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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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mit verschiedener Milch genährt würden. Der Erfolg kam nur schritt-
weise. Jm Jahr 1075 war bereits ein Teil des Klerus zum römischen
Ritus übergegangen, bei festlichem Anlaß wurde damals am Königs-
hof die Messe sowohl nach römischer wie nach toledanischer Weise
gefeiert. Ein vertriebener Bischof konnte bei Gregor seine Wiederein-
setzung erkaufen, indem er die Annahme des römischen Ritus versprach.
Auf dieser Forderung bestand der Papst mit seiner ganzen Unerbittlich-
keit, Duldung abweichender Formen, wie "die Kinder des Todes" sie
begehrten, wies er weit von sich. Der Kampf muß im Lande scharf
gewesen sein, da man zu der merkwürdigen Auskunft griff, die Entschei-
dung durch Gottesgericht zu erzielen. Am Palmsonntag 1077 kämpften
zwei Ritter, der eine für Toledo, der andere für Rom, der Vertreter
Toledos siegte, der König aber war schon so weit für Rom gewonnen, daß
er das Gericht für ungültig erklärte. Endlich im nächsten Jahr tat er
unter dem Einfluß zweier Legaten -- der eine war Amatus von Oloron --
den entscheidenden Schritt. Zu 1078 verzeichnet die spanische Chronik
kurz und trocken: "Das römische Gesetz hielt seinen Einzug in Spanien."
Mit gehobenen Worten konnte Gregor dem König danken: "Deiner
Zeit war es vorbehalten, die Wahrheit und das Recht Gottes anzuer-
kennen, die Deine Vorgänger so lange in blinder Unwissenheit und hart-
näckiger Vermessenheit nicht besaßen." Zu seinem Schutz sandte er ihm
einen goldenen Schlüssel, der Teile von den Ketten Petri enthielt. Dem
Beispiel Kastiliens ist Navarra gefolgt, überall im christlichen Spanien
war die Kirche bald der römischen angeschlossen, und der Papst regierte
die erst mangelhaft geordnete als ihr oberster Bischof wie ein neube-
kehrtes Gebiet.

Die Erfolge in der Ferne werden Gregor in der Überzeugung bestärkt
haben, daß er in seiner näheren Umgebung etwas wagen dürfe. Drei
Jahre waren seit Canossa im Abwarten und Beobachten vergangen,
nachgerade schien es Zeit, die Entscheidung herbeizuführen. Daß sie auf
dem Schlachtfeld fallen müsse, stand für Gregor fest. Er hatte gerüstet,
aus den Abgaben und Geschenken der Anhänger in Deutschland, Frank-
reich, Spanien einen Kriegsschatz gesammelt, Truppen geworben und
ein Heer aufgestellt. Der Amtseid, den er den Patriarchen von Aquileja
zu Anfang 1079 schwören ließ, enthielt nach den altüblichen Verpflich-
tungen zum Gehorsam den bezeichnenden Zusatz: "Die römische Kirche

Spanien
mit verſchiedener Milch genährt würden. Der Erfolg kam nur ſchritt-
weiſe. Jm Jahr 1075 war bereits ein Teil des Klerus zum römiſchen
Ritus übergegangen, bei feſtlichem Anlaß wurde damals am Königs-
hof die Meſſe ſowohl nach römiſcher wie nach toledaniſcher Weiſe
gefeiert. Ein vertriebener Biſchof konnte bei Gregor ſeine Wiederein-
ſetzung erkaufen, indem er die Annahme des römiſchen Ritus verſprach.
Auf dieſer Forderung beſtand der Papſt mit ſeiner ganzen Unerbittlich-
keit, Duldung abweichender Formen, wie „die Kinder des Todes“ ſie
begehrten, wies er weit von ſich. Der Kampf muß im Lande ſcharf
geweſen ſein, da man zu der merkwürdigen Auskunft griff, die Entſchei-
dung durch Gottesgericht zu erzielen. Am Palmſonntag 1077 kämpften
zwei Ritter, der eine für Toledo, der andere für Rom, der Vertreter
Toledos ſiegte, der König aber war ſchon ſo weit für Rom gewonnen, daß
er das Gericht für ungültig erklärte. Endlich im nächſten Jahr tat er
unter dem Einfluß zweier Legaten — der eine war Amatus von Oloron —
den entſcheidenden Schritt. Zu 1078 verzeichnet die ſpaniſche Chronik
kurz und trocken: „Das römiſche Geſetz hielt ſeinen Einzug in Spanien.“
Mit gehobenen Worten konnte Gregor dem König danken: „Deiner
Zeit war es vorbehalten, die Wahrheit und das Recht Gottes anzuer-
kennen, die Deine Vorgänger ſo lange in blinder Unwiſſenheit und hart-
näckiger Vermeſſenheit nicht beſaßen.“ Zu ſeinem Schutz ſandte er ihm
einen goldenen Schlüſſel, der Teile von den Ketten Petri enthielt. Dem
Beiſpiel Kaſtiliens iſt Navarra gefolgt, überall im chriſtlichen Spanien
war die Kirche bald der römiſchen angeſchloſſen, und der Papſt regierte
die erſt mangelhaft geordnete als ihr oberſter Biſchof wie ein neube-
kehrtes Gebiet.

Die Erfolge in der Ferne werden Gregor in der Überzeugung beſtärkt
haben, daß er in ſeiner näheren Umgebung etwas wagen dürfe. Drei
Jahre waren ſeit Canoſſa im Abwarten und Beobachten vergangen,
nachgerade ſchien es Zeit, die Entſcheidung herbeizuführen. Daß ſie auf
dem Schlachtfeld fallen müſſe, ſtand für Gregor feſt. Er hatte gerüſtet,
aus den Abgaben und Geſchenken der Anhänger in Deutſchland, Frank-
reich, Spanien einen Kriegsſchatz geſammelt, Truppen geworben und
ein Heer aufgeſtellt. Der Amtseid, den er den Patriarchen von Aquileja
zu Anfang 1079 ſchwören ließ, enthielt nach den altüblichen Verpflich-
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[384/0393] Spanien mit verſchiedener Milch genährt würden. Der Erfolg kam nur ſchritt- weiſe. Jm Jahr 1075 war bereits ein Teil des Klerus zum römiſchen Ritus übergegangen, bei feſtlichem Anlaß wurde damals am Königs- hof die Meſſe ſowohl nach römiſcher wie nach toledaniſcher Weiſe gefeiert. Ein vertriebener Biſchof konnte bei Gregor ſeine Wiederein- ſetzung erkaufen, indem er die Annahme des römiſchen Ritus verſprach. Auf dieſer Forderung beſtand der Papſt mit ſeiner ganzen Unerbittlich- keit, Duldung abweichender Formen, wie „die Kinder des Todes“ ſie begehrten, wies er weit von ſich. Der Kampf muß im Lande ſcharf geweſen ſein, da man zu der merkwürdigen Auskunft griff, die Entſchei- dung durch Gottesgericht zu erzielen. Am Palmſonntag 1077 kämpften zwei Ritter, der eine für Toledo, der andere für Rom, der Vertreter Toledos ſiegte, der König aber war ſchon ſo weit für Rom gewonnen, daß er das Gericht für ungültig erklärte. Endlich im nächſten Jahr tat er unter dem Einfluß zweier Legaten — der eine war Amatus von Oloron — den entſcheidenden Schritt. Zu 1078 verzeichnet die ſpaniſche Chronik kurz und trocken: „Das römiſche Geſetz hielt ſeinen Einzug in Spanien.“ Mit gehobenen Worten konnte Gregor dem König danken: „Deiner Zeit war es vorbehalten, die Wahrheit und das Recht Gottes anzuer- kennen, die Deine Vorgänger ſo lange in blinder Unwiſſenheit und hart- näckiger Vermeſſenheit nicht beſaßen.“ Zu ſeinem Schutz ſandte er ihm einen goldenen Schlüſſel, der Teile von den Ketten Petri enthielt. Dem Beiſpiel Kaſtiliens iſt Navarra gefolgt, überall im chriſtlichen Spanien war die Kirche bald der römiſchen angeſchloſſen, und der Papſt regierte die erſt mangelhaft geordnete als ihr oberſter Biſchof wie ein neube- kehrtes Gebiet. Die Erfolge in der Ferne werden Gregor in der Überzeugung beſtärkt haben, daß er in ſeiner näheren Umgebung etwas wagen dürfe. Drei Jahre waren ſeit Canoſſa im Abwarten und Beobachten vergangen, nachgerade ſchien es Zeit, die Entſcheidung herbeizuführen. Daß ſie auf dem Schlachtfeld fallen müſſe, ſtand für Gregor feſt. Er hatte gerüſtet, aus den Abgaben und Geſchenken der Anhänger in Deutſchland, Frank- reich, Spanien einen Kriegsſchatz geſammelt, Truppen geworben und ein Heer aufgeſtellt. Der Amtseid, den er den Patriarchen von Aquileja zu Anfang 1079 ſchwören ließ, enthielt nach den altüblichen Verpflich- tungen zum Gehorſam den bezeichnenden Zuſatz: „Die römiſche Kirche

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 384. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/393>, abgerufen am 19.09.2020.