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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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jeden Einfluß außerhalb seiner Hausmacht, wenn er die Bistümer, die
bisher von ihm abhingen, nicht mehr vergeben konnte. Philipp I. hat
denn auch das Verbot des Papstes nicht anerkannt und die Jnvestitur
mit Ring und Stab weiterhin geübt. Ebenso wie Heinrich IV. gedachte
er sein Recht zu behaupten. Ob ihm das gelingen würde, hing wesentlich
von den Erzbischöfen ab; sie mußten bereit sein, investierte Bischöfe trotz
päpstlichen Verbots zu weihen, nichtinvestierten die Weihe zu ver-
weigern. Die Erzbischöfe nahm darum Gregor zum Ziel seines Angriffs,
durch eine Neuordnung der Rangverhältnisse suchte er sie zu lähmen,
ihren etwaigen Widerstand zu brechen. Jm April 1079 erhob er den
Erzbischof von Lyon zum Primas für den größten Teil Nordfrankreichs
und unterstellte ihm die Kirchenprovinzen Lyon, Sens, Tours und
Ronen. Lyon lag im Königreich Burgund, dorthin reichte der Arm des
französischen Königs nicht, und für einen geeigneten Träger des Amtes
hatte Hugo von Die bei der letzten Erledigung des erzbischöflichen Stifts
gesorgt, vier Jahre später bestieg er ihn selbst und vereinigte nun die
Vollmachten des Primas mit denen eines apostolischen Legaten und
Vikars. Wo die Gewalt des einen nicht ausreichte, konnte der andere
ergänzend eingreifen. Erinnern wir uns, wie im neunten Jahrhundert
die Versuche, für die fränkische Kirche einen Primas zu bestellen, am
einhelligen Widerstand der Erzbischöfe gescheitert waren. Von Wider-
stand war jetzt nicht viel zu spüren, der Lyoner Primat setzte sich im
königlichen Frankreich durch, auch dort, wo er nicht sogleich anerkannt
wurde.

Der einzige offene Widerstand, auf den die Maßregeln Gregors
stießen, richtete sich nicht gegen den Primas, sondern gegen den Legaten.
Erzbischof Manasse von Reims stand mit seiner Provinz außerhalb des
Lyoner Primatbezirks. Ein stolzer, üppiger Herr, wenn die Schilde-
rungen der Zeitgenossen richtig sind, das Urbild des feudalen Bischofs der
alten Zeit. Man erzählte sich von ihm den Ausspruch: "Erzbischof sein
wäre schön, wenn nur das Messelesen nicht wäre!" Er scheint aber nicht
nur ungeistlich, auch gewalttätig gewesen zu sein, denn er war von Fein-
den umgeben, die zum Teil seine eigenen Verwandten waren. Man ver-
klagte ihn beim Papst, der Legat sollte richten. Seinen Ladungen zu
folgen, weigerte sich Manasse mit Berufung auf das alte Vorrecht der
Erzbischöfe von Reims -- Hinkmar hatte es erworben*) -- nur vor dem

*) Siehe oben S. 50.

Frankreich
jeden Einfluß außerhalb ſeiner Hausmacht, wenn er die Bistümer, die
bisher von ihm abhingen, nicht mehr vergeben konnte. Philipp I. hat
denn auch das Verbot des Papſtes nicht anerkannt und die Jnveſtitur
mit Ring und Stab weiterhin geübt. Ebenſo wie Heinrich IV. gedachte
er ſein Recht zu behaupten. Ob ihm das gelingen würde, hing weſentlich
von den Erzbiſchöfen ab; ſie mußten bereit ſein, inveſtierte Biſchöfe trotz
päpſtlichen Verbots zu weihen, nichtinveſtierten die Weihe zu ver-
weigern. Die Erzbiſchöfe nahm darum Gregor zum Ziel ſeines Angriffs,
durch eine Neuordnung der Rangverhältniſſe ſuchte er ſie zu lähmen,
ihren etwaigen Widerſtand zu brechen. Jm April 1079 erhob er den
Erzbiſchof von Lyon zum Primas für den größten Teil Nordfrankreichs
und unterſtellte ihm die Kirchenprovinzen Lyon, Sens, Tours und
Ronen. Lyon lag im Königreich Burgund, dorthin reichte der Arm des
franzöſiſchen Königs nicht, und für einen geeigneten Träger des Amtes
hatte Hugo von Die bei der letzten Erledigung des erzbiſchöflichen Stifts
geſorgt, vier Jahre ſpäter beſtieg er ihn ſelbſt und vereinigte nun die
Vollmachten des Primas mit denen eines apoſtoliſchen Legaten und
Vikars. Wo die Gewalt des einen nicht ausreichte, konnte der andere
ergänzend eingreifen. Erinnern wir uns, wie im neunten Jahrhundert
die Verſuche, für die fränkiſche Kirche einen Primas zu beſtellen, am
einhelligen Widerſtand der Erzbiſchöfe geſcheitert waren. Von Wider-
ſtand war jetzt nicht viel zu ſpüren, der Lyoner Primat ſetzte ſich im
königlichen Frankreich durch, auch dort, wo er nicht ſogleich anerkannt
wurde.

Der einzige offene Widerſtand, auf den die Maßregeln Gregors
ſtießen, richtete ſich nicht gegen den Primas, ſondern gegen den Legaten.
Erzbiſchof Manaſſe von Reims ſtand mit ſeiner Provinz außerhalb des
Lyoner Primatbezirks. Ein ſtolzer, üppiger Herr, wenn die Schilde-
rungen der Zeitgenoſſen richtig ſind, das Urbild des feudalen Biſchofs der
alten Zeit. Man erzählte ſich von ihm den Ausſpruch: „Erzbiſchof ſein
wäre ſchön, wenn nur das Meſſeleſen nicht wäre!“ Er ſcheint aber nicht
nur ungeiſtlich, auch gewalttätig geweſen zu ſein, denn er war von Fein-
den umgeben, die zum Teil ſeine eigenen Verwandten waren. Man ver-
klagte ihn beim Papſt, der Legat ſollte richten. Seinen Ladungen zu
folgen, weigerte ſich Manaſſe mit Berufung auf das alte Vorrecht der
Erzbiſchöfe von Reims — Hinkmar hatte es erworben*) — nur vor dem

*) Siehe oben S. 50.
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[381/0390] Frankreich jeden Einfluß außerhalb ſeiner Hausmacht, wenn er die Bistümer, die bisher von ihm abhingen, nicht mehr vergeben konnte. Philipp I. hat denn auch das Verbot des Papſtes nicht anerkannt und die Jnveſtitur mit Ring und Stab weiterhin geübt. Ebenſo wie Heinrich IV. gedachte er ſein Recht zu behaupten. Ob ihm das gelingen würde, hing weſentlich von den Erzbiſchöfen ab; ſie mußten bereit ſein, inveſtierte Biſchöfe trotz päpſtlichen Verbots zu weihen, nichtinveſtierten die Weihe zu ver- weigern. Die Erzbiſchöfe nahm darum Gregor zum Ziel ſeines Angriffs, durch eine Neuordnung der Rangverhältniſſe ſuchte er ſie zu lähmen, ihren etwaigen Widerſtand zu brechen. Jm April 1079 erhob er den Erzbiſchof von Lyon zum Primas für den größten Teil Nordfrankreichs und unterſtellte ihm die Kirchenprovinzen Lyon, Sens, Tours und Ronen. Lyon lag im Königreich Burgund, dorthin reichte der Arm des franzöſiſchen Königs nicht, und für einen geeigneten Träger des Amtes hatte Hugo von Die bei der letzten Erledigung des erzbiſchöflichen Stifts geſorgt, vier Jahre ſpäter beſtieg er ihn ſelbſt und vereinigte nun die Vollmachten des Primas mit denen eines apoſtoliſchen Legaten und Vikars. Wo die Gewalt des einen nicht ausreichte, konnte der andere ergänzend eingreifen. Erinnern wir uns, wie im neunten Jahrhundert die Verſuche, für die fränkiſche Kirche einen Primas zu beſtellen, am einhelligen Widerſtand der Erzbiſchöfe geſcheitert waren. Von Wider- ſtand war jetzt nicht viel zu ſpüren, der Lyoner Primat ſetzte ſich im königlichen Frankreich durch, auch dort, wo er nicht ſogleich anerkannt wurde. Der einzige offene Widerſtand, auf den die Maßregeln Gregors ſtießen, richtete ſich nicht gegen den Primas, ſondern gegen den Legaten. Erzbiſchof Manaſſe von Reims ſtand mit ſeiner Provinz außerhalb des Lyoner Primatbezirks. Ein ſtolzer, üppiger Herr, wenn die Schilde- rungen der Zeitgenoſſen richtig ſind, das Urbild des feudalen Biſchofs der alten Zeit. Man erzählte ſich von ihm den Ausſpruch: „Erzbiſchof ſein wäre ſchön, wenn nur das Meſſeleſen nicht wäre!“ Er ſcheint aber nicht nur ungeiſtlich, auch gewalttätig geweſen zu ſein, denn er war von Fein- den umgeben, die zum Teil ſeine eigenen Verwandten waren. Man ver- klagte ihn beim Papſt, der Legat ſollte richten. Seinen Ladungen zu folgen, weigerte ſich Manaſſe mit Berufung auf das alte Vorrecht der Erzbiſchöfe von Reims — Hinkmar hatte es erworben *) — nur vor dem *) Siehe oben S. 50.

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 381. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/390>, abgerufen am 19.09.2020.