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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Verhandlungen. Abfall von Gregor
schen Kirche zurückgegeben werde, was ihr genommen sei. Man kann es
Heinrich nicht verdenken, daß er diese zweideutige Erklärung nicht für
eine Erfüllung des Vertrags ansah. Gesandte der deutschen aufständi-
schen Fürsten, die zum Papst wollten, auch einen Kardinalbischof ließ
er gefangennehmen. Daraufhin kehrten andere, die schon nach Rom
unterwegs waren, wieder um, und die Synode, die schließlich Ende No-
vember in Rom tagte, brachte nicht, was man erwartet hatte. Nur eine
Anzahl unteritalischer Bischöfe und Äbte, auch einige wenige Fran-
zosen hatten sich eingefunden. Was da vorgegangen ist, erfahren wir
nicht, außer daß Gregor nur mit Mühe davon abgehalten wurde, den
Fluch gegen Heinrich zu wiederholen. Jm übrigen heißt es in der amt-
lichen Aufzeichnung, der Papst habe "über Glaubensbekenntnis, christ-
lichen Lebenswandel und die in derzeitiger Bedrängnis notwendige Gei-
stesstärke und Standhaftigkeit nicht mit menschlichem, sondern mit
engelsgleichem Munde" gepredigt. Beschlüsse werden nicht gemeldet.
Der Friede war also gescheitert. Er scheiterte, weil Gregor forderte und
von seinem Standpunkt aus fordern mußte, was Heinrich nie und nim-
mer zugestehen konnte. Heinrich kam ihm sehr weit entgegen: er war
bereit, den Gegenpapst zu opfern, Gregor anzuerkennen und von ihm die
Kaiserkrone zu empfangen. Gregor dagegen verlangte, daß der König
zuvor öffentlich Buße tue. Den Unbußfertigen, mit ungesühnter Schuld
Beladenen loszusprechen, war für ihn nach seinen Grundsätzen unmöglich;
daß er auf öffentlicher Buße bestand, entsprach seiner persönlichen Na-
tur. Ob noch andere Bedingungen gestellt wurden, wissen wir nicht,
diese eine genügte, um die Verständigung zu Fall zu bringen. Ein zweites
Canossa auf sich zu nehmen, hätte Heinrich sich schwerlich erniedrigt,
auch wenn seine Lage noch so schlimm gewesen wäre. Sie war das Ge-
genteil: er hatte die Zusage der römischen Großen in der Hand, er stand
dicht vor dem vollständigen Siege, und es war schon viel, daß er sich
überhaupt zur Verständigung willig zeigte.

So kam das Jahr 1084 heran. Heinrich führte zunächst einen Streif-
zug nach Apulien aus, den er seinem griechischen Bundesgenossen schuldig
war. Jm März rückte er vor Rom. Hier hatte Gregor die Zügel der
Herrschaft völlig verloren. Nicht nur fast der ganze Adel wartete auf
den Augenblick, dem deutschen König das Versprochene zu leisten, auch
die Mehrheit der Kardinäle, dreizehn an Zahl, verließen ihren Papst,
darunter einige, die er selbst ernannt hatte, und die Beamtenschaft schloß

Verhandlungen. Abfall von Gregor
ſchen Kirche zurückgegeben werde, was ihr genommen ſei. Man kann es
Heinrich nicht verdenken, daß er dieſe zweideutige Erklärung nicht für
eine Erfüllung des Vertrags anſah. Geſandte der deutſchen aufſtändi-
ſchen Fürſten, die zum Papſt wollten, auch einen Kardinalbiſchof ließ
er gefangennehmen. Daraufhin kehrten andere, die ſchon nach Rom
unterwegs waren, wieder um, und die Synode, die ſchließlich Ende No-
vember in Rom tagte, brachte nicht, was man erwartet hatte. Nur eine
Anzahl unteritaliſcher Biſchöfe und Äbte, auch einige wenige Fran-
zoſen hatten ſich eingefunden. Was da vorgegangen iſt, erfahren wir
nicht, außer daß Gregor nur mit Mühe davon abgehalten wurde, den
Fluch gegen Heinrich zu wiederholen. Jm übrigen heißt es in der amt-
lichen Aufzeichnung, der Papſt habe „über Glaubensbekenntnis, chriſt-
lichen Lebenswandel und die in derzeitiger Bedrängnis notwendige Gei-
ſtesſtärke und Standhaftigkeit nicht mit menſchlichem, ſondern mit
engelsgleichem Munde“ gepredigt. Beſchlüſſe werden nicht gemeldet.
Der Friede war alſo geſcheitert. Er ſcheiterte, weil Gregor forderte und
von ſeinem Standpunkt aus fordern mußte, was Heinrich nie und nim-
mer zugeſtehen konnte. Heinrich kam ihm ſehr weit entgegen: er war
bereit, den Gegenpapſt zu opfern, Gregor anzuerkennen und von ihm die
Kaiſerkrone zu empfangen. Gregor dagegen verlangte, daß der König
zuvor öffentlich Buße tue. Den Unbußfertigen, mit ungeſühnter Schuld
Beladenen loszuſprechen, war für ihn nach ſeinen Grundſätzen unmöglich;
daß er auf öffentlicher Buße beſtand, entſprach ſeiner perſönlichen Na-
tur. Ob noch andere Bedingungen geſtellt wurden, wiſſen wir nicht,
dieſe eine genügte, um die Verſtändigung zu Fall zu bringen. Ein zweites
Canoſſa auf ſich zu nehmen, hätte Heinrich ſich ſchwerlich erniedrigt,
auch wenn ſeine Lage noch ſo ſchlimm geweſen wäre. Sie war das Ge-
genteil: er hatte die Zuſage der römiſchen Großen in der Hand, er ſtand
dicht vor dem vollſtändigen Siege, und es war ſchon viel, daß er ſich
überhaupt zur Verſtändigung willig zeigte.

So kam das Jahr 1084 heran. Heinrich führte zunächſt einen Streif-
zug nach Apulien aus, den er ſeinem griechiſchen Bundesgenoſſen ſchuldig
war. Jm März rückte er vor Rom. Hier hatte Gregor die Zügel der
Herrſchaft völlig verloren. Nicht nur faſt der ganze Adel wartete auf
den Augenblick, dem deutſchen König das Verſprochene zu leiſten, auch
die Mehrheit der Kardinäle, dreizehn an Zahl, verließen ihren Papſt,
darunter einige, die er ſelbſt ernannt hatte, und die Beamtenſchaft ſchloß

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[397/0405] Verhandlungen. Abfall von Gregor ſchen Kirche zurückgegeben werde, was ihr genommen ſei. Man kann es Heinrich nicht verdenken, daß er dieſe zweideutige Erklärung nicht für eine Erfüllung des Vertrags anſah. Geſandte der deutſchen aufſtändi- ſchen Fürſten, die zum Papſt wollten, auch einen Kardinalbiſchof ließ er gefangennehmen. Daraufhin kehrten andere, die ſchon nach Rom unterwegs waren, wieder um, und die Synode, die ſchließlich Ende No- vember in Rom tagte, brachte nicht, was man erwartet hatte. Nur eine Anzahl unteritaliſcher Biſchöfe und Äbte, auch einige wenige Fran- zoſen hatten ſich eingefunden. Was da vorgegangen iſt, erfahren wir nicht, außer daß Gregor nur mit Mühe davon abgehalten wurde, den Fluch gegen Heinrich zu wiederholen. Jm übrigen heißt es in der amt- lichen Aufzeichnung, der Papſt habe „über Glaubensbekenntnis, chriſt- lichen Lebenswandel und die in derzeitiger Bedrängnis notwendige Gei- ſtesſtärke und Standhaftigkeit nicht mit menſchlichem, ſondern mit engelsgleichem Munde“ gepredigt. Beſchlüſſe werden nicht gemeldet. Der Friede war alſo geſcheitert. Er ſcheiterte, weil Gregor forderte und von ſeinem Standpunkt aus fordern mußte, was Heinrich nie und nim- mer zugeſtehen konnte. Heinrich kam ihm ſehr weit entgegen: er war bereit, den Gegenpapſt zu opfern, Gregor anzuerkennen und von ihm die Kaiſerkrone zu empfangen. Gregor dagegen verlangte, daß der König zuvor öffentlich Buße tue. Den Unbußfertigen, mit ungeſühnter Schuld Beladenen loszuſprechen, war für ihn nach ſeinen Grundſätzen unmöglich; daß er auf öffentlicher Buße beſtand, entſprach ſeiner perſönlichen Na- tur. Ob noch andere Bedingungen geſtellt wurden, wiſſen wir nicht, dieſe eine genügte, um die Verſtändigung zu Fall zu bringen. Ein zweites Canoſſa auf ſich zu nehmen, hätte Heinrich ſich ſchwerlich erniedrigt, auch wenn ſeine Lage noch ſo ſchlimm geweſen wäre. Sie war das Ge- genteil: er hatte die Zuſage der römiſchen Großen in der Hand, er ſtand dicht vor dem vollſtändigen Siege, und es war ſchon viel, daß er ſich überhaupt zur Verſtändigung willig zeigte. So kam das Jahr 1084 heran. Heinrich führte zunächſt einen Streif- zug nach Apulien aus, den er ſeinem griechiſchen Bundesgenoſſen ſchuldig war. Jm März rückte er vor Rom. Hier hatte Gregor die Zügel der Herrſchaft völlig verloren. Nicht nur faſt der ganze Adel wartete auf den Augenblick, dem deutſchen König das Verſprochene zu leiſten, auch die Mehrheit der Kardinäle, dreizehn an Zahl, verließen ihren Papſt, darunter einige, die er ſelbſt ernannt hatte, und die Beamtenſchaft ſchloß

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 397. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/405>, abgerufen am 19.09.2020.