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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Verhandlung mit Konstantinopel
Stellung war noch nicht entschieden. Urban scheint gefürchtet zu haben,
der neue Landesherr könne, um sich die Beherrschung seiner griechischen
Untertanen nicht zu erschweren, die früheren Beziehungen zum Osten
fortdauern lassen. Die Unterstellung der sizilischen Kirchen unter Rom
schlechtweg zu fordern, wagte er wohl nicht, aber er glaubte der Gefahr
begegnen zu können, und er erleichterte dem Grafen in jedem Fall die Be-
herrschung der Jnsel, wenn er die Einheit der Kirchen von Ost und West
wiederherstellte. Um sich hierfür der Zustimmung des Grafen zu versichern,
brach er alsbald nach seiner Erhebung selbst nach Sizilien auf. Jn per-
sönlicher Begegnung, die im Sommer 1088 bei Troina stattfand,
einigte er sich mit Roger und richtete alsdann ein Schreiben an Kaiser
Alexios, das den Wunsch nach Wiederanknüpfung aussprach. Dem
Kaiser kam das höchst gelegen. Waren die Kirchen wieder vereint, so
stiegen die Aussichten, Hilfe aus dem Westen gegen die immer weiter
um sich greifenden Türken zu erhalten. Er versammelte in Konstantinopel
den Patriarchen und die Metropoliten des Reiches und legte ihnen die
Frage vor, ob die Beziehungen zu Rom wieder aufzunehmen seien. Die
Synode zögerte; sie wünschte vorher die bestehenden Streitfragen ge-
klärt zu sehen. Dem Kaiser aber lag so viel an der Einigung, daß er
einen Beschluß erreichte, der die Mitte hielt. Urban sollte zunächst sein
Glaubensbekenntnis einsenden, wie das von jeher bei der Anzeige der
Thronbesteigung üblich gewesen war. Alsdann würden die strittigen
Fragen auf einer Synode unter Teilnahme Roms entschieden werden.
Diesen Bescheid dem Papst zu überbringen wurde der von den Nor-
mannen vertriebene Metropolit von Kalabrien beauftragt. Er war nicht
der rechte Mann für das Geschäft, forderte, als er in Melfi dem Papst
vorgestellt wurde, vor allem seine eigene Wiedereinsetzung, verweigerte
dabei aber die Unterwerfung unter Rom. Der Verhandlung kann das
nicht genutzt haben, sie stockte und ist nicht weitergeführt worden. Die
kirchlichen Kreise in Konstantinopel, denen an der Sache weniger lag
als dem Kaiser, werden nicht unzufrieden gewesen sein, daß dieser erste
ernsthafte Anlauf zur Wiedervereinigung mit Rom so bald schon stecken-
blieb.

Ganz hat es Urban in diesen schweren Anfangszeiten an Ermutigungen
nicht gefehlt. Jn Spanien hatten die Dinge einen glücklichen Verlauf
genommen, schon 1085 war Toledo durch Alfons von Kastilien erobert
worden, und Urban kam in die Lage, dem neueingesetzten Erzbischof der

Verhandlung mit Konſtantinopel
Stellung war noch nicht entſchieden. Urban ſcheint gefürchtet zu haben,
der neue Landesherr könne, um ſich die Beherrſchung ſeiner griechiſchen
Untertanen nicht zu erſchweren, die früheren Beziehungen zum Oſten
fortdauern laſſen. Die Unterſtellung der ſiziliſchen Kirchen unter Rom
ſchlechtweg zu fordern, wagte er wohl nicht, aber er glaubte der Gefahr
begegnen zu können, und er erleichterte dem Grafen in jedem Fall die Be-
herrſchung der Jnſel, wenn er die Einheit der Kirchen von Oſt und Weſt
wiederherſtellte. Um ſich hierfür der Zuſtimmung des Grafen zu verſichern,
brach er alsbald nach ſeiner Erhebung ſelbſt nach Sizilien auf. Jn per-
ſönlicher Begegnung, die im Sommer 1088 bei Troina ſtattfand,
einigte er ſich mit Roger und richtete alsdann ein Schreiben an Kaiſer
Alexios, das den Wunſch nach Wiederanknüpfung ausſprach. Dem
Kaiſer kam das höchſt gelegen. Waren die Kirchen wieder vereint, ſo
ſtiegen die Ausſichten, Hilfe aus dem Weſten gegen die immer weiter
um ſich greifenden Türken zu erhalten. Er verſammelte in Konſtantinopel
den Patriarchen und die Metropoliten des Reiches und legte ihnen die
Frage vor, ob die Beziehungen zu Rom wieder aufzunehmen ſeien. Die
Synode zögerte; ſie wünſchte vorher die beſtehenden Streitfragen ge-
klärt zu ſehen. Dem Kaiſer aber lag ſo viel an der Einigung, daß er
einen Beſchluß erreichte, der die Mitte hielt. Urban ſollte zunächſt ſein
Glaubensbekenntnis einſenden, wie das von jeher bei der Anzeige der
Thronbeſteigung üblich geweſen war. Alsdann würden die ſtrittigen
Fragen auf einer Synode unter Teilnahme Roms entſchieden werden.
Dieſen Beſcheid dem Papſt zu überbringen wurde der von den Nor-
mannen vertriebene Metropolit von Kalabrien beauftragt. Er war nicht
der rechte Mann für das Geſchäft, forderte, als er in Melfi dem Papſt
vorgeſtellt wurde, vor allem ſeine eigene Wiedereinſetzung, verweigerte
dabei aber die Unterwerfung unter Rom. Der Verhandlung kann das
nicht genutzt haben, ſie ſtockte und iſt nicht weitergeführt worden. Die
kirchlichen Kreiſe in Konſtantinopel, denen an der Sache weniger lag
als dem Kaiſer, werden nicht unzufrieden geweſen ſein, daß dieſer erſte
ernſthafte Anlauf zur Wiedervereinigung mit Rom ſo bald ſchon ſtecken-
blieb.

Ganz hat es Urban in dieſen ſchweren Anfangszeiten an Ermutigungen
nicht gefehlt. Jn Spanien hatten die Dinge einen glücklichen Verlauf
genommen, ſchon 1085 war Toledo durch Alfons von Kaſtilien erobert
worden, und Urban kam in die Lage, dem neueingeſetzten Erzbiſchof der

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[410/0418] Verhandlung mit Konſtantinopel Stellung war noch nicht entſchieden. Urban ſcheint gefürchtet zu haben, der neue Landesherr könne, um ſich die Beherrſchung ſeiner griechiſchen Untertanen nicht zu erſchweren, die früheren Beziehungen zum Oſten fortdauern laſſen. Die Unterſtellung der ſiziliſchen Kirchen unter Rom ſchlechtweg zu fordern, wagte er wohl nicht, aber er glaubte der Gefahr begegnen zu können, und er erleichterte dem Grafen in jedem Fall die Be- herrſchung der Jnſel, wenn er die Einheit der Kirchen von Oſt und Weſt wiederherſtellte. Um ſich hierfür der Zuſtimmung des Grafen zu verſichern, brach er alsbald nach ſeiner Erhebung ſelbſt nach Sizilien auf. Jn per- ſönlicher Begegnung, die im Sommer 1088 bei Troina ſtattfand, einigte er ſich mit Roger und richtete alsdann ein Schreiben an Kaiſer Alexios, das den Wunſch nach Wiederanknüpfung ausſprach. Dem Kaiſer kam das höchſt gelegen. Waren die Kirchen wieder vereint, ſo ſtiegen die Ausſichten, Hilfe aus dem Weſten gegen die immer weiter um ſich greifenden Türken zu erhalten. Er verſammelte in Konſtantinopel den Patriarchen und die Metropoliten des Reiches und legte ihnen die Frage vor, ob die Beziehungen zu Rom wieder aufzunehmen ſeien. Die Synode zögerte; ſie wünſchte vorher die beſtehenden Streitfragen ge- klärt zu ſehen. Dem Kaiſer aber lag ſo viel an der Einigung, daß er einen Beſchluß erreichte, der die Mitte hielt. Urban ſollte zunächſt ſein Glaubensbekenntnis einſenden, wie das von jeher bei der Anzeige der Thronbeſteigung üblich geweſen war. Alsdann würden die ſtrittigen Fragen auf einer Synode unter Teilnahme Roms entſchieden werden. Dieſen Beſcheid dem Papſt zu überbringen wurde der von den Nor- mannen vertriebene Metropolit von Kalabrien beauftragt. Er war nicht der rechte Mann für das Geſchäft, forderte, als er in Melfi dem Papſt vorgeſtellt wurde, vor allem ſeine eigene Wiedereinſetzung, verweigerte dabei aber die Unterwerfung unter Rom. Der Verhandlung kann das nicht genutzt haben, ſie ſtockte und iſt nicht weitergeführt worden. Die kirchlichen Kreiſe in Konſtantinopel, denen an der Sache weniger lag als dem Kaiſer, werden nicht unzufrieden geweſen ſein, daß dieſer erſte ernſthafte Anlauf zur Wiedervereinigung mit Rom ſo bald ſchon ſtecken- blieb. Ganz hat es Urban in dieſen ſchweren Anfangszeiten an Ermutigungen nicht gefehlt. Jn Spanien hatten die Dinge einen glücklichen Verlauf genommen, ſchon 1085 war Toledo durch Alfons von Kaſtilien erobert worden, und Urban kam in die Lage, dem neueingeſetzten Erzbiſchof der

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 410. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/418>, abgerufen am 19.09.2020.