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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Viktor III.
und ließ sich von der vereinigten Macht der Normannen nach Rom
führen.

Hier hatte sich inzwischen Clemens III. festgesetzt und beherrschte die
Stadt. Mit Waffengewalt mußte wenigstens die Peterskirche erobert
werden, damit Viktor III. am vorgeschriebenen Ort am 9. Mai 1087
die Weihe als Papst empfangen konnte. Dann verzog er sich wieder nach
Montecassino, und erst eine dringende Aufforderung Mathildens, die vor
Rom erschienen war, bewog ihn zur Rückkehr. Nun begann ein Ringen
um den Besitz der Stadt, in der Mathildens Truppen das ganze rechte
Ufer eroberten. Die Peterskirche ging zwar wieder verloren, am 30. Juni
konnte hier Clemens die Messe feiern, mußte aber tags darauf den Platz
dem Gegner überlassen. Die eigentliche Stadt blieb diesem verschlossen.
Solche Kämpfe waren Viktors Sache nicht, zum drittenmal kehrte er
heim in sein Kloster, berief für Ende August ein Konzil nach Benevent
und wiederholte hier den Fluch, den schon Gregor über Wibert verhängt
hatte. Zugleich aber sah er sich genötigt, gegen zwei der wichtigsten Mit-
arbeiter seines Vorgängers einzuschreiten. Hugo von Lyon, der päpstliche
Vikar in Frankreich, und Richard von Marseille, der Kardinal und
Legat in Spanien, schürten gegen ihn, Hugo suchte insbesondere die
Gräfin Mathilde gegen ihn aufzubringen. Ein tiefer Gegensatz der
Geister kam darin zum Ausdruck. Viktor bekannte sich zu jener Richtung,
die zwar die Reform der Geistlichkeit mit allem Ernst erstrebte, gegenüber
den Laien aber sich auf geistlichen Einfluß beschränken und von Be-
herrschung der Welt mit weltlichen Waffen, wie Gregor sie zu üben
versucht hatte, nichts wissen wollte. Daraus ergaben sich sogleich weit-
tragende Folgerungen im Verhältnis zum Kaiser. Daß Viktor gegen
Heinrich IV. keine kirchliche Strafe ausgesprochen, den wiederholten
Fluch seines Vorgängers nicht erneuert hat, zeigt deutlich, daß er in der
Kirchenpolitik die Bahnen Gregors zu verlassen gedachte. Das mag da-
mals vielen, auch gut kirchlich Gesinnten willkommen gewesen sein. Nicht
anders dachte der hochangesehene Abt Hugo von Cluny, der in den Klö-
stern seines Verbandes, unbekümmert um die Flüche Gregors, nach wie
vor für den Kaiser beten ließ. Es ist nicht zu verkennen und wird damals
ein öffentliches Geheimnis gewesen sein, daß der neue Papst den Frieden
mit dem Kaiser suchte und um seinetwillen zum Entgegenkommen bereit
war, auf die Gefahr, eine Spaltung der Partei und den Abfall ihrer
einflußreichsten Mitglieder heraufzubeschwören.

Viktor III.
und ließ ſich von der vereinigten Macht der Normannen nach Rom
führen.

Hier hatte ſich inzwiſchen Clemens III. feſtgeſetzt und beherrſchte die
Stadt. Mit Waffengewalt mußte wenigſtens die Peterskirche erobert
werden, damit Viktor III. am vorgeſchriebenen Ort am 9. Mai 1087
die Weihe als Papſt empfangen konnte. Dann verzog er ſich wieder nach
Montecaſſino, und erſt eine dringende Aufforderung Mathildens, die vor
Rom erſchienen war, bewog ihn zur Rückkehr. Nun begann ein Ringen
um den Beſitz der Stadt, in der Mathildens Truppen das ganze rechte
Ufer eroberten. Die Peterskirche ging zwar wieder verloren, am 30. Juni
konnte hier Clemens die Meſſe feiern, mußte aber tags darauf den Platz
dem Gegner überlaſſen. Die eigentliche Stadt blieb dieſem verſchloſſen.
Solche Kämpfe waren Viktors Sache nicht, zum drittenmal kehrte er
heim in ſein Kloſter, berief für Ende Auguſt ein Konzil nach Benevent
und wiederholte hier den Fluch, den ſchon Gregor über Wibert verhängt
hatte. Zugleich aber ſah er ſich genötigt, gegen zwei der wichtigſten Mit-
arbeiter ſeines Vorgängers einzuſchreiten. Hugo von Lyon, der päpſtliche
Vikar in Frankreich, und Richard von Marſeille, der Kardinal und
Legat in Spanien, ſchürten gegen ihn, Hugo ſuchte insbeſondere die
Gräfin Mathilde gegen ihn aufzubringen. Ein tiefer Gegenſatz der
Geiſter kam darin zum Ausdruck. Viktor bekannte ſich zu jener Richtung,
die zwar die Reform der Geiſtlichkeit mit allem Ernſt erſtrebte, gegenüber
den Laien aber ſich auf geiſtlichen Einfluß beſchränken und von Be-
herrſchung der Welt mit weltlichen Waffen, wie Gregor ſie zu üben
verſucht hatte, nichts wiſſen wollte. Daraus ergaben ſich ſogleich weit-
tragende Folgerungen im Verhältnis zum Kaiſer. Daß Viktor gegen
Heinrich IV. keine kirchliche Strafe ausgeſprochen, den wiederholten
Fluch ſeines Vorgängers nicht erneuert hat, zeigt deutlich, daß er in der
Kirchenpolitik die Bahnen Gregors zu verlaſſen gedachte. Das mag da-
mals vielen, auch gut kirchlich Geſinnten willkommen geweſen ſein. Nicht
anders dachte der hochangeſehene Abt Hugo von Cluny, der in den Klö-
ſtern ſeines Verbandes, unbekümmert um die Flüche Gregors, nach wie
vor für den Kaiſer beten ließ. Es iſt nicht zu verkennen und wird damals
ein öffentliches Geheimnis geweſen ſein, daß der neue Papſt den Frieden
mit dem Kaiſer ſuchte und um ſeinetwillen zum Entgegenkommen bereit
war, auf die Gefahr, eine Spaltung der Partei und den Abfall ihrer
einflußreichſten Mitglieder heraufzubeſchwören.

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[406/0414] Viktor III. und ließ ſich von der vereinigten Macht der Normannen nach Rom führen. Hier hatte ſich inzwiſchen Clemens III. feſtgeſetzt und beherrſchte die Stadt. Mit Waffengewalt mußte wenigſtens die Peterskirche erobert werden, damit Viktor III. am vorgeſchriebenen Ort am 9. Mai 1087 die Weihe als Papſt empfangen konnte. Dann verzog er ſich wieder nach Montecaſſino, und erſt eine dringende Aufforderung Mathildens, die vor Rom erſchienen war, bewog ihn zur Rückkehr. Nun begann ein Ringen um den Beſitz der Stadt, in der Mathildens Truppen das ganze rechte Ufer eroberten. Die Peterskirche ging zwar wieder verloren, am 30. Juni konnte hier Clemens die Meſſe feiern, mußte aber tags darauf den Platz dem Gegner überlaſſen. Die eigentliche Stadt blieb dieſem verſchloſſen. Solche Kämpfe waren Viktors Sache nicht, zum drittenmal kehrte er heim in ſein Kloſter, berief für Ende Auguſt ein Konzil nach Benevent und wiederholte hier den Fluch, den ſchon Gregor über Wibert verhängt hatte. Zugleich aber ſah er ſich genötigt, gegen zwei der wichtigſten Mit- arbeiter ſeines Vorgängers einzuſchreiten. Hugo von Lyon, der päpſtliche Vikar in Frankreich, und Richard von Marſeille, der Kardinal und Legat in Spanien, ſchürten gegen ihn, Hugo ſuchte insbeſondere die Gräfin Mathilde gegen ihn aufzubringen. Ein tiefer Gegenſatz der Geiſter kam darin zum Ausdruck. Viktor bekannte ſich zu jener Richtung, die zwar die Reform der Geiſtlichkeit mit allem Ernſt erſtrebte, gegenüber den Laien aber ſich auf geiſtlichen Einfluß beſchränken und von Be- herrſchung der Welt mit weltlichen Waffen, wie Gregor ſie zu üben verſucht hatte, nichts wiſſen wollte. Daraus ergaben ſich ſogleich weit- tragende Folgerungen im Verhältnis zum Kaiſer. Daß Viktor gegen Heinrich IV. keine kirchliche Strafe ausgeſprochen, den wiederholten Fluch ſeines Vorgängers nicht erneuert hat, zeigt deutlich, daß er in der Kirchenpolitik die Bahnen Gregors zu verlaſſen gedachte. Das mag da- mals vielen, auch gut kirchlich Geſinnten willkommen geweſen ſein. Nicht anders dachte der hochangeſehene Abt Hugo von Cluny, der in den Klö- ſtern ſeines Verbandes, unbekümmert um die Flüche Gregors, nach wie vor für den Kaiſer beten ließ. Es iſt nicht zu verkennen und wird damals ein öffentliches Geheimnis geweſen ſein, daß der neue Papſt den Frieden mit dem Kaiſer ſuchte und um ſeinetwillen zum Entgegenkommen bereit war, auf die Gefahr, eine Spaltung der Partei und den Abfall ihrer einflußreichſten Mitglieder heraufzubeſchwören.

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 406. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/414>, abgerufen am 19.09.2020.