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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Absetzung Heinrichs IV.
gestürzt wird, so wird Rudolf um seiner Demut, seines Gehorsams und
seiner Wahrhaftigkeit willen die Macht und Würde des Königreichs
verliehen." Mit feierlichem Schwung schließt Gregor: "Auf nun, ihr
heiligsten Väter und Fürsten, lasset alle Welt einsehen und erkennen,
daß, wenn ihr im Himmel lösen und binden könnt, ihr die Macht habt
auf Erden, Kaisertümer, Königreiche, Fürstentümer, Herzogtümer, Mar-
ken, Grafschaften und aller Menschen Besitzungen einem jeden nach
Verdienst zu nehmen und zu geben. Oft habt ihr Patriarchate, Primate,
Erzbistümer und Bistümer den Schlechten und Unwürdigen genommen
und frommen Männern gegeben. Wenn ihr nun über geistliche Dinge
richtet, welche Macht muß man euch im Weltlichen zuschreiben? Und
wenn ihr die Engel richten werdet, die über alle stolzen Fürsten gebieten,
was dürft ihr nicht gegen ihre Knechte tun? Lernen sollen jetzt die Könige
und alle Fürsten der Welt, wie groß ihr seid, was ihr vermögt, fürchten
sollen sie sich davor, die Befehle eurer Kirche zu mißachten. Vollstrecket
an Heinrich euer Urteil so schnell, daß alle wissen, er sei nicht durch Zu-
fall, sondern durch eure Macht gestürzt und vernichtet, und möge es
ihm zur Buße sein, damit seine Seele gerettet werde am Tage des
Herrn."

Es muß ein unvergeßlicher Eindruck für alle gewesen sein, die diese
Worte in der ehrwürdigen Basilika des Lateran erklingen hörten. Uns
lassen sie einen Blick tun in das Jnnerste von Gregors Denken und
Wollen, in die Auffassung, die er von seinem Amt hegte. Aus jedem
Satz spricht zu uns das Selbstgefühl eines Menschen, der in dem Be-
wußtsein überirdischer Sendung sich berufen und befähigt glaubt, der
Welt unumschränkt zu gebieten. Wie leicht macht er es sich mit der
Begründung seines Urteils über Heinrich! Kaum ist jemals ein ähnlich
schwerwiegender Spruch auf schmälerer Grundlage aufgerichtet wor-
den. Hochmut und Ungehorsam sind Heinrichs Verfehlung, Demut und
Gehorsam hat Rudolf bewiesen, also verliere Heinrich das Königreich
und Rudolf nehme es in Besitz -- kann man das noch den Spruch
eines Richters nennen, der sich bemüht, das Recht zu finden? Jst es nicht
vielmehr die Verfügung eines Herrschers, der den Anspruch erhebt, daß
sein Befehl Gesetzeskraft habe und sein Wille Begründung genug sei?
Wie tritt doch die Kirchenstrafe des Ausschlusses und der Verfluchung
zurück hinter den Sätzen, in denen das Königreich dem einen abge-
sprochen, dem andern zugewiesen wird! Jn ihrer harten, unerbittlichen

Abſetzung Heinrichs IV.
geſtürzt wird, ſo wird Rudolf um ſeiner Demut, ſeines Gehorſams und
ſeiner Wahrhaftigkeit willen die Macht und Würde des Königreichs
verliehen.“ Mit feierlichem Schwung ſchließt Gregor: „Auf nun, ihr
heiligſten Väter und Fürſten, laſſet alle Welt einſehen und erkennen,
daß, wenn ihr im Himmel löſen und binden könnt, ihr die Macht habt
auf Erden, Kaiſertümer, Königreiche, Fürſtentümer, Herzogtümer, Mar-
ken, Grafſchaften und aller Menſchen Beſitzungen einem jeden nach
Verdienſt zu nehmen und zu geben. Oft habt ihr Patriarchate, Primate,
Erzbistümer und Bistümer den Schlechten und Unwürdigen genommen
und frommen Männern gegeben. Wenn ihr nun über geiſtliche Dinge
richtet, welche Macht muß man euch im Weltlichen zuſchreiben? Und
wenn ihr die Engel richten werdet, die über alle ſtolzen Fürſten gebieten,
was dürft ihr nicht gegen ihre Knechte tun? Lernen ſollen jetzt die Könige
und alle Fürſten der Welt, wie groß ihr ſeid, was ihr vermögt, fürchten
ſollen ſie ſich davor, die Befehle eurer Kirche zu mißachten. Vollſtrecket
an Heinrich euer Urteil ſo ſchnell, daß alle wiſſen, er ſei nicht durch Zu-
fall, ſondern durch eure Macht geſtürzt und vernichtet, und möge es
ihm zur Buße ſein, damit ſeine Seele gerettet werde am Tage des
Herrn.“

Es muß ein unvergeßlicher Eindruck für alle geweſen ſein, die dieſe
Worte in der ehrwürdigen Baſilika des Lateran erklingen hörten. Uns
laſſen ſie einen Blick tun in das Jnnerſte von Gregors Denken und
Wollen, in die Auffaſſung, die er von ſeinem Amt hegte. Aus jedem
Satz ſpricht zu uns das Selbſtgefühl eines Menſchen, der in dem Be-
wußtſein überirdiſcher Sendung ſich berufen und befähigt glaubt, der
Welt unumſchränkt zu gebieten. Wie leicht macht er es ſich mit der
Begründung ſeines Urteils über Heinrich! Kaum iſt jemals ein ähnlich
ſchwerwiegender Spruch auf ſchmälerer Grundlage aufgerichtet wor-
den. Hochmut und Ungehorſam ſind Heinrichs Verfehlung, Demut und
Gehorſam hat Rudolf bewieſen, alſo verliere Heinrich das Königreich
und Rudolf nehme es in Beſitz — kann man das noch den Spruch
eines Richters nennen, der ſich bemüht, das Recht zu finden? Jſt es nicht
vielmehr die Verfügung eines Herrſchers, der den Anſpruch erhebt, daß
ſein Befehl Geſetzeskraft habe und ſein Wille Begründung genug ſei?
Wie tritt doch die Kirchenſtrafe des Ausſchluſſes und der Verfluchung
zurück hinter den Sätzen, in denen das Königreich dem einen abge-
ſprochen, dem andern zugewieſen wird! Jn ihrer harten, unerbittlichen

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[386/0395] Abſetzung Heinrichs IV. geſtürzt wird, ſo wird Rudolf um ſeiner Demut, ſeines Gehorſams und ſeiner Wahrhaftigkeit willen die Macht und Würde des Königreichs verliehen.“ Mit feierlichem Schwung ſchließt Gregor: „Auf nun, ihr heiligſten Väter und Fürſten, laſſet alle Welt einſehen und erkennen, daß, wenn ihr im Himmel löſen und binden könnt, ihr die Macht habt auf Erden, Kaiſertümer, Königreiche, Fürſtentümer, Herzogtümer, Mar- ken, Grafſchaften und aller Menſchen Beſitzungen einem jeden nach Verdienſt zu nehmen und zu geben. Oft habt ihr Patriarchate, Primate, Erzbistümer und Bistümer den Schlechten und Unwürdigen genommen und frommen Männern gegeben. Wenn ihr nun über geiſtliche Dinge richtet, welche Macht muß man euch im Weltlichen zuſchreiben? Und wenn ihr die Engel richten werdet, die über alle ſtolzen Fürſten gebieten, was dürft ihr nicht gegen ihre Knechte tun? Lernen ſollen jetzt die Könige und alle Fürſten der Welt, wie groß ihr ſeid, was ihr vermögt, fürchten ſollen ſie ſich davor, die Befehle eurer Kirche zu mißachten. Vollſtrecket an Heinrich euer Urteil ſo ſchnell, daß alle wiſſen, er ſei nicht durch Zu- fall, ſondern durch eure Macht geſtürzt und vernichtet, und möge es ihm zur Buße ſein, damit ſeine Seele gerettet werde am Tage des Herrn.“ Es muß ein unvergeßlicher Eindruck für alle geweſen ſein, die dieſe Worte in der ehrwürdigen Baſilika des Lateran erklingen hörten. Uns laſſen ſie einen Blick tun in das Jnnerſte von Gregors Denken und Wollen, in die Auffaſſung, die er von ſeinem Amt hegte. Aus jedem Satz ſpricht zu uns das Selbſtgefühl eines Menſchen, der in dem Be- wußtſein überirdiſcher Sendung ſich berufen und befähigt glaubt, der Welt unumſchränkt zu gebieten. Wie leicht macht er es ſich mit der Begründung ſeines Urteils über Heinrich! Kaum iſt jemals ein ähnlich ſchwerwiegender Spruch auf ſchmälerer Grundlage aufgerichtet wor- den. Hochmut und Ungehorſam ſind Heinrichs Verfehlung, Demut und Gehorſam hat Rudolf bewieſen, alſo verliere Heinrich das Königreich und Rudolf nehme es in Beſitz — kann man das noch den Spruch eines Richters nennen, der ſich bemüht, das Recht zu finden? Jſt es nicht vielmehr die Verfügung eines Herrſchers, der den Anſpruch erhebt, daß ſein Befehl Geſetzeskraft habe und ſein Wille Begründung genug ſei? Wie tritt doch die Kirchenſtrafe des Ausſchluſſes und der Verfluchung zurück hinter den Sätzen, in denen das Königreich dem einen abge- ſprochen, dem andern zugewieſen wird! Jn ihrer harten, unerbittlichen

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 386. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/395>, abgerufen am 19.09.2020.