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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Spanien. -- Urbans entgegenkommende Haltung
Stadt mit dem Pallium zugleich das Amt des Primas der spanischen
Kirche zu verleihen, das seine Vorgänger in gotischer Zeit geführt
hatten (Oktober 1088). Jm folgenden Jahr empfing er die in seiner
Bedrängnis doppelt wertvolle Anzeige, daß der König von Aragon die
vor fünfundzwanzig Jahren erfolgte Unterwerfung seines Reiches unter
die päpstliche Schutzherrschaft durch das Versprechen eines jährlichen
Zinses von 500 Goldstücken ergänzt habe. Öfters haben seitdem die Ange-
legenheiten der spanischen Kirche die Päpste beschäftigt. Die erste Auf-
gabe war, den Streit zwischen Cluny und dem von Gregor VII. entsand-
ten Legaten Richard von Marseille aus der Welt zu schaffen. Urban tat
es, indem er dem Kardinal seinen Auftrag nicht erneuerte, seine Maß-
regeln aufhob und den Primas von Toledo, der selbst Cluniazenser
war, zum Legaten ernannte, jedoch mit der Einschränkung, daß er in die
spanischen Jnteressen Clunys nur mit besonderer Ermächtigung durch den
Papst eingreifen dürfe. Die Politik Gregors, Spanien enger an Rom
heranzuziehen, war damit aufgegeben und der frühere Einfluß Clunys,
den Gregor zu verdrängen gesucht hatte, wiederhergestellt und verstärkt.
Daran schloß sich bald ein greifbarer Erfolg. Graf Berengar von Barce-
lona ließ sich bewegen, sein ganzes Land dem heiligen Petrus aufzutragen,
um es als erbliches Lehen gegen jährlichen Zins von 5 Pfund Silber
zurückzuerhalten (1091).

Auf die Lage des Papstes wirkten diese Dinge, so wichtig sie für die
Zukunft waren, natürlich nicht ein. Es ist darum verständlich, aber es
ist nicht weniger bezeichnend für seine Art, daß er, wo die Gelegenheit
sich bot, um des Vorteils willen auf grundsätzliche Ansprüche verzichtete.
Wie er einmal bekannt hat, er müßte die Welt verlassen, wenn er von
Gottlosen und Räubern kein Geld annehmen wollte, so drückte er ein
Auge zu, wenn irgendwo ein Bischof "nicht auf die richtige Weise"
sein Amt erlangt hatte, eine Wendung, hinter der sich unter Umständen
mehr verbergen konnte als nur die Jnvestitur durch den König. Als der
investierte, von ausgeschlossenen Bischöfen geweihte Erzbischof Anselm
von Mailand den Gehorsamseid zu leisten bereit war, sah Urban über
alle Mängel hinweg, sandte dem Abwesenden das Pallium durch einen
Kardinal und gestattete allen, die von Tedald, "dem Simonisten", ge-
weiht waren, ihre Plätze zu behalten, wenn sie nur selbst keine Simonie
begangen hätten. Die Unterwerfung der Mailänder Kirche hat er auf
diese Weise durch Preisgabe wichtiger Grundsätze erkauft. Daß er

Spanien. — Urbans entgegenkommende Haltung
Stadt mit dem Pallium zugleich das Amt des Primas der ſpaniſchen
Kirche zu verleihen, das ſeine Vorgänger in gotiſcher Zeit geführt
hatten (Oktober 1088). Jm folgenden Jahr empfing er die in ſeiner
Bedrängnis doppelt wertvolle Anzeige, daß der König von Aragon die
vor fünfundzwanzig Jahren erfolgte Unterwerfung ſeines Reiches unter
die päpſtliche Schutzherrſchaft durch das Verſprechen eines jährlichen
Zinſes von 500 Goldſtücken ergänzt habe. Öfters haben ſeitdem die Ange-
legenheiten der ſpaniſchen Kirche die Päpſte beſchäftigt. Die erſte Auf-
gabe war, den Streit zwiſchen Cluny und dem von Gregor VII. entſand-
ten Legaten Richard von Marſeille aus der Welt zu ſchaffen. Urban tat
es, indem er dem Kardinal ſeinen Auftrag nicht erneuerte, ſeine Maß-
regeln aufhob und den Primas von Toledo, der ſelbſt Cluniazenſer
war, zum Legaten ernannte, jedoch mit der Einſchränkung, daß er in die
ſpaniſchen Jntereſſen Clunys nur mit beſonderer Ermächtigung durch den
Papſt eingreifen dürfe. Die Politik Gregors, Spanien enger an Rom
heranzuziehen, war damit aufgegeben und der frühere Einfluß Clunys,
den Gregor zu verdrängen geſucht hatte, wiederhergeſtellt und verſtärkt.
Daran ſchloß ſich bald ein greifbarer Erfolg. Graf Berengar von Barce-
lona ließ ſich bewegen, ſein ganzes Land dem heiligen Petrus aufzutragen,
um es als erbliches Lehen gegen jährlichen Zins von 5 Pfund Silber
zurückzuerhalten (1091).

Auf die Lage des Papſtes wirkten dieſe Dinge, ſo wichtig ſie für die
Zukunft waren, natürlich nicht ein. Es iſt darum verſtändlich, aber es
iſt nicht weniger bezeichnend für ſeine Art, daß er, wo die Gelegenheit
ſich bot, um des Vorteils willen auf grundſätzliche Anſprüche verzichtete.
Wie er einmal bekannt hat, er müßte die Welt verlaſſen, wenn er von
Gottloſen und Räubern kein Geld annehmen wollte, ſo drückte er ein
Auge zu, wenn irgendwo ein Biſchof „nicht auf die richtige Weiſe“
ſein Amt erlangt hatte, eine Wendung, hinter der ſich unter Umſtänden
mehr verbergen konnte als nur die Jnveſtitur durch den König. Als der
inveſtierte, von ausgeſchloſſenen Biſchöfen geweihte Erzbiſchof Anſelm
von Mailand den Gehorſamseid zu leiſten bereit war, ſah Urban über
alle Mängel hinweg, ſandte dem Abweſenden das Pallium durch einen
Kardinal und geſtattete allen, die von Tedald, „dem Simoniſten“, ge-
weiht waren, ihre Plätze zu behalten, wenn ſie nur ſelbſt keine Simonie
begangen hätten. Die Unterwerfung der Mailänder Kirche hat er auf
dieſe Weiſe durch Preisgabe wichtiger Grundſätze erkauft. Daß er

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[411/0419] Spanien. — Urbans entgegenkommende Haltung Stadt mit dem Pallium zugleich das Amt des Primas der ſpaniſchen Kirche zu verleihen, das ſeine Vorgänger in gotiſcher Zeit geführt hatten (Oktober 1088). Jm folgenden Jahr empfing er die in ſeiner Bedrängnis doppelt wertvolle Anzeige, daß der König von Aragon die vor fünfundzwanzig Jahren erfolgte Unterwerfung ſeines Reiches unter die päpſtliche Schutzherrſchaft durch das Verſprechen eines jährlichen Zinſes von 500 Goldſtücken ergänzt habe. Öfters haben ſeitdem die Ange- legenheiten der ſpaniſchen Kirche die Päpſte beſchäftigt. Die erſte Auf- gabe war, den Streit zwiſchen Cluny und dem von Gregor VII. entſand- ten Legaten Richard von Marſeille aus der Welt zu ſchaffen. Urban tat es, indem er dem Kardinal ſeinen Auftrag nicht erneuerte, ſeine Maß- regeln aufhob und den Primas von Toledo, der ſelbſt Cluniazenſer war, zum Legaten ernannte, jedoch mit der Einſchränkung, daß er in die ſpaniſchen Jntereſſen Clunys nur mit beſonderer Ermächtigung durch den Papſt eingreifen dürfe. Die Politik Gregors, Spanien enger an Rom heranzuziehen, war damit aufgegeben und der frühere Einfluß Clunys, den Gregor zu verdrängen geſucht hatte, wiederhergeſtellt und verſtärkt. Daran ſchloß ſich bald ein greifbarer Erfolg. Graf Berengar von Barce- lona ließ ſich bewegen, ſein ganzes Land dem heiligen Petrus aufzutragen, um es als erbliches Lehen gegen jährlichen Zins von 5 Pfund Silber zurückzuerhalten (1091). Auf die Lage des Papſtes wirkten dieſe Dinge, ſo wichtig ſie für die Zukunft waren, natürlich nicht ein. Es iſt darum verſtändlich, aber es iſt nicht weniger bezeichnend für ſeine Art, daß er, wo die Gelegenheit ſich bot, um des Vorteils willen auf grundſätzliche Anſprüche verzichtete. Wie er einmal bekannt hat, er müßte die Welt verlaſſen, wenn er von Gottloſen und Räubern kein Geld annehmen wollte, ſo drückte er ein Auge zu, wenn irgendwo ein Biſchof „nicht auf die richtige Weiſe“ ſein Amt erlangt hatte, eine Wendung, hinter der ſich unter Umſtänden mehr verbergen konnte als nur die Jnveſtitur durch den König. Als der inveſtierte, von ausgeſchloſſenen Biſchöfen geweihte Erzbiſchof Anſelm von Mailand den Gehorſamseid zu leiſten bereit war, ſah Urban über alle Mängel hinweg, ſandte dem Abweſenden das Pallium durch einen Kardinal und geſtattete allen, die von Tedald, „dem Simoniſten“, ge- weiht waren, ihre Plätze zu behalten, wenn ſie nur ſelbſt keine Simonie begangen hätten. Die Unterwerfung der Mailänder Kirche hat er auf dieſe Weiſe durch Preisgabe wichtiger Grundſätze erkauft. Daß er

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 411. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/419>, abgerufen am 19.09.2020.