Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

Bild:
<< vorherige Seite

Absetzung Gregors VII. -- Clemens III.
Vorgeben, dem rechtmäßigen Kaiser wieder auf den Thron helfen zu
wollen, wurde jetzt der Krieg eröffnet. Angeblich befand sich der Ent-
thronte sogar beim Heere Roberts. Es war ein Betrüger, der sich dazu
hergab, die Rolle des falschen Michael zu spielen. Gregor ist von allem
unterrichtet gewesen und hat des Herzogs Absichten unterstützt. Er kam
damit auf die Pläne zurück, die im Beginn seiner Regierung im Vorder-
grund gestanden hatten. Begreiflich genug: der Sieg des Normannen
mußte ihm die Unterwerfung der griechischen Kirche unter Rom bringen,
und dann war die Befreiung des Heiligen Grabes kein ferner Traum
mehr.

Jnzwischen hatte Heinrich IV. dem Papst die Antwort auf den
Spruch vom 7. März erteilt. Zum Pfingstfest (31. Mai) traten in
Mainz neunzehn deutsche Bischöfe zusammen und sprachen über Gregor
die Absetzung aus. Drei Wochen später (25. Juni) wiederholte eine
gemischte Synode von dreißig deutschen und italischen Bischöfen in
Brixen in Anwesenheit des Königs das Urteil, begründet mit den
furchtbarsten Beschuldigungen, wie Anstiftung zu Raub, Brand, Mein-
eid und Totschlag, Jrrlehre und Zauberei. Dann ging man weiter vor
und wählte Wibert, den Erzbischof von Ravenna, an Stelle des Ab-
gesetzten zum Papst. Er nannte sich, wohl in Erinnerung an den ersten
der deutschen Reformpäpste, Clemens III. Man hätte keinen Bessern
finden können, an Klugheit, Bildung und Gesinnung ragte er nach dem
Zeugnis selbst der Feinde weit hervor. Gegen ihn mußten die Waffen
Gregors sich richten; gelang es ihm, den Gegner in Ravenna zu fangen
oder dem Flüchtenden sein Erzbistum zu entreißen, so hatte er gesiegt.
Sogleich sprach er über Wibert Fluch und Absetzung aus, für den Herbst
bot er alle Getreuen Sankt Peters auf zum Feldzug gegen Ravenna.
Wenn er selbst von Süden, Gräfin Mathilde von Norden her angriff,
so schien der Erfolg nicht zweifelhaft.

Es kam ganz anders, und ehe das Jahr zu Ende ging, wußte die Welt,
daß das Blatt sich gewandt hatte und Gregor VII. aus dem Angriff in
immer mühevollere Verteidigung gedrängt war, die schließlich in völ-
ligem Zusammenbruch enden sollte.

Zunächst scheiterte der Feldzugsplan des Papstes. Von den königstreuen
Lombarden angegriffen, mußte das Heer Mathildens, anstatt gegen Ra-
venna zu marschieren, sich zur Abwehr wenden und wurde am 15. Ok-

Abſetzung Gregors VII. — Clemens III.
Vorgeben, dem rechtmäßigen Kaiſer wieder auf den Thron helfen zu
wollen, wurde jetzt der Krieg eröffnet. Angeblich befand ſich der Ent-
thronte ſogar beim Heere Roberts. Es war ein Betrüger, der ſich dazu
hergab, die Rolle des falſchen Michael zu ſpielen. Gregor iſt von allem
unterrichtet geweſen und hat des Herzogs Abſichten unterſtützt. Er kam
damit auf die Pläne zurück, die im Beginn ſeiner Regierung im Vorder-
grund geſtanden hatten. Begreiflich genug: der Sieg des Normannen
mußte ihm die Unterwerfung der griechiſchen Kirche unter Rom bringen,
und dann war die Befreiung des Heiligen Grabes kein ferner Traum
mehr.

Jnzwiſchen hatte Heinrich IV. dem Papſt die Antwort auf den
Spruch vom 7. März erteilt. Zum Pfingſtfeſt (31. Mai) traten in
Mainz neunzehn deutſche Biſchöfe zuſammen und ſprachen über Gregor
die Abſetzung aus. Drei Wochen ſpäter (25. Juni) wiederholte eine
gemiſchte Synode von dreißig deutſchen und italiſchen Biſchöfen in
Brixen in Anweſenheit des Königs das Urteil, begründet mit den
furchtbarſten Beſchuldigungen, wie Anſtiftung zu Raub, Brand, Mein-
eid und Totſchlag, Jrrlehre und Zauberei. Dann ging man weiter vor
und wählte Wibert, den Erzbiſchof von Ravenna, an Stelle des Ab-
geſetzten zum Papſt. Er nannte ſich, wohl in Erinnerung an den erſten
der deutſchen Reformpäpſte, Clemens III. Man hätte keinen Beſſern
finden können, an Klugheit, Bildung und Geſinnung ragte er nach dem
Zeugnis ſelbſt der Feinde weit hervor. Gegen ihn mußten die Waffen
Gregors ſich richten; gelang es ihm, den Gegner in Ravenna zu fangen
oder dem Flüchtenden ſein Erzbistum zu entreißen, ſo hatte er geſiegt.
Sogleich ſprach er über Wibert Fluch und Abſetzung aus, für den Herbſt
bot er alle Getreuen Sankt Peters auf zum Feldzug gegen Ravenna.
Wenn er ſelbſt von Süden, Gräfin Mathilde von Norden her angriff,
ſo ſchien der Erfolg nicht zweifelhaft.

Es kam ganz anders, und ehe das Jahr zu Ende ging, wußte die Welt,
daß das Blatt ſich gewandt hatte und Gregor VII. aus dem Angriff in
immer mühevollere Verteidigung gedrängt war, die ſchließlich in völ-
ligem Zuſammenbruch enden ſollte.

Zunächſt ſcheiterte der Feldzugsplan des Papſtes. Von den königstreuen
Lombarden angegriffen, mußte das Heer Mathildens, anſtatt gegen Ra-
venna zu marſchieren, ſich zur Abwehr wenden und wurde am 15. Ok-

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0399" n="391"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#g">Ab&#x017F;etzung Gregors <hi rendition="#aq">VII</hi>. &#x2014; Clemens <hi rendition="#aq">III</hi>.</hi></fw><lb/>
Vorgeben, dem rechtmäßigen Kai&#x017F;er wieder auf den Thron helfen zu<lb/>
wollen, wurde jetzt der Krieg eröffnet. Angeblich befand &#x017F;ich der Ent-<lb/>
thronte &#x017F;ogar beim Heere Roberts. Es war ein Betrüger, der &#x017F;ich dazu<lb/>
hergab, die Rolle des fal&#x017F;chen Michael zu &#x017F;pielen. Gregor i&#x017F;t von allem<lb/>
unterrichtet gewe&#x017F;en und hat des Herzogs Ab&#x017F;ichten unter&#x017F;tützt. Er kam<lb/>
damit auf die Pläne zurück, die im Beginn &#x017F;einer Regierung im Vorder-<lb/>
grund ge&#x017F;tanden hatten. Begreiflich genug: der Sieg des Normannen<lb/>
mußte ihm die Unterwerfung der griechi&#x017F;chen Kirche unter Rom bringen,<lb/>
und dann war die Befreiung des Heiligen Grabes kein ferner Traum<lb/>
mehr.</p><lb/>
          <p>Jnzwi&#x017F;chen hatte Heinrich <hi rendition="#aq">IV</hi>. dem Pap&#x017F;t die Antwort auf den<lb/>
Spruch vom 7. März erteilt. Zum Pfing&#x017F;tfe&#x017F;t (31. Mai) traten in<lb/>
Mainz neunzehn deut&#x017F;che Bi&#x017F;chöfe zu&#x017F;ammen und &#x017F;prachen über Gregor<lb/>
die Ab&#x017F;etzung aus. Drei Wochen &#x017F;päter (25. Juni) wiederholte eine<lb/>
gemi&#x017F;chte Synode von dreißig deut&#x017F;chen und itali&#x017F;chen Bi&#x017F;chöfen in<lb/>
Brixen in Anwe&#x017F;enheit des Königs das Urteil, begründet mit den<lb/>
furchtbar&#x017F;ten Be&#x017F;chuldigungen, wie An&#x017F;tiftung zu Raub, Brand, Mein-<lb/>
eid und Tot&#x017F;chlag, Jrrlehre und Zauberei. Dann ging man weiter vor<lb/>
und wählte Wibert, den Erzbi&#x017F;chof von Ravenna, an Stelle des Ab-<lb/>
ge&#x017F;etzten zum Pap&#x017F;t. Er nannte &#x017F;ich, wohl in Erinnerung an den er&#x017F;ten<lb/>
der deut&#x017F;chen Reformpäp&#x017F;te, Clemens <hi rendition="#aq">III</hi>. Man hätte keinen Be&#x017F;&#x017F;ern<lb/>
finden können, an Klugheit, Bildung und Ge&#x017F;innung ragte er nach dem<lb/>
Zeugnis &#x017F;elb&#x017F;t der Feinde weit hervor. Gegen ihn mußten die Waffen<lb/>
Gregors &#x017F;ich richten; gelang es ihm, den Gegner in Ravenna zu fangen<lb/>
oder dem Flüchtenden &#x017F;ein Erzbistum zu entreißen, &#x017F;o hatte er ge&#x017F;iegt.<lb/>
Sogleich &#x017F;prach er über Wibert Fluch und Ab&#x017F;etzung aus, für den Herb&#x017F;t<lb/>
bot er alle Getreuen Sankt Peters auf zum Feldzug gegen Ravenna.<lb/>
Wenn er &#x017F;elb&#x017F;t von Süden, Gräfin Mathilde von Norden her angriff,<lb/>
&#x017F;o &#x017F;chien der Erfolg nicht zweifelhaft.</p><lb/>
          <p>Es kam ganz anders, und ehe das Jahr zu Ende ging, wußte die Welt,<lb/>
daß das Blatt &#x017F;ich gewandt hatte und Gregor <hi rendition="#aq">VII</hi>. aus dem Angriff in<lb/>
immer mühevollere Verteidigung gedrängt war, die &#x017F;chließlich in völ-<lb/>
ligem Zu&#x017F;ammenbruch enden &#x017F;ollte.</p><lb/>
          <p>Zunäch&#x017F;t &#x017F;cheiterte der Feldzugsplan des Pap&#x017F;tes. Von den königstreuen<lb/>
Lombarden angegriffen, mußte das Heer Mathildens, an&#x017F;tatt gegen Ra-<lb/>
venna zu mar&#x017F;chieren, &#x017F;ich zur Abwehr wenden und wurde am 15. Ok-<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[391/0399] Abſetzung Gregors VII. — Clemens III. Vorgeben, dem rechtmäßigen Kaiſer wieder auf den Thron helfen zu wollen, wurde jetzt der Krieg eröffnet. Angeblich befand ſich der Ent- thronte ſogar beim Heere Roberts. Es war ein Betrüger, der ſich dazu hergab, die Rolle des falſchen Michael zu ſpielen. Gregor iſt von allem unterrichtet geweſen und hat des Herzogs Abſichten unterſtützt. Er kam damit auf die Pläne zurück, die im Beginn ſeiner Regierung im Vorder- grund geſtanden hatten. Begreiflich genug: der Sieg des Normannen mußte ihm die Unterwerfung der griechiſchen Kirche unter Rom bringen, und dann war die Befreiung des Heiligen Grabes kein ferner Traum mehr. Jnzwiſchen hatte Heinrich IV. dem Papſt die Antwort auf den Spruch vom 7. März erteilt. Zum Pfingſtfeſt (31. Mai) traten in Mainz neunzehn deutſche Biſchöfe zuſammen und ſprachen über Gregor die Abſetzung aus. Drei Wochen ſpäter (25. Juni) wiederholte eine gemiſchte Synode von dreißig deutſchen und italiſchen Biſchöfen in Brixen in Anweſenheit des Königs das Urteil, begründet mit den furchtbarſten Beſchuldigungen, wie Anſtiftung zu Raub, Brand, Mein- eid und Totſchlag, Jrrlehre und Zauberei. Dann ging man weiter vor und wählte Wibert, den Erzbiſchof von Ravenna, an Stelle des Ab- geſetzten zum Papſt. Er nannte ſich, wohl in Erinnerung an den erſten der deutſchen Reformpäpſte, Clemens III. Man hätte keinen Beſſern finden können, an Klugheit, Bildung und Geſinnung ragte er nach dem Zeugnis ſelbſt der Feinde weit hervor. Gegen ihn mußten die Waffen Gregors ſich richten; gelang es ihm, den Gegner in Ravenna zu fangen oder dem Flüchtenden ſein Erzbistum zu entreißen, ſo hatte er geſiegt. Sogleich ſprach er über Wibert Fluch und Abſetzung aus, für den Herbſt bot er alle Getreuen Sankt Peters auf zum Feldzug gegen Ravenna. Wenn er ſelbſt von Süden, Gräfin Mathilde von Norden her angriff, ſo ſchien der Erfolg nicht zweifelhaft. Es kam ganz anders, und ehe das Jahr zu Ende ging, wußte die Welt, daß das Blatt ſich gewandt hatte und Gregor VII. aus dem Angriff in immer mühevollere Verteidigung gedrängt war, die ſchließlich in völ- ligem Zuſammenbruch enden ſollte. Zunächſt ſcheiterte der Feldzugsplan des Papſtes. Von den königstreuen Lombarden angegriffen, mußte das Heer Mathildens, anſtatt gegen Ra- venna zu marſchieren, ſich zur Abwehr wenden und wurde am 15. Ok-

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/399
Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 391. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/399>, abgerufen am 19.09.2020.