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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Ungewisse Lage in Jtalien. -- Frankreich
Tivoli vor, belagerten Benevent und bedrohten Rom. Gegen sie war
Gregor machtlos. Er hatte auf Jordan, den Sohn Richards von Capua,
gehofft, der mit dem Vater zerfallen war. Aber als Richard 1078 starb,
lenkte der Erbe in die Bahnen des Vaters ein. Es war peinlich, daß
man diese Feinde nicht abschütteln konnte, wenn sie auch einstweilen nur
die Ränder des Kirchenstaats benagten. Jn Oberitalien festigten sich
die Reihen der Gegner, seit Erzbischof Wibert von Ravenna die Füh-
rung übernommen hatte. Aus einer Seitenlinie des Grafenhauses von
Canossa stammend, war er einst als italischer Kanzler an der Erhebung
Nikolaus' II. beteiligt gewesen, als Erzbischof anfangs von Gregor rück-
sichtsvoll behandelt worden, aber bald in die alten, zwischen Rom und
Ravenna herkömmlichen Rechtsstreitigkeiten geraten. Seit 1078 stand
er an der Spitze der Königlichen in Jtalien; daß Gregor ihn absetzte,
blieb wirkungslos, Ravenna, die Romagna und Emilia gehorchten Wi-
bert. So war Gregor denn immer noch, außer auf die eigenen Kräfte,
auf Toskana und die Hausmacht Mathildens angewiesen, die ihm jetzt,
seit Beatrix (1076) gestorben war, unbedingter als je zur Verfügung
stand. Jn diesen Jahren, wahrscheinlich 1078, spätestens aber um die
Wende von 1079 und 1080, hat die Gräfin den außerordentlichen
Schritt getan, ihr gesamtes Hausgut, eine dichte Kette von Besitzungen,
die von Mantua bis an den Apennin und bis nach Ferrara und über
das Gebirge hinweg bis in die Gegend von Lucca reichte, dem heiligen
Petrus zu schenken, um es als sein Lehen auf Lebenszeit zurückzuerhalten.

Gregors Natur hätte es nicht entsprochen, sich durch die ungewisse
Lage der Dinge in seiner Nachbarschaft bei der Verfolgung seines
Hauptziels hemmen zu lassen. Das war und blieb die Reform oder, wie
er es zu nennen liebte, und wie ihm folgend die Welt nun zu sagen sich
gewöhnte, die Befreiung der Kirche. War ihm Deutschland zum
größeren Teil durch den Widerstand Heinrichs IV. und seiner Anhänger
versperrt, so wandte er sich mit um so größerem Eifer Frankreich zu.
Daß die französische Kirche für ihn im Vordergrund gestanden hat, zeigt
schon ein Blick in seinen Briefwechsel: die größere Zahl seiner Schreiben
in kirchlichen Angelegenheiten geht nach Frankreich. Hier greift er fort-
während ein mit Verordnungen, Strafen und Gnaden, ohne die mindeste
Rücksicht auf überlieferte Ordnung und Rechte der Metropoliten. Zu-
nächst hat er geglaubt, von Deutschland aus selbst in Frankreich auf-

Ungewiſſe Lage in Jtalien. — Frankreich
Tivoli vor, belagerten Benevent und bedrohten Rom. Gegen ſie war
Gregor machtlos. Er hatte auf Jordan, den Sohn Richards von Capua,
gehofft, der mit dem Vater zerfallen war. Aber als Richard 1078 ſtarb,
lenkte der Erbe in die Bahnen des Vaters ein. Es war peinlich, daß
man dieſe Feinde nicht abſchütteln konnte, wenn ſie auch einſtweilen nur
die Ränder des Kirchenſtaats benagten. Jn Oberitalien feſtigten ſich
die Reihen der Gegner, ſeit Erzbiſchof Wibert von Ravenna die Füh-
rung übernommen hatte. Aus einer Seitenlinie des Grafenhauſes von
Canoſſa ſtammend, war er einſt als italiſcher Kanzler an der Erhebung
Nikolaus' II. beteiligt geweſen, als Erzbiſchof anfangs von Gregor rück-
ſichtsvoll behandelt worden, aber bald in die alten, zwiſchen Rom und
Ravenna herkömmlichen Rechtsſtreitigkeiten geraten. Seit 1078 ſtand
er an der Spitze der Königlichen in Jtalien; daß Gregor ihn abſetzte,
blieb wirkungslos, Ravenna, die Romagna und Emilia gehorchten Wi-
bert. So war Gregor denn immer noch, außer auf die eigenen Kräfte,
auf Toskana und die Hausmacht Mathildens angewieſen, die ihm jetzt,
ſeit Beatrix (1076) geſtorben war, unbedingter als je zur Verfügung
ſtand. Jn dieſen Jahren, wahrſcheinlich 1078, ſpäteſtens aber um die
Wende von 1079 und 1080, hat die Gräfin den außerordentlichen
Schritt getan, ihr geſamtes Hausgut, eine dichte Kette von Beſitzungen,
die von Mantua bis an den Apennin und bis nach Ferrara und über
das Gebirge hinweg bis in die Gegend von Lucca reichte, dem heiligen
Petrus zu ſchenken, um es als ſein Lehen auf Lebenszeit zurückzuerhalten.

Gregors Natur hätte es nicht entſprochen, ſich durch die ungewiſſe
Lage der Dinge in ſeiner Nachbarſchaft bei der Verfolgung ſeines
Hauptziels hemmen zu laſſen. Das war und blieb die Reform oder, wie
er es zu nennen liebte, und wie ihm folgend die Welt nun zu ſagen ſich
gewöhnte, die Befreiung der Kirche. War ihm Deutſchland zum
größeren Teil durch den Widerſtand Heinrichs IV. und ſeiner Anhänger
verſperrt, ſo wandte er ſich mit um ſo größerem Eifer Frankreich zu.
Daß die franzöſiſche Kirche für ihn im Vordergrund geſtanden hat, zeigt
ſchon ein Blick in ſeinen Briefwechſel: die größere Zahl ſeiner Schreiben
in kirchlichen Angelegenheiten geht nach Frankreich. Hier greift er fort-
während ein mit Verordnungen, Strafen und Gnaden, ohne die mindeſte
Rückſicht auf überlieferte Ordnung und Rechte der Metropoliten. Zu-
nächſt hat er geglaubt, von Deutſchland aus ſelbſt in Frankreich auf-

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[377/0386] Ungewiſſe Lage in Jtalien. — Frankreich Tivoli vor, belagerten Benevent und bedrohten Rom. Gegen ſie war Gregor machtlos. Er hatte auf Jordan, den Sohn Richards von Capua, gehofft, der mit dem Vater zerfallen war. Aber als Richard 1078 ſtarb, lenkte der Erbe in die Bahnen des Vaters ein. Es war peinlich, daß man dieſe Feinde nicht abſchütteln konnte, wenn ſie auch einſtweilen nur die Ränder des Kirchenſtaats benagten. Jn Oberitalien feſtigten ſich die Reihen der Gegner, ſeit Erzbiſchof Wibert von Ravenna die Füh- rung übernommen hatte. Aus einer Seitenlinie des Grafenhauſes von Canoſſa ſtammend, war er einſt als italiſcher Kanzler an der Erhebung Nikolaus' II. beteiligt geweſen, als Erzbiſchof anfangs von Gregor rück- ſichtsvoll behandelt worden, aber bald in die alten, zwiſchen Rom und Ravenna herkömmlichen Rechtsſtreitigkeiten geraten. Seit 1078 ſtand er an der Spitze der Königlichen in Jtalien; daß Gregor ihn abſetzte, blieb wirkungslos, Ravenna, die Romagna und Emilia gehorchten Wi- bert. So war Gregor denn immer noch, außer auf die eigenen Kräfte, auf Toskana und die Hausmacht Mathildens angewieſen, die ihm jetzt, ſeit Beatrix (1076) geſtorben war, unbedingter als je zur Verfügung ſtand. Jn dieſen Jahren, wahrſcheinlich 1078, ſpäteſtens aber um die Wende von 1079 und 1080, hat die Gräfin den außerordentlichen Schritt getan, ihr geſamtes Hausgut, eine dichte Kette von Beſitzungen, die von Mantua bis an den Apennin und bis nach Ferrara und über das Gebirge hinweg bis in die Gegend von Lucca reichte, dem heiligen Petrus zu ſchenken, um es als ſein Lehen auf Lebenszeit zurückzuerhalten. Gregors Natur hätte es nicht entſprochen, ſich durch die ungewiſſe Lage der Dinge in ſeiner Nachbarſchaft bei der Verfolgung ſeines Hauptziels hemmen zu laſſen. Das war und blieb die Reform oder, wie er es zu nennen liebte, und wie ihm folgend die Welt nun zu ſagen ſich gewöhnte, die Befreiung der Kirche. War ihm Deutſchland zum größeren Teil durch den Widerſtand Heinrichs IV. und ſeiner Anhänger verſperrt, ſo wandte er ſich mit um ſo größerem Eifer Frankreich zu. Daß die franzöſiſche Kirche für ihn im Vordergrund geſtanden hat, zeigt ſchon ein Blick in ſeinen Briefwechſel: die größere Zahl ſeiner Schreiben in kirchlichen Angelegenheiten geht nach Frankreich. Hier greift er fort- während ein mit Verordnungen, Strafen und Gnaden, ohne die mindeſte Rückſicht auf überlieferte Ordnung und Rechte der Metropoliten. Zu- nächſt hat er geglaubt, von Deutſchland aus ſelbſt in Frankreich auf-

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 377. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/386>, abgerufen am 19.09.2020.