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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Deutschland gespalten
wuchs sein Anhang wieder. Bischöfe, die soeben erst beim Papst Ver-
zeihung erlangt hatten, scheuten sich nicht, offen auf seine Seite zu treten;
außerhalb Sachsens war es nur eine Handvoll, die, wie Salzburg und
Passau, Mainz, Worms und Würzburg, Rudolf treu blieben. Dessen
Sache hatte in der niedern Geistlichkeit und im Volke wenig Anklang.
Daß seine Partei die kirchlichen Reformgesetze, vor allem das Eheverbot
vertrat, machte sie allgemein verhaßt. Deutschland spaltete sich in zwei
Hälften. Während der Süden und Westen Heinrich im ganzen treu
blieben, war Rudolf in Sachsen allgemein anerkannt.

Gregor tat inzwischen sein Möglichstes, neutral zu scheinen. Da er
persönlich nach Deutschland zu gehen nicht mehr wagen durfte, sandte er
Legaten aus, die in seinem Namen den Streit entscheiden sollten. Sie
wahrten die Unparteilichkeit nicht immer, einer von ihnen hat schon im
November 1077 den Fluch über Heinrich ausgesprochen, den der Papst
weder bestätigte noch aufhob. Wir brauchen die Fäden der Verhand-
lungen nicht zu verfolgen, die da zwischen Rom und den deutschen
Parteien gesponnen wurden. Es hat keinen Zweck zu erzählen, wie oft
sowohl Rudolf wie Heinrich in ihrem Namen schwören ließen, sich dem
Schiedsgericht des Legaten zu unterwerfen, das nie zustande kam, worauf
dann jeder Teil dem andern die Schuld gab und dessen Verurteilung
forderte. Am nächsten war man der Schlichtung im Herbst 1079. Als
einer der Legaten damals für Heinrich zu entscheiden geneigt war, er-
klärten ihn die Gegner für bestochen, und sein Genosse trennte sich von
ihm. Während die Spaltung sich immer tiefer einfraß, ein Bistum
und ein Kloster nach dem andern ergriff, Bischöfe und Äbte abgesetzt,
Gegenbischöfe und Gegenäbte erhoben wurden, schwand die Aussicht auf
friedliche Beilegung immer mehr. Entscheidung konnten nur die Waffen
bringen, und die Wage schwankte lang. Ein Versuch Rudolfs, nach
Süden vorzudringen, scheiterte im August 1078, umgekehrt führte der
Angriff Heinrichs auf Sachsen im Januar 1080 schon in Thüringen zu
Niederlage und Rückzug.

Daß in Deutschland König und Gegenkönig einander fesselten, war
für Gregor nicht unvorteilhaft, es sicherte ihn gegen das Eingreifen der
deutschen Kräfte in Jtalien. Hier war seine Lage nach wie vor nicht
gerade die beste. Die Normannenfürsten kümmerten sich nicht um die
Strafen, die er Mal auf Mal über sie verhängte, ungescheut griffen sie
den Kirchenstaat an allen Ecken an, drangen ins Sabinerland und bis

Deutſchland geſpalten
wuchs ſein Anhang wieder. Biſchöfe, die ſoeben erſt beim Papſt Ver-
zeihung erlangt hatten, ſcheuten ſich nicht, offen auf ſeine Seite zu treten;
außerhalb Sachſens war es nur eine Handvoll, die, wie Salzburg und
Paſſau, Mainz, Worms und Würzburg, Rudolf treu blieben. Deſſen
Sache hatte in der niedern Geiſtlichkeit und im Volke wenig Anklang.
Daß ſeine Partei die kirchlichen Reformgeſetze, vor allem das Eheverbot
vertrat, machte ſie allgemein verhaßt. Deutſchland ſpaltete ſich in zwei
Hälften. Während der Süden und Weſten Heinrich im ganzen treu
blieben, war Rudolf in Sachſen allgemein anerkannt.

Gregor tat inzwiſchen ſein Möglichſtes, neutral zu ſcheinen. Da er
perſönlich nach Deutſchland zu gehen nicht mehr wagen durfte, ſandte er
Legaten aus, die in ſeinem Namen den Streit entſcheiden ſollten. Sie
wahrten die Unparteilichkeit nicht immer, einer von ihnen hat ſchon im
November 1077 den Fluch über Heinrich ausgeſprochen, den der Papſt
weder beſtätigte noch aufhob. Wir brauchen die Fäden der Verhand-
lungen nicht zu verfolgen, die da zwiſchen Rom und den deutſchen
Parteien geſponnen wurden. Es hat keinen Zweck zu erzählen, wie oft
ſowohl Rudolf wie Heinrich in ihrem Namen ſchwören ließen, ſich dem
Schiedsgericht des Legaten zu unterwerfen, das nie zuſtande kam, worauf
dann jeder Teil dem andern die Schuld gab und deſſen Verurteilung
forderte. Am nächſten war man der Schlichtung im Herbſt 1079. Als
einer der Legaten damals für Heinrich zu entſcheiden geneigt war, er-
klärten ihn die Gegner für beſtochen, und ſein Genoſſe trennte ſich von
ihm. Während die Spaltung ſich immer tiefer einfraß, ein Bistum
und ein Kloſter nach dem andern ergriff, Biſchöfe und Äbte abgeſetzt,
Gegenbiſchöfe und Gegenäbte erhoben wurden, ſchwand die Ausſicht auf
friedliche Beilegung immer mehr. Entſcheidung konnten nur die Waffen
bringen, und die Wage ſchwankte lang. Ein Verſuch Rudolfs, nach
Süden vorzudringen, ſcheiterte im Auguſt 1078, umgekehrt führte der
Angriff Heinrichs auf Sachſen im Januar 1080 ſchon in Thüringen zu
Niederlage und Rückzug.

Daß in Deutſchland König und Gegenkönig einander feſſelten, war
für Gregor nicht unvorteilhaft, es ſicherte ihn gegen das Eingreifen der
deutſchen Kräfte in Jtalien. Hier war ſeine Lage nach wie vor nicht
gerade die beſte. Die Normannenfürſten kümmerten ſich nicht um die
Strafen, die er Mal auf Mal über ſie verhängte, ungeſcheut griffen ſie
den Kirchenſtaat an allen Ecken an, drangen ins Sabinerland und bis

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[376/0385] Deutſchland geſpalten wuchs ſein Anhang wieder. Biſchöfe, die ſoeben erſt beim Papſt Ver- zeihung erlangt hatten, ſcheuten ſich nicht, offen auf ſeine Seite zu treten; außerhalb Sachſens war es nur eine Handvoll, die, wie Salzburg und Paſſau, Mainz, Worms und Würzburg, Rudolf treu blieben. Deſſen Sache hatte in der niedern Geiſtlichkeit und im Volke wenig Anklang. Daß ſeine Partei die kirchlichen Reformgeſetze, vor allem das Eheverbot vertrat, machte ſie allgemein verhaßt. Deutſchland ſpaltete ſich in zwei Hälften. Während der Süden und Weſten Heinrich im ganzen treu blieben, war Rudolf in Sachſen allgemein anerkannt. Gregor tat inzwiſchen ſein Möglichſtes, neutral zu ſcheinen. Da er perſönlich nach Deutſchland zu gehen nicht mehr wagen durfte, ſandte er Legaten aus, die in ſeinem Namen den Streit entſcheiden ſollten. Sie wahrten die Unparteilichkeit nicht immer, einer von ihnen hat ſchon im November 1077 den Fluch über Heinrich ausgeſprochen, den der Papſt weder beſtätigte noch aufhob. Wir brauchen die Fäden der Verhand- lungen nicht zu verfolgen, die da zwiſchen Rom und den deutſchen Parteien geſponnen wurden. Es hat keinen Zweck zu erzählen, wie oft ſowohl Rudolf wie Heinrich in ihrem Namen ſchwören ließen, ſich dem Schiedsgericht des Legaten zu unterwerfen, das nie zuſtande kam, worauf dann jeder Teil dem andern die Schuld gab und deſſen Verurteilung forderte. Am nächſten war man der Schlichtung im Herbſt 1079. Als einer der Legaten damals für Heinrich zu entſcheiden geneigt war, er- klärten ihn die Gegner für beſtochen, und ſein Genoſſe trennte ſich von ihm. Während die Spaltung ſich immer tiefer einfraß, ein Bistum und ein Kloſter nach dem andern ergriff, Biſchöfe und Äbte abgeſetzt, Gegenbiſchöfe und Gegenäbte erhoben wurden, ſchwand die Ausſicht auf friedliche Beilegung immer mehr. Entſcheidung konnten nur die Waffen bringen, und die Wage ſchwankte lang. Ein Verſuch Rudolfs, nach Süden vorzudringen, ſcheiterte im Auguſt 1078, umgekehrt führte der Angriff Heinrichs auf Sachſen im Januar 1080 ſchon in Thüringen zu Niederlage und Rückzug. Daß in Deutſchland König und Gegenkönig einander feſſelten, war für Gregor nicht unvorteilhaft, es ſicherte ihn gegen das Eingreifen der deutſchen Kräfte in Jtalien. Hier war ſeine Lage nach wie vor nicht gerade die beſte. Die Normannenfürſten kümmerten ſich nicht um die Strafen, die er Mal auf Mal über ſie verhängte, ungeſcheut griffen ſie den Kirchenſtaat an allen Ecken an, drangen ins Sabinerland und bis

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 376. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/385>, abgerufen am 19.09.2020.