triumph eingeholt wurde,
ſo wußte man, daß die Hauptſtadt der Lombardei, um derentwillen der
Streit zwiſchen Papſt und König ausgebrochen war, nicht mehr die
Front gegen den Papſt nehmen werde.

Das war bereits in Urbans erſtem Jahr geſchehen. Ein Jahr ſpäter,
und die kluge und leiſe, man muß ſchon ſagen ſchleichende Diplomatie
des Papſtes erntete ihren erſten Erfolg.

Wie in Jtalien Mathilde, ſo war in Deutſchland neben dem größeren
Teil Sachſens der Herzog Welf von Baiern der eigentliche Vorkämpfer
der Päpſtlichen. Urban gelang es, zwiſchen dieſen beiden die engſte Ver-
bindung herzuſtellen. Auf ſein Betreiben heiratete der gleichnamige

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0420" n="412"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#g">Urbans entgegenkommende Haltung</hi></fw><lb/>
geneigt war, gelinde Saiten aufzuziehen, bewies er auch in der Frage<lb/>
der Prie&#x017F;ter&#x017F;öhne. Sie waren bis dahin unerbittlich von den höhern<lb/>
Weihen ausge&#x017F;chlo&#x017F;&#x017F;en worden, Urban hob die Be&#x017F;timmung auf, &#x201E;wo<lb/>
es die Not erforderte&#x201C;. Ähnliche Verfügungen, aus denen man &#x017F;ehen<lb/>
konnte, daß die&#x017F;er Pap&#x017F;t nach Um&#x017F;tänden fünf gerade &#x017F;ein ließ, wieder-<lb/>
holten &#x017F;ich. Die wichtig&#x017F;te, eine Maßregel von großer Tragweite und<lb/>
zugleich ein deutliches Bekenntnis veränderter Haltung, war die Er-<lb/>
klärung, die er auf Anfrage nach Deut&#x017F;chland richtete: er halte die Aus-<lb/>
&#x017F;chließung Wiberts und Heinrichs <hi rendition="#aq">IV</hi>. aufrecht, desgleichen aller derer,<lb/>
die die&#x017F;e beiden unter&#x017F;tützt oder von ihnen für Dien&#x017F;te oder Zahlung eine<lb/>
kirchliche Würde erhalten hätten; die hingegen, die nur Verkehr mit<lb/>
ihnen unterhielten, &#x017F;chließe er nicht aus, &#x017F;ondern erlaube ihre Aufnahme<lb/>
in die Kirche nach leichter Buße. Damit trat Urban einen weiten Schritt<lb/>
hinter die Linie zurück, die Gregor gezogen hatte, und nahm dem Kampf<lb/>
der Parteien ein gut Teil &#x017F;einer Schärfe. Fortan konnte jeder, ohne dem<lb/>
Aus&#x017F;chluß zu verfallen, in Beziehung zu Kai&#x017F;er und Gegenpap&#x017F;t treten,<lb/>
&#x017F;ofern er nur an ihrem Krieg &#x017F;ich nicht &#x017F;elb&#x017F;t beteiligte. Wer deuteln<lb/>
wollte, durfte &#x017F;ogar die Annahme einer königlichen Jnve&#x017F;titur für er-<lb/>
laubt halten, wenn &#x017F;ie nicht durch Lei&#x017F;tungen oder ausdrückliche Ver-<lb/>
pflichtungen erkauft war. Ja noch mehr. Wenn per&#x017F;önlicher Verkehr<lb/>
mit dem ausge&#x017F;chlo&#x017F;&#x017F;enen Herr&#x017F;cher nur noch als leicht zu &#x017F;ühnende Ver-<lb/>
fehlung galt, war dann nicht die Lö&#x017F;ung der Treueide, die Gregor ver-<lb/>
fügt hatte, und damit die Ab&#x017F;etzung des Königs prakti&#x017F;ch zurückgenom-<lb/>
men? Weiter, &#x017F;o muß man &#x017F;chon &#x017F;agen, konnte Urban unter den ge-<lb/>
gebenen Um&#x017F;tänden nicht entgegenkommen. Das Verfahren &#x017F;ollte &#x017F;ich<lb/>
bald bewähren. Wenn in Mailand der Kardinal, der dem Erzbi&#x017F;chof<lb/>
das Pallium brachte, von der Bevölkerung im Triumph eingeholt wurde,<lb/>
&#x017F;o wußte man, daß die Haupt&#x017F;tadt der Lombardei, um derentwillen der<lb/>
Streit zwi&#x017F;chen Pap&#x017F;t und König ausgebrochen war, nicht mehr die<lb/>
Front gegen den Pap&#x017F;t nehmen werde.</p><lb/>
          <p>Das war bereits in Urbans er&#x017F;tem Jahr ge&#x017F;chehen. Ein Jahr &#x017F;päter,<lb/>
und die kluge und lei&#x017F;e, man muß &#x017F;chon &#x017F;agen &#x017F;chleichende Diplomatie<lb/>
des Pap&#x017F;tes erntete ihren er&#x017F;ten Erfolg.</p><lb/>
          <p>Wie in Jtalien Mathilde, &#x017F;o war in Deut&#x017F;chland neben dem größeren<lb/>
Teil Sach&#x017F;ens der Herzog Welf von Baiern der eigentliche Vorkämpfer<lb/>
der Päp&#x017F;tlichen. Urban gelang es, zwi&#x017F;chen die&#x017F;en beiden die eng&#x017F;te Ver-<lb/>
bindung herzu&#x017F;tellen. Auf &#x017F;ein Betreiben heiratete der gleichnamige<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[412/0420] Urbans entgegenkommende Haltung geneigt war, gelinde Saiten aufzuziehen, bewies er auch in der Frage der Prieſterſöhne. Sie waren bis dahin unerbittlich von den höhern Weihen ausgeſchloſſen worden, Urban hob die Beſtimmung auf, „wo es die Not erforderte“. Ähnliche Verfügungen, aus denen man ſehen konnte, daß dieſer Papſt nach Umſtänden fünf gerade ſein ließ, wieder- holten ſich. Die wichtigſte, eine Maßregel von großer Tragweite und zugleich ein deutliches Bekenntnis veränderter Haltung, war die Er- klärung, die er auf Anfrage nach Deutſchland richtete: er halte die Aus- ſchließung Wiberts und Heinrichs IV. aufrecht, desgleichen aller derer, die dieſe beiden unterſtützt oder von ihnen für Dienſte oder Zahlung eine kirchliche Würde erhalten hätten; die hingegen, die nur Verkehr mit ihnen unterhielten, ſchließe er nicht aus, ſondern erlaube ihre Aufnahme in die Kirche nach leichter Buße. Damit trat Urban einen weiten Schritt hinter die Linie zurück, die Gregor gezogen hatte, und nahm dem Kampf der Parteien ein gut Teil ſeiner Schärfe. Fortan konnte jeder, ohne dem Ausſchluß zu verfallen, in Beziehung zu Kaiſer und Gegenpapſt treten, ſofern er nur an ihrem Krieg ſich nicht ſelbſt beteiligte. Wer deuteln wollte, durfte ſogar die Annahme einer königlichen Jnveſtitur für er- laubt halten, wenn ſie nicht durch Leiſtungen oder ausdrückliche Ver- pflichtungen erkauft war. Ja noch mehr. Wenn perſönlicher Verkehr mit dem ausgeſchloſſenen Herrſcher nur noch als leicht zu ſühnende Ver- fehlung galt, war dann nicht die Löſung der Treueide, die Gregor ver- fügt hatte, und damit die Abſetzung des Königs praktiſch zurückgenom- men? Weiter, ſo muß man ſchon ſagen, konnte Urban unter den ge- gebenen Umſtänden nicht entgegenkommen. Das Verfahren ſollte ſich bald bewähren. Wenn in Mailand der Kardinal, der dem Erzbiſchof das Pallium brachte, von der Bevölkerung im Triumph eingeholt wurde, ſo wußte man, daß die Hauptſtadt der Lombardei, um derentwillen der Streit zwiſchen Papſt und König ausgebrochen war, nicht mehr die Front gegen den Papſt nehmen werde. Das war bereits in Urbans erſtem Jahr geſchehen. Ein Jahr ſpäter, und die kluge und leiſe, man muß ſchon ſagen ſchleichende Diplomatie des Papſtes erntete ihren erſten Erfolg. Wie in Jtalien Mathilde, ſo war in Deutſchland neben dem größeren Teil Sachſens der Herzog Welf von Baiern der eigentliche Vorkämpfer der Päpſtlichen. Urban gelang es, zwiſchen dieſen beiden die engſte Ver- bindung herzuſtellen. Auf ſein Betreiben heiratete der gleichnamige

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/420
Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 412. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/420>, abgerufen am 19.09.2020.