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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Verbot der Laieninvestitur. Seine Aufnahme
die Huldigung des Jnvestierten, bei der er dem Herrscher den Eid des
Vassallen schwor. Fiel die Jnvestitur, die Einweisung durch den König,
fort, so fielen auch Eid und Huldigung, und im Belieben von Bischof und
Abt stand es künftig, welche Dienste sie dem König noch leisten wollten.
Auf die weltlichen Vassallen war ohnehin wenig Verlaß; war man auch
der Treue der Geistlichen nicht mehr sicher, so war der Herrscher macht-
los und der Staat aufgelöst. So lag es in Deutschland und Jtalien,
nicht anders in Frankreich und England. Mit den Bischöfen vornehm-
lich wurde das deutsche Reich regiert, auf ihnen ruhte die deutsche
Herrschaft in Jtalien. Das einzige Regierungsrecht, das dem französi-
schen König außerhalb seiner Hausmacht, in den Gebieten einiger Für-
sten, geblieben war, war die Besetzung der Bistümer, und einen wesent-
lichen Teil seines Heeres machten die Truppen der Bischöfe und Äbte
aus. Die Herrschaft des normännischen Eroberers in England wurde in
Frage gestellt, wenn er der Bischöfe nicht mehr sicher war. Das Verbot
der Laieninvestitur enthielt die Kriegserklärung der Kirche an den Staat
des Abendlands; nirgends konnte er bestehen, wie er war, wenn dieses
Verbot durchgeführt wurde.

Es hat bei seinem Erscheinen nicht die erschütternde Wirkung geübt,
die man erwarten sollte, und eine sofortige allgemeine Gegenwirkung ist
ausgeblieben. Die Welt war wohl seit langem darauf vorbereitet, jetzt
nahm sie in verschiedener Weise dazu Stellung. Jn Deutschland kehrte
sich Heinrich IV. so wenig wie früher an das Verbot, während Rudolf,
der Gegenkönig, sich ihm sogleich fügte. Beim ersten eintretenden Fall
überließ er es dem zuständigen Erzbischof, den Gewählten durch Übergabe
von Ring und Stab einzusetzen. Auch in Frankreich war die Haltung der
weltlichen Machthaber nicht einheitlich. Außer dem König war hier
eine Anzahl von Fürsten betroffen, die das Recht der Bistumsbesetzung
in ihren Gebieten an sich gebracht hatten. Für sie handelte es sich nicht
um eine Lebensfrage. Bei der Enge ihrer Gebiete, der überragenden
Stärke ihres Eigenbesitzes konnten sie auch ohne die Form der Jnvestitur
den beherrschenden Einfluß auf die Bischöfe behaupten. Der größte von
ihnen, der Graf von Poitou und Herzog von Aquitanien, ein besonders
kirchenfrommer Herr, Bruder der Kaiserin Agnes, hat denn auch keine
Schwierigkeiten gemacht, die Grafen der Bretagne waren sogar durch
freiwilligen Verzicht auf Jnvestitur und Lehensabgabe zuvorgekommen.
Anders der König; er verlor die Hälfte seiner Macht und so gut wie

Verbot der Laieninveſtitur. Seine Aufnahme
die Huldigung des Jnveſtierten, bei der er dem Herrſcher den Eid des
Vaſſallen ſchwor. Fiel die Jnveſtitur, die Einweiſung durch den König,
fort, ſo fielen auch Eid und Huldigung, und im Belieben von Biſchof und
Abt ſtand es künftig, welche Dienſte ſie dem König noch leiſten wollten.
Auf die weltlichen Vaſſallen war ohnehin wenig Verlaß; war man auch
der Treue der Geiſtlichen nicht mehr ſicher, ſo war der Herrſcher macht-
los und der Staat aufgelöſt. So lag es in Deutſchland und Jtalien,
nicht anders in Frankreich und England. Mit den Biſchöfen vornehm-
lich wurde das deutſche Reich regiert, auf ihnen ruhte die deutſche
Herrſchaft in Jtalien. Das einzige Regierungsrecht, das dem franzöſi-
ſchen König außerhalb ſeiner Hausmacht, in den Gebieten einiger Für-
ſten, geblieben war, war die Beſetzung der Bistümer, und einen weſent-
lichen Teil ſeines Heeres machten die Truppen der Biſchöfe und Äbte
aus. Die Herrſchaft des normänniſchen Eroberers in England wurde in
Frage geſtellt, wenn er der Biſchöfe nicht mehr ſicher war. Das Verbot
der Laieninveſtitur enthielt die Kriegserklärung der Kirche an den Staat
des Abendlands; nirgends konnte er beſtehen, wie er war, wenn dieſes
Verbot durchgeführt wurde.

Es hat bei ſeinem Erſcheinen nicht die erſchütternde Wirkung geübt,
die man erwarten ſollte, und eine ſofortige allgemeine Gegenwirkung iſt
ausgeblieben. Die Welt war wohl ſeit langem darauf vorbereitet, jetzt
nahm ſie in verſchiedener Weiſe dazu Stellung. Jn Deutſchland kehrte
ſich Heinrich IV. ſo wenig wie früher an das Verbot, während Rudolf,
der Gegenkönig, ſich ihm ſogleich fügte. Beim erſten eintretenden Fall
überließ er es dem zuſtändigen Erzbiſchof, den Gewählten durch Übergabe
von Ring und Stab einzuſetzen. Auch in Frankreich war die Haltung der
weltlichen Machthaber nicht einheitlich. Außer dem König war hier
eine Anzahl von Fürſten betroffen, die das Recht der Bistumsbeſetzung
in ihren Gebieten an ſich gebracht hatten. Für ſie handelte es ſich nicht
um eine Lebensfrage. Bei der Enge ihrer Gebiete, der überragenden
Stärke ihres Eigenbeſitzes konnten ſie auch ohne die Form der Jnveſtitur
den beherrſchenden Einfluß auf die Biſchöfe behaupten. Der größte von
ihnen, der Graf von Poitou und Herzog von Aquitanien, ein beſonders
kirchenfrommer Herr, Bruder der Kaiſerin Agnes, hat denn auch keine
Schwierigkeiten gemacht, die Grafen der Bretagne waren ſogar durch
freiwilligen Verzicht auf Jnveſtitur und Lehensabgabe zuvorgekommen.
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[380/0389] Verbot der Laieninveſtitur. Seine Aufnahme die Huldigung des Jnveſtierten, bei der er dem Herrſcher den Eid des Vaſſallen ſchwor. Fiel die Jnveſtitur, die Einweiſung durch den König, fort, ſo fielen auch Eid und Huldigung, und im Belieben von Biſchof und Abt ſtand es künftig, welche Dienſte ſie dem König noch leiſten wollten. Auf die weltlichen Vaſſallen war ohnehin wenig Verlaß; war man auch der Treue der Geiſtlichen nicht mehr ſicher, ſo war der Herrſcher macht- los und der Staat aufgelöſt. So lag es in Deutſchland und Jtalien, nicht anders in Frankreich und England. Mit den Biſchöfen vornehm- lich wurde das deutſche Reich regiert, auf ihnen ruhte die deutſche Herrſchaft in Jtalien. Das einzige Regierungsrecht, das dem franzöſi- ſchen König außerhalb ſeiner Hausmacht, in den Gebieten einiger Für- ſten, geblieben war, war die Beſetzung der Bistümer, und einen weſent- lichen Teil ſeines Heeres machten die Truppen der Biſchöfe und Äbte aus. Die Herrſchaft des normänniſchen Eroberers in England wurde in Frage geſtellt, wenn er der Biſchöfe nicht mehr ſicher war. Das Verbot der Laieninveſtitur enthielt die Kriegserklärung der Kirche an den Staat des Abendlands; nirgends konnte er beſtehen, wie er war, wenn dieſes Verbot durchgeführt wurde. Es hat bei ſeinem Erſcheinen nicht die erſchütternde Wirkung geübt, die man erwarten ſollte, und eine ſofortige allgemeine Gegenwirkung iſt ausgeblieben. Die Welt war wohl ſeit langem darauf vorbereitet, jetzt nahm ſie in verſchiedener Weiſe dazu Stellung. Jn Deutſchland kehrte ſich Heinrich IV. ſo wenig wie früher an das Verbot, während Rudolf, der Gegenkönig, ſich ihm ſogleich fügte. Beim erſten eintretenden Fall überließ er es dem zuſtändigen Erzbiſchof, den Gewählten durch Übergabe von Ring und Stab einzuſetzen. Auch in Frankreich war die Haltung der weltlichen Machthaber nicht einheitlich. Außer dem König war hier eine Anzahl von Fürſten betroffen, die das Recht der Bistumsbeſetzung in ihren Gebieten an ſich gebracht hatten. Für ſie handelte es ſich nicht um eine Lebensfrage. Bei der Enge ihrer Gebiete, der überragenden Stärke ihres Eigenbeſitzes konnten ſie auch ohne die Form der Jnveſtitur den beherrſchenden Einfluß auf die Biſchöfe behaupten. Der größte von ihnen, der Graf von Poitou und Herzog von Aquitanien, ein beſonders kirchenfrommer Herr, Bruder der Kaiſerin Agnes, hat denn auch keine Schwierigkeiten gemacht, die Grafen der Bretagne waren ſogar durch freiwilligen Verzicht auf Jnveſtitur und Lehensabgabe zuvorgekommen. Anders der König; er verlor die Hälfte ſeiner Macht und ſo gut wie

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 380. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/389>, abgerufen am 19.09.2020.