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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Gregors wachsende Bedrängnis
Mahnung an Robert Guiscard, sich seiner beschworenen Vassallen-
pflicht zu erinnern, hatte keinen Erfolg. Aus den Anfängen einer viel-
versprechenden Siegeslaufbahn -- Ende Februar 1082 war Durazzo
gefallen -- hatte Robert heimkehren müssen, um einen gefährlichen Auf-
stand seiner Vassallen zu unterdrücken. Er konnte vorerst nicht helfen.

Während Gregors Kräfte schwanden, hoben sich die des Gegners.
Wertvolle Hilfe kam Heinrich aus dem Osten. Jn Konstantinopel war
Nikephoros durch den besten der Feldherrn, Alexios Komnenos, ver-
drängt, und der neue Kaiser faßte den Plan, Robert Guiscard im eigenen
Lande durch den deutschen König zu fesseln, der seinerseits in Robert den
Bundesgenossen Gregors zu sehen hatte. Griechische Gesandte meldeten
sich bei Heinrich, brachten reiche Geschenke und kostbare Reliquien und
trugen ein Bündnis an. Heinrich zauderte nicht; was konnte ihm will-
kommener sein als die Aussicht auf griechische Hilfsgelder? Jn seinem
Auftrag ging ein deutscher Graf nach Konstantinopel, um den Vertrag
vorzubereiten. Jnzwischen scheiterte ein Versuch des Gegenkönigs, Gre-
gor Hilfe zu bringen, völlig. Hermann gelangte zwar bis nach Schwaben,
aber nicht weiter, und für Sperrung der Alpenpässe hatte Heinrich ohne-
hin gesorgt. So blieb der Gegenkönig dauernd auf Sachsen beschränkt,
und in Jtalien überwog Heinrichs Partei noch mehr.

Das Jahr 1083 schien die Entscheidung bringen zu sollen. Heinrichs
Streitkräfte waren jetzt so weit vermehrt, daß er im Frühling die Ein-
schließung Roms unternehmen konnte. An Entsatz war nicht zu denken,
Robert noch immer durch eigene Bedrängnis festgehalten. Eine bedeu-
tende Geldsumme hatte er immerhin dem Papst gesandt, angeblich
30000 Denare, die es erlaubten, den Widerstand fortzusetzen. Wieder-
holte Sturmversuche, die Heinrich unternehmen ließ, scheiterten, aber
ein Ausfall der Belagerten mißlang ebenso. Die Stimmung in der
Stadt wurde immer schlechter, und am 3. Juni glückte es den Königlichen,
die mangelhaft bewachte Mauer der Leostadt zu ersteigen und den
Stadtteil mit der Peterskirche einzunehmen. Den Übergang aufs andere
Ufer hinderte die Engelsburg, in der Gregor persönlich die Verteidigung
leitete. Jnzwischen war der Bund des Königs mit dem griechischen
Kaiser geschlossen und wurde sofort wirksam. Eine griechische Gesandt-
schaft überbrachte außer reichen Geschenken und wertvollen Waren
144000 Denare an barem Gelde mit der Aussicht auf weitere 216000.
Dies gab Heinrich die Möglichkeit, den Krieg mit Nachdruck fortzu-

Gregors wachſende Bedrängnis
Mahnung an Robert Guiscard, ſich ſeiner beſchworenen Vaſſallen-
pflicht zu erinnern, hatte keinen Erfolg. Aus den Anfängen einer viel-
verſprechenden Siegeslaufbahn — Ende Februar 1082 war Durazzo
gefallen — hatte Robert heimkehren müſſen, um einen gefährlichen Auf-
ſtand ſeiner Vaſſallen zu unterdrücken. Er konnte vorerſt nicht helfen.

Während Gregors Kräfte ſchwanden, hoben ſich die des Gegners.
Wertvolle Hilfe kam Heinrich aus dem Oſten. Jn Konſtantinopel war
Nikephoros durch den beſten der Feldherrn, Alexios Komnenos, ver-
drängt, und der neue Kaiſer faßte den Plan, Robert Guiscard im eigenen
Lande durch den deutſchen König zu feſſeln, der ſeinerſeits in Robert den
Bundesgenoſſen Gregors zu ſehen hatte. Griechiſche Geſandte meldeten
ſich bei Heinrich, brachten reiche Geſchenke und koſtbare Reliquien und
trugen ein Bündnis an. Heinrich zauderte nicht; was konnte ihm will-
kommener ſein als die Ausſicht auf griechiſche Hilfsgelder? Jn ſeinem
Auftrag ging ein deutſcher Graf nach Konſtantinopel, um den Vertrag
vorzubereiten. Jnzwiſchen ſcheiterte ein Verſuch des Gegenkönigs, Gre-
gor Hilfe zu bringen, völlig. Hermann gelangte zwar bis nach Schwaben,
aber nicht weiter, und für Sperrung der Alpenpäſſe hatte Heinrich ohne-
hin geſorgt. So blieb der Gegenkönig dauernd auf Sachſen beſchränkt,
und in Jtalien überwog Heinrichs Partei noch mehr.

Das Jahr 1083 ſchien die Entſcheidung bringen zu ſollen. Heinrichs
Streitkräfte waren jetzt ſo weit vermehrt, daß er im Frühling die Ein-
ſchließung Roms unternehmen konnte. An Entſatz war nicht zu denken,
Robert noch immer durch eigene Bedrängnis feſtgehalten. Eine bedeu-
tende Geldſumme hatte er immerhin dem Papſt geſandt, angeblich
30000 Denare, die es erlaubten, den Widerſtand fortzuſetzen. Wieder-
holte Sturmverſuche, die Heinrich unternehmen ließ, ſcheiterten, aber
ein Ausfall der Belagerten mißlang ebenſo. Die Stimmung in der
Stadt wurde immer ſchlechter, und am 3. Juni glückte es den Königlichen,
die mangelhaft bewachte Mauer der Leoſtadt zu erſteigen und den
Stadtteil mit der Peterskirche einzunehmen. Den Übergang aufs andere
Ufer hinderte die Engelsburg, in der Gregor perſönlich die Verteidigung
leitete. Jnzwiſchen war der Bund des Königs mit dem griechiſchen
Kaiſer geſchloſſen und wurde ſofort wirkſam. Eine griechiſche Geſandt-
ſchaft überbrachte außer reichen Geſchenken und wertvollen Waren
144000 Denare an barem Gelde mit der Ausſicht auf weitere 216000.
Dies gab Heinrich die Möglichkeit, den Krieg mit Nachdruck fortzu-

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[395/0403] Gregors wachſende Bedrängnis Mahnung an Robert Guiscard, ſich ſeiner beſchworenen Vaſſallen- pflicht zu erinnern, hatte keinen Erfolg. Aus den Anfängen einer viel- verſprechenden Siegeslaufbahn — Ende Februar 1082 war Durazzo gefallen — hatte Robert heimkehren müſſen, um einen gefährlichen Auf- ſtand ſeiner Vaſſallen zu unterdrücken. Er konnte vorerſt nicht helfen. Während Gregors Kräfte ſchwanden, hoben ſich die des Gegners. Wertvolle Hilfe kam Heinrich aus dem Oſten. Jn Konſtantinopel war Nikephoros durch den beſten der Feldherrn, Alexios Komnenos, ver- drängt, und der neue Kaiſer faßte den Plan, Robert Guiscard im eigenen Lande durch den deutſchen König zu feſſeln, der ſeinerſeits in Robert den Bundesgenoſſen Gregors zu ſehen hatte. Griechiſche Geſandte meldeten ſich bei Heinrich, brachten reiche Geſchenke und koſtbare Reliquien und trugen ein Bündnis an. Heinrich zauderte nicht; was konnte ihm will- kommener ſein als die Ausſicht auf griechiſche Hilfsgelder? Jn ſeinem Auftrag ging ein deutſcher Graf nach Konſtantinopel, um den Vertrag vorzubereiten. Jnzwiſchen ſcheiterte ein Verſuch des Gegenkönigs, Gre- gor Hilfe zu bringen, völlig. Hermann gelangte zwar bis nach Schwaben, aber nicht weiter, und für Sperrung der Alpenpäſſe hatte Heinrich ohne- hin geſorgt. So blieb der Gegenkönig dauernd auf Sachſen beſchränkt, und in Jtalien überwog Heinrichs Partei noch mehr. Das Jahr 1083 ſchien die Entſcheidung bringen zu ſollen. Heinrichs Streitkräfte waren jetzt ſo weit vermehrt, daß er im Frühling die Ein- ſchließung Roms unternehmen konnte. An Entſatz war nicht zu denken, Robert noch immer durch eigene Bedrängnis feſtgehalten. Eine bedeu- tende Geldſumme hatte er immerhin dem Papſt geſandt, angeblich 30000 Denare, die es erlaubten, den Widerſtand fortzuſetzen. Wieder- holte Sturmverſuche, die Heinrich unternehmen ließ, ſcheiterten, aber ein Ausfall der Belagerten mißlang ebenſo. Die Stimmung in der Stadt wurde immer ſchlechter, und am 3. Juni glückte es den Königlichen, die mangelhaft bewachte Mauer der Leoſtadt zu erſteigen und den Stadtteil mit der Peterskirche einzunehmen. Den Übergang aufs andere Ufer hinderte die Engelsburg, in der Gregor perſönlich die Verteidigung leitete. Jnzwiſchen war der Bund des Königs mit dem griechiſchen Kaiſer geſchloſſen und wurde ſofort wirkſam. Eine griechiſche Geſandt- ſchaft überbrachte außer reichen Geſchenken und wertvollen Waren 144000 Denare an barem Gelde mit der Ausſicht auf weitere 216000. Dies gab Heinrich die Möglichkeit, den Krieg mit Nachdruck fortzu-

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 395. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/403>, abgerufen am 19.09.2020.