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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Verbot der Laieninvestitur
schlusses. Er wiederholte das Verbot auf der Märzsynode 1080, dehnte
die Strafe auf zuwiderhandelnde Laien aus und erließ zugleich eine Vor-
schrift für die Wahl von Bischöfen. Sie sollte künftig unter Aufsicht
des Metropoliten oder des Papstes durch Geistlichkeit und Volk in voller
Freiheit vorgenommen werden.

Ein englischer Chronist hat später bemerkt, das Verdienst Gre-
gors VII. sei gewesen, daß er mit lauter Stimme ausgesprochen habe,
was man vor ihm gemunkelt hatte. So war es: seit zwanzig Jahren stand
im Programm der Reform die Forderung, daß den Laien die Verfügung
über kirchliche Ämter genommen werde. Jm Grundsatz mehr als einmal
von römischen Synoden beschlossen, von Nikolaus II. zuerst ausge-
sprochen, von Alexander II. einmal wiederholt, war sie bisher toter
Buchstabe geblieben. Es war unverkennbar: die Kirche scheute sich,
Ernst zu machen, sie scheute die Folgen. Auch Gregors Maßregeln
waren bisher noch nicht aufs Ganze gegangen und hielten, wie er an
Heinrich IV. schrieb, die Tür der Verhandlung und Verständigung
offen. Damit war es nun vorbei, das Wort war gefallen, das den Kampf
um die Laieninvestitur eröffnete.

Um die Tragweite der Maßregel zu beurteilen, muß man die Stel-
lung vor Augen haben, die im Staatsleben der Zeit Bistum und Kloster
einnahmen. Sie waren die größten Grundherrschaften, besaßen die
größten Städte, und das hieß soviel wie die stärksten Festungen. Ohne
ihre Dienste ließ kein Staat sich regieren, war jeder Herrscher wehrlos.
Ein jeder bedurfte der Bischöfe und Äbte und derer, die es werden wollten,
zur Führung der Geschäfte, das fehlende Beamtentum mußten die Geist-
lichen ersetzen. Und mehr als das. Einen großen, wahrscheinlich den
größeren Teil des Reichsheeres stellte die Kirche. Bischof und Abt waren
verpflichtet, dem Aufgebot des Herrschers mit ihren Stiftsritterschaften
zu folgen. Eben darum hatten die Herrscher sich beeifert, das Gut der
Kirchen zu mehren: die Stiftungen und Schenkungen kamen dem Staat
zugute; je reicher eine Kirche war, desto größere Leistungen durfte man
von ihr fordern. Daß diese Summe von Machtmitteln in Krieg und
Frieden ihm zur Verfügung stehe, war ein Lebensbedürfnis jedes Herr-
schers, keinem konnte es gleich sein, wer sie verwaltete, jeder hatte ein
zwingendes Jnteresse daran, nur zuverlässige Diener an der Spitze der
Reichskirchen zu sehen und sie mit festen Banden an sich zu fesseln. Das
Band war die Jnvestitur, die Einsetzung ins Amt, und ihr Gegenstück,

Verbot der Laieninveſtitur
ſchluſſes. Er wiederholte das Verbot auf der Märzſynode 1080, dehnte
die Strafe auf zuwiderhandelnde Laien aus und erließ zugleich eine Vor-
ſchrift für die Wahl von Biſchöfen. Sie ſollte künftig unter Aufſicht
des Metropoliten oder des Papſtes durch Geiſtlichkeit und Volk in voller
Freiheit vorgenommen werden.

Ein engliſcher Chroniſt hat ſpäter bemerkt, das Verdienſt Gre-
gors VII. ſei geweſen, daß er mit lauter Stimme ausgeſprochen habe,
was man vor ihm gemunkelt hatte. So war es: ſeit zwanzig Jahren ſtand
im Programm der Reform die Forderung, daß den Laien die Verfügung
über kirchliche Ämter genommen werde. Jm Grundſatz mehr als einmal
von römiſchen Synoden beſchloſſen, von Nikolaus II. zuerſt ausge-
ſprochen, von Alexander II. einmal wiederholt, war ſie bisher toter
Buchſtabe geblieben. Es war unverkennbar: die Kirche ſcheute ſich,
Ernſt zu machen, ſie ſcheute die Folgen. Auch Gregors Maßregeln
waren bisher noch nicht aufs Ganze gegangen und hielten, wie er an
Heinrich IV. ſchrieb, die Tür der Verhandlung und Verſtändigung
offen. Damit war es nun vorbei, das Wort war gefallen, das den Kampf
um die Laieninveſtitur eröffnete.

Um die Tragweite der Maßregel zu beurteilen, muß man die Stel-
lung vor Augen haben, die im Staatsleben der Zeit Bistum und Kloſter
einnahmen. Sie waren die größten Grundherrſchaften, beſaßen die
größten Städte, und das hieß ſoviel wie die ſtärkſten Feſtungen. Ohne
ihre Dienſte ließ kein Staat ſich regieren, war jeder Herrſcher wehrlos.
Ein jeder bedurfte der Biſchöfe und Äbte und derer, die es werden wollten,
zur Führung der Geſchäfte, das fehlende Beamtentum mußten die Geiſt-
lichen erſetzen. Und mehr als das. Einen großen, wahrſcheinlich den
größeren Teil des Reichsheeres ſtellte die Kirche. Biſchof und Abt waren
verpflichtet, dem Aufgebot des Herrſchers mit ihren Stiftsritterſchaften
zu folgen. Eben darum hatten die Herrſcher ſich beeifert, das Gut der
Kirchen zu mehren: die Stiftungen und Schenkungen kamen dem Staat
zugute; je reicher eine Kirche war, deſto größere Leiſtungen durfte man
von ihr fordern. Daß dieſe Summe von Machtmitteln in Krieg und
Frieden ihm zur Verfügung ſtehe, war ein Lebensbedürfnis jedes Herr-
ſchers, keinem konnte es gleich ſein, wer ſie verwaltete, jeder hatte ein
zwingendes Jntereſſe daran, nur zuverläſſige Diener an der Spitze der
Reichskirchen zu ſehen und ſie mit feſten Banden an ſich zu feſſeln. Das
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[379/0388] Verbot der Laieninveſtitur ſchluſſes. Er wiederholte das Verbot auf der Märzſynode 1080, dehnte die Strafe auf zuwiderhandelnde Laien aus und erließ zugleich eine Vor- ſchrift für die Wahl von Biſchöfen. Sie ſollte künftig unter Aufſicht des Metropoliten oder des Papſtes durch Geiſtlichkeit und Volk in voller Freiheit vorgenommen werden. Ein engliſcher Chroniſt hat ſpäter bemerkt, das Verdienſt Gre- gors VII. ſei geweſen, daß er mit lauter Stimme ausgeſprochen habe, was man vor ihm gemunkelt hatte. So war es: ſeit zwanzig Jahren ſtand im Programm der Reform die Forderung, daß den Laien die Verfügung über kirchliche Ämter genommen werde. Jm Grundſatz mehr als einmal von römiſchen Synoden beſchloſſen, von Nikolaus II. zuerſt ausge- ſprochen, von Alexander II. einmal wiederholt, war ſie bisher toter Buchſtabe geblieben. Es war unverkennbar: die Kirche ſcheute ſich, Ernſt zu machen, ſie ſcheute die Folgen. Auch Gregors Maßregeln waren bisher noch nicht aufs Ganze gegangen und hielten, wie er an Heinrich IV. ſchrieb, die Tür der Verhandlung und Verſtändigung offen. Damit war es nun vorbei, das Wort war gefallen, das den Kampf um die Laieninveſtitur eröffnete. Um die Tragweite der Maßregel zu beurteilen, muß man die Stel- lung vor Augen haben, die im Staatsleben der Zeit Bistum und Kloſter einnahmen. Sie waren die größten Grundherrſchaften, beſaßen die größten Städte, und das hieß ſoviel wie die ſtärkſten Feſtungen. Ohne ihre Dienſte ließ kein Staat ſich regieren, war jeder Herrſcher wehrlos. Ein jeder bedurfte der Biſchöfe und Äbte und derer, die es werden wollten, zur Führung der Geſchäfte, das fehlende Beamtentum mußten die Geiſt- lichen erſetzen. Und mehr als das. Einen großen, wahrſcheinlich den größeren Teil des Reichsheeres ſtellte die Kirche. Biſchof und Abt waren verpflichtet, dem Aufgebot des Herrſchers mit ihren Stiftsritterſchaften zu folgen. Eben darum hatten die Herrſcher ſich beeifert, das Gut der Kirchen zu mehren: die Stiftungen und Schenkungen kamen dem Staat zugute; je reicher eine Kirche war, deſto größere Leiſtungen durfte man von ihr fordern. Daß dieſe Summe von Machtmitteln in Krieg und Frieden ihm zur Verfügung ſtehe, war ein Lebensbedürfnis jedes Herr- ſchers, keinem konnte es gleich ſein, wer ſie verwaltete, jeder hatte ein zwingendes Jntereſſe daran, nur zuverläſſige Diener an der Spitze der Reichskirchen zu ſehen und ſie mit feſten Banden an ſich zu feſſeln. Das Band war die Jnveſtitur, die Einſetzung ins Amt, und ihr Gegenſtück,

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 379. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/388>, abgerufen am 19.09.2020.