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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Heinrich IV. vor Rom
zu festigen, sandte er dem getreuen Bischof Hermann von Metz eine
zur Verbreitung bestimmte ausführliche Rechtfertigung seines Ver-
fahrens. Mit allen zur Verfügung stehenden Gründen wandte er sich
gegen den nie verstummenden Vorwurf, daß er nicht befugt gewesen sei,
den König auszuschließen und die Eide der Untertanen zu lösen. Schon
näherte Heinrich sich Rom, aber von Nachgeben wollte Gregor nichts
wissen: des Königs Drohungen wie Lockungen machten ihm keinen Ein-
druck, lieber wollte er sterben, als die gerechte Sache aufgeben. Aber er
erkundigte sich doch, ob nicht Herzog Robert ihm für den bevorstehenden
Kampf Unterstützung schicken würde. Robert war schon zu tief in sein
großes Unternehmen verstrickt, eben jetzt stach er in See zur Eroberung
des griechischen Reiches. Allein stand der Papst dem Angriff des Königs
gegenüber, der Ende Mai 1081 vor Rom erschien.

Daß die Großstadt mit ihren starken Mauern nicht im Sturm zu
erobern sei, wenn sie verteidigt wurde, wußte Heinrich, darum wandte
er sich mit einer Kundgebung an die Römer, um sie vom Papst zu trennen.
Aber seine Berufung auf ihre angestammte Ergebenheit fand keinen
Widerhall. Als die heiße Zeit mit der Fiebergefahr nahte, mußte er ab-
ziehen und benutzte den Rest des Jahres, um in Spoleto durch Einsetzung
eines Herzogs seine Oberhoheit wiederherzustellen und im übrigen König-
reich seine Macht zu befestigen. Über Mathilde wurde die Acht ver-
hängt, ihr Besitz, soweit es möglich war, eingezogen. Jm nächsten Früh-
jahr wiederholte der König den Angriff auf Rom. Diesmal ließ er ein
längeres Schriftstück vorausgehen, worin er die Römer wiederum an
ihre alte Kaisertreue mahnte, zugleich aber Verhandlung und Schieds-
gericht mit "Hildebrand" unter ihrer Teilnahme anbot. Er hatte keinen
Erfolg, noch beherrschte Gregor seine Stadt, nur die Nachbarn konnte
er nicht mehr halten. Die Sabina unterwarf sich dem König, Kloster
Farfa benutzte die Gelegenheit, wieder reichsunmittelbar zu werden, und
Jordan von Capua fiel ab. Die Herrschaft der Normannen im eroberten
Lande saß noch lange nicht fest, jeden Augenblick drohten Aufstände der
Untertanen. Auch jetzt warteten viele nur auf das Erscheinen des Königs,
um sich zu erheben. Darauf wollte der Fürst es nicht ankommen lassen
und beugte vor, indem er sich Heinrich näherte. Zu Ostern 1082 vollzog
er den Übergang, erschien im Hauptquartier des Königs in Albano bei
Rom und empfing von ihm die Belehnung. Diesem Beispiel folgte das
Kloster Montecassino, die größte der Grundherrschaften Unteritaliens,

Heinrich IV. vor Rom
zu feſtigen, ſandte er dem getreuen Biſchof Hermann von Metz eine
zur Verbreitung beſtimmte ausführliche Rechtfertigung ſeines Ver-
fahrens. Mit allen zur Verfügung ſtehenden Gründen wandte er ſich
gegen den nie verſtummenden Vorwurf, daß er nicht befugt geweſen ſei,
den König auszuſchließen und die Eide der Untertanen zu löſen. Schon
näherte Heinrich ſich Rom, aber von Nachgeben wollte Gregor nichts
wiſſen: des Königs Drohungen wie Lockungen machten ihm keinen Ein-
druck, lieber wollte er ſterben, als die gerechte Sache aufgeben. Aber er
erkundigte ſich doch, ob nicht Herzog Robert ihm für den bevorſtehenden
Kampf Unterſtützung ſchicken würde. Robert war ſchon zu tief in ſein
großes Unternehmen verſtrickt, eben jetzt ſtach er in See zur Eroberung
des griechiſchen Reiches. Allein ſtand der Papſt dem Angriff des Königs
gegenüber, der Ende Mai 1081 vor Rom erſchien.

Daß die Großſtadt mit ihren ſtarken Mauern nicht im Sturm zu
erobern ſei, wenn ſie verteidigt wurde, wußte Heinrich, darum wandte
er ſich mit einer Kundgebung an die Römer, um ſie vom Papſt zu trennen.
Aber ſeine Berufung auf ihre angeſtammte Ergebenheit fand keinen
Widerhall. Als die heiße Zeit mit der Fiebergefahr nahte, mußte er ab-
ziehen und benutzte den Reſt des Jahres, um in Spoleto durch Einſetzung
eines Herzogs ſeine Oberhoheit wiederherzuſtellen und im übrigen König-
reich ſeine Macht zu befeſtigen. Über Mathilde wurde die Acht ver-
hängt, ihr Beſitz, ſoweit es möglich war, eingezogen. Jm nächſten Früh-
jahr wiederholte der König den Angriff auf Rom. Diesmal ließ er ein
längeres Schriftſtück vorausgehen, worin er die Römer wiederum an
ihre alte Kaiſertreue mahnte, zugleich aber Verhandlung und Schieds-
gericht mit „Hildebrand“ unter ihrer Teilnahme anbot. Er hatte keinen
Erfolg, noch beherrſchte Gregor ſeine Stadt, nur die Nachbarn konnte
er nicht mehr halten. Die Sabina unterwarf ſich dem König, Kloſter
Farfa benutzte die Gelegenheit, wieder reichsunmittelbar zu werden, und
Jordan von Capua fiel ab. Die Herrſchaft der Normannen im eroberten
Lande ſaß noch lange nicht feſt, jeden Augenblick drohten Aufſtände der
Untertanen. Auch jetzt warteten viele nur auf das Erſcheinen des Königs,
um ſich zu erheben. Darauf wollte der Fürſt es nicht ankommen laſſen
und beugte vor, indem er ſich Heinrich näherte. Zu Oſtern 1082 vollzog
er den Übergang, erſchien im Hauptquartier des Königs in Albano bei
Rom und empfing von ihm die Belehnung. Dieſem Beiſpiel folgte das
Kloſter Montecaſſino, die größte der Grundherrſchaften Unteritaliens,

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[393/0401] Heinrich IV. vor Rom zu feſtigen, ſandte er dem getreuen Biſchof Hermann von Metz eine zur Verbreitung beſtimmte ausführliche Rechtfertigung ſeines Ver- fahrens. Mit allen zur Verfügung ſtehenden Gründen wandte er ſich gegen den nie verſtummenden Vorwurf, daß er nicht befugt geweſen ſei, den König auszuſchließen und die Eide der Untertanen zu löſen. Schon näherte Heinrich ſich Rom, aber von Nachgeben wollte Gregor nichts wiſſen: des Königs Drohungen wie Lockungen machten ihm keinen Ein- druck, lieber wollte er ſterben, als die gerechte Sache aufgeben. Aber er erkundigte ſich doch, ob nicht Herzog Robert ihm für den bevorſtehenden Kampf Unterſtützung ſchicken würde. Robert war ſchon zu tief in ſein großes Unternehmen verſtrickt, eben jetzt ſtach er in See zur Eroberung des griechiſchen Reiches. Allein ſtand der Papſt dem Angriff des Königs gegenüber, der Ende Mai 1081 vor Rom erſchien. Daß die Großſtadt mit ihren ſtarken Mauern nicht im Sturm zu erobern ſei, wenn ſie verteidigt wurde, wußte Heinrich, darum wandte er ſich mit einer Kundgebung an die Römer, um ſie vom Papſt zu trennen. Aber ſeine Berufung auf ihre angeſtammte Ergebenheit fand keinen Widerhall. Als die heiße Zeit mit der Fiebergefahr nahte, mußte er ab- ziehen und benutzte den Reſt des Jahres, um in Spoleto durch Einſetzung eines Herzogs ſeine Oberhoheit wiederherzuſtellen und im übrigen König- reich ſeine Macht zu befeſtigen. Über Mathilde wurde die Acht ver- hängt, ihr Beſitz, ſoweit es möglich war, eingezogen. Jm nächſten Früh- jahr wiederholte der König den Angriff auf Rom. Diesmal ließ er ein längeres Schriftſtück vorausgehen, worin er die Römer wiederum an ihre alte Kaiſertreue mahnte, zugleich aber Verhandlung und Schieds- gericht mit „Hildebrand“ unter ihrer Teilnahme anbot. Er hatte keinen Erfolg, noch beherrſchte Gregor ſeine Stadt, nur die Nachbarn konnte er nicht mehr halten. Die Sabina unterwarf ſich dem König, Kloſter Farfa benutzte die Gelegenheit, wieder reichsunmittelbar zu werden, und Jordan von Capua fiel ab. Die Herrſchaft der Normannen im eroberten Lande ſaß noch lange nicht feſt, jeden Augenblick drohten Aufſtände der Untertanen. Auch jetzt warteten viele nur auf das Erſcheinen des Königs, um ſich zu erheben. Darauf wollte der Fürſt es nicht ankommen laſſen und beugte vor, indem er ſich Heinrich näherte. Zu Oſtern 1082 vollzog er den Übergang, erſchien im Hauptquartier des Königs in Albano bei Rom und empfing von ihm die Belehnung. Dieſem Beiſpiel folgte das Kloſter Montecaſſino, die größte der Grundherrſchaften Unteritaliens,

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 393. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/401>, abgerufen am 19.09.2020.