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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Gregors wachsende Bedrängnis
ein kleines Fürstentum. Abt Desiderius hatte bisher zu den Vertrauens-
männern des Papstes gehört, jetzt ließ er ihn im Stich, aus Furcht, der
König könne das Kloster dem Fürsten von Capua überlassen. Auch er kam
nach Albano und unterwarf sich. Alle Mühe wendet der Geschicht-
schreiber des Klosters auf, um glauben zu machen, der Abt habe den un-
mittelbaren Verkehr mit dem ausgeschlossenen König zu vermeiden und
sich der Jnvestitur zu entziehen gewußt. Jhn widerlegt das große könig-
liche Privileg, das der Abt heimbrachte, worin dem Kloster alle Be-
sitzungen und Rechte bestätigt wurden: Heinrich hätte es gewiß nicht
hergegeben ohne förmliche Unterwerfung. Das bestätigt uns Gregor VII.
selbst: am Tage des Täufers, den 24. Juni, verhängte er über den Für-
sten und den Abt den Ausschluß aus der Gemeinschaft wegen Verkehrs
mit dem verfluchten König.

Heinrich mied auch dieses Mal in der heißen Jahreszeit die Nähe
Roms, ließ aber den Gegenpapst in Tivoli zurück, um durch ihn die Beob-
achtung der Stadt fortsetzen zu lassen. Hier begann allmählich der Krieg
seine Wirkung zu tun. Die Regierungstätigkeit des Papstes kam ins
Stocken. Noch war er nicht abgeschnitten, konnte Besuche empfangen
und Boten aussenden. Aber das Versiegen seiner Briefstellerei und die
einreißende Unordnung in seiner Kanzlei zeigen deutlich, wie ihm die
Fühlung mit der Außenwelt verlorenging. Jm Frühjahr 1082 hat er
keine Synode mehr gehalten. Dazu kam als Schlimmstes, daß ihm das
Geld ausging. Die Pilger blieben fort, die laufende Einnahme, die ihre
Geschenke brachten, fiel aus, die Zahlungen von auswärts stockten. Um
die Ebbe in der Kasse zu bekämpfen, griff der Papst zu ungewöhnlichen
Mitteln. Damals hat er die früher erwähnte Haussteuer in Frankreich
gefordert, damals auch einen Zins von Schweden, Dänemark und Nor-
wegen; beides schwerlich mit Erfolg. Gräfin Mathilde, die getreue,
suchte zu helfen, indem sie den ganzen Schatz ihrer Hauskapelle in
Canossa einschmelzen ließ und den Erlös, 9 Pfund Gold und 700 Pfund
Silber, nach Rom schickte. Aber auch das genügte natürlich nicht, und
als Gregor zu Beschlagnahme und Verpfändung des Besitzes der römi-
schen Kirchen schritt, stieß er auf Widerspruch. Die Geistlichkeit,
Bischöfe und Kardinäle voran, beschloß einstimmig, "die geheiligten
Güter der Kirchen dürften nicht für weltlichen Krieg, sondern nur für
Almosen, Gottesdienst und Loskauf von Gefangenen verwendet werden".
Gregor wird sich kaum dadurch haben abhalten lassen. Eine dringende

Gregors wachſende Bedrängnis
ein kleines Fürſtentum. Abt Deſiderius hatte bisher zu den Vertrauens-
männern des Papſtes gehört, jetzt ließ er ihn im Stich, aus Furcht, der
König könne das Kloſter dem Fürſten von Capua überlaſſen. Auch er kam
nach Albano und unterwarf ſich. Alle Mühe wendet der Geſchicht-
ſchreiber des Kloſters auf, um glauben zu machen, der Abt habe den un-
mittelbaren Verkehr mit dem ausgeſchloſſenen König zu vermeiden und
ſich der Jnveſtitur zu entziehen gewußt. Jhn widerlegt das große könig-
liche Privileg, das der Abt heimbrachte, worin dem Kloſter alle Be-
ſitzungen und Rechte beſtätigt wurden: Heinrich hätte es gewiß nicht
hergegeben ohne förmliche Unterwerfung. Das beſtätigt uns Gregor VII.
ſelbſt: am Tage des Täufers, den 24. Juni, verhängte er über den Für-
ſten und den Abt den Ausſchluß aus der Gemeinſchaft wegen Verkehrs
mit dem verfluchten König.

Heinrich mied auch dieſes Mal in der heißen Jahreszeit die Nähe
Roms, ließ aber den Gegenpapſt in Tivoli zurück, um durch ihn die Beob-
achtung der Stadt fortſetzen zu laſſen. Hier begann allmählich der Krieg
ſeine Wirkung zu tun. Die Regierungstätigkeit des Papſtes kam ins
Stocken. Noch war er nicht abgeſchnitten, konnte Beſuche empfangen
und Boten ausſenden. Aber das Verſiegen ſeiner Briefſtellerei und die
einreißende Unordnung in ſeiner Kanzlei zeigen deutlich, wie ihm die
Fühlung mit der Außenwelt verlorenging. Jm Frühjahr 1082 hat er
keine Synode mehr gehalten. Dazu kam als Schlimmſtes, daß ihm das
Geld ausging. Die Pilger blieben fort, die laufende Einnahme, die ihre
Geſchenke brachten, fiel aus, die Zahlungen von auswärts ſtockten. Um
die Ebbe in der Kaſſe zu bekämpfen, griff der Papſt zu ungewöhnlichen
Mitteln. Damals hat er die früher erwähnte Hausſteuer in Frankreich
gefordert, damals auch einen Zins von Schweden, Dänemark und Nor-
wegen; beides ſchwerlich mit Erfolg. Gräfin Mathilde, die getreue,
ſuchte zu helfen, indem ſie den ganzen Schatz ihrer Hauskapelle in
Canoſſa einſchmelzen ließ und den Erlös, 9 Pfund Gold und 700 Pfund
Silber, nach Rom ſchickte. Aber auch das genügte natürlich nicht, und
als Gregor zu Beſchlagnahme und Verpfändung des Beſitzes der römi-
ſchen Kirchen ſchritt, ſtieß er auf Widerſpruch. Die Geiſtlichkeit,
Biſchöfe und Kardinäle voran, beſchloß einſtimmig, „die geheiligten
Güter der Kirchen dürften nicht für weltlichen Krieg, ſondern nur für
Almoſen, Gottesdienſt und Loskauf von Gefangenen verwendet werden“.
Gregor wird ſich kaum dadurch haben abhalten laſſen. Eine dringende

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[394/0402] Gregors wachſende Bedrängnis ein kleines Fürſtentum. Abt Deſiderius hatte bisher zu den Vertrauens- männern des Papſtes gehört, jetzt ließ er ihn im Stich, aus Furcht, der König könne das Kloſter dem Fürſten von Capua überlaſſen. Auch er kam nach Albano und unterwarf ſich. Alle Mühe wendet der Geſchicht- ſchreiber des Kloſters auf, um glauben zu machen, der Abt habe den un- mittelbaren Verkehr mit dem ausgeſchloſſenen König zu vermeiden und ſich der Jnveſtitur zu entziehen gewußt. Jhn widerlegt das große könig- liche Privileg, das der Abt heimbrachte, worin dem Kloſter alle Be- ſitzungen und Rechte beſtätigt wurden: Heinrich hätte es gewiß nicht hergegeben ohne förmliche Unterwerfung. Das beſtätigt uns Gregor VII. ſelbſt: am Tage des Täufers, den 24. Juni, verhängte er über den Für- ſten und den Abt den Ausſchluß aus der Gemeinſchaft wegen Verkehrs mit dem verfluchten König. Heinrich mied auch dieſes Mal in der heißen Jahreszeit die Nähe Roms, ließ aber den Gegenpapſt in Tivoli zurück, um durch ihn die Beob- achtung der Stadt fortſetzen zu laſſen. Hier begann allmählich der Krieg ſeine Wirkung zu tun. Die Regierungstätigkeit des Papſtes kam ins Stocken. Noch war er nicht abgeſchnitten, konnte Beſuche empfangen und Boten ausſenden. Aber das Verſiegen ſeiner Briefſtellerei und die einreißende Unordnung in ſeiner Kanzlei zeigen deutlich, wie ihm die Fühlung mit der Außenwelt verlorenging. Jm Frühjahr 1082 hat er keine Synode mehr gehalten. Dazu kam als Schlimmſtes, daß ihm das Geld ausging. Die Pilger blieben fort, die laufende Einnahme, die ihre Geſchenke brachten, fiel aus, die Zahlungen von auswärts ſtockten. Um die Ebbe in der Kaſſe zu bekämpfen, griff der Papſt zu ungewöhnlichen Mitteln. Damals hat er die früher erwähnte Hausſteuer in Frankreich gefordert, damals auch einen Zins von Schweden, Dänemark und Nor- wegen; beides ſchwerlich mit Erfolg. Gräfin Mathilde, die getreue, ſuchte zu helfen, indem ſie den ganzen Schatz ihrer Hauskapelle in Canoſſa einſchmelzen ließ und den Erlös, 9 Pfund Gold und 700 Pfund Silber, nach Rom ſchickte. Aber auch das genügte natürlich nicht, und als Gregor zu Beſchlagnahme und Verpfändung des Beſitzes der römi- ſchen Kirchen ſchritt, ſtieß er auf Widerſpruch. Die Geiſtlichkeit, Biſchöfe und Kardinäle voran, beſchloß einſtimmig, „die geheiligten Güter der Kirchen dürften nicht für weltlichen Krieg, ſondern nur für Almoſen, Gottesdienſt und Loskauf von Gefangenen verwendet werden“. Gregor wird ſich kaum dadurch haben abhalten laſſen. Eine dringende

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 394. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/402>, abgerufen am 19.09.2020.