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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Rudolf von Schwaben Gegenkönig
Augenblick dem König einen Gewinn gebracht haben, in der Kette der
Jahrhunderte doch der Name für eine der schwersten Niederlagen des
Königsgedankens bleiben. Den Anspruch, auf Erden keinem Richter,
auch nicht der Kirche und dem Papst, unterworfen zu sein, das wahre
Gottesgnadentum ist in Canossa preisgegeben worden.

Wenn wir das feststellen, so gebietet uns die Gerechtigkeit, die Schuld
an dieser Niederlage nicht so sehr dem König aufzubürden wie den
deutschen Fürsten und vor allem den Bischöfen, die den jugendlich Un-
besonnenen in die Gefahr sich stürzen ließen und sogar drängten, um ihn
alsbald zu verlassen. War Heinrich unklug und haltlos, so waren sie es
noch viel mehr.

Gregor hat an dem Plan, als Richter in Deutschland aufzutreten,
noch einige Zeit festgehalten, seinen Sitz in Oberitalien aufgeschlagen
und die römische Jahressynode ausfallen lassen. Er wollte sich nicht davon
überzeugen, daß sein persönliches Erscheinen jenseits der Alpen eigentlich
von niemand gewünscht wurde, auch nicht von den aufständischen Fürsten.
Erst im Juni hat er den Gedanken aufgegeben und ist nach Rom zurück-
gekehrt. Heinrich hatte nach der Trennung vom Papst die Regierung
sogleich wieder in die Hand genommen und seine Anhänger in Jtalien
gesammelt, dann war er nach Deutschland geeilt, wohin ihn die Nach-
richt rief, daß die aufständischen Fürsten, unbekümmert um das, was in
Canossa geschehen war, am 15. März in Forchheim den Herzog Rudolf
von Schwaben zum König gewählt hatten. Gregor hat später feierlich
versichert, dieser Schritt sei ohne sein Wissen und gegen seinen Willen
geschehen. Man glaubt es ihm gern, denn seine Rolle als Schiedsrichter
wurde nicht leichter, wenn Deutschland im Bürgerkrieg zweier Könige
gespalten war. Daß die Partei Rudolfs sich für die kirchliche ausgab und
auf ihn berief, erschwerte es ihm, die Rolle des Unparteiischen durchzu-
führen, die für seinen Schiedsspruch die Voraussetzung war. Auch kann
man sich leicht denken, daß es ihm lieber gewesen wäre, Heinrich zur
Unterwerfung zu nötigen, als einen Gegenkönig anzuerkennen, dessen
Erfolg immer zweifelhaft blieb. So sehen wir ihn denn drei Jahre lang
eine Politik des Hinhaltens und Zeitgewinnens betreiben, die seine An-
hänger ungeduldig machte. Daß er im Grunde von Anfang an auf
Rudolfs Seite neigte, ist nicht zu bezweifeln und hat er mit der Zeit nur
schlecht verbergen können. Aber die Sache des Gegenkönigs stand zu-
nächst nicht gut. Seit der Fluch der Kirche von Heinrich genommen war,

Rudolf von Schwaben Gegenkönig
Augenblick dem König einen Gewinn gebracht haben, in der Kette der
Jahrhunderte doch der Name für eine der ſchwerſten Niederlagen des
Königsgedankens bleiben. Den Anſpruch, auf Erden keinem Richter,
auch nicht der Kirche und dem Papſt, unterworfen zu ſein, das wahre
Gottesgnadentum iſt in Canoſſa preisgegeben worden.

Wenn wir das feſtſtellen, ſo gebietet uns die Gerechtigkeit, die Schuld
an dieſer Niederlage nicht ſo ſehr dem König aufzubürden wie den
deutſchen Fürſten und vor allem den Biſchöfen, die den jugendlich Un-
beſonnenen in die Gefahr ſich ſtürzen ließen und ſogar drängten, um ihn
alsbald zu verlaſſen. War Heinrich unklug und haltlos, ſo waren ſie es
noch viel mehr.

Gregor hat an dem Plan, als Richter in Deutſchland aufzutreten,
noch einige Zeit feſtgehalten, ſeinen Sitz in Oberitalien aufgeſchlagen
und die römiſche Jahresſynode ausfallen laſſen. Er wollte ſich nicht davon
überzeugen, daß ſein perſönliches Erſcheinen jenſeits der Alpen eigentlich
von niemand gewünſcht wurde, auch nicht von den aufſtändiſchen Fürſten.
Erſt im Juni hat er den Gedanken aufgegeben und iſt nach Rom zurück-
gekehrt. Heinrich hatte nach der Trennung vom Papſt die Regierung
ſogleich wieder in die Hand genommen und ſeine Anhänger in Jtalien
geſammelt, dann war er nach Deutſchland geeilt, wohin ihn die Nach-
richt rief, daß die aufſtändiſchen Fürſten, unbekümmert um das, was in
Canoſſa geſchehen war, am 15. März in Forchheim den Herzog Rudolf
von Schwaben zum König gewählt hatten. Gregor hat ſpäter feierlich
verſichert, dieſer Schritt ſei ohne ſein Wiſſen und gegen ſeinen Willen
geſchehen. Man glaubt es ihm gern, denn ſeine Rolle als Schiedsrichter
wurde nicht leichter, wenn Deutſchland im Bürgerkrieg zweier Könige
geſpalten war. Daß die Partei Rudolfs ſich für die kirchliche ausgab und
auf ihn berief, erſchwerte es ihm, die Rolle des Unparteiiſchen durchzu-
führen, die für ſeinen Schiedsſpruch die Vorausſetzung war. Auch kann
man ſich leicht denken, daß es ihm lieber geweſen wäre, Heinrich zur
Unterwerfung zu nötigen, als einen Gegenkönig anzuerkennen, deſſen
Erfolg immer zweifelhaft blieb. So ſehen wir ihn denn drei Jahre lang
eine Politik des Hinhaltens und Zeitgewinnens betreiben, die ſeine An-
hänger ungeduldig machte. Daß er im Grunde von Anfang an auf
Rudolfs Seite neigte, iſt nicht zu bezweifeln und hat er mit der Zeit nur
ſchlecht verbergen können. Aber die Sache des Gegenkönigs ſtand zu-
nächſt nicht gut. Seit der Fluch der Kirche von Heinrich genommen war,

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[375/0384] Rudolf von Schwaben Gegenkönig Augenblick dem König einen Gewinn gebracht haben, in der Kette der Jahrhunderte doch der Name für eine der ſchwerſten Niederlagen des Königsgedankens bleiben. Den Anſpruch, auf Erden keinem Richter, auch nicht der Kirche und dem Papſt, unterworfen zu ſein, das wahre Gottesgnadentum iſt in Canoſſa preisgegeben worden. Wenn wir das feſtſtellen, ſo gebietet uns die Gerechtigkeit, die Schuld an dieſer Niederlage nicht ſo ſehr dem König aufzubürden wie den deutſchen Fürſten und vor allem den Biſchöfen, die den jugendlich Un- beſonnenen in die Gefahr ſich ſtürzen ließen und ſogar drängten, um ihn alsbald zu verlaſſen. War Heinrich unklug und haltlos, ſo waren ſie es noch viel mehr. Gregor hat an dem Plan, als Richter in Deutſchland aufzutreten, noch einige Zeit feſtgehalten, ſeinen Sitz in Oberitalien aufgeſchlagen und die römiſche Jahresſynode ausfallen laſſen. Er wollte ſich nicht davon überzeugen, daß ſein perſönliches Erſcheinen jenſeits der Alpen eigentlich von niemand gewünſcht wurde, auch nicht von den aufſtändiſchen Fürſten. Erſt im Juni hat er den Gedanken aufgegeben und iſt nach Rom zurück- gekehrt. Heinrich hatte nach der Trennung vom Papſt die Regierung ſogleich wieder in die Hand genommen und ſeine Anhänger in Jtalien geſammelt, dann war er nach Deutſchland geeilt, wohin ihn die Nach- richt rief, daß die aufſtändiſchen Fürſten, unbekümmert um das, was in Canoſſa geſchehen war, am 15. März in Forchheim den Herzog Rudolf von Schwaben zum König gewählt hatten. Gregor hat ſpäter feierlich verſichert, dieſer Schritt ſei ohne ſein Wiſſen und gegen ſeinen Willen geſchehen. Man glaubt es ihm gern, denn ſeine Rolle als Schiedsrichter wurde nicht leichter, wenn Deutſchland im Bürgerkrieg zweier Könige geſpalten war. Daß die Partei Rudolfs ſich für die kirchliche ausgab und auf ihn berief, erſchwerte es ihm, die Rolle des Unparteiiſchen durchzu- führen, die für ſeinen Schiedsſpruch die Vorausſetzung war. Auch kann man ſich leicht denken, daß es ihm lieber geweſen wäre, Heinrich zur Unterwerfung zu nötigen, als einen Gegenkönig anzuerkennen, deſſen Erfolg immer zweifelhaft blieb. So ſehen wir ihn denn drei Jahre lang eine Politik des Hinhaltens und Zeitgewinnens betreiben, die ſeine An- hänger ungeduldig machte. Daß er im Grunde von Anfang an auf Rudolfs Seite neigte, iſt nicht zu bezweifeln und hat er mit der Zeit nur ſchlecht verbergen können. Aber die Sache des Gegenkönigs ſtand zu- nächſt nicht gut. Seit der Fluch der Kirche von Heinrich genommen war,

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 375. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/384>, abgerufen am 20.09.2020.