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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Weltherrschaftsgedanke
Formung fordern sie zu der Deutung heraus, daß es Gregor nicht
einmal so sehr, jedenfalls nicht nur darum zu tun ist, die Verfehlung
Heinrichs IV. zu sühnen, mindestens ebenso wichtig ist es ihm, an einem
Beispiel, das alle Welt sich merken soll, zu zeigen, wie weit sein Recht
und seine Macht reichen.

Er denkt sie sich schlechthin schrankenlos. Sankt Peter und Paul
gehört die ganze Welt, sie leben und handeln auf Erden im Papst, der
folglich in ihrem Namen über alle Lande und jeglichen Besitz verfügen
kann wie über sein Eigen, zum Schaden der Gottlosen und zum Vorteil
der Frommen. Wer erschrickt nicht, wenn er sich vorstellt, welche un-
geheure Machtfülle und welche Verantwortung einem Einzelnen mit
dieser Behauptung zugesprochen und aufgebürdet ist! Für Gregor ist
es eine so einfache Sache, daß er sich bei der Begründung nicht aufhält.
Ein einfacher Schluß a fortiori, vom Höheren auf das Geringere,
genügt ihm: die Apostel verfügen über geistliche Dinge, also dürfen sie
es erst recht über weltliche tun. Auf diesen einzigen Gedanken, diesen
kurzen Satz ist die Weltherrschaft des Papstes gebaut.

Gregor hätte es schwer gehabt, andere Beweise, sei es aus Vorgängen
der Geschichte oder aus der Bibel, den Kirchenvätern und dem kirch-
lichen Recht, beizubringen. Er hätte nirgends welche gefunden. Denn was
er aussprach, hatte noch niemand gedacht, geschweige denn zu behaupten
gewagt. Er selbst hatte sich nicht von jeher so hoch verstiegen. Jm Diktat
von 1075 steht noch nichts davon. Zum erstenmal klingt der Gedanke
an in einem Schreiben an den König von Aragon vom 20. März 1074,
wo Sankt Peter genannt wird als der, "den der Herr Jesus Christus,
der König der Ehren, zum Fürsten über die Reiche der Welt gesetzt hat".
Aber noch ist man nicht sicher, ob damit mehr als eine geistliche Herr-
schaft über die Gewissen der Regierenden behauptet werden soll. Ähnlich
doppelsinnig spricht Gregor sich auch später mehrfach aus; so wenn er
(im April 1075) den Dänenkönig darauf hinweist, das Gesetz der römi-
schen Bischöfe habe mehr Länder unterworfen als das der Kaiser, oder
(im Oktober 1079) an Alfons von Kastilien: "Dem heiligen Petrus hat
der allmächtige Gott alle Fürstentümer und Gewalten des Erdkreises
unterworfen, indem er ihm das Recht verlieh, zu binden und zu lösen im
Himmel und auf Erden." Aber man fühlt, wie der Anspruch im Kampfe
wächst und sich härtet: schon 1076/1077 tritt in Kundgebungen nach
Deutschland die Behauptung auf: "Wenn der Stuhl des heiligen

Weltherrſchaftsgedanke
Formung fordern ſie zu der Deutung heraus, daß es Gregor nicht
einmal ſo ſehr, jedenfalls nicht nur darum zu tun iſt, die Verfehlung
Heinrichs IV. zu ſühnen, mindeſtens ebenſo wichtig iſt es ihm, an einem
Beiſpiel, das alle Welt ſich merken ſoll, zu zeigen, wie weit ſein Recht
und ſeine Macht reichen.

Er denkt ſie ſich ſchlechthin ſchrankenlos. Sankt Peter und Paul
gehört die ganze Welt, ſie leben und handeln auf Erden im Papſt, der
folglich in ihrem Namen über alle Lande und jeglichen Beſitz verfügen
kann wie über ſein Eigen, zum Schaden der Gottloſen und zum Vorteil
der Frommen. Wer erſchrickt nicht, wenn er ſich vorſtellt, welche un-
geheure Machtfülle und welche Verantwortung einem Einzelnen mit
dieſer Behauptung zugeſprochen und aufgebürdet iſt! Für Gregor iſt
es eine ſo einfache Sache, daß er ſich bei der Begründung nicht aufhält.
Ein einfacher Schluß a fortiori, vom Höheren auf das Geringere,
genügt ihm: die Apoſtel verfügen über geiſtliche Dinge, alſo dürfen ſie
es erſt recht über weltliche tun. Auf dieſen einzigen Gedanken, dieſen
kurzen Satz iſt die Weltherrſchaft des Papſtes gebaut.

Gregor hätte es ſchwer gehabt, andere Beweiſe, ſei es aus Vorgängen
der Geſchichte oder aus der Bibel, den Kirchenvätern und dem kirch-
lichen Recht, beizubringen. Er hätte nirgends welche gefunden. Denn was
er ausſprach, hatte noch niemand gedacht, geſchweige denn zu behaupten
gewagt. Er ſelbſt hatte ſich nicht von jeher ſo hoch verſtiegen. Jm Diktat
von 1075 ſteht noch nichts davon. Zum erſtenmal klingt der Gedanke
an in einem Schreiben an den König von Aragon vom 20. März 1074,
wo Sankt Peter genannt wird als der, „den der Herr Jeſus Chriſtus,
der König der Ehren, zum Fürſten über die Reiche der Welt geſetzt hat“.
Aber noch iſt man nicht ſicher, ob damit mehr als eine geiſtliche Herr-
ſchaft über die Gewiſſen der Regierenden behauptet werden ſoll. Ähnlich
doppelſinnig ſpricht Gregor ſich auch ſpäter mehrfach aus; ſo wenn er
(im April 1075) den Dänenkönig darauf hinweiſt, das Geſetz der römi-
ſchen Biſchöfe habe mehr Länder unterworfen als das der Kaiſer, oder
(im Oktober 1079) an Alfons von Kaſtilien: „Dem heiligen Petrus hat
der allmächtige Gott alle Fürſtentümer und Gewalten des Erdkreiſes
unterworfen, indem er ihm das Recht verlieh, zu binden und zu löſen im
Himmel und auf Erden.“ Aber man fühlt, wie der Anſpruch im Kampfe
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[387/0396] Weltherrſchaftsgedanke Formung fordern ſie zu der Deutung heraus, daß es Gregor nicht einmal ſo ſehr, jedenfalls nicht nur darum zu tun iſt, die Verfehlung Heinrichs IV. zu ſühnen, mindeſtens ebenſo wichtig iſt es ihm, an einem Beiſpiel, das alle Welt ſich merken ſoll, zu zeigen, wie weit ſein Recht und ſeine Macht reichen. Er denkt ſie ſich ſchlechthin ſchrankenlos. Sankt Peter und Paul gehört die ganze Welt, ſie leben und handeln auf Erden im Papſt, der folglich in ihrem Namen über alle Lande und jeglichen Beſitz verfügen kann wie über ſein Eigen, zum Schaden der Gottloſen und zum Vorteil der Frommen. Wer erſchrickt nicht, wenn er ſich vorſtellt, welche un- geheure Machtfülle und welche Verantwortung einem Einzelnen mit dieſer Behauptung zugeſprochen und aufgebürdet iſt! Für Gregor iſt es eine ſo einfache Sache, daß er ſich bei der Begründung nicht aufhält. Ein einfacher Schluß a fortiori, vom Höheren auf das Geringere, genügt ihm: die Apoſtel verfügen über geiſtliche Dinge, alſo dürfen ſie es erſt recht über weltliche tun. Auf dieſen einzigen Gedanken, dieſen kurzen Satz iſt die Weltherrſchaft des Papſtes gebaut. Gregor hätte es ſchwer gehabt, andere Beweiſe, ſei es aus Vorgängen der Geſchichte oder aus der Bibel, den Kirchenvätern und dem kirch- lichen Recht, beizubringen. Er hätte nirgends welche gefunden. Denn was er ausſprach, hatte noch niemand gedacht, geſchweige denn zu behaupten gewagt. Er ſelbſt hatte ſich nicht von jeher ſo hoch verſtiegen. Jm Diktat von 1075 ſteht noch nichts davon. Zum erſtenmal klingt der Gedanke an in einem Schreiben an den König von Aragon vom 20. März 1074, wo Sankt Peter genannt wird als der, „den der Herr Jeſus Chriſtus, der König der Ehren, zum Fürſten über die Reiche der Welt geſetzt hat“. Aber noch iſt man nicht ſicher, ob damit mehr als eine geiſtliche Herr- ſchaft über die Gewiſſen der Regierenden behauptet werden ſoll. Ähnlich doppelſinnig ſpricht Gregor ſich auch ſpäter mehrfach aus; ſo wenn er (im April 1075) den Dänenkönig darauf hinweiſt, das Geſetz der römi- ſchen Biſchöfe habe mehr Länder unterworfen als das der Kaiſer, oder (im Oktober 1079) an Alfons von Kaſtilien: „Dem heiligen Petrus hat der allmächtige Gott alle Fürſtentümer und Gewalten des Erdkreiſes unterworfen, indem er ihm das Recht verlieh, zu binden und zu löſen im Himmel und auf Erden.“ Aber man fühlt, wie der Anſpruch im Kampfe wächſt und ſich härtet: ſchon 1076/1077 tritt in Kundgebungen nach Deutſchland die Behauptung auf: „Wenn der Stuhl des heiligen

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 387. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/396>, abgerufen am 19.09.2020.