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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Weltherrschaftsgedanke
Petrus Himmlisches und Geistliches löst und richtet, um wieviel mehr
Jrdisches und Weltliches." Damit ist schon beinahe die Form gefunden,
mit der Gregor auf der Synode 1080 die ganze Weltöffentlichkeit be-
kannt machte. Etwas anders gewendet, womöglich noch schärfer zuge-
spitzt lautet sie bald (1081) in einem Schreiben nach Deutschland, das
zu weitester Verbreitung bestimmt ist: "Soll der, dem die Macht ge-
geben ist, den Himmel zu schließen und zu öffnen, nicht über die Erde
verfügen dürfen? Das sei ferne!"

Das Recht Sankt Peters auf Beherrschung der Welt anerkannt zu
sehen, ist Gregors Bestreben. Wo immer sich Gelegenheit dazu bot, hat
er die Forderung angemeldet. Dabei macht es ihm nichts aus, sich selbst
zu widersprechen und für das Eigentum des Apostels, das doch nach seiner
Ansicht alle Länder ohne Ausnahme umfaßt und aus der Verfügung über
den Himmel sich von selbst ergibt, von Fall zu Fall besondere irdische
Rechtstitel geltend zu machen. Auf die Echtheit der Beweise kommt es
ihm dabei nicht an. Gefälschte Zeugnisse, nach denen Karl der Große
in seinem Reich jährlich 1200 Pfund zum Besten des päpstlichen Stuhles
habe sammeln lassen, geben ihm Anlaß, eine Jahressteuer von jedem
Hause in Frankreich zu fordern. Sachsen soll Karl dem heiligen Petrus
dargebracht haben, Ungarn ist Eigentum Sankt Peters, weil König
Stefan einst eine Krone aus der Hand Silvesters II. empfangen und
Kaiser Heinrich III. nach Besiegung des Landes Krone und Lanze nach
Rom gesandt hat. Daß Spanien kraft der gefälschten Schenkung
Konstantins des Großen als altes Eigentum Sankt Peters in Anspruch
genommen wird, erwähnten wir bereits.

Für die Anerkennung päpstlicher Oberhoheit gab es nach den Rechts-
begriffen der Zeit keine andere Form als Vassallenhuldigung und Lehns-
nahme. Sie war zum ersten Male angewandt worden von den Nor-
mannenfürsten Unteritaliens im Jahre 1059. Gregors unausgesproche-
nes Ziel war es, daß alle christlichen Herrscher diesem Beispiel folgen
sollten. Wie er die Gelegenheit gegenüber einem vertriebenen Russen-
fürsten benutzt hat, sahen wir schon. Wirkung hatte das nicht. Den
König von Dänemark zur förmlichen Huldigung zu bestimmen, gelang
nicht. Vollständig war dagegen der Erfolg in Kroatien, wo Fürst Zwo-
nimir im Jahre 1076 aus der Hand päpstlicher Legaten Königskrone
und Belehnung mit Fahne, Zepter und Schwert empfing und das Ge-
lübde unverbrüchlichen Gehorsams und eines Jahreszinses von 200 Gold-

Weltherrſchaftsgedanke
Petrus Himmliſches und Geiſtliches löſt und richtet, um wieviel mehr
Jrdiſches und Weltliches.“ Damit iſt ſchon beinahe die Form gefunden,
mit der Gregor auf der Synode 1080 die ganze Weltöffentlichkeit be-
kannt machte. Etwas anders gewendet, womöglich noch ſchärfer zuge-
ſpitzt lautet ſie bald (1081) in einem Schreiben nach Deutſchland, das
zu weiteſter Verbreitung beſtimmt iſt: „Soll der, dem die Macht ge-
geben iſt, den Himmel zu ſchließen und zu öffnen, nicht über die Erde
verfügen dürfen? Das ſei ferne!“

Das Recht Sankt Peters auf Beherrſchung der Welt anerkannt zu
ſehen, iſt Gregors Beſtreben. Wo immer ſich Gelegenheit dazu bot, hat
er die Forderung angemeldet. Dabei macht es ihm nichts aus, ſich ſelbſt
zu widerſprechen und für das Eigentum des Apoſtels, das doch nach ſeiner
Anſicht alle Länder ohne Ausnahme umfaßt und aus der Verfügung über
den Himmel ſich von ſelbſt ergibt, von Fall zu Fall beſondere irdiſche
Rechtstitel geltend zu machen. Auf die Echtheit der Beweiſe kommt es
ihm dabei nicht an. Gefälſchte Zeugniſſe, nach denen Karl der Große
in ſeinem Reich jährlich 1200 Pfund zum Beſten des päpſtlichen Stuhles
habe ſammeln laſſen, geben ihm Anlaß, eine Jahresſteuer von jedem
Hauſe in Frankreich zu fordern. Sachſen ſoll Karl dem heiligen Petrus
dargebracht haben, Ungarn iſt Eigentum Sankt Peters, weil König
Stefan einſt eine Krone aus der Hand Silveſters II. empfangen und
Kaiſer Heinrich III. nach Beſiegung des Landes Krone und Lanze nach
Rom geſandt hat. Daß Spanien kraft der gefälſchten Schenkung
Konſtantins des Großen als altes Eigentum Sankt Peters in Anſpruch
genommen wird, erwähnten wir bereits.

Für die Anerkennung päpſtlicher Oberhoheit gab es nach den Rechts-
begriffen der Zeit keine andere Form als Vaſſallenhuldigung und Lehns-
nahme. Sie war zum erſten Male angewandt worden von den Nor-
mannenfürſten Unteritaliens im Jahre 1059. Gregors unausgeſproche-
nes Ziel war es, daß alle chriſtlichen Herrſcher dieſem Beiſpiel folgen
ſollten. Wie er die Gelegenheit gegenüber einem vertriebenen Ruſſen-
fürſten benutzt hat, ſahen wir ſchon. Wirkung hatte das nicht. Den
König von Dänemark zur förmlichen Huldigung zu beſtimmen, gelang
nicht. Vollſtändig war dagegen der Erfolg in Kroatien, wo Fürſt Zwo-
nimir im Jahre 1076 aus der Hand päpſtlicher Legaten Königskrone
und Belehnung mit Fahne, Zepter und Schwert empfing und das Ge-
lübde unverbrüchlichen Gehorſams und eines Jahreszinſes von 200 Gold-

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[388/0397] Weltherrſchaftsgedanke Petrus Himmliſches und Geiſtliches löſt und richtet, um wieviel mehr Jrdiſches und Weltliches.“ Damit iſt ſchon beinahe die Form gefunden, mit der Gregor auf der Synode 1080 die ganze Weltöffentlichkeit be- kannt machte. Etwas anders gewendet, womöglich noch ſchärfer zuge- ſpitzt lautet ſie bald (1081) in einem Schreiben nach Deutſchland, das zu weiteſter Verbreitung beſtimmt iſt: „Soll der, dem die Macht ge- geben iſt, den Himmel zu ſchließen und zu öffnen, nicht über die Erde verfügen dürfen? Das ſei ferne!“ Das Recht Sankt Peters auf Beherrſchung der Welt anerkannt zu ſehen, iſt Gregors Beſtreben. Wo immer ſich Gelegenheit dazu bot, hat er die Forderung angemeldet. Dabei macht es ihm nichts aus, ſich ſelbſt zu widerſprechen und für das Eigentum des Apoſtels, das doch nach ſeiner Anſicht alle Länder ohne Ausnahme umfaßt und aus der Verfügung über den Himmel ſich von ſelbſt ergibt, von Fall zu Fall beſondere irdiſche Rechtstitel geltend zu machen. Auf die Echtheit der Beweiſe kommt es ihm dabei nicht an. Gefälſchte Zeugniſſe, nach denen Karl der Große in ſeinem Reich jährlich 1200 Pfund zum Beſten des päpſtlichen Stuhles habe ſammeln laſſen, geben ihm Anlaß, eine Jahresſteuer von jedem Hauſe in Frankreich zu fordern. Sachſen ſoll Karl dem heiligen Petrus dargebracht haben, Ungarn iſt Eigentum Sankt Peters, weil König Stefan einſt eine Krone aus der Hand Silveſters II. empfangen und Kaiſer Heinrich III. nach Beſiegung des Landes Krone und Lanze nach Rom geſandt hat. Daß Spanien kraft der gefälſchten Schenkung Konſtantins des Großen als altes Eigentum Sankt Peters in Anſpruch genommen wird, erwähnten wir bereits. Für die Anerkennung päpſtlicher Oberhoheit gab es nach den Rechts- begriffen der Zeit keine andere Form als Vaſſallenhuldigung und Lehns- nahme. Sie war zum erſten Male angewandt worden von den Nor- mannenfürſten Unteritaliens im Jahre 1059. Gregors unausgeſproche- nes Ziel war es, daß alle chriſtlichen Herrſcher dieſem Beiſpiel folgen ſollten. Wie er die Gelegenheit gegenüber einem vertriebenen Ruſſen- fürſten benutzt hat, ſahen wir ſchon. Wirkung hatte das nicht. Den König von Dänemark zur förmlichen Huldigung zu beſtimmen, gelang nicht. Vollſtändig war dagegen der Erfolg in Kroatien, wo Fürſt Zwo- nimir im Jahre 1076 aus der Hand päpſtlicher Legaten Königskrone und Belehnung mit Fahne, Zepter und Schwert empfing und das Ge- lübde unverbrüchlichen Gehorſams und eines Jahreszinſes von 200 Gold-

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 388. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/397>, abgerufen am 19.09.2020.