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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Heinrich IV. in Rom. Kaiserkrönung
sich ihnen an. Am 21. wurden die Tore geöffnet, das Heer des Königs
rückte ein. Drei Tage später, am Palmsonntag, fand eine Versammlung
von Volk und Geistlichkeit statt, Hildebrand wurde für abgesetzt erklärt
und Wibert zum Papst gewählt. Es war die Wiedergutmachung des
Fehlers, den man mit der völlig regelwidrigen Brixener Wahl be-
gangen hatte, an der als einziger Kardinal Hugo der Weiße beteiligt
gewesen war. Der nunmehr in altherkömmlicher Form von Klerus und
Volk nach dem Vorschlag des König-Patritius gewählte Clemens III.
wurde sogleich im Lateran auf den Thron gesetzt und in Sankt Peter
geweiht. Mit der Weihe hatte es einige Schwierigkeit, der Bischof
von Ostia, der sie zu vollziehen hatte, war Gregor treu geblieben und
mußte durch die Bischöfe von Arezzo und Modena ersetzt werden. Eine
Woche später, am Ostersonntag, krönte der neue Papst seinen König
zum römischen Kaiser. Es sah aus, als wiederholten sich die Ereignisse
von 1046, der Strom der Entwicklung schien in das alte Bett zurückzu-
kehren, das er vor einem Menschenalter verlassen hatte.

Aber so glänzend, wie er sich dem oberflächlichen Betrachter darstellte,
war Heinrichs Erfolg keineswegs. Noch war Rom nicht ganz in seiner
Hand, einige Adelsburgen, in denen man an Gregor festhielt, waren
nicht bezwungen, und in der uneinnehmbaren Engelsburg saß Gregor
selbst, unerreichbar und einstweilen unüberwindlich in hartnäckigem
passivem Widerstand. Am südlichen Horizont aber ballte sich ein Ge-
witter zusammen. Robert Guiscard beendete soeben nach endgültiger
Unterdrückung des Aufstandes die umfassenden Rüstungen, mit denen er
den unterbrochenen Krieg gegen Konstantinopel wieder aufzunehmen ge-
dachte. Da ereilte ihn der dringende Hilferuf, den Gregor ihm auf ge-
heimen Wegen zukommen ließ. Sobald er konnte, brach er auf, mit
einem Heer, das die Zeitgenossen als gewaltig, als ungeheuer bezeichnen,
und das jedenfalls die in jener Zeit übliche Stärke weit übertroffen haben
muß. Jn Eilmärschen näherte er sich Rom, zu großem Kampf mit dem
Kaiser entschlossen. Dieser jedoch, vom Abt von Montecassino gewarnt,
war ausgewichen. Für eine offene Feldschlacht viel zu schwach, konnte
er es noch weniger darauf ankommen lassen, in Rom eingeschlossen zu
werden. Sein Hauptziel, die Kaiserkrönung, hatte er ja erreicht. So
zog er am 21. Mai ab nach Deutschland und ließ nur Clemens mit
Truppen im festen Tivoli zurück.

Einige Tage später stand Robert mit seinem Heere vor Rom. Er

Heinrich IV. in Rom. Kaiſerkrönung
ſich ihnen an. Am 21. wurden die Tore geöffnet, das Heer des Königs
rückte ein. Drei Tage ſpäter, am Palmſonntag, fand eine Verſammlung
von Volk und Geiſtlichkeit ſtatt, Hildebrand wurde für abgeſetzt erklärt
und Wibert zum Papſt gewählt. Es war die Wiedergutmachung des
Fehlers, den man mit der völlig regelwidrigen Brixener Wahl be-
gangen hatte, an der als einziger Kardinal Hugo der Weiße beteiligt
geweſen war. Der nunmehr in altherkömmlicher Form von Klerus und
Volk nach dem Vorſchlag des König-Patritius gewählte Clemens III.
wurde ſogleich im Lateran auf den Thron geſetzt und in Sankt Peter
geweiht. Mit der Weihe hatte es einige Schwierigkeit, der Biſchof
von Oſtia, der ſie zu vollziehen hatte, war Gregor treu geblieben und
mußte durch die Biſchöfe von Arezzo und Modena erſetzt werden. Eine
Woche ſpäter, am Oſterſonntag, krönte der neue Papſt ſeinen König
zum römiſchen Kaiſer. Es ſah aus, als wiederholten ſich die Ereigniſſe
von 1046, der Strom der Entwicklung ſchien in das alte Bett zurückzu-
kehren, das er vor einem Menſchenalter verlaſſen hatte.

Aber ſo glänzend, wie er ſich dem oberflächlichen Betrachter darſtellte,
war Heinrichs Erfolg keineswegs. Noch war Rom nicht ganz in ſeiner
Hand, einige Adelsburgen, in denen man an Gregor feſthielt, waren
nicht bezwungen, und in der uneinnehmbaren Engelsburg ſaß Gregor
ſelbſt, unerreichbar und einſtweilen unüberwindlich in hartnäckigem
paſſivem Widerſtand. Am ſüdlichen Horizont aber ballte ſich ein Ge-
witter zuſammen. Robert Guiscard beendete ſoeben nach endgültiger
Unterdrückung des Aufſtandes die umfaſſenden Rüſtungen, mit denen er
den unterbrochenen Krieg gegen Konſtantinopel wieder aufzunehmen ge-
dachte. Da ereilte ihn der dringende Hilferuf, den Gregor ihm auf ge-
heimen Wegen zukommen ließ. Sobald er konnte, brach er auf, mit
einem Heer, das die Zeitgenoſſen als gewaltig, als ungeheuer bezeichnen,
und das jedenfalls die in jener Zeit übliche Stärke weit übertroffen haben
muß. Jn Eilmärſchen näherte er ſich Rom, zu großem Kampf mit dem
Kaiſer entſchloſſen. Dieſer jedoch, vom Abt von Montecaſſino gewarnt,
war ausgewichen. Für eine offene Feldſchlacht viel zu ſchwach, konnte
er es noch weniger darauf ankommen laſſen, in Rom eingeſchloſſen zu
werden. Sein Hauptziel, die Kaiſerkrönung, hatte er ja erreicht. So
zog er am 21. Mai ab nach Deutſchland und ließ nur Clemens mit
Truppen im feſten Tivoli zurück.

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[398/0406] Heinrich IV. in Rom. Kaiſerkrönung ſich ihnen an. Am 21. wurden die Tore geöffnet, das Heer des Königs rückte ein. Drei Tage ſpäter, am Palmſonntag, fand eine Verſammlung von Volk und Geiſtlichkeit ſtatt, Hildebrand wurde für abgeſetzt erklärt und Wibert zum Papſt gewählt. Es war die Wiedergutmachung des Fehlers, den man mit der völlig regelwidrigen Brixener Wahl be- gangen hatte, an der als einziger Kardinal Hugo der Weiße beteiligt geweſen war. Der nunmehr in altherkömmlicher Form von Klerus und Volk nach dem Vorſchlag des König-Patritius gewählte Clemens III. wurde ſogleich im Lateran auf den Thron geſetzt und in Sankt Peter geweiht. Mit der Weihe hatte es einige Schwierigkeit, der Biſchof von Oſtia, der ſie zu vollziehen hatte, war Gregor treu geblieben und mußte durch die Biſchöfe von Arezzo und Modena erſetzt werden. Eine Woche ſpäter, am Oſterſonntag, krönte der neue Papſt ſeinen König zum römiſchen Kaiſer. Es ſah aus, als wiederholten ſich die Ereigniſſe von 1046, der Strom der Entwicklung ſchien in das alte Bett zurückzu- kehren, das er vor einem Menſchenalter verlaſſen hatte. Aber ſo glänzend, wie er ſich dem oberflächlichen Betrachter darſtellte, war Heinrichs Erfolg keineswegs. Noch war Rom nicht ganz in ſeiner Hand, einige Adelsburgen, in denen man an Gregor feſthielt, waren nicht bezwungen, und in der uneinnehmbaren Engelsburg ſaß Gregor ſelbſt, unerreichbar und einſtweilen unüberwindlich in hartnäckigem paſſivem Widerſtand. Am ſüdlichen Horizont aber ballte ſich ein Ge- witter zuſammen. Robert Guiscard beendete ſoeben nach endgültiger Unterdrückung des Aufſtandes die umfaſſenden Rüſtungen, mit denen er den unterbrochenen Krieg gegen Konſtantinopel wieder aufzunehmen ge- dachte. Da ereilte ihn der dringende Hilferuf, den Gregor ihm auf ge- heimen Wegen zukommen ließ. Sobald er konnte, brach er auf, mit einem Heer, das die Zeitgenoſſen als gewaltig, als ungeheuer bezeichnen, und das jedenfalls die in jener Zeit übliche Stärke weit übertroffen haben muß. Jn Eilmärſchen näherte er ſich Rom, zu großem Kampf mit dem Kaiſer entſchloſſen. Dieſer jedoch, vom Abt von Montecaſſino gewarnt, war ausgewichen. Für eine offene Feldſchlacht viel zu ſchwach, konnte er es noch weniger darauf ankommen laſſen, in Rom eingeſchloſſen zu werden. Sein Hauptziel, die Kaiſerkrönung, hatte er ja erreicht. So zog er am 21. Mai ab nach Deutſchland und ließ nur Clemens mit Truppen im feſten Tivoli zurück. Einige Tage ſpäter ſtand Robert mit ſeinem Heere vor Rom. Er

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 398. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/406>, abgerufen am 19.09.2020.