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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Rom und Konstantinopel nach 787
verbot hatte er einen Zusammenstoß mit Kaiser und Patriarch gehabt,
bei dem bereits deutlich wurde, was auch später die letzte Wurzel seiner
Auflehnung war: er scheute sich nicht, vom Kaiser Gehorsam gegen die
Kirche, das heißt gegen die Forderungen seiner Partei zu verlangen.
Schon damals hat er die Autorität des Bischofs von Rom auszuspielen
versucht.

Zwischen den Kirchen von Konstantinopel und Rom war der amtliche
Verkehr aufgehoben, seit die Kaiserkrönung Karls den Bruch zwischen
Franken und Griechen herbeigeführt hatte. Erst der politische Friede
stellte auch die kirchlichen Beziehungen wieder her. Damals (811) erst
zeigte der Patriarch Nikephoros, obwohl schon vor fünf Jahren erhoben,
dem Papst seinen Amtsantritt in der altüblichen Form an. Nun stand
auch nichts mehr im Wege, daß die kirchliche Opposition der Griechen
in Rom um Unterstützung warb. Anlaß des Streites war zu jener Zeit,
daß Kaiser Nikephoros (809), mit Berufung auf das Recht der Bischofs-
synode, von kanonischen Strafen zu dispensieren, die Wiedereinsetzung
eines Priesters bewirkte, der einst vor dreizehn Jahren den Sohn Jre-
nens nach Scheidung von seiner ersten Gemahlin mit einer zweiten ge-
traut hatte und deswegen der Priesterwürde entkleidet war. Gegen diese
Maßregel und den Grundsatz, der sie rechtfertigen sollte, rief Abt Theodor
den Beistand Leos III. an. Ebenso später gegen das Bilderverbot. Durch
wiederholte Briefe und Boten drängte er erst Leo, dann Paschalis zum
Eingreifen, erflehte er Hilfe und Rettung. Er sparte dabei nicht mit
Worten der Huldigung vor der "allerobersten" Kirche (koryphaiotate),
dem Stuhl Petri, auf den der Herr die Schlüssel des Glaubens gelegt,
vor dem Nachfolger des Apostelhauptes, das er zum Torwart des Him-
melreichs gemacht, dem er das höchste Hirtenamt übertragen habe.
Paschalis redete er an als Träger der Himmelsschlüssel, Fels des Glau-
bens, auf den die allgemeine Kirche gebaut ist, ja als Petrus selbst, zu
dem der Herr gesagt hat: "Stärke die Brüder!". "Jhr seid", so rief
er ihm zu, "die reine und ungetrübte Quelle des wahren Glaubens von
Anbeginn, der schützende Hafen der gesamten Kirche gegen den Sturm
der Ketzerei, Jhr die von Gott erwählte Zufluchtstätte des Heils." Von
jeher, meinte er, ist es Brauch, daß der Nachfolger Petri jeden Streit
entscheide, über jeden Jrrtum richte; ohne Wissen Roms dürfe keine
Synode gehalten werden, und wer sich von Rom trenne, der gehöre dem
Leibe Christi nicht mehr an. Jn den Anfängen des Streites mutete

Rom und Konſtantinopel nach 787
verbot hatte er einen Zuſammenſtoß mit Kaiſer und Patriarch gehabt,
bei dem bereits deutlich wurde, was auch ſpäter die letzte Wurzel ſeiner
Auflehnung war: er ſcheute ſich nicht, vom Kaiſer Gehorſam gegen die
Kirche, das heißt gegen die Forderungen ſeiner Partei zu verlangen.
Schon damals hat er die Autorität des Biſchofs von Rom auszuſpielen
verſucht.

Zwiſchen den Kirchen von Konſtantinopel und Rom war der amtliche
Verkehr aufgehoben, ſeit die Kaiſerkrönung Karls den Bruch zwiſchen
Franken und Griechen herbeigeführt hatte. Erſt der politiſche Friede
ſtellte auch die kirchlichen Beziehungen wieder her. Damals (811) erſt
zeigte der Patriarch Nikephoros, obwohl ſchon vor fünf Jahren erhoben,
dem Papſt ſeinen Amtsantritt in der altüblichen Form an. Nun ſtand
auch nichts mehr im Wege, daß die kirchliche Oppoſition der Griechen
in Rom um Unterſtützung warb. Anlaß des Streites war zu jener Zeit,
daß Kaiſer Nikephoros (809), mit Berufung auf das Recht der Biſchofs-
ſynode, von kanoniſchen Strafen zu dispenſieren, die Wiedereinſetzung
eines Prieſters bewirkte, der einſt vor dreizehn Jahren den Sohn Jre-
nens nach Scheidung von ſeiner erſten Gemahlin mit einer zweiten ge-
traut hatte und deswegen der Prieſterwürde entkleidet war. Gegen dieſe
Maßregel und den Grundſatz, der ſie rechtfertigen ſollte, rief Abt Theodor
den Beiſtand Leos III. an. Ebenſo ſpäter gegen das Bilderverbot. Durch
wiederholte Briefe und Boten drängte er erſt Leo, dann Paſchalis zum
Eingreifen, erflehte er Hilfe und Rettung. Er ſparte dabei nicht mit
Worten der Huldigung vor der „alleroberſten“ Kirche (koryphaiotáte),
dem Stuhl Petri, auf den der Herr die Schlüſſel des Glaubens gelegt,
vor dem Nachfolger des Apoſtelhauptes, das er zum Torwart des Him-
melreichs gemacht, dem er das höchſte Hirtenamt übertragen habe.
Paſchalis redete er an als Träger der Himmelsſchlüſſel, Fels des Glau-
bens, auf den die allgemeine Kirche gebaut iſt, ja als Petrus ſelbſt, zu
dem der Herr geſagt hat: „Stärke die Brüder!“. „Jhr ſeid“, ſo rief
er ihm zu, „die reine und ungetrübte Quelle des wahren Glaubens von
Anbeginn, der ſchützende Hafen der geſamten Kirche gegen den Sturm
der Ketzerei, Jhr die von Gott erwählte Zufluchtſtätte des Heils.“ Von
jeher, meinte er, iſt es Brauch, daß der Nachfolger Petri jeden Streit
entſcheide, über jeden Jrrtum richte; ohne Wiſſen Roms dürfe keine
Synode gehalten werden, und wer ſich von Rom trenne, der gehöre dem
Leibe Chriſti nicht mehr an. Jn den Anfängen des Streites mutete

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[32/0041] Rom und Konſtantinopel nach 787 verbot hatte er einen Zuſammenſtoß mit Kaiſer und Patriarch gehabt, bei dem bereits deutlich wurde, was auch ſpäter die letzte Wurzel ſeiner Auflehnung war: er ſcheute ſich nicht, vom Kaiſer Gehorſam gegen die Kirche, das heißt gegen die Forderungen ſeiner Partei zu verlangen. Schon damals hat er die Autorität des Biſchofs von Rom auszuſpielen verſucht. Zwiſchen den Kirchen von Konſtantinopel und Rom war der amtliche Verkehr aufgehoben, ſeit die Kaiſerkrönung Karls den Bruch zwiſchen Franken und Griechen herbeigeführt hatte. Erſt der politiſche Friede ſtellte auch die kirchlichen Beziehungen wieder her. Damals (811) erſt zeigte der Patriarch Nikephoros, obwohl ſchon vor fünf Jahren erhoben, dem Papſt ſeinen Amtsantritt in der altüblichen Form an. Nun ſtand auch nichts mehr im Wege, daß die kirchliche Oppoſition der Griechen in Rom um Unterſtützung warb. Anlaß des Streites war zu jener Zeit, daß Kaiſer Nikephoros (809), mit Berufung auf das Recht der Biſchofs- ſynode, von kanoniſchen Strafen zu dispenſieren, die Wiedereinſetzung eines Prieſters bewirkte, der einſt vor dreizehn Jahren den Sohn Jre- nens nach Scheidung von ſeiner erſten Gemahlin mit einer zweiten ge- traut hatte und deswegen der Prieſterwürde entkleidet war. Gegen dieſe Maßregel und den Grundſatz, der ſie rechtfertigen ſollte, rief Abt Theodor den Beiſtand Leos III. an. Ebenſo ſpäter gegen das Bilderverbot. Durch wiederholte Briefe und Boten drängte er erſt Leo, dann Paſchalis zum Eingreifen, erflehte er Hilfe und Rettung. Er ſparte dabei nicht mit Worten der Huldigung vor der „alleroberſten“ Kirche (koryphaiotáte), dem Stuhl Petri, auf den der Herr die Schlüſſel des Glaubens gelegt, vor dem Nachfolger des Apoſtelhauptes, das er zum Torwart des Him- melreichs gemacht, dem er das höchſte Hirtenamt übertragen habe. Paſchalis redete er an als Träger der Himmelsſchlüſſel, Fels des Glau- bens, auf den die allgemeine Kirche gebaut iſt, ja als Petrus ſelbſt, zu dem der Herr geſagt hat: „Stärke die Brüder!“. „Jhr ſeid“, ſo rief er ihm zu, „die reine und ungetrübte Quelle des wahren Glaubens von Anbeginn, der ſchützende Hafen der geſamten Kirche gegen den Sturm der Ketzerei, Jhr die von Gott erwählte Zufluchtſtätte des Heils.“ Von jeher, meinte er, iſt es Brauch, daß der Nachfolger Petri jeden Streit entſcheide, über jeden Jrrtum richte; ohne Wiſſen Roms dürfe keine Synode gehalten werden, und wer ſich von Rom trenne, der gehöre dem Leibe Chriſti nicht mehr an. Jn den Anfängen des Streites mutete

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 32. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/41>, abgerufen am 16.12.2019.