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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Schwierige Anfänge
Wage im Kampf der Parteien, in Deutschland war seit dem Tode des
Gegenkönigs (1088) die Sache des Kaisers im Fortschreiten, die Kirchen
bis auf wenige in seiner Hand, auch von den Sachsen ein Teil zu ihm
übergegangen und Welf, der Baiernherzog, mit seiner Hausmacht in
Schwaben der einzige feste Rückhalt der Gegner. Auf England war nicht
zu zählen. Die Ansprüche Gregors VII. auf Huldigung und andre
Dinge hatten König Wilhelm abgeschreckt, so daß die "Perle der Für-
sten" ihr Ohr der Werbung Clemens' III. nicht ganz verschloß. Ob
Wilhelm ihn förmlich anerkannt hat, ist nicht sicher, aber zu Gregor
hat er nicht mehr gehalten. Nach seinem Tode (1087) war das König-
reich für den römischen Papst verloren. Einzig Frankreich leistete Ur-
ban Gehorsam, doch war von dort andere Hilfe als Geldspenden nicht zu
erwarten. Auch von den Nachbarn war nichts zu hoffen. Der nächste,
Fürst Jordan von Capua, hatte -- man sieht nicht, aus welchem An-
laß -- den südlichen Teil des Kirchenstaats an sich gebracht, und der
Papst mußte es dulden, bis der Tod Jordans (1090) die Lage änderte,
aber nicht besserte. Der Erbe war ein Kind und mußte gegen Aufstände
der Untertanen und Angriffe der Nachbarn geschützt werden. Das Her-
zogtum Apulien endlich hatte unter dem jungen Herzog Roger das ge-
wöhnliche Schicksal des Feudalstaats durchzumachen: Aufstände der Ba-
rone, mit denen schon Robert Guiscard immer wieder kämpfen mußte,
lockerten die Einheit und lähmten die Kraft des Landes. Für den Papst
hatten diese Zustände den Vorteil, daß er in seiner Eigenschaft als
Lehnsherr und natürlicher Schiedsrichter Einfluß gewann. Die meiste
Zeit in seinen ersten Regierungsjahren hat er sich in normännischem Ge-
biet aufgehalten, in Capua, Salerno, Melfi und weiter bis nach Bari
und Brindisi, Synoden leitend und die kirchliche Ordnung des Landes,
für die schon Gregor den Grund gelegt hatte, ausbauend und befestigend.

Mit der unteritalischen Frage hing auch der Plan zusammen, den
Urban in seinen Anfängen kurze Zeit verfolgt hat, die Wiederauf-
nahme der Beziehungen zum Osten. Wir sind hier freilich ganz auf
Vermutungen angewiesen, doch dürfte der Anlaß am ehesten in der Er-
oberung Siziliens zu suchen sein, die Graf Roger, der jüngste Bruder
Robert Guiscards, eben in den Tagen, als Urban Papst wurde, durch
Einnahme der letzten noch arabischen Plätze zu vollenden im Begriffe
stand. Die Jnsel, großenteils von Griechen bewohnt, hatte bisher in
kirchlicher Beziehung unter Konstantinopel gestanden, ihre künftige

Schwierige Anfänge
Wage im Kampf der Parteien, in Deutſchland war ſeit dem Tode des
Gegenkönigs (1088) die Sache des Kaiſers im Fortſchreiten, die Kirchen
bis auf wenige in ſeiner Hand, auch von den Sachſen ein Teil zu ihm
übergegangen und Welf, der Baiernherzog, mit ſeiner Hausmacht in
Schwaben der einzige feſte Rückhalt der Gegner. Auf England war nicht
zu zählen. Die Anſprüche Gregors VII. auf Huldigung und andre
Dinge hatten König Wilhelm abgeſchreckt, ſo daß die „Perle der Für-
ſten“ ihr Ohr der Werbung Clemens' III. nicht ganz verſchloß. Ob
Wilhelm ihn förmlich anerkannt hat, iſt nicht ſicher, aber zu Gregor
hat er nicht mehr gehalten. Nach ſeinem Tode (1087) war das König-
reich für den römiſchen Papſt verloren. Einzig Frankreich leiſtete Ur-
ban Gehorſam, doch war von dort andere Hilfe als Geldſpenden nicht zu
erwarten. Auch von den Nachbarn war nichts zu hoffen. Der nächſte,
Fürſt Jordan von Capua, hatte — man ſieht nicht, aus welchem An-
laß — den ſüdlichen Teil des Kirchenſtaats an ſich gebracht, und der
Papſt mußte es dulden, bis der Tod Jordans (1090) die Lage änderte,
aber nicht beſſerte. Der Erbe war ein Kind und mußte gegen Aufſtände
der Untertanen und Angriffe der Nachbarn geſchützt werden. Das Her-
zogtum Apulien endlich hatte unter dem jungen Herzog Roger das ge-
wöhnliche Schickſal des Feudalſtaats durchzumachen: Aufſtände der Ba-
rone, mit denen ſchon Robert Guiscard immer wieder kämpfen mußte,
lockerten die Einheit und lähmten die Kraft des Landes. Für den Papſt
hatten dieſe Zuſtände den Vorteil, daß er in ſeiner Eigenſchaft als
Lehnsherr und natürlicher Schiedsrichter Einfluß gewann. Die meiſte
Zeit in ſeinen erſten Regierungsjahren hat er ſich in normänniſchem Ge-
biet aufgehalten, in Capua, Salerno, Melfi und weiter bis nach Bari
und Brindiſi, Synoden leitend und die kirchliche Ordnung des Landes,
für die ſchon Gregor den Grund gelegt hatte, ausbauend und befeſtigend.

Mit der unteritaliſchen Frage hing auch der Plan zuſammen, den
Urban in ſeinen Anfängen kurze Zeit verfolgt hat, die Wiederauf-
nahme der Beziehungen zum Oſten. Wir ſind hier freilich ganz auf
Vermutungen angewieſen, doch dürfte der Anlaß am eheſten in der Er-
oberung Siziliens zu ſuchen ſein, die Graf Roger, der jüngſte Bruder
Robert Guiscards, eben in den Tagen, als Urban Papſt wurde, durch
Einnahme der letzten noch arabiſchen Plätze zu vollenden im Begriffe
ſtand. Die Jnſel, großenteils von Griechen bewohnt, hatte bisher in
kirchlicher Beziehung unter Konſtantinopel geſtanden, ihre künftige

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[409/0417] Schwierige Anfänge Wage im Kampf der Parteien, in Deutſchland war ſeit dem Tode des Gegenkönigs (1088) die Sache des Kaiſers im Fortſchreiten, die Kirchen bis auf wenige in ſeiner Hand, auch von den Sachſen ein Teil zu ihm übergegangen und Welf, der Baiernherzog, mit ſeiner Hausmacht in Schwaben der einzige feſte Rückhalt der Gegner. Auf England war nicht zu zählen. Die Anſprüche Gregors VII. auf Huldigung und andre Dinge hatten König Wilhelm abgeſchreckt, ſo daß die „Perle der Für- ſten“ ihr Ohr der Werbung Clemens' III. nicht ganz verſchloß. Ob Wilhelm ihn förmlich anerkannt hat, iſt nicht ſicher, aber zu Gregor hat er nicht mehr gehalten. Nach ſeinem Tode (1087) war das König- reich für den römiſchen Papſt verloren. Einzig Frankreich leiſtete Ur- ban Gehorſam, doch war von dort andere Hilfe als Geldſpenden nicht zu erwarten. Auch von den Nachbarn war nichts zu hoffen. Der nächſte, Fürſt Jordan von Capua, hatte — man ſieht nicht, aus welchem An- laß — den ſüdlichen Teil des Kirchenſtaats an ſich gebracht, und der Papſt mußte es dulden, bis der Tod Jordans (1090) die Lage änderte, aber nicht beſſerte. Der Erbe war ein Kind und mußte gegen Aufſtände der Untertanen und Angriffe der Nachbarn geſchützt werden. Das Her- zogtum Apulien endlich hatte unter dem jungen Herzog Roger das ge- wöhnliche Schickſal des Feudalſtaats durchzumachen: Aufſtände der Ba- rone, mit denen ſchon Robert Guiscard immer wieder kämpfen mußte, lockerten die Einheit und lähmten die Kraft des Landes. Für den Papſt hatten dieſe Zuſtände den Vorteil, daß er in ſeiner Eigenſchaft als Lehnsherr und natürlicher Schiedsrichter Einfluß gewann. Die meiſte Zeit in ſeinen erſten Regierungsjahren hat er ſich in normänniſchem Ge- biet aufgehalten, in Capua, Salerno, Melfi und weiter bis nach Bari und Brindiſi, Synoden leitend und die kirchliche Ordnung des Landes, für die ſchon Gregor den Grund gelegt hatte, ausbauend und befeſtigend. Mit der unteritaliſchen Frage hing auch der Plan zuſammen, den Urban in ſeinen Anfängen kurze Zeit verfolgt hat, die Wiederauf- nahme der Beziehungen zum Oſten. Wir ſind hier freilich ganz auf Vermutungen angewieſen, doch dürfte der Anlaß am eheſten in der Er- oberung Siziliens zu ſuchen ſein, die Graf Roger, der jüngſte Bruder Robert Guiscards, eben in den Tagen, als Urban Papſt wurde, durch Einnahme der letzten noch arabiſchen Plätze zu vollenden im Begriffe ſtand. Die Jnſel, großenteils von Griechen bewohnt, hatte bisher in kirchlicher Beziehung unter Konſtantinopel geſtanden, ihre künftige

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 409. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/417>, abgerufen am 19.09.2020.