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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Canossa
wollte, fehlte ihm jetzt die stärkste Karte. Wohl war die Absetzung des
Königs noch nicht aufgehoben, aber war sie überhaupt rechtsgültig und
verbindlich? Einzig die Furcht, selbst dem Fluch der Kirche zu verfallen,
hatte die Anhänger des Königs genötigt, sich von ihm zu trennen. Seit
dieser Fluch von ihm genommen war, gab es keinen Grund mehr, warum
sie nicht sich ihm wieder anschließen und treu zu ihm stehen sollten. Die
Gegner Heinrichs aber konnten nicht erfreut sein. Jhnen kam es darauf
an, daß Heinrich verschwinde und das Königtum, das er zu festigen be-
gonnen hatte, geschwächt werde. Heimlich schielte vielleicht schon mehr
als einer selbst nach der Krone. Wohl bemühte sich Gregor, sie zu be-
ruhigen: über die Frage der Wiedereinsetzung Heinrichs sei noch nichts
entschieden, darin habe er sich nicht gebunden. So schrieb er ihnen. Die
Fürsten aber wußten nur zu gut, daß der losgesprochene König schwerer
zu stürzen sein werde als der verfluchte, und grollten dem Papst. Der Tag
zu Augsburg, das Schiedsgericht des Papstes, verlor für sie an Wert,
wenn es ihnen überhaupt je willkommen gewesen war. Würde es noch
zustande kommen?

So ist es denn nicht zu bestreiten, in dem Spiel der Staatskunft, das
in Canossa gespielt wurde, war Heinrich der Gewinner. Er hatte den
Priester Gregor zu einem Schritt genötigt, den der Politiker Gregor
hätte verweigern müssen. Mit diesem Schachzug hatte er dem Gegner
eine wichtige Figur geraubt. Aber wer daraufhin von Heinrich als dem
Sieger von Canossa spräche, würde der Bedeutung des Ereignisses nicht
gerecht. Als Gregor gegen Heinrich den Fluch geschleudert hatte, mußte
er sich sogleich gegen den Widerspruch wehren, einen König dürfe auch
der Papst nicht ausschließen. So dachten unter den Zeitgenossen die
meisten, der Schritt des Papstes war unerhört, ohne Vorgang, darum
für Menschen, denen für Recht galt, was hergebracht und üblich war,
ein Unrecht. Noch zwei Menschenalter später schreibt ein Enkel Hein-
richs IV., Bischof Otto von Freising, als er in seiner Weltchronik bei
diesen Ereignissen angelangt ist, kopfschüttelnd: "Wieder und wieder
lese ich die Geschichte der römischen Könige und Kaiser, und nirgends
finde ich, daß einer von ihnen vor diesem von einem römischen Bischof
ausgeschlossen sei." Der Widerspruch verlor viel von seiner Kraft, seit
ein König selbst durch die Tat, wenn auch widerwillig und gezwungen,
anerkannt hatte, daß die Strafgewalt der Kirche vor seinem Thron
nicht haltzumachen brauche. Darum wird Canossa, mag es für den

Canoſſa
wollte, fehlte ihm jetzt die ſtärkſte Karte. Wohl war die Abſetzung des
Königs noch nicht aufgehoben, aber war ſie überhaupt rechtsgültig und
verbindlich? Einzig die Furcht, ſelbſt dem Fluch der Kirche zu verfallen,
hatte die Anhänger des Königs genötigt, ſich von ihm zu trennen. Seit
dieſer Fluch von ihm genommen war, gab es keinen Grund mehr, warum
ſie nicht ſich ihm wieder anſchließen und treu zu ihm ſtehen ſollten. Die
Gegner Heinrichs aber konnten nicht erfreut ſein. Jhnen kam es darauf
an, daß Heinrich verſchwinde und das Königtum, das er zu feſtigen be-
gonnen hatte, geſchwächt werde. Heimlich ſchielte vielleicht ſchon mehr
als einer ſelbſt nach der Krone. Wohl bemühte ſich Gregor, ſie zu be-
ruhigen: über die Frage der Wiedereinſetzung Heinrichs ſei noch nichts
entſchieden, darin habe er ſich nicht gebunden. So ſchrieb er ihnen. Die
Fürſten aber wußten nur zu gut, daß der losgeſprochene König ſchwerer
zu ſtürzen ſein werde als der verfluchte, und grollten dem Papſt. Der Tag
zu Augsburg, das Schiedsgericht des Papſtes, verlor für ſie an Wert,
wenn es ihnen überhaupt je willkommen geweſen war. Würde es noch
zuſtande kommen?

So iſt es denn nicht zu beſtreiten, in dem Spiel der Staatskunft, das
in Canoſſa geſpielt wurde, war Heinrich der Gewinner. Er hatte den
Prieſter Gregor zu einem Schritt genötigt, den der Politiker Gregor
hätte verweigern müſſen. Mit dieſem Schachzug hatte er dem Gegner
eine wichtige Figur geraubt. Aber wer daraufhin von Heinrich als dem
Sieger von Canoſſa ſpräche, würde der Bedeutung des Ereigniſſes nicht
gerecht. Als Gregor gegen Heinrich den Fluch geſchleudert hatte, mußte
er ſich ſogleich gegen den Widerſpruch wehren, einen König dürfe auch
der Papſt nicht ausſchließen. So dachten unter den Zeitgenoſſen die
meiſten, der Schritt des Papſtes war unerhört, ohne Vorgang, darum
für Menſchen, denen für Recht galt, was hergebracht und üblich war,
ein Unrecht. Noch zwei Menſchenalter ſpäter ſchreibt ein Enkel Hein-
richs IV., Biſchof Otto von Freiſing, als er in ſeiner Weltchronik bei
dieſen Ereigniſſen angelangt iſt, kopfſchüttelnd: „Wieder und wieder
leſe ich die Geſchichte der römiſchen Könige und Kaiſer, und nirgends
finde ich, daß einer von ihnen vor dieſem von einem römiſchen Biſchof
ausgeſchloſſen ſei.“ Der Widerſpruch verlor viel von ſeiner Kraft, ſeit
ein König ſelbſt durch die Tat, wenn auch widerwillig und gezwungen,
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[374/0383] Canoſſa wollte, fehlte ihm jetzt die ſtärkſte Karte. Wohl war die Abſetzung des Königs noch nicht aufgehoben, aber war ſie überhaupt rechtsgültig und verbindlich? Einzig die Furcht, ſelbſt dem Fluch der Kirche zu verfallen, hatte die Anhänger des Königs genötigt, ſich von ihm zu trennen. Seit dieſer Fluch von ihm genommen war, gab es keinen Grund mehr, warum ſie nicht ſich ihm wieder anſchließen und treu zu ihm ſtehen ſollten. Die Gegner Heinrichs aber konnten nicht erfreut ſein. Jhnen kam es darauf an, daß Heinrich verſchwinde und das Königtum, das er zu feſtigen be- gonnen hatte, geſchwächt werde. Heimlich ſchielte vielleicht ſchon mehr als einer ſelbſt nach der Krone. Wohl bemühte ſich Gregor, ſie zu be- ruhigen: über die Frage der Wiedereinſetzung Heinrichs ſei noch nichts entſchieden, darin habe er ſich nicht gebunden. So ſchrieb er ihnen. Die Fürſten aber wußten nur zu gut, daß der losgeſprochene König ſchwerer zu ſtürzen ſein werde als der verfluchte, und grollten dem Papſt. Der Tag zu Augsburg, das Schiedsgericht des Papſtes, verlor für ſie an Wert, wenn es ihnen überhaupt je willkommen geweſen war. Würde es noch zuſtande kommen? So iſt es denn nicht zu beſtreiten, in dem Spiel der Staatskunft, das in Canoſſa geſpielt wurde, war Heinrich der Gewinner. Er hatte den Prieſter Gregor zu einem Schritt genötigt, den der Politiker Gregor hätte verweigern müſſen. Mit dieſem Schachzug hatte er dem Gegner eine wichtige Figur geraubt. Aber wer daraufhin von Heinrich als dem Sieger von Canoſſa ſpräche, würde der Bedeutung des Ereigniſſes nicht gerecht. Als Gregor gegen Heinrich den Fluch geſchleudert hatte, mußte er ſich ſogleich gegen den Widerſpruch wehren, einen König dürfe auch der Papſt nicht ausſchließen. So dachten unter den Zeitgenoſſen die meiſten, der Schritt des Papſtes war unerhört, ohne Vorgang, darum für Menſchen, denen für Recht galt, was hergebracht und üblich war, ein Unrecht. Noch zwei Menſchenalter ſpäter ſchreibt ein Enkel Hein- richs IV., Biſchof Otto von Freiſing, als er in ſeiner Weltchronik bei dieſen Ereigniſſen angelangt iſt, kopfſchüttelnd: „Wieder und wieder leſe ich die Geſchichte der römiſchen Könige und Kaiſer, und nirgends finde ich, daß einer von ihnen vor dieſem von einem römiſchen Biſchof ausgeſchloſſen ſei.“ Der Widerſpruch verlor viel von ſeiner Kraft, ſeit ein König ſelbſt durch die Tat, wenn auch widerwillig und gezwungen, anerkannt hatte, daß die Strafgewalt der Kirche vor ſeinem Thron nicht haltzumachen brauche. Darum wird Canoſſa, mag es für den

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 374. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/383>, abgerufen am 19.09.2020.