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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Gregors Befreiung
hatte aufgeboten, was immer er in seinem Lande fand, eine wilde, beute-
hungrige Masse, darunter nicht wenige Sarazenen aus Sizilien, die
dem Kampf gegen das Mekka der Ungläubigen mit besonderem Eifer
entgegensahen. Drei Tage ließ der Herzog die Stadt beobachten, dann,
in der Frühe des 28. Mai, wurde der Angriff an drei Stellen zugleich
eröffnet. Er führte sofort zum Erfolg. Zwei Tore wurden erstürmt, ein
drittes von Anhängern Gregors geöffnet, der Papst aus der Engelsburg
befreit und im Triumph in den Lateran geführt. Wie nun die normän-
nisch-sarazenischen Truppen zu plündern begannen, die römische Bevöl-
kerung sich dagegen zur Wehr setzte, entbrannte die Straßenschlacht.
Jn der Bedrängnis griffen die Normannen dazu, die Häuser in Brand
zu stecken, und bald standen zwei ganze Stadtteile in Flammen. Der Tag
endete, wie nicht anders zu erwarten, mit dem Siege der Normannen,
aber die Schandtaten, die sie verübt, die Verwüstungen, die sie ange-
richtet hatten, dazu der Mangel an Verpflegung in der ausgemordeten
und ausgebrannten Stadt zwangen zu schleunigem Abzug. Ein Versuch,
Tivoli zu nehmen und den Gegenpapst zu fangen, scheiterte, und Robert
hatte Eile. Jhm schloß Gregor sich an. Jn Rom war seines Bleibens
nicht mehr, nach dem Vorgefallenen wäre er inmitten der empörten
Bevölkerung seines Lebens nicht sicher gewesen. Zum Aufenthalt wurde
ihm Salerno angewiesen. Deutlicher konnte man ihn den Wandel
seines Glückes nicht fühlen lassen: die Stadt, deren Selbständigkeit er
gegen die normännische Eroberung vor allem hatte schützen wollen und
nicht schützen können, deren Name schon ihn an eine der empfindlichsten
Schlappen seiner Politik erinnerte, jetzt diente sie ihm als Zuflucht unter
normännischem Schutz.

Hier lebte er nun als ein Vertriebener, einsam und verlassen, von
wenigen Getreusten umgeben. Seine letzte Hoffnung war, aus Spanien
Geld zu erhalten, dorthin fertigte er einen Gesandten ab. Robert Guis-
card, ganz beschäftigt mit dem Krieg auf dem Balkan, überließ ihn
seinem Schicksal, für seinen Unterhalt sorgte der Abt von Monte-
cassino, von dem er die Strafe der Ausschließung hatte nehmen müssen.
Den Anschein päpstlichen Regiments hielt er aufrecht, versammelte
einige benachbarte Bischöfe um sich und schleuderte aufs neue den Fluch
gegen Heinrich IV. und Clemens III. Wie er in Wahrheit die eigene
Lage empfand, zeigt der Hilferuf, den er "an alle, die den apostolischen
Stuhl wahrhaft lieben," hinausgehen ließ. Es ist ein Notschrei und doch

Gregors Befreiung
hatte aufgeboten, was immer er in ſeinem Lande fand, eine wilde, beute-
hungrige Maſſe, darunter nicht wenige Sarazenen aus Sizilien, die
dem Kampf gegen das Mekka der Ungläubigen mit beſonderem Eifer
entgegenſahen. Drei Tage ließ der Herzog die Stadt beobachten, dann,
in der Frühe des 28. Mai, wurde der Angriff an drei Stellen zugleich
eröffnet. Er führte ſofort zum Erfolg. Zwei Tore wurden erſtürmt, ein
drittes von Anhängern Gregors geöffnet, der Papſt aus der Engelsburg
befreit und im Triumph in den Lateran geführt. Wie nun die normän-
niſch-ſarazeniſchen Truppen zu plündern begannen, die römiſche Bevöl-
kerung ſich dagegen zur Wehr ſetzte, entbrannte die Straßenſchlacht.
Jn der Bedrängnis griffen die Normannen dazu, die Häuſer in Brand
zu ſtecken, und bald ſtanden zwei ganze Stadtteile in Flammen. Der Tag
endete, wie nicht anders zu erwarten, mit dem Siege der Normannen,
aber die Schandtaten, die ſie verübt, die Verwüſtungen, die ſie ange-
richtet hatten, dazu der Mangel an Verpflegung in der ausgemordeten
und ausgebrannten Stadt zwangen zu ſchleunigem Abzug. Ein Verſuch,
Tivoli zu nehmen und den Gegenpapſt zu fangen, ſcheiterte, und Robert
hatte Eile. Jhm ſchloß Gregor ſich an. Jn Rom war ſeines Bleibens
nicht mehr, nach dem Vorgefallenen wäre er inmitten der empörten
Bevölkerung ſeines Lebens nicht ſicher geweſen. Zum Aufenthalt wurde
ihm Salerno angewieſen. Deutlicher konnte man ihn den Wandel
ſeines Glückes nicht fühlen laſſen: die Stadt, deren Selbſtändigkeit er
gegen die normänniſche Eroberung vor allem hatte ſchützen wollen und
nicht ſchützen können, deren Name ſchon ihn an eine der empfindlichſten
Schlappen ſeiner Politik erinnerte, jetzt diente ſie ihm als Zuflucht unter
normänniſchem Schutz.

Hier lebte er nun als ein Vertriebener, einſam und verlaſſen, von
wenigen Getreuſten umgeben. Seine letzte Hoffnung war, aus Spanien
Geld zu erhalten, dorthin fertigte er einen Geſandten ab. Robert Guis-
card, ganz beſchäftigt mit dem Krieg auf dem Balkan, überließ ihn
ſeinem Schickſal, für ſeinen Unterhalt ſorgte der Abt von Monte-
caſſino, von dem er die Strafe der Ausſchließung hatte nehmen müſſen.
Den Anſchein päpſtlichen Regiments hielt er aufrecht, verſammelte
einige benachbarte Biſchöfe um ſich und ſchleuderte aufs neue den Fluch
gegen Heinrich IV. und Clemens III. Wie er in Wahrheit die eigene
Lage empfand, zeigt der Hilferuf, den er „an alle, die den apoſtoliſchen
Stuhl wahrhaft lieben,“ hinausgehen ließ. Es iſt ein Notſchrei und doch

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[399/0407] Gregors Befreiung hatte aufgeboten, was immer er in ſeinem Lande fand, eine wilde, beute- hungrige Maſſe, darunter nicht wenige Sarazenen aus Sizilien, die dem Kampf gegen das Mekka der Ungläubigen mit beſonderem Eifer entgegenſahen. Drei Tage ließ der Herzog die Stadt beobachten, dann, in der Frühe des 28. Mai, wurde der Angriff an drei Stellen zugleich eröffnet. Er führte ſofort zum Erfolg. Zwei Tore wurden erſtürmt, ein drittes von Anhängern Gregors geöffnet, der Papſt aus der Engelsburg befreit und im Triumph in den Lateran geführt. Wie nun die normän- niſch-ſarazeniſchen Truppen zu plündern begannen, die römiſche Bevöl- kerung ſich dagegen zur Wehr ſetzte, entbrannte die Straßenſchlacht. Jn der Bedrängnis griffen die Normannen dazu, die Häuſer in Brand zu ſtecken, und bald ſtanden zwei ganze Stadtteile in Flammen. Der Tag endete, wie nicht anders zu erwarten, mit dem Siege der Normannen, aber die Schandtaten, die ſie verübt, die Verwüſtungen, die ſie ange- richtet hatten, dazu der Mangel an Verpflegung in der ausgemordeten und ausgebrannten Stadt zwangen zu ſchleunigem Abzug. Ein Verſuch, Tivoli zu nehmen und den Gegenpapſt zu fangen, ſcheiterte, und Robert hatte Eile. Jhm ſchloß Gregor ſich an. Jn Rom war ſeines Bleibens nicht mehr, nach dem Vorgefallenen wäre er inmitten der empörten Bevölkerung ſeines Lebens nicht ſicher geweſen. Zum Aufenthalt wurde ihm Salerno angewieſen. Deutlicher konnte man ihn den Wandel ſeines Glückes nicht fühlen laſſen: die Stadt, deren Selbſtändigkeit er gegen die normänniſche Eroberung vor allem hatte ſchützen wollen und nicht ſchützen können, deren Name ſchon ihn an eine der empfindlichſten Schlappen ſeiner Politik erinnerte, jetzt diente ſie ihm als Zuflucht unter normänniſchem Schutz. Hier lebte er nun als ein Vertriebener, einſam und verlaſſen, von wenigen Getreuſten umgeben. Seine letzte Hoffnung war, aus Spanien Geld zu erhalten, dorthin fertigte er einen Geſandten ab. Robert Guis- card, ganz beſchäftigt mit dem Krieg auf dem Balkan, überließ ihn ſeinem Schickſal, für ſeinen Unterhalt ſorgte der Abt von Monte- caſſino, von dem er die Strafe der Ausſchließung hatte nehmen müſſen. Den Anſchein päpſtlichen Regiments hielt er aufrecht, verſammelte einige benachbarte Biſchöfe um ſich und ſchleuderte aufs neue den Fluch gegen Heinrich IV. und Clemens III. Wie er in Wahrheit die eigene Lage empfand, zeigt der Hilferuf, den er „an alle, die den apoſtoliſchen Stuhl wahrhaft lieben,“ hinausgehen ließ. Es iſt ein Notſchrei und doch

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 399. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/407>, abgerufen am 19.09.2020.