Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

Bild:
<< vorherige Seite
Urban II.

Ob Viktor III. die Rolle des Versöhnungspapstes mit Erfolg hätte
spielen können, wie weit er dabei gegangen wäre, bleibt eine offene Frage.
Er hat keine Zeit dazu gehabt. Längst schon leidend, erkrankte er während
der Synode in Benevent schwer, konnte eben noch nach Montecassino
gebracht werden und starb hier am 16. September 1087. Jn den Kreisen
der fanatischen Gregorianer gedachte man seiner mit Erbitterung, die
sich in der Fabelei äußerte, er habe seinen Fehler noch erkannt und sich
selbst abgesetzt.

Wieder verging ein halbes Jahr, bis die Neuwahl glückte. Sie er-
innert in den Formen an das Wahlgesetz Nikolaus' II., doch ohne daß
man sich genau daran gehalten hätte. Jn Terracina, an der Grenze des
Kirchenstaats, versammelten sich Anfang März 1088 die Kardinäle der
Partei mit Vertretern von Geistlichkeit und Volk von Rom und vierzig
Bischöfen und Äbten aus Unteritalien, wählten nach dreitägiger Be-
ratung am 12. des Monats den Bischof Odo von Ostia und gaben ihm --
eine unerhörte Neuerung -- sogleich an Ort und Stelle die Weihe
als Urban II. Odo war ein französischer Edelmann aus der Champagne
-- in Chatillon an der Marne, seinem Geburtsort, steht sein Denk-
mal -- war zuerst Domherr in Reims gewesen, dann Mönch und Prior
in Cluny geworden und 1078 von Gregor VII. zum Bischof von Ostia
erhoben. Man kannte ihn als den treuesten Anhänger Gregors, der große
Stücke auf ihn gehalten, ihm in schwierigster Zeit (1084) die wichtige
Legation in Deutschland übertragen und ihn angeblich zum Nachfolger
gewünscht hatte. Die Wahl Viktors III. dagegen hatte der Bischof
von Ostia nur ungern anerkannt. Papst geworden, erließ er sogleich eine
Erklärung, in der er sich mit Nachdruck als Fortsetzer Gregors bekannte:
was dieser verworfen, verwerfe auch er, was Gregor gebilligt, bestätige
er. Wer aber erwartet haben sollte, in Urban II. sei Gregor VII. wie-
dererstanden, der hätte sich getäuscht. Mag Urban in Gregor seinen
Meister gesehen haben, so lassen sich doch kaum verschiedenere Naturen
denken als dieser Meister und dieser Schüler. Die Art, wie Urban seine
Zwecke verfolgte, und die Mittel, deren er sich bediente, waren dem Ver-
fahren Gregors entgegengesetzt. So gewaltsam, gebieterisch und starr
Gregor, so geschmeidig und anpassungsfähig war Urban. Jst das uner-
schütterliche Festhalten an laut bekannten Grundsätzen kennzeichnend für
Gregor, so geht bei Urban die Rücksicht auf die Umstände fast bis zur
Grundsatzlosigkeit. Augenfällig ist bei ihm der völlige Verzicht auf den

Urban II.

Ob Viktor III. die Rolle des Verſöhnungspapſtes mit Erfolg hätte
ſpielen können, wie weit er dabei gegangen wäre, bleibt eine offene Frage.
Er hat keine Zeit dazu gehabt. Längſt ſchon leidend, erkrankte er während
der Synode in Benevent ſchwer, konnte eben noch nach Montecaſſino
gebracht werden und ſtarb hier am 16. September 1087. Jn den Kreiſen
der fanatiſchen Gregorianer gedachte man ſeiner mit Erbitterung, die
ſich in der Fabelei äußerte, er habe ſeinen Fehler noch erkannt und ſich
ſelbſt abgeſetzt.

Wieder verging ein halbes Jahr, bis die Neuwahl glückte. Sie er-
innert in den Formen an das Wahlgeſetz Nikolaus' II., doch ohne daß
man ſich genau daran gehalten hätte. Jn Terracina, an der Grenze des
Kirchenſtaats, verſammelten ſich Anfang März 1088 die Kardinäle der
Partei mit Vertretern von Geiſtlichkeit und Volk von Rom und vierzig
Biſchöfen und Äbten aus Unteritalien, wählten nach dreitägiger Be-
ratung am 12. des Monats den Biſchof Odo von Oſtia und gaben ihm —
eine unerhörte Neuerung — ſogleich an Ort und Stelle die Weihe
als Urban II. Odo war ein franzöſiſcher Edelmann aus der Champagne
— in Châtillon an der Marne, ſeinem Geburtsort, ſteht ſein Denk-
mal — war zuerſt Domherr in Reims geweſen, dann Mönch und Prior
in Cluny geworden und 1078 von Gregor VII. zum Biſchof von Oſtia
erhoben. Man kannte ihn als den treueſten Anhänger Gregors, der große
Stücke auf ihn gehalten, ihm in ſchwierigſter Zeit (1084) die wichtige
Legation in Deutſchland übertragen und ihn angeblich zum Nachfolger
gewünſcht hatte. Die Wahl Viktors III. dagegen hatte der Biſchof
von Oſtia nur ungern anerkannt. Papſt geworden, erließ er ſogleich eine
Erklärung, in der er ſich mit Nachdruck als Fortſetzer Gregors bekannte:
was dieſer verworfen, verwerfe auch er, was Gregor gebilligt, beſtätige
er. Wer aber erwartet haben ſollte, in Urban II. ſei Gregor VII. wie-
dererſtanden, der hätte ſich getäuſcht. Mag Urban in Gregor ſeinen
Meiſter geſehen haben, ſo laſſen ſich doch kaum verſchiedenere Naturen
denken als dieſer Meiſter und dieſer Schüler. Die Art, wie Urban ſeine
Zwecke verfolgte, und die Mittel, deren er ſich bediente, waren dem Ver-
fahren Gregors entgegengeſetzt. So gewaltſam, gebieteriſch und ſtarr
Gregor, ſo geſchmeidig und anpaſſungsfähig war Urban. Jſt das uner-
ſchütterliche Feſthalten an laut bekannten Grundſätzen kennzeichnend für
Gregor, ſo geht bei Urban die Rückſicht auf die Umſtände faſt bis zur
Grundſatzloſigkeit. Augenfällig iſt bei ihm der völlige Verzicht auf den

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <pb facs="#f0415" n="407"/>
          <fw place="top" type="header"> <hi rendition="#g">Urban <hi rendition="#aq">II</hi>.</hi> </fw><lb/>
          <p>Ob Viktor <hi rendition="#aq">III</hi>. die Rolle des Ver&#x017F;öhnungspap&#x017F;tes mit Erfolg hätte<lb/>
&#x017F;pielen können, wie weit er dabei gegangen wäre, bleibt eine offene Frage.<lb/>
Er hat keine Zeit dazu gehabt. Läng&#x017F;t &#x017F;chon leidend, erkrankte er während<lb/>
der Synode in Benevent &#x017F;chwer, konnte eben noch nach Monteca&#x017F;&#x017F;ino<lb/>
gebracht werden und &#x017F;tarb hier am 16. September 1087. Jn den Krei&#x017F;en<lb/>
der fanati&#x017F;chen Gregorianer gedachte man &#x017F;einer mit Erbitterung, die<lb/>
&#x017F;ich in der Fabelei äußerte, er habe &#x017F;einen Fehler noch erkannt und &#x017F;ich<lb/>
&#x017F;elb&#x017F;t abge&#x017F;etzt.</p><lb/>
          <p>Wieder verging ein halbes Jahr, bis die Neuwahl glückte. Sie er-<lb/>
innert in den Formen an das Wahlge&#x017F;etz Nikolaus' <hi rendition="#aq">II</hi>., doch ohne daß<lb/>
man &#x017F;ich genau daran gehalten hätte. Jn Terracina, an der Grenze des<lb/>
Kirchen&#x017F;taats, ver&#x017F;ammelten &#x017F;ich Anfang März 1088 die Kardinäle der<lb/>
Partei mit Vertretern von Gei&#x017F;tlichkeit und Volk von Rom und vierzig<lb/>
Bi&#x017F;chöfen und Äbten aus Unteritalien, wählten nach dreitägiger Be-<lb/>
ratung am 12. des Monats den Bi&#x017F;chof Odo von O&#x017F;tia und gaben ihm &#x2014;<lb/>
eine unerhörte Neuerung &#x2014; &#x017F;ogleich an Ort und Stelle die Weihe<lb/>
als Urban <hi rendition="#aq">II</hi>. Odo war ein franzö&#x017F;i&#x017F;cher Edelmann aus der Champagne<lb/>
&#x2014; in Ch<hi rendition="#aq">â</hi>tillon an der Marne, &#x017F;einem Geburtsort, &#x017F;teht &#x017F;ein Denk-<lb/>
mal &#x2014; war zuer&#x017F;t Domherr in Reims gewe&#x017F;en, dann Mönch und Prior<lb/>
in Cluny geworden und 1078 von Gregor <hi rendition="#aq">VII</hi>. zum Bi&#x017F;chof von O&#x017F;tia<lb/>
erhoben. Man kannte ihn als den treue&#x017F;ten Anhänger Gregors, der große<lb/>
Stücke auf ihn gehalten, ihm in &#x017F;chwierig&#x017F;ter Zeit (1084) die wichtige<lb/>
Legation in Deut&#x017F;chland übertragen und ihn angeblich zum Nachfolger<lb/>
gewün&#x017F;cht hatte. Die Wahl Viktors <hi rendition="#aq">III</hi>. dagegen hatte der Bi&#x017F;chof<lb/>
von O&#x017F;tia nur ungern anerkannt. Pap&#x017F;t geworden, erließ er &#x017F;ogleich eine<lb/>
Erklärung, in der er &#x017F;ich mit Nachdruck als Fort&#x017F;etzer Gregors bekannte:<lb/>
was die&#x017F;er verworfen, verwerfe auch er, was Gregor gebilligt, be&#x017F;tätige<lb/>
er. Wer aber erwartet haben &#x017F;ollte, in Urban <hi rendition="#aq">II</hi>. &#x017F;ei Gregor <hi rendition="#aq">VII</hi>. wie-<lb/>
derer&#x017F;tanden, der hätte &#x017F;ich getäu&#x017F;cht. Mag Urban in Gregor &#x017F;einen<lb/>
Mei&#x017F;ter ge&#x017F;ehen haben, &#x017F;o la&#x017F;&#x017F;en &#x017F;ich doch kaum ver&#x017F;chiedenere Naturen<lb/>
denken als die&#x017F;er Mei&#x017F;ter und die&#x017F;er Schüler. Die Art, wie Urban &#x017F;eine<lb/>
Zwecke verfolgte, und die Mittel, deren er &#x017F;ich bediente, waren dem Ver-<lb/>
fahren Gregors entgegenge&#x017F;etzt. So gewalt&#x017F;am, gebieteri&#x017F;ch und &#x017F;tarr<lb/>
Gregor, &#x017F;o ge&#x017F;chmeidig und anpa&#x017F;&#x017F;ungsfähig war Urban. J&#x017F;t das uner-<lb/>
&#x017F;chütterliche Fe&#x017F;thalten an laut bekannten Grund&#x017F;ätzen kennzeichnend für<lb/>
Gregor, &#x017F;o geht bei Urban die Rück&#x017F;icht auf die Um&#x017F;tände fa&#x017F;t bis zur<lb/>
Grund&#x017F;atzlo&#x017F;igkeit. Augenfällig i&#x017F;t bei ihm der völlige Verzicht auf den<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[407/0415] Urban II. Ob Viktor III. die Rolle des Verſöhnungspapſtes mit Erfolg hätte ſpielen können, wie weit er dabei gegangen wäre, bleibt eine offene Frage. Er hat keine Zeit dazu gehabt. Längſt ſchon leidend, erkrankte er während der Synode in Benevent ſchwer, konnte eben noch nach Montecaſſino gebracht werden und ſtarb hier am 16. September 1087. Jn den Kreiſen der fanatiſchen Gregorianer gedachte man ſeiner mit Erbitterung, die ſich in der Fabelei äußerte, er habe ſeinen Fehler noch erkannt und ſich ſelbſt abgeſetzt. Wieder verging ein halbes Jahr, bis die Neuwahl glückte. Sie er- innert in den Formen an das Wahlgeſetz Nikolaus' II., doch ohne daß man ſich genau daran gehalten hätte. Jn Terracina, an der Grenze des Kirchenſtaats, verſammelten ſich Anfang März 1088 die Kardinäle der Partei mit Vertretern von Geiſtlichkeit und Volk von Rom und vierzig Biſchöfen und Äbten aus Unteritalien, wählten nach dreitägiger Be- ratung am 12. des Monats den Biſchof Odo von Oſtia und gaben ihm — eine unerhörte Neuerung — ſogleich an Ort und Stelle die Weihe als Urban II. Odo war ein franzöſiſcher Edelmann aus der Champagne — in Châtillon an der Marne, ſeinem Geburtsort, ſteht ſein Denk- mal — war zuerſt Domherr in Reims geweſen, dann Mönch und Prior in Cluny geworden und 1078 von Gregor VII. zum Biſchof von Oſtia erhoben. Man kannte ihn als den treueſten Anhänger Gregors, der große Stücke auf ihn gehalten, ihm in ſchwierigſter Zeit (1084) die wichtige Legation in Deutſchland übertragen und ihn angeblich zum Nachfolger gewünſcht hatte. Die Wahl Viktors III. dagegen hatte der Biſchof von Oſtia nur ungern anerkannt. Papſt geworden, erließ er ſogleich eine Erklärung, in der er ſich mit Nachdruck als Fortſetzer Gregors bekannte: was dieſer verworfen, verwerfe auch er, was Gregor gebilligt, beſtätige er. Wer aber erwartet haben ſollte, in Urban II. ſei Gregor VII. wie- dererſtanden, der hätte ſich getäuſcht. Mag Urban in Gregor ſeinen Meiſter geſehen haben, ſo laſſen ſich doch kaum verſchiedenere Naturen denken als dieſer Meiſter und dieſer Schüler. Die Art, wie Urban ſeine Zwecke verfolgte, und die Mittel, deren er ſich bediente, waren dem Ver- fahren Gregors entgegengeſetzt. So gewaltſam, gebieteriſch und ſtarr Gregor, ſo geſchmeidig und anpaſſungsfähig war Urban. Jſt das uner- ſchütterliche Feſthalten an laut bekannten Grundſätzen kennzeichnend für Gregor, ſo geht bei Urban die Rückſicht auf die Umſtände faſt bis zur Grundſatzloſigkeit. Augenfällig iſt bei ihm der völlige Verzicht auf den

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/415
Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 407. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/415>, abgerufen am 19.09.2020.