Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

Bild:
<< vorherige Seite

Rückblick
ist sein Recht, das ist die iustitia, die Gregor beständig im Munde führt,
für die er kämpft, um derentwillen er sich verfolgt und angefochten sieht,
für die er zu leiden und zu sterben bereit ist, und zu der er sich noch mit dem
letzten Atemzug bekannt haben soll: "Jch liebte die Gerechtigkeit und
haßte das Unrecht, darum sterbe ich in der Verbannung."

Woher kam ihm diese Jdee? Daß die Kirche dem Erben Petri zu
gehorchen habe, war zu seiner Zeit bereits der Glaube vieler; bei Pseudo-
isidor fand er es durch angebliche Zeugnisse der ältesten Zeit belegt. Er
brauchte es nur in die Tat zu übersetzen und bis ins letzte und einzelne
zu verfolgen. Daß Petrus und in seinem Namen der Papst auch die
Welt beherrsche, dieser Gedanke ist Gregors Eigentum. Jhn zu denken,
bedurfte es einer Geringschätzung der "Welt", die dem Mönch geläufig
ist, es bedurfte der Überzeugung von der unendlichen Minderwertigkeit
alles Jrdischen gegenüber dem Himmel, dem "Geistlichen". Nur ein
Mönch konnte mit so ungeheurer Verachtung von den Herrschern der
Erde reden, von denen nur ganz wenige erlöst würden und, seit die Welt
stehe, kaum sieben zu den Auserwählten gehörten, während die römische
Kirche allein an hundert Geistliche hervorgebracht habe, die heilig seien.
Ein Mönch konnte den Priesterhochmut so weit treiben, den niedrigsten
der Kleriker, den Exorzisten, über den König zu stellen. Auf diesem
Boden konnte der Gedanke Augustins, daß der irdische Staat die Ge-
meinde des Teufels sei, die eigentümliche Blüte treiben, die in dem Satze
Gregors aufbricht: "Wer wüßte nicht, daß die Könige und Herzöge ihren
Anfang in denen genommen haben, die Gott nicht kannten und in blinder
Gier und unerträglicher Anmaßung auf Antrieb des Fürsten der Welt,
nämlich des Teufels, durch Herrschsucht, Raub, Mord, kurz durch fast
alle Verbrechen über Menschen zu gebieten strebten?" Aber wenn wir
in solchen Worten aus Gregor VII. den Mönch sprechen hören, so doch
noch ungleich mehr den Menschen Hildebrand, diese einzigartige Per-
sönlichkeit mit ihrer Lust und Fähigkeit zu herrschen und zu befehlen
und ihrer Leidenschaft und Neigung zur Gewalt. Die Jdee der päpst-
lichen Weltherrschaft ist die persönlichste Schöpfung Gregors VII.

Verführerisch ist es, darin ein Wiedererwachen altrömischen Geistes
und in Hildebrand den mehr oder weniger bewußten Erneuerer römischen
Jmperiums zu sehen. Aber das wäre falsch. Nicht die leiseste Spur
führt zu der Annahme, Gregor VII. habe, wenn er in aller Welt Gehor-
sam verlangte, sich als Erben altrömischer Ahnen gefühlt oder sei von

Rückblick
iſt ſein Recht, das iſt die iustitia, die Gregor beſtändig im Munde führt,
für die er kämpft, um derentwillen er ſich verfolgt und angefochten ſieht,
für die er zu leiden und zu ſterben bereit iſt, und zu der er ſich noch mit dem
letzten Atemzug bekannt haben ſoll: „Jch liebte die Gerechtigkeit und
haßte das Unrecht, darum ſterbe ich in der Verbannung.“

Woher kam ihm dieſe Jdee? Daß die Kirche dem Erben Petri zu
gehorchen habe, war zu ſeiner Zeit bereits der Glaube vieler; bei Pſeudo-
iſidor fand er es durch angebliche Zeugniſſe der älteſten Zeit belegt. Er
brauchte es nur in die Tat zu überſetzen und bis ins letzte und einzelne
zu verfolgen. Daß Petrus und in ſeinem Namen der Papſt auch die
Welt beherrſche, dieſer Gedanke iſt Gregors Eigentum. Jhn zu denken,
bedurfte es einer Geringſchätzung der „Welt“, die dem Mönch geläufig
iſt, es bedurfte der Überzeugung von der unendlichen Minderwertigkeit
alles Jrdiſchen gegenüber dem Himmel, dem „Geiſtlichen“. Nur ein
Mönch konnte mit ſo ungeheurer Verachtung von den Herrſchern der
Erde reden, von denen nur ganz wenige erlöſt würden und, ſeit die Welt
ſtehe, kaum ſieben zu den Auserwählten gehörten, während die römiſche
Kirche allein an hundert Geiſtliche hervorgebracht habe, die heilig ſeien.
Ein Mönch konnte den Prieſterhochmut ſo weit treiben, den niedrigſten
der Kleriker, den Exorziſten, über den König zu ſtellen. Auf dieſem
Boden konnte der Gedanke Auguſtins, daß der irdiſche Staat die Ge-
meinde des Teufels ſei, die eigentümliche Blüte treiben, die in dem Satze
Gregors aufbricht: „Wer wüßte nicht, daß die Könige und Herzöge ihren
Anfang in denen genommen haben, die Gott nicht kannten und in blinder
Gier und unerträglicher Anmaßung auf Antrieb des Fürſten der Welt,
nämlich des Teufels, durch Herrſchſucht, Raub, Mord, kurz durch faſt
alle Verbrechen über Menſchen zu gebieten ſtrebten?“ Aber wenn wir
in ſolchen Worten aus Gregor VII. den Mönch ſprechen hören, ſo doch
noch ungleich mehr den Menſchen Hildebrand, dieſe einzigartige Per-
ſönlichkeit mit ihrer Luſt und Fähigkeit zu herrſchen und zu befehlen
und ihrer Leidenſchaft und Neigung zur Gewalt. Die Jdee der päpſt-
lichen Weltherrſchaft iſt die perſönlichſte Schöpfung Gregors VII.

Verführeriſch iſt es, darin ein Wiedererwachen altrömiſchen Geiſtes
und in Hildebrand den mehr oder weniger bewußten Erneuerer römiſchen
Jmperiums zu ſehen. Aber das wäre falſch. Nicht die leiſeſte Spur
führt zu der Annahme, Gregor VII. habe, wenn er in aller Welt Gehor-
ſam verlangte, ſich als Erben altrömiſcher Ahnen gefühlt oder ſei von

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0410" n="402"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#g">Rückblick</hi></fw><lb/>
i&#x017F;t &#x017F;ein Recht, das i&#x017F;t die <hi rendition="#aq">iustitia</hi>, die Gregor be&#x017F;tändig im Munde führt,<lb/>
für die er kämpft, um derentwillen er &#x017F;ich verfolgt und angefochten &#x017F;ieht,<lb/>
für die er zu leiden und zu &#x017F;terben bereit i&#x017F;t, und zu der er &#x017F;ich noch mit dem<lb/>
letzten Atemzug bekannt haben &#x017F;oll: &#x201E;Jch liebte die Gerechtigkeit und<lb/>
haßte das Unrecht, darum &#x017F;terbe ich in der Verbannung.&#x201C;</p><lb/>
          <p>Woher kam ihm die&#x017F;e Jdee? Daß die Kirche dem Erben Petri zu<lb/>
gehorchen habe, war zu &#x017F;einer Zeit bereits der Glaube vieler; bei P&#x017F;eudo-<lb/>
i&#x017F;idor fand er es durch angebliche Zeugni&#x017F;&#x017F;e der älte&#x017F;ten Zeit belegt. Er<lb/>
brauchte es nur in die Tat zu über&#x017F;etzen und bis ins letzte und einzelne<lb/>
zu verfolgen. Daß Petrus und in &#x017F;einem Namen der Pap&#x017F;t auch die<lb/>
Welt beherr&#x017F;che, die&#x017F;er Gedanke i&#x017F;t Gregors Eigentum. Jhn zu denken,<lb/>
bedurfte es einer Gering&#x017F;chätzung der &#x201E;Welt&#x201C;, die dem Mönch geläufig<lb/>
i&#x017F;t, es bedurfte der Überzeugung von der unendlichen Minderwertigkeit<lb/>
alles Jrdi&#x017F;chen gegenüber dem Himmel, dem &#x201E;Gei&#x017F;tlichen&#x201C;. Nur ein<lb/>
Mönch konnte mit &#x017F;o ungeheurer Verachtung von den Herr&#x017F;chern der<lb/>
Erde reden, von denen nur ganz wenige erlö&#x017F;t würden und, &#x017F;eit die Welt<lb/>
&#x017F;tehe, kaum &#x017F;ieben zu den Auserwählten gehörten, während die römi&#x017F;che<lb/>
Kirche allein an hundert Gei&#x017F;tliche hervorgebracht habe, die heilig &#x017F;eien.<lb/>
Ein Mönch konnte den Prie&#x017F;terhochmut &#x017F;o weit treiben, den niedrig&#x017F;ten<lb/>
der Kleriker, den Exorzi&#x017F;ten, über den König zu &#x017F;tellen. Auf die&#x017F;em<lb/>
Boden konnte der Gedanke Augu&#x017F;tins, daß der irdi&#x017F;che Staat die Ge-<lb/>
meinde des Teufels &#x017F;ei, die eigentümliche Blüte treiben, die in dem Satze<lb/>
Gregors aufbricht: &#x201E;Wer wüßte nicht, daß die Könige und Herzöge ihren<lb/>
Anfang in denen genommen haben, die Gott nicht kannten und in blinder<lb/>
Gier und unerträglicher Anmaßung auf Antrieb des Für&#x017F;ten der Welt,<lb/>
nämlich des Teufels, durch Herr&#x017F;ch&#x017F;ucht, Raub, Mord, kurz durch fa&#x017F;t<lb/>
alle Verbrechen über Men&#x017F;chen zu gebieten &#x017F;trebten?&#x201C; Aber wenn wir<lb/>
in &#x017F;olchen Worten aus Gregor <hi rendition="#aq">VII</hi>. den Mönch &#x017F;prechen hören, &#x017F;o doch<lb/>
noch ungleich mehr den Men&#x017F;chen Hildebrand, die&#x017F;e einzigartige Per-<lb/>
&#x017F;önlichkeit mit ihrer Lu&#x017F;t und Fähigkeit zu herr&#x017F;chen und zu befehlen<lb/>
und ihrer Leiden&#x017F;chaft und Neigung zur Gewalt. Die Jdee der päp&#x017F;t-<lb/>
lichen Weltherr&#x017F;chaft i&#x017F;t die per&#x017F;önlich&#x017F;te Schöpfung Gregors <hi rendition="#aq">VII</hi>.</p><lb/>
          <p>Verführeri&#x017F;ch i&#x017F;t es, darin ein Wiedererwachen altrömi&#x017F;chen Gei&#x017F;tes<lb/>
und in Hildebrand den mehr oder weniger bewußten Erneuerer römi&#x017F;chen<lb/>
Jmperiums zu &#x017F;ehen. Aber das wäre fal&#x017F;ch. Nicht die lei&#x017F;e&#x017F;te Spur<lb/>
führt zu der Annahme, Gregor <hi rendition="#aq">VII</hi>. habe, wenn er in aller Welt Gehor-<lb/>
&#x017F;am verlangte, &#x017F;ich als Erben altrömi&#x017F;cher Ahnen gefühlt oder &#x017F;ei von<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[402/0410] Rückblick iſt ſein Recht, das iſt die iustitia, die Gregor beſtändig im Munde führt, für die er kämpft, um derentwillen er ſich verfolgt und angefochten ſieht, für die er zu leiden und zu ſterben bereit iſt, und zu der er ſich noch mit dem letzten Atemzug bekannt haben ſoll: „Jch liebte die Gerechtigkeit und haßte das Unrecht, darum ſterbe ich in der Verbannung.“ Woher kam ihm dieſe Jdee? Daß die Kirche dem Erben Petri zu gehorchen habe, war zu ſeiner Zeit bereits der Glaube vieler; bei Pſeudo- iſidor fand er es durch angebliche Zeugniſſe der älteſten Zeit belegt. Er brauchte es nur in die Tat zu überſetzen und bis ins letzte und einzelne zu verfolgen. Daß Petrus und in ſeinem Namen der Papſt auch die Welt beherrſche, dieſer Gedanke iſt Gregors Eigentum. Jhn zu denken, bedurfte es einer Geringſchätzung der „Welt“, die dem Mönch geläufig iſt, es bedurfte der Überzeugung von der unendlichen Minderwertigkeit alles Jrdiſchen gegenüber dem Himmel, dem „Geiſtlichen“. Nur ein Mönch konnte mit ſo ungeheurer Verachtung von den Herrſchern der Erde reden, von denen nur ganz wenige erlöſt würden und, ſeit die Welt ſtehe, kaum ſieben zu den Auserwählten gehörten, während die römiſche Kirche allein an hundert Geiſtliche hervorgebracht habe, die heilig ſeien. Ein Mönch konnte den Prieſterhochmut ſo weit treiben, den niedrigſten der Kleriker, den Exorziſten, über den König zu ſtellen. Auf dieſem Boden konnte der Gedanke Auguſtins, daß der irdiſche Staat die Ge- meinde des Teufels ſei, die eigentümliche Blüte treiben, die in dem Satze Gregors aufbricht: „Wer wüßte nicht, daß die Könige und Herzöge ihren Anfang in denen genommen haben, die Gott nicht kannten und in blinder Gier und unerträglicher Anmaßung auf Antrieb des Fürſten der Welt, nämlich des Teufels, durch Herrſchſucht, Raub, Mord, kurz durch faſt alle Verbrechen über Menſchen zu gebieten ſtrebten?“ Aber wenn wir in ſolchen Worten aus Gregor VII. den Mönch ſprechen hören, ſo doch noch ungleich mehr den Menſchen Hildebrand, dieſe einzigartige Per- ſönlichkeit mit ihrer Luſt und Fähigkeit zu herrſchen und zu befehlen und ihrer Leidenſchaft und Neigung zur Gewalt. Die Jdee der päpſt- lichen Weltherrſchaft iſt die perſönlichſte Schöpfung Gregors VII. Verführeriſch iſt es, darin ein Wiedererwachen altrömiſchen Geiſtes und in Hildebrand den mehr oder weniger bewußten Erneuerer römiſchen Jmperiums zu ſehen. Aber das wäre falſch. Nicht die leiſeſte Spur führt zu der Annahme, Gregor VII. habe, wenn er in aller Welt Gehor- ſam verlangte, ſich als Erben altrömiſcher Ahnen gefühlt oder ſei von

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/410
Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 402. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/410>, abgerufen am 19.09.2020.