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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Gregors Tod
zugleich ein Bekenntnis unerschütterlichen Glaubens an die eigene Sache.
Wie stets in ähnlichen Fällen wirft er alle Schuld auf die Feinde, die
in ihm den Vorkämpfer des Rechts der Kirche verfolgen, wie seit Kon-
stantin dem Großen niemand verfolgt worden ist. Er geißelt die Lauheit
der Freunde, die den Tod und die Feindschaft der Menschen fürchten,
und schließt mit Bitte und Befehl an alle, die als gläubige Christen
wissen, daß Petrus der Vater und Hirte und die römische Kirche die
Mutter und Lehrmeisterin aller Kirchen ist: "Stehet bei, eilet zu Hilfe
eurem Vater und eurer Mutter, wenn ihr durch sie Verzeihung für alle
eure Sünden und Segen und Gnade in diesem und im zukünftigen Leben
zu finden wünschet."

Es war sein letztes Wort, seine Rolle war ausgespielt. Am 25. Mai
1085, fast genau ein Jahr nach seiner Befreiung, beschloß er sein Leben,
ein Trauerspiel, wenn es je eines gab, gewoben aus Schuld und Schick-
sal. Daß der völlige Zusammenbruch seiner Macht herbeigeführt war
durch Ereignisse auf dem Schlachtfeld, die sich nicht vorausberechnen
ließen, liegt auf der Hand. Ohne die Niederlage von Volta Mantovana
und den Tod des deutschen Gegenkönigs wäre alles anders gekommen.
Aber wer hatte denn die Entscheidung durchs Schwert herausgefordert,
auf das Schlachtenglück sich verlassen und des gewissen Siegs sich ver-
messen? Die Apostelfürsten hatte Gregor beschworen, ihre Macht durch
den Sturz der Gegner zu beweisen. Damit hatte er sich selbst jeden Aus-
weg abgeschnitten, die rechtzeitige Verständigung mit dem Gegner,
durch die er dem Verhängnis hätte entgehen können, unmöglich gemacht.
Wie falsch, wie unklug das vom Standpunkt der Staatskunst war, hat
der Ausgang erwiesen. Auch sonst sind der Fälle genug, die Gregor nicht
als geschickten Politiker zeigen. Es war etwas in seiner Natur, was es
ihm schwer machte, sich in den Grenzen des Möglichen zu halten. Die
phantastischen Entwürfe der ersten Jahre, die falsche Behandlung der
unteritalischen Dinge, die Zumutungen an die Könige von Kastilien und
England, die gelegentlich geäußerte Absicht, selbst nach Spanien zu
reisen, um dort zum Rechten zu sehen, in einem Augenblick (Juni 1080),
wo in Jtalien alles auf des Messers Schneide stand, zuletzt noch die
Steuerforderung in Frankreich, verraten einen auffallenden Mangel an
Augenmaß. Dazu kommt die mitunter so unglückliche Wahl der Mittel,
die Vernachlässigung des menschlichen Taktes. Jn der Behandlung der
Freunde, auch der verdientesten, zeigt sie sich am deutlichsten. Hatte es

Gregors Tod
zugleich ein Bekenntnis unerſchütterlichen Glaubens an die eigene Sache.
Wie ſtets in ähnlichen Fällen wirft er alle Schuld auf die Feinde, die
in ihm den Vorkämpfer des Rechts der Kirche verfolgen, wie ſeit Kon-
ſtantin dem Großen niemand verfolgt worden iſt. Er geißelt die Lauheit
der Freunde, die den Tod und die Feindſchaft der Menſchen fürchten,
und ſchließt mit Bitte und Befehl an alle, die als gläubige Chriſten
wiſſen, daß Petrus der Vater und Hirte und die römiſche Kirche die
Mutter und Lehrmeiſterin aller Kirchen iſt: „Stehet bei, eilet zu Hilfe
eurem Vater und eurer Mutter, wenn ihr durch ſie Verzeihung für alle
eure Sünden und Segen und Gnade in dieſem und im zukünftigen Leben
zu finden wünſchet.“

Es war ſein letztes Wort, ſeine Rolle war ausgeſpielt. Am 25. Mai
1085, faſt genau ein Jahr nach ſeiner Befreiung, beſchloß er ſein Leben,
ein Trauerſpiel, wenn es je eines gab, gewoben aus Schuld und Schick-
ſal. Daß der völlige Zuſammenbruch ſeiner Macht herbeigeführt war
durch Ereigniſſe auf dem Schlachtfeld, die ſich nicht vorausberechnen
ließen, liegt auf der Hand. Ohne die Niederlage von Volta Mantovana
und den Tod des deutſchen Gegenkönigs wäre alles anders gekommen.
Aber wer hatte denn die Entſcheidung durchs Schwert herausgefordert,
auf das Schlachtenglück ſich verlaſſen und des gewiſſen Siegs ſich ver-
meſſen? Die Apoſtelfürſten hatte Gregor beſchworen, ihre Macht durch
den Sturz der Gegner zu beweiſen. Damit hatte er ſich ſelbſt jeden Aus-
weg abgeſchnitten, die rechtzeitige Verſtändigung mit dem Gegner,
durch die er dem Verhängnis hätte entgehen können, unmöglich gemacht.
Wie falſch, wie unklug das vom Standpunkt der Staatskunſt war, hat
der Ausgang erwieſen. Auch ſonſt ſind der Fälle genug, die Gregor nicht
als geſchickten Politiker zeigen. Es war etwas in ſeiner Natur, was es
ihm ſchwer machte, ſich in den Grenzen des Möglichen zu halten. Die
phantaſtiſchen Entwürfe der erſten Jahre, die falſche Behandlung der
unteritaliſchen Dinge, die Zumutungen an die Könige von Kaſtilien und
England, die gelegentlich geäußerte Abſicht, ſelbſt nach Spanien zu
reiſen, um dort zum Rechten zu ſehen, in einem Augenblick (Juni 1080),
wo in Jtalien alles auf des Meſſers Schneide ſtand, zuletzt noch die
Steuerforderung in Frankreich, verraten einen auffallenden Mangel an
Augenmaß. Dazu kommt die mitunter ſo unglückliche Wahl der Mittel,
die Vernachläſſigung des menſchlichen Taktes. Jn der Behandlung der
Freunde, auch der verdienteſten, zeigt ſie ſich am deutlichſten. Hatte es

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[400/0408] Gregors Tod zugleich ein Bekenntnis unerſchütterlichen Glaubens an die eigene Sache. Wie ſtets in ähnlichen Fällen wirft er alle Schuld auf die Feinde, die in ihm den Vorkämpfer des Rechts der Kirche verfolgen, wie ſeit Kon- ſtantin dem Großen niemand verfolgt worden iſt. Er geißelt die Lauheit der Freunde, die den Tod und die Feindſchaft der Menſchen fürchten, und ſchließt mit Bitte und Befehl an alle, die als gläubige Chriſten wiſſen, daß Petrus der Vater und Hirte und die römiſche Kirche die Mutter und Lehrmeiſterin aller Kirchen iſt: „Stehet bei, eilet zu Hilfe eurem Vater und eurer Mutter, wenn ihr durch ſie Verzeihung für alle eure Sünden und Segen und Gnade in dieſem und im zukünftigen Leben zu finden wünſchet.“ Es war ſein letztes Wort, ſeine Rolle war ausgeſpielt. Am 25. Mai 1085, faſt genau ein Jahr nach ſeiner Befreiung, beſchloß er ſein Leben, ein Trauerſpiel, wenn es je eines gab, gewoben aus Schuld und Schick- ſal. Daß der völlige Zuſammenbruch ſeiner Macht herbeigeführt war durch Ereigniſſe auf dem Schlachtfeld, die ſich nicht vorausberechnen ließen, liegt auf der Hand. Ohne die Niederlage von Volta Mantovana und den Tod des deutſchen Gegenkönigs wäre alles anders gekommen. Aber wer hatte denn die Entſcheidung durchs Schwert herausgefordert, auf das Schlachtenglück ſich verlaſſen und des gewiſſen Siegs ſich ver- meſſen? Die Apoſtelfürſten hatte Gregor beſchworen, ihre Macht durch den Sturz der Gegner zu beweiſen. Damit hatte er ſich ſelbſt jeden Aus- weg abgeſchnitten, die rechtzeitige Verſtändigung mit dem Gegner, durch die er dem Verhängnis hätte entgehen können, unmöglich gemacht. Wie falſch, wie unklug das vom Standpunkt der Staatskunſt war, hat der Ausgang erwieſen. Auch ſonſt ſind der Fälle genug, die Gregor nicht als geſchickten Politiker zeigen. Es war etwas in ſeiner Natur, was es ihm ſchwer machte, ſich in den Grenzen des Möglichen zu halten. Die phantaſtiſchen Entwürfe der erſten Jahre, die falſche Behandlung der unteritaliſchen Dinge, die Zumutungen an die Könige von Kaſtilien und England, die gelegentlich geäußerte Abſicht, ſelbſt nach Spanien zu reiſen, um dort zum Rechten zu ſehen, in einem Augenblick (Juni 1080), wo in Jtalien alles auf des Meſſers Schneide ſtand, zuletzt noch die Steuerforderung in Frankreich, verraten einen auffallenden Mangel an Augenmaß. Dazu kommt die mitunter ſo unglückliche Wahl der Mittel, die Vernachläſſigung des menſchlichen Taktes. Jn der Behandlung der Freunde, auch der verdienteſten, zeigt ſie ſich am deutlichſten. Hatte es

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 400. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/408>, abgerufen am 19.09.2020.