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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Heinrich IV. vor Rom
tober 1080 bei Volta im Mantuanischen entscheidend geschlagen. Der
Tag bedeutete das Ende der Pataria, nur der Name hat weitergelebt als
Bezeichnung einer Sekte, die für der Ketzerei verdächtig galt. Am gleichen
15. Oktober fiel auch in Deutschland die Entscheidung anders, als Gregor
erwartete. Bei Hohenmölsen unweit Zeitz wurde Heinrich IV. zwar ge-
schlagen, aber die Niederlage war mehr als aufgewogen durch den Tod
des Gegenkönigs, der noch am Abend des Schlachttags an seinen Wun-
den starb. Auf den Sinn der Zeitgenossen mußte es Eindruck machen,
daß ihm die rechte Hand abgehauen war, mit der er einst seinem König
Treue geschworen hatte. Seine Partei hinterließ er führerlos, in ihren
Reihen war niemand, der an die Stelle des Verstorbenen hätte treten
können. Vierzehn Monate hat es gedauert, bis sich im Grafen Hermann
von Luxemburg einer fand, der die Rolle des Gegenkönigs übernahm,
aber ohne sie spielen zu können. Gregor indes hat sich nicht irre machen
lassen, sogar die Formel vorgeschrieben, nach der der künftige König ihm
schwören sollte, um anerkannt zu werden: Treue dem heiligen Petrus
und seinem Stellvertreter Papst Gregor, rechten Gehorsam allen seinen
Befehlen; Fügsamkeit in Sachen der Bischofswahlen sowie der Be-
sitzungen und Einkünfte der römischen Kirche; Vassallenhuldigung bei
erster persönlicher Begegnung. Ob der Eid geschworen wurde, wissen
wir nicht. Heinrich IV. hat diesen Gegner nicht ernst genommen, er
überließ ihn seinem künftigen Schwiegersohn, dem jungen Herzog von
Schwaben, Friedrich von Staufen, und eilte selbst im Frühjahr 1081
mit Heeresmacht über die Alpen, um mit dem Hauptfeind abzurechnen.
Zu Ostern (4. April) war er in Verona und sammelte die oberitalischen
Anhänger, dann ging es über den Apennin nach Toskana. Nirgends
fand er Widerstand. Mathildens Kräfte waren durch die Niederlage
bei Volta gebrochen, Aufstände kamen hinzu, man gehorchte ihr nicht
mehr, hielt sie für verrückt. Sie hat sich auf ihre Burgen zurückgezogen
und dem Vormarsch des Königs kein Hindernis bereitet.

Gregor hatte zunächst an die Gefahr nicht glauben wollen. Den
Frieden, zu dem der König bereit war und die eigenen Anhänger dräng-
ten, wies er geringschätzig zurück und gab seinen Vertrauensmännern
in Deutschland Weisungen für die neue Königswahl. Auf der Jahres-
synode in der Fastenzeit wiederholte er die Ausschließung Heinrichs und
seiner Anhänger. Die Hauptsache schien ihm, den Bürgerkrieg in
Deutschland nicht erlöschen zu lassen. Um die Freunde in ihrer Gesinnung

Heinrich IV. vor Rom
tober 1080 bei Volta im Mantuaniſchen entſcheidend geſchlagen. Der
Tag bedeutete das Ende der Pataria, nur der Name hat weitergelebt als
Bezeichnung einer Sekte, die für der Ketzerei verdächtig galt. Am gleichen
15. Oktober fiel auch in Deutſchland die Entſcheidung anders, als Gregor
erwartete. Bei Hohenmölſen unweit Zeitz wurde Heinrich IV. zwar ge-
ſchlagen, aber die Niederlage war mehr als aufgewogen durch den Tod
des Gegenkönigs, der noch am Abend des Schlachttags an ſeinen Wun-
den ſtarb. Auf den Sinn der Zeitgenoſſen mußte es Eindruck machen,
daß ihm die rechte Hand abgehauen war, mit der er einſt ſeinem König
Treue geſchworen hatte. Seine Partei hinterließ er führerlos, in ihren
Reihen war niemand, der an die Stelle des Verſtorbenen hätte treten
können. Vierzehn Monate hat es gedauert, bis ſich im Grafen Hermann
von Luxemburg einer fand, der die Rolle des Gegenkönigs übernahm,
aber ohne ſie ſpielen zu können. Gregor indes hat ſich nicht irre machen
laſſen, ſogar die Formel vorgeſchrieben, nach der der künftige König ihm
ſchwören ſollte, um anerkannt zu werden: Treue dem heiligen Petrus
und ſeinem Stellvertreter Papſt Gregor, rechten Gehorſam allen ſeinen
Befehlen; Fügſamkeit in Sachen der Biſchofswahlen ſowie der Be-
ſitzungen und Einkünfte der römiſchen Kirche; Vaſſallenhuldigung bei
erſter perſönlicher Begegnung. Ob der Eid geſchworen wurde, wiſſen
wir nicht. Heinrich IV. hat dieſen Gegner nicht ernſt genommen, er
überließ ihn ſeinem künftigen Schwiegerſohn, dem jungen Herzog von
Schwaben, Friedrich von Staufen, und eilte ſelbſt im Frühjahr 1081
mit Heeresmacht über die Alpen, um mit dem Hauptfeind abzurechnen.
Zu Oſtern (4. April) war er in Verona und ſammelte die oberitaliſchen
Anhänger, dann ging es über den Apennin nach Toskana. Nirgends
fand er Widerſtand. Mathildens Kräfte waren durch die Niederlage
bei Volta gebrochen, Aufſtände kamen hinzu, man gehorchte ihr nicht
mehr, hielt ſie für verrückt. Sie hat ſich auf ihre Burgen zurückgezogen
und dem Vormarſch des Königs kein Hindernis bereitet.

Gregor hatte zunächſt an die Gefahr nicht glauben wollen. Den
Frieden, zu dem der König bereit war und die eigenen Anhänger dräng-
ten, wies er geringſchätzig zurück und gab ſeinen Vertrauensmännern
in Deutſchland Weiſungen für die neue Königswahl. Auf der Jahres-
ſynode in der Faſtenzeit wiederholte er die Ausſchließung Heinrichs und
ſeiner Anhänger. Die Hauptſache ſchien ihm, den Bürgerkrieg in
Deutſchland nicht erlöſchen zu laſſen. Um die Freunde in ihrer Geſinnung

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[392/0400] Heinrich IV. vor Rom tober 1080 bei Volta im Mantuaniſchen entſcheidend geſchlagen. Der Tag bedeutete das Ende der Pataria, nur der Name hat weitergelebt als Bezeichnung einer Sekte, die für der Ketzerei verdächtig galt. Am gleichen 15. Oktober fiel auch in Deutſchland die Entſcheidung anders, als Gregor erwartete. Bei Hohenmölſen unweit Zeitz wurde Heinrich IV. zwar ge- ſchlagen, aber die Niederlage war mehr als aufgewogen durch den Tod des Gegenkönigs, der noch am Abend des Schlachttags an ſeinen Wun- den ſtarb. Auf den Sinn der Zeitgenoſſen mußte es Eindruck machen, daß ihm die rechte Hand abgehauen war, mit der er einſt ſeinem König Treue geſchworen hatte. Seine Partei hinterließ er führerlos, in ihren Reihen war niemand, der an die Stelle des Verſtorbenen hätte treten können. Vierzehn Monate hat es gedauert, bis ſich im Grafen Hermann von Luxemburg einer fand, der die Rolle des Gegenkönigs übernahm, aber ohne ſie ſpielen zu können. Gregor indes hat ſich nicht irre machen laſſen, ſogar die Formel vorgeſchrieben, nach der der künftige König ihm ſchwören ſollte, um anerkannt zu werden: Treue dem heiligen Petrus und ſeinem Stellvertreter Papſt Gregor, rechten Gehorſam allen ſeinen Befehlen; Fügſamkeit in Sachen der Biſchofswahlen ſowie der Be- ſitzungen und Einkünfte der römiſchen Kirche; Vaſſallenhuldigung bei erſter perſönlicher Begegnung. Ob der Eid geſchworen wurde, wiſſen wir nicht. Heinrich IV. hat dieſen Gegner nicht ernſt genommen, er überließ ihn ſeinem künftigen Schwiegerſohn, dem jungen Herzog von Schwaben, Friedrich von Staufen, und eilte ſelbſt im Frühjahr 1081 mit Heeresmacht über die Alpen, um mit dem Hauptfeind abzurechnen. Zu Oſtern (4. April) war er in Verona und ſammelte die oberitaliſchen Anhänger, dann ging es über den Apennin nach Toskana. Nirgends fand er Widerſtand. Mathildens Kräfte waren durch die Niederlage bei Volta gebrochen, Aufſtände kamen hinzu, man gehorchte ihr nicht mehr, hielt ſie für verrückt. Sie hat ſich auf ihre Burgen zurückgezogen und dem Vormarſch des Königs kein Hindernis bereitet. Gregor hatte zunächſt an die Gefahr nicht glauben wollen. Den Frieden, zu dem der König bereit war und die eigenen Anhänger dräng- ten, wies er geringſchätzig zurück und gab ſeinen Vertrauensmännern in Deutſchland Weiſungen für die neue Königswahl. Auf der Jahres- ſynode in der Faſtenzeit wiederholte er die Ausſchließung Heinrichs und ſeiner Anhänger. Die Hauptſache ſchien ihm, den Bürgerkrieg in Deutſchland nicht erlöſchen zu laſſen. Um die Freunde in ihrer Geſinnung

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 392. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/400>, abgerufen am 19.09.2020.