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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Frankreich
Papst selber sich zu verantworten. Außerdem bestritt er dem Bischof von
Die das Recht, als römischer Legat aufzutreten, da er kein Römer sei.
Gregor hatte es nicht schwer, diesen Einwand zurückzuweisen, und be-
lehrte den Erzbischof, daß Privilegien nicht ewig gelten könnten; paßten
sie nicht mehr in die Zeit, so müßten sie fallen. Manasse blieb bei seiner
Weigerung, die Richtergewalt Hugos anzuerkennen, und wurde im
Frühjahr 1080 abgesetzt. Zu seiner gewaltsamen Entfernung bot Gre-
gor seine persönlichen Feinde in der Nachbarschaft auf, an der Spitze
jenen Grafen von Roucy, der den verunglückten Kreuzzug nach Spanien
hatte führen wollen, nach dem Urteil des Abtes Suger von Saint Denis,
der es wissen mußte, einen der übelsten Raubritter. Gegen diese Meute
konnte der Erzbischof sich nicht behaupten, er wanderte nach Deutsch-
land aus und schloß sich Heinrich IV. an. Seitdem fand der päpstliche
Vikar und Primas keinen nachhaltigen Widerstand mehr im Kleinkrieg
um die einzelnen Bistümer.

Eigentümlich war das Verhalten des Königs. Philipp I. hat für den
vornehmsten Erzbischof und Kanzler seines Reiches keinen Finger ge-
rührt, auch später wohl einmal eine Jnvestitur erteilt, aber einen grund-
sätzlichen Streit mit dem Papst gescheut. Ebenso schonte ihn Gregor,
verhängte keine Strafen gegen ihn. War es beim König die begreif-
liche Besorgnis, seine großen Vassallen, die meist zum Papst hielten,
könnten von diesem mit Erfolg gegen ihn in Bewegung gesetzt werden,
eine Gefahr, die ja schon einmal nahe gewesen war, so wünschte der
Papst, solange der Kampf in Deutschland währte, mit Frankreich in
Frieden zu bleiben, zumal hier der König nicht die allein ausschlaggebende
Macht darstellte. Zweckmäßiger war es, den Widerstand der Bischöfe
von Fall zu Fall zu besiegen, und darin hatte der Legat Erfolg. Von
feindseliger Erregung in der Masse der Geistlichen und Laien ist in
Frankreich nichts zu spüren. Nur das Grenzbistum Cambrai, dessen
Hauptstadt zum deutschen Reich gehörte, scheint eine Ausnahme gemacht
zu haben. Dort wurde ein Mann, der gegen den Gottesdienst nichtre-
formierter Priester gesprochen hatte, von einer erbitterten Menge ver-
brannt, und der Klerus richtete an die Amtsbrüder in der ganzen Reimser
Provinz einen Hilferuf gegen die "Unverschämtheit der Römer", die den
bisher so angesehenen geistlichen Stand mit ihrem Eheverbot und andern
Neuerungen in Schande und Verachtung bringen würden, wenn nicht
vereinte Wachsamkeit vorsorgte. Aber der Aufruf fand nur schwachen

Frankreich
Papſt ſelber ſich zu verantworten. Außerdem beſtritt er dem Biſchof von
Die das Recht, als römiſcher Legat aufzutreten, da er kein Römer ſei.
Gregor hatte es nicht ſchwer, dieſen Einwand zurückzuweiſen, und be-
lehrte den Erzbiſchof, daß Privilegien nicht ewig gelten könnten; paßten
ſie nicht mehr in die Zeit, ſo müßten ſie fallen. Manaſſe blieb bei ſeiner
Weigerung, die Richtergewalt Hugos anzuerkennen, und wurde im
Frühjahr 1080 abgeſetzt. Zu ſeiner gewaltſamen Entfernung bot Gre-
gor ſeine perſönlichen Feinde in der Nachbarſchaft auf, an der Spitze
jenen Grafen von Roucy, der den verunglückten Kreuzzug nach Spanien
hatte führen wollen, nach dem Urteil des Abtes Suger von Saint Denis,
der es wiſſen mußte, einen der übelſten Raubritter. Gegen dieſe Meute
konnte der Erzbiſchof ſich nicht behaupten, er wanderte nach Deutſch-
land aus und ſchloß ſich Heinrich IV. an. Seitdem fand der päpſtliche
Vikar und Primas keinen nachhaltigen Widerſtand mehr im Kleinkrieg
um die einzelnen Bistümer.

Eigentümlich war das Verhalten des Königs. Philipp I. hat für den
vornehmſten Erzbiſchof und Kanzler ſeines Reiches keinen Finger ge-
rührt, auch ſpäter wohl einmal eine Jnveſtitur erteilt, aber einen grund-
ſätzlichen Streit mit dem Papſt geſcheut. Ebenſo ſchonte ihn Gregor,
verhängte keine Strafen gegen ihn. War es beim König die begreif-
liche Beſorgnis, ſeine großen Vaſſallen, die meiſt zum Papſt hielten,
könnten von dieſem mit Erfolg gegen ihn in Bewegung geſetzt werden,
eine Gefahr, die ja ſchon einmal nahe geweſen war, ſo wünſchte der
Papſt, ſolange der Kampf in Deutſchland währte, mit Frankreich in
Frieden zu bleiben, zumal hier der König nicht die allein ausſchlaggebende
Macht darſtellte. Zweckmäßiger war es, den Widerſtand der Biſchöfe
von Fall zu Fall zu beſiegen, und darin hatte der Legat Erfolg. Von
feindſeliger Erregung in der Maſſe der Geiſtlichen und Laien iſt in
Frankreich nichts zu ſpüren. Nur das Grenzbistum Cambrai, deſſen
Hauptſtadt zum deutſchen Reich gehörte, ſcheint eine Ausnahme gemacht
zu haben. Dort wurde ein Mann, der gegen den Gottesdienſt nichtre-
formierter Prieſter geſprochen hatte, von einer erbitterten Menge ver-
brannt, und der Klerus richtete an die Amtsbrüder in der ganzen Reimſer
Provinz einen Hilferuf gegen die „Unverſchämtheit der Römer“, die den
bisher ſo angeſehenen geiſtlichen Stand mit ihrem Eheverbot und andern
Neuerungen in Schande und Verachtung bringen würden, wenn nicht
vereinte Wachſamkeit vorſorgte. Aber der Aufruf fand nur ſchwachen

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[382/0391] Frankreich Papſt ſelber ſich zu verantworten. Außerdem beſtritt er dem Biſchof von Die das Recht, als römiſcher Legat aufzutreten, da er kein Römer ſei. Gregor hatte es nicht ſchwer, dieſen Einwand zurückzuweiſen, und be- lehrte den Erzbiſchof, daß Privilegien nicht ewig gelten könnten; paßten ſie nicht mehr in die Zeit, ſo müßten ſie fallen. Manaſſe blieb bei ſeiner Weigerung, die Richtergewalt Hugos anzuerkennen, und wurde im Frühjahr 1080 abgeſetzt. Zu ſeiner gewaltſamen Entfernung bot Gre- gor ſeine perſönlichen Feinde in der Nachbarſchaft auf, an der Spitze jenen Grafen von Roucy, der den verunglückten Kreuzzug nach Spanien hatte führen wollen, nach dem Urteil des Abtes Suger von Saint Denis, der es wiſſen mußte, einen der übelſten Raubritter. Gegen dieſe Meute konnte der Erzbiſchof ſich nicht behaupten, er wanderte nach Deutſch- land aus und ſchloß ſich Heinrich IV. an. Seitdem fand der päpſtliche Vikar und Primas keinen nachhaltigen Widerſtand mehr im Kleinkrieg um die einzelnen Bistümer. Eigentümlich war das Verhalten des Königs. Philipp I. hat für den vornehmſten Erzbiſchof und Kanzler ſeines Reiches keinen Finger ge- rührt, auch ſpäter wohl einmal eine Jnveſtitur erteilt, aber einen grund- ſätzlichen Streit mit dem Papſt geſcheut. Ebenſo ſchonte ihn Gregor, verhängte keine Strafen gegen ihn. War es beim König die begreif- liche Beſorgnis, ſeine großen Vaſſallen, die meiſt zum Papſt hielten, könnten von dieſem mit Erfolg gegen ihn in Bewegung geſetzt werden, eine Gefahr, die ja ſchon einmal nahe geweſen war, ſo wünſchte der Papſt, ſolange der Kampf in Deutſchland währte, mit Frankreich in Frieden zu bleiben, zumal hier der König nicht die allein ausſchlaggebende Macht darſtellte. Zweckmäßiger war es, den Widerſtand der Biſchöfe von Fall zu Fall zu beſiegen, und darin hatte der Legat Erfolg. Von feindſeliger Erregung in der Maſſe der Geiſtlichen und Laien iſt in Frankreich nichts zu ſpüren. Nur das Grenzbistum Cambrai, deſſen Hauptſtadt zum deutſchen Reich gehörte, ſcheint eine Ausnahme gemacht zu haben. Dort wurde ein Mann, der gegen den Gottesdienſt nichtre- formierter Prieſter geſprochen hatte, von einer erbitterten Menge ver- brannt, und der Klerus richtete an die Amtsbrüder in der ganzen Reimſer Provinz einen Hilferuf gegen die „Unverſchämtheit der Römer“, die den bisher ſo angeſehenen geiſtlichen Stand mit ihrem Eheverbot und andern Neuerungen in Schande und Verachtung bringen würden, wenn nicht vereinte Wachſamkeit vorſorgte. Aber der Aufruf fand nur ſchwachen

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 382. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/391>, abgerufen am 19.09.2020.