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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Verhandlungen
setzen, zugleich aber Gregors Stellung in Rom selbst durch Zahlungen
und Versprechungen zu untergraben. Als die Fieberzeit herannahte, zog
er unter Zurücklassung einer Beobachtungstruppe ab, die Einschließung
der Stadt wurde aufrechterhalten. Jn ihr begann der Hunger im Verein
mit dem Gelde des Königs zu wirken. Es gelang, die Häupter des Adels
so weit für den König zu gewinnen, daß sie von Gregor die Berufung
einer Synode verlangten, die den Streit zwischen ihm und Clemens III.
entscheiden sollte. Jnsgeheim verpflichteten sie sich dem König durch Eid,
zu bewirken, daß Gregor ihn in bestimmter Frist zum Kaiser kröne, oder
einen andern Papst nach dem Vorschlag des Königs zu wählen. Worauf
es Heinrich ankam, war die Anerkennung seiner Herrschaft in Rom in
Form der Kaiserkrönung. Dafür wollte er das Opfer bringen, seinen
Papst fallen zu lassen. Hatte er doch schon ein Jahr zuvor bei der Unter-
werfung von Capua und Montecassino auf Anerkennung Clemens' III.
nicht bestanden. Dieser scheint auch keine Schwierigkeiten gemacht zu
haben. Es ist eine Äußerung von ihm überliefert, die alle Glaubwürdig-
keit für sich hat: er habe die päpstliche Würde ungern übernommen und
nur, weil anders das Reich für den König nicht zu retten gewesen wäre.

Während nun Heinrich in Oberitalien gegen Mathildens Besitzungen
vorging, begannen die Verhandlungen mit Gregor. Von königlicher
Seite wurden sie geführt durch den gerissenen Bischof Benno von Osna-
brück, der es meisterhaft verstand, seinem König zu dienen, ohne mit
Gregor zu brechen. Unermüdlich ritt er zwischen Rom und dem Haupt-
quartier Heinrichs hin und her. Auch Abt Hugo von Cluny nahm sich
der Sache an. Er hatte dem König schon in Canossa aus der Not gehol-
fen und scheute sich auch jetzt nicht, bei Gregor ein gutes Wort für ihn
einzulegen. Es war umsonst. Alles, wozu Gregor sich verstand, war die
Berufung der Synode, zu der Heinrich den Teilnehmern sicheres Geleit
versprach. Aber schon die Ankündigung, zu der Gregor sich herbeiließ,
eröffnete schwache Aussichten. Allen nicht ausgeschlossenen Geistlichen
und Laien tat er seine Bereitwilligkeit kund, auf einer allgemeinen
Synode an sicherem Ort zu untersuchen und festzustellen, wer an der
Feindschaft zwischen Kirche und Reich schuld sei, damit der Friede
wiederhergestellt und seine eigene Unschuld an dem entstandenen Zwie-
spalt, insbesondere an der Erhebung des Gegenkönigs, erwiesen werde.
Die Ankündigung war so unbestimmt wie möglich, nannte weder Zeit
noch Ort, machte aber ausdrücklich zur Bedingung, daß vorher der römi-

Verhandlungen
ſetzen, zugleich aber Gregors Stellung in Rom ſelbſt durch Zahlungen
und Verſprechungen zu untergraben. Als die Fieberzeit herannahte, zog
er unter Zurücklaſſung einer Beobachtungstruppe ab, die Einſchließung
der Stadt wurde aufrechterhalten. Jn ihr begann der Hunger im Verein
mit dem Gelde des Königs zu wirken. Es gelang, die Häupter des Adels
ſo weit für den König zu gewinnen, daß ſie von Gregor die Berufung
einer Synode verlangten, die den Streit zwiſchen ihm und Clemens III.
entſcheiden ſollte. Jnsgeheim verpflichteten ſie ſich dem König durch Eid,
zu bewirken, daß Gregor ihn in beſtimmter Friſt zum Kaiſer kröne, oder
einen andern Papſt nach dem Vorſchlag des Königs zu wählen. Worauf
es Heinrich ankam, war die Anerkennung ſeiner Herrſchaft in Rom in
Form der Kaiſerkrönung. Dafür wollte er das Opfer bringen, ſeinen
Papſt fallen zu laſſen. Hatte er doch ſchon ein Jahr zuvor bei der Unter-
werfung von Capua und Montecaſſino auf Anerkennung Clemens' III.
nicht beſtanden. Dieſer ſcheint auch keine Schwierigkeiten gemacht zu
haben. Es iſt eine Äußerung von ihm überliefert, die alle Glaubwürdig-
keit für ſich hat: er habe die päpſtliche Würde ungern übernommen und
nur, weil anders das Reich für den König nicht zu retten geweſen wäre.

Während nun Heinrich in Oberitalien gegen Mathildens Beſitzungen
vorging, begannen die Verhandlungen mit Gregor. Von königlicher
Seite wurden ſie geführt durch den geriſſenen Biſchof Benno von Osna-
brück, der es meiſterhaft verſtand, ſeinem König zu dienen, ohne mit
Gregor zu brechen. Unermüdlich ritt er zwiſchen Rom und dem Haupt-
quartier Heinrichs hin und her. Auch Abt Hugo von Cluny nahm ſich
der Sache an. Er hatte dem König ſchon in Canoſſa aus der Not gehol-
fen und ſcheute ſich auch jetzt nicht, bei Gregor ein gutes Wort für ihn
einzulegen. Es war umſonſt. Alles, wozu Gregor ſich verſtand, war die
Berufung der Synode, zu der Heinrich den Teilnehmern ſicheres Geleit
verſprach. Aber ſchon die Ankündigung, zu der Gregor ſich herbeiließ,
eröffnete ſchwache Ausſichten. Allen nicht ausgeſchloſſenen Geiſtlichen
und Laien tat er ſeine Bereitwilligkeit kund, auf einer allgemeinen
Synode an ſicherem Ort zu unterſuchen und feſtzuſtellen, wer an der
Feindſchaft zwiſchen Kirche und Reich ſchuld ſei, damit der Friede
wiederhergeſtellt und ſeine eigene Unſchuld an dem entſtandenen Zwie-
ſpalt, insbeſondere an der Erhebung des Gegenkönigs, erwieſen werde.
Die Ankündigung war ſo unbeſtimmt wie möglich, nannte weder Zeit
noch Ort, machte aber ausdrücklich zur Bedingung, daß vorher der römi-

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[396/0404] Verhandlungen ſetzen, zugleich aber Gregors Stellung in Rom ſelbſt durch Zahlungen und Verſprechungen zu untergraben. Als die Fieberzeit herannahte, zog er unter Zurücklaſſung einer Beobachtungstruppe ab, die Einſchließung der Stadt wurde aufrechterhalten. Jn ihr begann der Hunger im Verein mit dem Gelde des Königs zu wirken. Es gelang, die Häupter des Adels ſo weit für den König zu gewinnen, daß ſie von Gregor die Berufung einer Synode verlangten, die den Streit zwiſchen ihm und Clemens III. entſcheiden ſollte. Jnsgeheim verpflichteten ſie ſich dem König durch Eid, zu bewirken, daß Gregor ihn in beſtimmter Friſt zum Kaiſer kröne, oder einen andern Papſt nach dem Vorſchlag des Königs zu wählen. Worauf es Heinrich ankam, war die Anerkennung ſeiner Herrſchaft in Rom in Form der Kaiſerkrönung. Dafür wollte er das Opfer bringen, ſeinen Papſt fallen zu laſſen. Hatte er doch ſchon ein Jahr zuvor bei der Unter- werfung von Capua und Montecaſſino auf Anerkennung Clemens' III. nicht beſtanden. Dieſer ſcheint auch keine Schwierigkeiten gemacht zu haben. Es iſt eine Äußerung von ihm überliefert, die alle Glaubwürdig- keit für ſich hat: er habe die päpſtliche Würde ungern übernommen und nur, weil anders das Reich für den König nicht zu retten geweſen wäre. Während nun Heinrich in Oberitalien gegen Mathildens Beſitzungen vorging, begannen die Verhandlungen mit Gregor. Von königlicher Seite wurden ſie geführt durch den geriſſenen Biſchof Benno von Osna- brück, der es meiſterhaft verſtand, ſeinem König zu dienen, ohne mit Gregor zu brechen. Unermüdlich ritt er zwiſchen Rom und dem Haupt- quartier Heinrichs hin und her. Auch Abt Hugo von Cluny nahm ſich der Sache an. Er hatte dem König ſchon in Canoſſa aus der Not gehol- fen und ſcheute ſich auch jetzt nicht, bei Gregor ein gutes Wort für ihn einzulegen. Es war umſonſt. Alles, wozu Gregor ſich verſtand, war die Berufung der Synode, zu der Heinrich den Teilnehmern ſicheres Geleit verſprach. Aber ſchon die Ankündigung, zu der Gregor ſich herbeiließ, eröffnete ſchwache Ausſichten. Allen nicht ausgeſchloſſenen Geiſtlichen und Laien tat er ſeine Bereitwilligkeit kund, auf einer allgemeinen Synode an ſicherem Ort zu unterſuchen und feſtzuſtellen, wer an der Feindſchaft zwiſchen Kirche und Reich ſchuld ſei, damit der Friede wiederhergeſtellt und ſeine eigene Unſchuld an dem entſtandenen Zwie- ſpalt, insbeſondere an der Erhebung des Gegenkönigs, erwieſen werde. Die Ankündigung war ſo unbeſtimmt wie möglich, nannte weder Zeit noch Ort, machte aber ausdrücklich zur Bedingung, daß vorher der römi-

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 396. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/404>, abgerufen am 19.09.2020.