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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Rückblick
einen Sinn, Lanfrank von Canterbury, dessen Gesinnung man sicher sein
konnte, mit Amtsverlust zu bedrohen, weil er gegen den Willen seines
Königs nicht aufkam? Und das zu einer Zeit (1081/1082), wo Gregor
selbst schon um sein Dasein kämpfte. Kein Herrscher hat bei Gregor
eine bessere Zensur als Wilhelm von England; die "Perle unter den
Fürsten" wird er genannt. Aber es genügt, daß seine Jnteressen an den
Grenzen der Normandie einmal mit den päpstlichen Absichten in Wider-
spruch geraten, und Gregor zögert nicht, von "geschwollenem Hochmut",
"Unehrerbietigkeit" und "Unverschämtheit" zu sprechen. Wie schlecht
muß er diesen König gekannt, wie falsch ihn beurteilt haben, daß er ihm
von Lehnshuldigung überhaupt zu reden wagte, und dazu mit so salbungs-
voll pastoraler Begründung! Ähnlich erging es Alfons von Kastilien.
Erst mit Lob und Dank überschüttet, als glänzendes Beispiel und wahr-
haft christlicher König gepriesen, erfährt er, sobald sein Verhalten An-
stoß gibt, die Drohung mit dem Schwert Petri. Welche Dienste hatte
nicht Hugo von Cluny den Päpsten geleistet! Aber als die Jnteressen des
Klosters in Spanien mit den römischen Absichten in Widerstreit gerieten,
war alles vergessen, und mit Drohungen wurde nicht gespart.

Mag Gregor sich hie und da zu Vorsicht und Nachgeben zwingen,
einmal sogar gegenüber einem arabischen Herrscher in Afrika die ge-
meinsame Verehrung eines einzigen Gottes hervorheben, vom Diplo-
maten steckt nichts in ihm. Jm Grunde kennt er nur Befehlen und Ge-
horchen. Ungehorsam ist ihm gleichbedeutend mit Götzendienst, Gehor-
sam verlangt er von jedermann, Geistlichen und Laien, Bischöfen und
Königen, stets bereit ihn zu erzwingen; wenn Worte nicht ausreichen,
mit der Gewalt der Waffen. Alle Augenblicke fließt ihm das Wort des
Propheten Jeremias aus der Feder: "Verflucht sei der Mensch, der das
Schwert aufhält, daß es nicht Blut vergieße."

Wie oft hat er sich über die Herrschsucht der Menschen, ihre superbia,
ereifert; aber wer hat mehr zu herrschen begehrt als er? Nicht freilich
im eigenen Namen; Petrus der Apostelfürst ist es, für den er bedingungs-
losen Gehorsam fordert, ihn nennt er alle Augenblicke: Aber mit ihm
setzt er ungescheut sich selber gleich. Durch Gregor spricht Petrus, wer
Gregor nicht gehorcht, lehnt sich gegen den Apostel auf, der über Himmel
und Erde gebietet. Es ist die Jdee, der er lebt, die ihn so gänzlich be-
herrscht, daß er darüber den Sinn für die wirkliche Welt verlieren kann:
Petrus gebietet über den Himmel und darum auch über die Erde. Das

Haller, Das Papsttum II1 26

Rückblick
einen Sinn, Lanfrank von Canterbury, deſſen Geſinnung man ſicher ſein
konnte, mit Amtsverluſt zu bedrohen, weil er gegen den Willen ſeines
Königs nicht aufkam? Und das zu einer Zeit (1081/1082), wo Gregor
ſelbſt ſchon um ſein Daſein kämpfte. Kein Herrſcher hat bei Gregor
eine beſſere Zenſur als Wilhelm von England; die „Perle unter den
Fürſten“ wird er genannt. Aber es genügt, daß ſeine Jntereſſen an den
Grenzen der Normandie einmal mit den päpſtlichen Abſichten in Wider-
ſpruch geraten, und Gregor zögert nicht, von „geſchwollenem Hochmut“,
„Unehrerbietigkeit“ und „Unverſchämtheit“ zu ſprechen. Wie ſchlecht
muß er dieſen König gekannt, wie falſch ihn beurteilt haben, daß er ihm
von Lehnshuldigung überhaupt zu reden wagte, und dazu mit ſo ſalbungs-
voll paſtoraler Begründung! Ähnlich erging es Alfons von Kaſtilien.
Erſt mit Lob und Dank überſchüttet, als glänzendes Beiſpiel und wahr-
haft chriſtlicher König geprieſen, erfährt er, ſobald ſein Verhalten An-
ſtoß gibt, die Drohung mit dem Schwert Petri. Welche Dienſte hatte
nicht Hugo von Cluny den Päpſten geleiſtet! Aber als die Jntereſſen des
Kloſters in Spanien mit den römiſchen Abſichten in Widerſtreit gerieten,
war alles vergeſſen, und mit Drohungen wurde nicht geſpart.

Mag Gregor ſich hie und da zu Vorſicht und Nachgeben zwingen,
einmal ſogar gegenüber einem arabiſchen Herrſcher in Afrika die ge-
meinſame Verehrung eines einzigen Gottes hervorheben, vom Diplo-
maten ſteckt nichts in ihm. Jm Grunde kennt er nur Befehlen und Ge-
horchen. Ungehorſam iſt ihm gleichbedeutend mit Götzendienſt, Gehor-
ſam verlangt er von jedermann, Geiſtlichen und Laien, Biſchöfen und
Königen, ſtets bereit ihn zu erzwingen; wenn Worte nicht ausreichen,
mit der Gewalt der Waffen. Alle Augenblicke fließt ihm das Wort des
Propheten Jeremias aus der Feder: „Verflucht ſei der Menſch, der das
Schwert aufhält, daß es nicht Blut vergieße.“

Wie oft hat er ſich über die Herrſchſucht der Menſchen, ihre superbia,
ereifert; aber wer hat mehr zu herrſchen begehrt als er? Nicht freilich
im eigenen Namen; Petrus der Apoſtelfürſt iſt es, für den er bedingungs-
loſen Gehorſam fordert, ihn nennt er alle Augenblicke: Aber mit ihm
ſetzt er ungeſcheut ſich ſelber gleich. Durch Gregor ſpricht Petrus, wer
Gregor nicht gehorcht, lehnt ſich gegen den Apoſtel auf, der über Himmel
und Erde gebietet. Es iſt die Jdee, der er lebt, die ihn ſo gänzlich be-
herrſcht, daß er darüber den Sinn für die wirkliche Welt verlieren kann:
Petrus gebietet über den Himmel und darum auch über die Erde. Das

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[401/0409] Rückblick einen Sinn, Lanfrank von Canterbury, deſſen Geſinnung man ſicher ſein konnte, mit Amtsverluſt zu bedrohen, weil er gegen den Willen ſeines Königs nicht aufkam? Und das zu einer Zeit (1081/1082), wo Gregor ſelbſt ſchon um ſein Daſein kämpfte. Kein Herrſcher hat bei Gregor eine beſſere Zenſur als Wilhelm von England; die „Perle unter den Fürſten“ wird er genannt. Aber es genügt, daß ſeine Jntereſſen an den Grenzen der Normandie einmal mit den päpſtlichen Abſichten in Wider- ſpruch geraten, und Gregor zögert nicht, von „geſchwollenem Hochmut“, „Unehrerbietigkeit“ und „Unverſchämtheit“ zu ſprechen. Wie ſchlecht muß er dieſen König gekannt, wie falſch ihn beurteilt haben, daß er ihm von Lehnshuldigung überhaupt zu reden wagte, und dazu mit ſo ſalbungs- voll paſtoraler Begründung! Ähnlich erging es Alfons von Kaſtilien. Erſt mit Lob und Dank überſchüttet, als glänzendes Beiſpiel und wahr- haft chriſtlicher König geprieſen, erfährt er, ſobald ſein Verhalten An- ſtoß gibt, die Drohung mit dem Schwert Petri. Welche Dienſte hatte nicht Hugo von Cluny den Päpſten geleiſtet! Aber als die Jntereſſen des Kloſters in Spanien mit den römiſchen Abſichten in Widerſtreit gerieten, war alles vergeſſen, und mit Drohungen wurde nicht geſpart. Mag Gregor ſich hie und da zu Vorſicht und Nachgeben zwingen, einmal ſogar gegenüber einem arabiſchen Herrſcher in Afrika die ge- meinſame Verehrung eines einzigen Gottes hervorheben, vom Diplo- maten ſteckt nichts in ihm. Jm Grunde kennt er nur Befehlen und Ge- horchen. Ungehorſam iſt ihm gleichbedeutend mit Götzendienſt, Gehor- ſam verlangt er von jedermann, Geiſtlichen und Laien, Biſchöfen und Königen, ſtets bereit ihn zu erzwingen; wenn Worte nicht ausreichen, mit der Gewalt der Waffen. Alle Augenblicke fließt ihm das Wort des Propheten Jeremias aus der Feder: „Verflucht ſei der Menſch, der das Schwert aufhält, daß es nicht Blut vergieße.“ Wie oft hat er ſich über die Herrſchſucht der Menſchen, ihre superbia, ereifert; aber wer hat mehr zu herrſchen begehrt als er? Nicht freilich im eigenen Namen; Petrus der Apoſtelfürſt iſt es, für den er bedingungs- loſen Gehorſam fordert, ihn nennt er alle Augenblicke: Aber mit ihm ſetzt er ungeſcheut ſich ſelber gleich. Durch Gregor ſpricht Petrus, wer Gregor nicht gehorcht, lehnt ſich gegen den Apoſtel auf, der über Himmel und Erde gebietet. Es iſt die Jdee, der er lebt, die ihn ſo gänzlich be- herrſcht, daß er darüber den Sinn für die wirkliche Welt verlieren kann: Petrus gebietet über den Himmel und darum auch über die Erde. Das Haller, Das Papſttum II1 26

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 401. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/409>, abgerufen am 19.09.2020.