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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Viktor III.
hängte, hat er über ein Jahr ertragen, wahrscheinlich bis zu dem Tag,
da Gregor aus Rom flüchtend in Montecassino Aufnahme suchte und
fand. Schon diese wenigen Züge verraten, daß Papst und Abt entgegen-
gesetzte Naturen waren; wie weit der innere Gegensatz ging, sollte sich
noch zeigen.

Seit 1046 bedeutete die Wahl des Namens für jeden Papst ein Be-
kenntnis. Daß Desiderius sich Viktor III. nannte, forderte zu der An-
nahme heraus, er wolle an den letzten der deutschen Päpste erinnern.
Sein Verhalten hat dem nicht widersprochen. Seiner Erhebung soll er
sich lange widersetzt und schließlich nur dem Willen des Fürsten von
Capua nachgegeben haben, auf den er Rücksicht nehmen mußte. Dem
Herzog von Apulien aber war er nicht genehm. Es war nicht mehr Ro-
bert Guiscard, der noch keine zwei Monate nach Gregor mitten in
schwierigen Kämpfen bei Korfu gestorben war (17. Juli 1085), sondern
dessen junger Sohn Roger. Zwischen diesem und dem neuen Papst stand
die Frage der Besetzung des eben erledigten Erzbistums Salerno. Die
Kardinäle, denen Viktor seine Wahl verdankte, hatten in der papstlosen
Zeit -- wir erinnern uns, daß Gregor die Einnahme von Salerno durch
Robert bis zuletzt nicht anerkannt hatte -- die Weihe des herzoglichen
Kandidaten verweigert, was Roger nun damit beantwortete, daß er
einen Aufstand in Rom hervorrief, der Viktor veranlaßte, ohne die
Weihe empfangen zu haben, schon nach vier Tagen die Stadt zu ver-
lassen, die Abzeichen seiner Würde abzulegen und in sein Kloster zurück-
zukehren. Zehn Monate hat er hier verweilt, ein erwählter Papst, der
keiner sein wollte, dann endlich ist er dem Druck der Normannenherrscher
gewichen, hat die Kardinäle zu sich nach Capua berufen, wo außer dem
Fürsten auch der Herzog von Apulien mit großem Gefolge eingetroffen
war, und sich bereit gezeigt, die päpstliche Würde anzunehmen. Herzog
Roger hatte er gewonnen durch Nachgeben in der Salernitaner Frage.
Da erhob sich Widerspruch aus kirchlichen Kreisen, geführt von dem
leidenschaftlichen Erzbischof Hugo von Lyon, der aus Frankreich herbei-
geeilt, aber zur Wahl in Rom zu spät gekommen war. Zu deutlich hatte
Viktor verraten, daß er die Politik Gregors VII. nicht billigte, und hatte
damit dessen wahre Gesinnungsgenossen gegen sich aufgebracht. Weil
er länger als ein Jahr aus der Kirche ausgeschlossen gewesen, erklärten
sie ihn als Papst für unmöglich. Aber sie unterlagen, Viktor ging über
ihren Widerspruch hinweg, legte die Abzeichen des Papsttums wieder an

Viktor III.
hängte, hat er über ein Jahr ertragen, wahrſcheinlich bis zu dem Tag,
da Gregor aus Rom flüchtend in Montecaſſino Aufnahme ſuchte und
fand. Schon dieſe wenigen Züge verraten, daß Papſt und Abt entgegen-
geſetzte Naturen waren; wie weit der innere Gegenſatz ging, ſollte ſich
noch zeigen.

Seit 1046 bedeutete die Wahl des Namens für jeden Papſt ein Be-
kenntnis. Daß Deſiderius ſich Viktor III. nannte, forderte zu der An-
nahme heraus, er wolle an den letzten der deutſchen Päpſte erinnern.
Sein Verhalten hat dem nicht widerſprochen. Seiner Erhebung ſoll er
ſich lange widerſetzt und ſchließlich nur dem Willen des Fürſten von
Capua nachgegeben haben, auf den er Rückſicht nehmen mußte. Dem
Herzog von Apulien aber war er nicht genehm. Es war nicht mehr Ro-
bert Guiscard, der noch keine zwei Monate nach Gregor mitten in
ſchwierigen Kämpfen bei Korfu geſtorben war (17. Juli 1085), ſondern
deſſen junger Sohn Roger. Zwiſchen dieſem und dem neuen Papſt ſtand
die Frage der Beſetzung des eben erledigten Erzbistums Salerno. Die
Kardinäle, denen Viktor ſeine Wahl verdankte, hatten in der papſtloſen
Zeit — wir erinnern uns, daß Gregor die Einnahme von Salerno durch
Robert bis zuletzt nicht anerkannt hatte — die Weihe des herzoglichen
Kandidaten verweigert, was Roger nun damit beantwortete, daß er
einen Aufſtand in Rom hervorrief, der Viktor veranlaßte, ohne die
Weihe empfangen zu haben, ſchon nach vier Tagen die Stadt zu ver-
laſſen, die Abzeichen ſeiner Würde abzulegen und in ſein Kloſter zurück-
zukehren. Zehn Monate hat er hier verweilt, ein erwählter Papſt, der
keiner ſein wollte, dann endlich iſt er dem Druck der Normannenherrſcher
gewichen, hat die Kardinäle zu ſich nach Capua berufen, wo außer dem
Fürſten auch der Herzog von Apulien mit großem Gefolge eingetroffen
war, und ſich bereit gezeigt, die päpſtliche Würde anzunehmen. Herzog
Roger hatte er gewonnen durch Nachgeben in der Salernitaner Frage.
Da erhob ſich Widerſpruch aus kirchlichen Kreiſen, geführt von dem
leidenſchaftlichen Erzbiſchof Hugo von Lyon, der aus Frankreich herbei-
geeilt, aber zur Wahl in Rom zu ſpät gekommen war. Zu deutlich hatte
Viktor verraten, daß er die Politik Gregors VII. nicht billigte, und hatte
damit deſſen wahre Geſinnungsgenoſſen gegen ſich aufgebracht. Weil
er länger als ein Jahr aus der Kirche ausgeſchloſſen geweſen, erklärten
ſie ihn als Papſt für unmöglich. Aber ſie unterlagen, Viktor ging über
ihren Widerſpruch hinweg, legte die Abzeichen des Papſttums wieder an

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[405/0413] Viktor III. hängte, hat er über ein Jahr ertragen, wahrſcheinlich bis zu dem Tag, da Gregor aus Rom flüchtend in Montecaſſino Aufnahme ſuchte und fand. Schon dieſe wenigen Züge verraten, daß Papſt und Abt entgegen- geſetzte Naturen waren; wie weit der innere Gegenſatz ging, ſollte ſich noch zeigen. Seit 1046 bedeutete die Wahl des Namens für jeden Papſt ein Be- kenntnis. Daß Deſiderius ſich Viktor III. nannte, forderte zu der An- nahme heraus, er wolle an den letzten der deutſchen Päpſte erinnern. Sein Verhalten hat dem nicht widerſprochen. Seiner Erhebung ſoll er ſich lange widerſetzt und ſchließlich nur dem Willen des Fürſten von Capua nachgegeben haben, auf den er Rückſicht nehmen mußte. Dem Herzog von Apulien aber war er nicht genehm. Es war nicht mehr Ro- bert Guiscard, der noch keine zwei Monate nach Gregor mitten in ſchwierigen Kämpfen bei Korfu geſtorben war (17. Juli 1085), ſondern deſſen junger Sohn Roger. Zwiſchen dieſem und dem neuen Papſt ſtand die Frage der Beſetzung des eben erledigten Erzbistums Salerno. Die Kardinäle, denen Viktor ſeine Wahl verdankte, hatten in der papſtloſen Zeit — wir erinnern uns, daß Gregor die Einnahme von Salerno durch Robert bis zuletzt nicht anerkannt hatte — die Weihe des herzoglichen Kandidaten verweigert, was Roger nun damit beantwortete, daß er einen Aufſtand in Rom hervorrief, der Viktor veranlaßte, ohne die Weihe empfangen zu haben, ſchon nach vier Tagen die Stadt zu ver- laſſen, die Abzeichen ſeiner Würde abzulegen und in ſein Kloſter zurück- zukehren. Zehn Monate hat er hier verweilt, ein erwählter Papſt, der keiner ſein wollte, dann endlich iſt er dem Druck der Normannenherrſcher gewichen, hat die Kardinäle zu ſich nach Capua berufen, wo außer dem Fürſten auch der Herzog von Apulien mit großem Gefolge eingetroffen war, und ſich bereit gezeigt, die päpſtliche Würde anzunehmen. Herzog Roger hatte er gewonnen durch Nachgeben in der Salernitaner Frage. Da erhob ſich Widerſpruch aus kirchlichen Kreiſen, geführt von dem leidenſchaftlichen Erzbiſchof Hugo von Lyon, der aus Frankreich herbei- geeilt, aber zur Wahl in Rom zu ſpät gekommen war. Zu deutlich hatte Viktor verraten, daß er die Politik Gregors VII. nicht billigte, und hatte damit deſſen wahre Geſinnungsgenoſſen gegen ſich aufgebracht. Weil er länger als ein Jahr aus der Kirche ausgeſchloſſen geweſen, erklärten ſie ihn als Papſt für unmöglich. Aber ſie unterlagen, Viktor ging über ihren Widerſpruch hinweg, legte die Abzeichen des Papſttums wieder an

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 405. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/413>, abgerufen am 19.09.2020.