Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

Bild:
<< vorherige Seite
4
Der Sieg der Epigonen

Zu welchem Zusammenbruch die Regierung Gregors VII. geführt
hatte, zeigte sich nach dem Tode des Papstes. Obwohl in Deutschland
die anfänglichen Erfolge des zurückgekehrten Kaisers bald ins Stocken
gerieten und in Oberitalien ein Sieg der Truppen Mathildens über die
Königlichen schon bei Lebzeiten Gregors das Gleichgewicht der Kräfte
wiederhergestellt hatte, obwohl Clemens III. sich veranlaßt gesehen
hatte, dem verwüsteten Rom den Rücken zu kehren und seinen Sitz in
Ravenna zu nehmen, dauerte es ein volles Jahr, bis die Trümmer von
Gregors Anhang zur Wahl eines neuen Oberhauptes zu schreiten ver-
mochten. Für diese Rolle einen Träger zu finden, hielt offenbar schwer.
Jm Einverständnis mit dem Fürsten von Capua fand sich das Häuflein
der Kardinäle, die inzwischen die Geschäfte der verwaisten Kirche führten,
schließlich in Rom zusammen und wählte am 26. Mai 1086 den Abt
von Montecassino zum Papst. Die Person bedeutete ein Programm.
Daufar, der Prinz aus dem langobardischen Fürstenhaus von Capua-
Benevent, mit seinem Mönchsnamen Desiderius, ist uns schon begegnet.
Seit 1057 Abt, von Nikolaus II. zum römischen Kardinalpriester er-
hoben, hatte er es verstanden, sein Kloster in stetem Lavieren zwischen
den Nachbarmächten durch alle Stürme der Zeit hindurchzusteuern, so
daß sein Besitz sich mehrte und rundete und es unter ihm in jeder Hin-
sicht eine Blüte erlebte. Selbst ein geschickter Schriftsteller, hatte er bei
seinen Mönchen Schule gemacht und für den literarischen Ruhm, der
den Namen Montecassino seitdem umgibt, den Grund gelegt. Jm
Kloster selbst hat man ihn als zweiten Gründer verehrt. Persönlich genoß
er höchste Achtung bei Freund und Feind, auch Gegner haben ihm das
Lob der Heiligmäßigkeit nicht vorenthalten. Zu Gregor VII. war sein
Verhältnis nicht immer ungetrübt geblieben und schließlich bis zum
offenen Bruch gediehen, als Desiderius im Jahre 1082, dem Beispiel
Jordans von Capua notgedrungen folgend, Heinrich IV. die Unter-
werfung leistete. Die Ausschließung, die Gregor deswegen über ihn ver-

4
Der Sieg der Epigonen

Zu welchem Zuſammenbruch die Regierung Gregors VII. geführt
hatte, zeigte ſich nach dem Tode des Papſtes. Obwohl in Deutſchland
die anfänglichen Erfolge des zurückgekehrten Kaiſers bald ins Stocken
gerieten und in Oberitalien ein Sieg der Truppen Mathildens über die
Königlichen ſchon bei Lebzeiten Gregors das Gleichgewicht der Kräfte
wiederhergeſtellt hatte, obwohl Clemens III. ſich veranlaßt geſehen
hatte, dem verwüſteten Rom den Rücken zu kehren und ſeinen Sitz in
Ravenna zu nehmen, dauerte es ein volles Jahr, bis die Trümmer von
Gregors Anhang zur Wahl eines neuen Oberhauptes zu ſchreiten ver-
mochten. Für dieſe Rolle einen Träger zu finden, hielt offenbar ſchwer.
Jm Einverſtändnis mit dem Fürſten von Capua fand ſich das Häuflein
der Kardinäle, die inzwiſchen die Geſchäfte der verwaiſten Kirche führten,
ſchließlich in Rom zuſammen und wählte am 26. Mai 1086 den Abt
von Montecaſſino zum Papſt. Die Perſon bedeutete ein Programm.
Daufar, der Prinz aus dem langobardiſchen Fürſtenhaus von Capua-
Benevent, mit ſeinem Mönchsnamen Deſiderius, iſt uns ſchon begegnet.
Seit 1057 Abt, von Nikolaus II. zum römiſchen Kardinalprieſter er-
hoben, hatte er es verſtanden, ſein Kloſter in ſtetem Lavieren zwiſchen
den Nachbarmächten durch alle Stürme der Zeit hindurchzuſteuern, ſo
daß ſein Beſitz ſich mehrte und rundete und es unter ihm in jeder Hin-
ſicht eine Blüte erlebte. Selbſt ein geſchickter Schriftſteller, hatte er bei
ſeinen Mönchen Schule gemacht und für den literariſchen Ruhm, der
den Namen Montecaſſino ſeitdem umgibt, den Grund gelegt. Jm
Kloſter ſelbſt hat man ihn als zweiten Gründer verehrt. Perſönlich genoß
er höchſte Achtung bei Freund und Feind, auch Gegner haben ihm das
Lob der Heiligmäßigkeit nicht vorenthalten. Zu Gregor VII. war ſein
Verhältnis nicht immer ungetrübt geblieben und ſchließlich bis zum
offenen Bruch gediehen, als Deſiderius im Jahre 1082, dem Beiſpiel
Jordans von Capua notgedrungen folgend, Heinrich IV. die Unter-
werfung leiſtete. Die Ausſchließung, die Gregor deswegen über ihn ver-

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <pb facs="#f0412" n="[404]"/>
        <div n="2">
          <head>4<lb/>
Der Sieg der Epigonen</head><lb/>
          <p>Zu welchem Zu&#x017F;ammenbruch die Regierung Gregors <hi rendition="#aq">VII</hi>. geführt<lb/>
hatte, zeigte &#x017F;ich nach dem Tode des Pap&#x017F;tes. Obwohl in Deut&#x017F;chland<lb/>
die anfänglichen Erfolge des zurückgekehrten Kai&#x017F;ers bald ins Stocken<lb/>
gerieten und in Oberitalien ein Sieg der Truppen Mathildens über die<lb/>
Königlichen &#x017F;chon bei Lebzeiten Gregors das Gleichgewicht der Kräfte<lb/>
wiederherge&#x017F;tellt hatte, obwohl Clemens <hi rendition="#aq">III</hi>. &#x017F;ich veranlaßt ge&#x017F;ehen<lb/>
hatte, dem verwü&#x017F;teten Rom den Rücken zu kehren und &#x017F;einen Sitz in<lb/>
Ravenna zu nehmen, dauerte es ein volles Jahr, bis die Trümmer von<lb/>
Gregors Anhang zur Wahl eines neuen Oberhauptes zu &#x017F;chreiten ver-<lb/>
mochten. Für die&#x017F;e Rolle einen Träger zu finden, hielt offenbar &#x017F;chwer.<lb/>
Jm Einver&#x017F;tändnis mit dem Für&#x017F;ten von Capua fand &#x017F;ich das Häuflein<lb/>
der Kardinäle, die inzwi&#x017F;chen die Ge&#x017F;chäfte der verwai&#x017F;ten Kirche führten,<lb/>
&#x017F;chließlich in Rom zu&#x017F;ammen und wählte am 26. Mai 1086 den Abt<lb/>
von Monteca&#x017F;&#x017F;ino zum Pap&#x017F;t. Die Per&#x017F;on bedeutete ein Programm.<lb/>
Daufar, der Prinz aus dem langobardi&#x017F;chen Für&#x017F;tenhaus von Capua-<lb/>
Benevent, mit &#x017F;einem Mönchsnamen De&#x017F;iderius, i&#x017F;t uns &#x017F;chon begegnet.<lb/>
Seit 1057 Abt, von Nikolaus <hi rendition="#aq">II</hi>. zum römi&#x017F;chen Kardinalprie&#x017F;ter er-<lb/>
hoben, hatte er es ver&#x017F;tanden, &#x017F;ein Klo&#x017F;ter in &#x017F;tetem Lavieren zwi&#x017F;chen<lb/>
den Nachbarmächten durch alle Stürme der Zeit hindurchzu&#x017F;teuern, &#x017F;o<lb/>
daß &#x017F;ein Be&#x017F;itz &#x017F;ich mehrte und rundete und es unter ihm in jeder Hin-<lb/>
&#x017F;icht eine Blüte erlebte. Selb&#x017F;t ein ge&#x017F;chickter Schrift&#x017F;teller, hatte er bei<lb/>
&#x017F;einen Mönchen Schule gemacht und für den literari&#x017F;chen Ruhm, der<lb/>
den Namen Monteca&#x017F;&#x017F;ino &#x017F;eitdem umgibt, den Grund gelegt. Jm<lb/>
Klo&#x017F;ter &#x017F;elb&#x017F;t hat man ihn als zweiten Gründer verehrt. Per&#x017F;önlich genoß<lb/>
er höch&#x017F;te Achtung bei Freund und Feind, auch Gegner haben ihm das<lb/>
Lob der Heiligmäßigkeit nicht vorenthalten. Zu Gregor <hi rendition="#aq">VII</hi>. war &#x017F;ein<lb/>
Verhältnis nicht immer ungetrübt geblieben und &#x017F;chließlich bis zum<lb/>
offenen Bruch gediehen, als De&#x017F;iderius im Jahre 1082, dem Bei&#x017F;piel<lb/>
Jordans von Capua notgedrungen folgend, Heinrich <hi rendition="#aq">IV</hi>. die Unter-<lb/>
werfung lei&#x017F;tete. Die Aus&#x017F;chließung, die Gregor deswegen über ihn ver-<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[[404]/0412] 4 Der Sieg der Epigonen Zu welchem Zuſammenbruch die Regierung Gregors VII. geführt hatte, zeigte ſich nach dem Tode des Papſtes. Obwohl in Deutſchland die anfänglichen Erfolge des zurückgekehrten Kaiſers bald ins Stocken gerieten und in Oberitalien ein Sieg der Truppen Mathildens über die Königlichen ſchon bei Lebzeiten Gregors das Gleichgewicht der Kräfte wiederhergeſtellt hatte, obwohl Clemens III. ſich veranlaßt geſehen hatte, dem verwüſteten Rom den Rücken zu kehren und ſeinen Sitz in Ravenna zu nehmen, dauerte es ein volles Jahr, bis die Trümmer von Gregors Anhang zur Wahl eines neuen Oberhauptes zu ſchreiten ver- mochten. Für dieſe Rolle einen Träger zu finden, hielt offenbar ſchwer. Jm Einverſtändnis mit dem Fürſten von Capua fand ſich das Häuflein der Kardinäle, die inzwiſchen die Geſchäfte der verwaiſten Kirche führten, ſchließlich in Rom zuſammen und wählte am 26. Mai 1086 den Abt von Montecaſſino zum Papſt. Die Perſon bedeutete ein Programm. Daufar, der Prinz aus dem langobardiſchen Fürſtenhaus von Capua- Benevent, mit ſeinem Mönchsnamen Deſiderius, iſt uns ſchon begegnet. Seit 1057 Abt, von Nikolaus II. zum römiſchen Kardinalprieſter er- hoben, hatte er es verſtanden, ſein Kloſter in ſtetem Lavieren zwiſchen den Nachbarmächten durch alle Stürme der Zeit hindurchzuſteuern, ſo daß ſein Beſitz ſich mehrte und rundete und es unter ihm in jeder Hin- ſicht eine Blüte erlebte. Selbſt ein geſchickter Schriftſteller, hatte er bei ſeinen Mönchen Schule gemacht und für den literariſchen Ruhm, der den Namen Montecaſſino ſeitdem umgibt, den Grund gelegt. Jm Kloſter ſelbſt hat man ihn als zweiten Gründer verehrt. Perſönlich genoß er höchſte Achtung bei Freund und Feind, auch Gegner haben ihm das Lob der Heiligmäßigkeit nicht vorenthalten. Zu Gregor VII. war ſein Verhältnis nicht immer ungetrübt geblieben und ſchließlich bis zum offenen Bruch gediehen, als Deſiderius im Jahre 1082, dem Beiſpiel Jordans von Capua notgedrungen folgend, Heinrich IV. die Unter- werfung leiſtete. Die Ausſchließung, die Gregor deswegen über ihn ver-

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/412
Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. [404]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/412>, abgerufen am 19.09.2020.