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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Absetzung Heinrichs IV.
werde ich, wenn aufgefordert, mit weltlicher Kriegsmacht getreulich
unterstützen." Mit diesen Streitkräften und denen der Gräfin Mathilde
getraute er sich, die Gegner in Oberitalien zu überwinden. Von Deutsch-
land war nichts zu befürchten, die Niederlage, die Heinrich IV. im
Januar 1080 in Thüringen erlitt, hatte den Beweis erbracht, daß auch
dort die päpstliche Partei der königlichen mindestens gewachsen, wenn
nicht überlegen war. Der Augenblick schien gekommen, die Neutralität
aufzugeben und selbst in den Kampf einzugreifen, in dem der Sieg winkte.

Zu Anfang 1080 war in Rom die übliche Jahressynode versammelt.
Gregor wiederholte und verschärfte auf ihr das Verbot der Jnvestitur
durch Laienhand, das wir schon kennen, und erließ die ergänzende Be-
stimmung über die Form der Bischofswahl. Er bestätigte Absetzung
und Ausschluß Tedalds von Mailand und Wiberts von Ravenna, ver-
hängte die gleichen Strafen über den Erzbischof von Narbonne, versagte
den Normannen, wenn sie ihre Eroberungen auf Kosten des Kirchen-
staats fortsetzen würden, die Gnade Sankt Peters und verbot ihnen das
Betreten der Kirchen. Den Höhepunkt bildete die Erklärung, in der der
Papst offen gegen Heinrich IV. Stellung nahm.

Es geschah wie vor vier Jahren in Form einer Anrufung der Apostel
Petrus und Paulus. Gregor warf zunächst einen Rückblick auf den bis-
herigen Verlauf der Dinge, der ihn als Märtyrer erscheinen ließ:
wie er nur gezwungen sein schweres Amt auf sich genommen und in ihm
zur Zielscheibe von Angriffen der "Glieder des Teufels" geworden, wie
die Könige, die Fürsten der Welt und der Kirche, Hofleute und gemeines
Volk sich gegen den Herrn und seine Gesalbten zusammengetan und ihn
zu töten oder zu vertreiben gesucht. Vor andern hat "Heinrich, den sie
König nennen", Eide und Versprechungen nicht gehalten, Schlichtung
und Richterspruch, zu denen sein Gegner Rudolf stets bereit war, ver-
eitelt und sich schon dadurch den angedrohten Ausschluß zugezogen.
Darum wird er jetzt mit dem Fluch gefesselt und ihm im Namen Gottes
und der Apostel die Regierung seines Reiches und alle königliche Würde
genommen, und werden alle, die ihm geschworen, von ihren Eiden ent-
bunden. Rudolf dagegen wird, ebenfalls im Namen der Apostel, das
Reich übertragen, damit er es in ihrer Treue lenke und verteidige. Die
ihm anhängen, erhalten Lossprechung von allen Sünden mit dem Segen
der Apostel in diesem und jenem Leben. "Denn wie Heinrich wegen Hoch-
muts, Ungehorsams und Falschheit mit Recht von seiner Würde herab-

Haller, Das Papsttum II1 25

Abſetzung Heinrichs IV.
werde ich, wenn aufgefordert, mit weltlicher Kriegsmacht getreulich
unterſtützen.“ Mit dieſen Streitkräften und denen der Gräfin Mathilde
getraute er ſich, die Gegner in Oberitalien zu überwinden. Von Deutſch-
land war nichts zu befürchten, die Niederlage, die Heinrich IV. im
Januar 1080 in Thüringen erlitt, hatte den Beweis erbracht, daß auch
dort die päpſtliche Partei der königlichen mindeſtens gewachſen, wenn
nicht überlegen war. Der Augenblick ſchien gekommen, die Neutralität
aufzugeben und ſelbſt in den Kampf einzugreifen, in dem der Sieg winkte.

Zu Anfang 1080 war in Rom die übliche Jahresſynode verſammelt.
Gregor wiederholte und verſchärfte auf ihr das Verbot der Jnveſtitur
durch Laienhand, das wir ſchon kennen, und erließ die ergänzende Be-
ſtimmung über die Form der Biſchofswahl. Er beſtätigte Abſetzung
und Ausſchluß Tedalds von Mailand und Wiberts von Ravenna, ver-
hängte die gleichen Strafen über den Erzbiſchof von Narbonne, verſagte
den Normannen, wenn ſie ihre Eroberungen auf Koſten des Kirchen-
ſtaats fortſetzen würden, die Gnade Sankt Peters und verbot ihnen das
Betreten der Kirchen. Den Höhepunkt bildete die Erklärung, in der der
Papſt offen gegen Heinrich IV. Stellung nahm.

Es geſchah wie vor vier Jahren in Form einer Anrufung der Apoſtel
Petrus und Paulus. Gregor warf zunächſt einen Rückblick auf den bis-
herigen Verlauf der Dinge, der ihn als Märtyrer erſcheinen ließ:
wie er nur gezwungen ſein ſchweres Amt auf ſich genommen und in ihm
zur Zielſcheibe von Angriffen der „Glieder des Teufels“ geworden, wie
die Könige, die Fürſten der Welt und der Kirche, Hofleute und gemeines
Volk ſich gegen den Herrn und ſeine Geſalbten zuſammengetan und ihn
zu töten oder zu vertreiben geſucht. Vor andern hat „Heinrich, den ſie
König nennen“, Eide und Verſprechungen nicht gehalten, Schlichtung
und Richterſpruch, zu denen ſein Gegner Rudolf ſtets bereit war, ver-
eitelt und ſich ſchon dadurch den angedrohten Ausſchluß zugezogen.
Darum wird er jetzt mit dem Fluch gefeſſelt und ihm im Namen Gottes
und der Apoſtel die Regierung ſeines Reiches und alle königliche Würde
genommen, und werden alle, die ihm geſchworen, von ihren Eiden ent-
bunden. Rudolf dagegen wird, ebenfalls im Namen der Apoſtel, das
Reich übertragen, damit er es in ihrer Treue lenke und verteidige. Die
ihm anhängen, erhalten Losſprechung von allen Sünden mit dem Segen
der Apoſtel in dieſem und jenem Leben. „Denn wie Heinrich wegen Hoch-
muts, Ungehorſams und Falſchheit mit Recht von ſeiner Würde herab-

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[385/0394] Abſetzung Heinrichs IV. werde ich, wenn aufgefordert, mit weltlicher Kriegsmacht getreulich unterſtützen.“ Mit dieſen Streitkräften und denen der Gräfin Mathilde getraute er ſich, die Gegner in Oberitalien zu überwinden. Von Deutſch- land war nichts zu befürchten, die Niederlage, die Heinrich IV. im Januar 1080 in Thüringen erlitt, hatte den Beweis erbracht, daß auch dort die päpſtliche Partei der königlichen mindeſtens gewachſen, wenn nicht überlegen war. Der Augenblick ſchien gekommen, die Neutralität aufzugeben und ſelbſt in den Kampf einzugreifen, in dem der Sieg winkte. Zu Anfang 1080 war in Rom die übliche Jahresſynode verſammelt. Gregor wiederholte und verſchärfte auf ihr das Verbot der Jnveſtitur durch Laienhand, das wir ſchon kennen, und erließ die ergänzende Be- ſtimmung über die Form der Biſchofswahl. Er beſtätigte Abſetzung und Ausſchluß Tedalds von Mailand und Wiberts von Ravenna, ver- hängte die gleichen Strafen über den Erzbiſchof von Narbonne, verſagte den Normannen, wenn ſie ihre Eroberungen auf Koſten des Kirchen- ſtaats fortſetzen würden, die Gnade Sankt Peters und verbot ihnen das Betreten der Kirchen. Den Höhepunkt bildete die Erklärung, in der der Papſt offen gegen Heinrich IV. Stellung nahm. Es geſchah wie vor vier Jahren in Form einer Anrufung der Apoſtel Petrus und Paulus. Gregor warf zunächſt einen Rückblick auf den bis- herigen Verlauf der Dinge, der ihn als Märtyrer erſcheinen ließ: wie er nur gezwungen ſein ſchweres Amt auf ſich genommen und in ihm zur Zielſcheibe von Angriffen der „Glieder des Teufels“ geworden, wie die Könige, die Fürſten der Welt und der Kirche, Hofleute und gemeines Volk ſich gegen den Herrn und ſeine Geſalbten zuſammengetan und ihn zu töten oder zu vertreiben geſucht. Vor andern hat „Heinrich, den ſie König nennen“, Eide und Verſprechungen nicht gehalten, Schlichtung und Richterſpruch, zu denen ſein Gegner Rudolf ſtets bereit war, ver- eitelt und ſich ſchon dadurch den angedrohten Ausſchluß zugezogen. Darum wird er jetzt mit dem Fluch gefeſſelt und ihm im Namen Gottes und der Apoſtel die Regierung ſeines Reiches und alle königliche Würde genommen, und werden alle, die ihm geſchworen, von ihren Eiden ent- bunden. Rudolf dagegen wird, ebenfalls im Namen der Apoſtel, das Reich übertragen, damit er es in ihrer Treue lenke und verteidige. Die ihm anhängen, erhalten Losſprechung von allen Sünden mit dem Segen der Apoſtel in dieſem und jenem Leben. „Denn wie Heinrich wegen Hoch- muts, Ungehorſams und Falſchheit mit Recht von ſeiner Würde herab- Haller, Das Papſttum II1 25

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 385. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/394>, abgerufen am 19.09.2020.