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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Canossa
gräfin Adelheid von Turin, des Königs Schwiegermutter, und Abt
Hugo von Cluny, sein Taufpate, sich gesellt hatten. Sie bestürmten
den Papst mit Tränen, warfen ihm seine Härte vor: das sei nicht
mehr apostolische Strenge, das sei tyrannische Grausamkeit. Da endlich
gab er nach. Er hätte seinen guten Ruf als Priester aufs Spiel gesetzt,
hätte er dem Bußfertigen die Lossprechung verweigert. Heinrich war
schon fortgeritten, Mathilde ließ ihn zurückrufen und übernahm es
jetzt, das letzte Hindernis zu beseitigen.

Während Heinrich vor Canossa weilte, und schon vorher, war über
die Bedingungen seiner Lossprechung ohne Ergebnis verhandelt worden.
Denn nicht ohne weiteres wollte Gregor sie gewähren, er verlangte
Sicherheit dafür, daß die Reue des Königs aufrichtig sei. Dies gab ihm
die Möglichkeit, Bedingungen zu stellen. Unter Mathildens Vermitt-
lung kam schließlich eine Urkunde zustande, für deren Erfüllung sie mit
der Markgräfin Adelheid, dem Abt von Cluny und einigen Bischöfen
und Herren von Heinrichs Seite sich verbürgte. Heinrich versprach, im
Streit mit seinen deutschen Gegnern sich dem Spruch des Papstes zu
unterwerfen und die Reise Gregors nach Deutschland nicht zu hindern.
Daraufhin durfte er vor den Papst treten und sich mit ausgebreiteten
Armen, in Kreuzesform, vor ihm niederwerfen. Gregor, zu Tränen
gerührt, richtete ihn auf und schloß ihn segnend in die Arme. Das
gleiche geschah mit den Bischöfen, die dem König gefolgt waren.
Dann las der Papst die Messe und reichte allen das Abendmahl, wor-
auf man sich zu Tische setzte.

Der Friede war geschlossen, aber es war ein fauler Friede. Was in
Heinrichs Seele vorgegangen sein mag, als er, der stolze Sproß des
edelsten Geschlechts, der Sohn und Enkel von Königen und Kaisern, die
Rolle des armen Sünders bis aufs letzte zu spielen sich gezwungen sah,
konnte und kann sich jeder vorstellen. Heinrich gab sich auch keine Mühe,
es zu verbergen, finster und wortkarg saß er beim Mahle, rührte die
Speisen nicht an und bearbeitete die Tischplatte mit dem Fingernagel.
Diese Tage, diese Stunden mußten ihm unvergeßlich bleiben sein Leben
lang. Aber auch der Papst konnte seines Triumphes nicht froh sein.
Den vornehmsten Herrscher der Christenheit, den künftigen deutschen
Kaiser hatte er buchstäblich in den Staub gedemütigt, überwunden hatte
er ihn noch nicht. Den wahren Sieg sollte ihm erst der Tag zu Augs-
burg bringen, an dem er festhielt. Aber für das Spiel, das er dort spielen

Canoſſa
gräfin Adelheid von Turin, des Königs Schwiegermutter, und Abt
Hugo von Cluny, ſein Taufpate, ſich geſellt hatten. Sie beſtürmten
den Papſt mit Tränen, warfen ihm ſeine Härte vor: das ſei nicht
mehr apoſtoliſche Strenge, das ſei tyranniſche Grauſamkeit. Da endlich
gab er nach. Er hätte ſeinen guten Ruf als Prieſter aufs Spiel geſetzt,
hätte er dem Bußfertigen die Losſprechung verweigert. Heinrich war
ſchon fortgeritten, Mathilde ließ ihn zurückrufen und übernahm es
jetzt, das letzte Hindernis zu beſeitigen.

Während Heinrich vor Canoſſa weilte, und ſchon vorher, war über
die Bedingungen ſeiner Losſprechung ohne Ergebnis verhandelt worden.
Denn nicht ohne weiteres wollte Gregor ſie gewähren, er verlangte
Sicherheit dafür, daß die Reue des Königs aufrichtig ſei. Dies gab ihm
die Möglichkeit, Bedingungen zu ſtellen. Unter Mathildens Vermitt-
lung kam ſchließlich eine Urkunde zuſtande, für deren Erfüllung ſie mit
der Markgräfin Adelheid, dem Abt von Cluny und einigen Biſchöfen
und Herren von Heinrichs Seite ſich verbürgte. Heinrich verſprach, im
Streit mit ſeinen deutſchen Gegnern ſich dem Spruch des Papſtes zu
unterwerfen und die Reiſe Gregors nach Deutſchland nicht zu hindern.
Daraufhin durfte er vor den Papſt treten und ſich mit ausgebreiteten
Armen, in Kreuzesform, vor ihm niederwerfen. Gregor, zu Tränen
gerührt, richtete ihn auf und ſchloß ihn ſegnend in die Arme. Das
gleiche geſchah mit den Biſchöfen, die dem König gefolgt waren.
Dann las der Papſt die Meſſe und reichte allen das Abendmahl, wor-
auf man ſich zu Tiſche ſetzte.

Der Friede war geſchloſſen, aber es war ein fauler Friede. Was in
Heinrichs Seele vorgegangen ſein mag, als er, der ſtolze Sproß des
edelſten Geſchlechts, der Sohn und Enkel von Königen und Kaiſern, die
Rolle des armen Sünders bis aufs letzte zu ſpielen ſich gezwungen ſah,
konnte und kann ſich jeder vorſtellen. Heinrich gab ſich auch keine Mühe,
es zu verbergen, finſter und wortkarg ſaß er beim Mahle, rührte die
Speiſen nicht an und bearbeitete die Tiſchplatte mit dem Fingernagel.
Dieſe Tage, dieſe Stunden mußten ihm unvergeßlich bleiben ſein Leben
lang. Aber auch der Papſt konnte ſeines Triumphes nicht froh ſein.
Den vornehmſten Herrſcher der Chriſtenheit, den künftigen deutſchen
Kaiſer hatte er buchſtäblich in den Staub gedemütigt, überwunden hatte
er ihn noch nicht. Den wahren Sieg ſollte ihm erſt der Tag zu Augs-
burg bringen, an dem er feſthielt. Aber für das Spiel, das er dort ſpielen

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[373/0382] Canoſſa gräfin Adelheid von Turin, des Königs Schwiegermutter, und Abt Hugo von Cluny, ſein Taufpate, ſich geſellt hatten. Sie beſtürmten den Papſt mit Tränen, warfen ihm ſeine Härte vor: das ſei nicht mehr apoſtoliſche Strenge, das ſei tyranniſche Grauſamkeit. Da endlich gab er nach. Er hätte ſeinen guten Ruf als Prieſter aufs Spiel geſetzt, hätte er dem Bußfertigen die Losſprechung verweigert. Heinrich war ſchon fortgeritten, Mathilde ließ ihn zurückrufen und übernahm es jetzt, das letzte Hindernis zu beſeitigen. Während Heinrich vor Canoſſa weilte, und ſchon vorher, war über die Bedingungen ſeiner Losſprechung ohne Ergebnis verhandelt worden. Denn nicht ohne weiteres wollte Gregor ſie gewähren, er verlangte Sicherheit dafür, daß die Reue des Königs aufrichtig ſei. Dies gab ihm die Möglichkeit, Bedingungen zu ſtellen. Unter Mathildens Vermitt- lung kam ſchließlich eine Urkunde zuſtande, für deren Erfüllung ſie mit der Markgräfin Adelheid, dem Abt von Cluny und einigen Biſchöfen und Herren von Heinrichs Seite ſich verbürgte. Heinrich verſprach, im Streit mit ſeinen deutſchen Gegnern ſich dem Spruch des Papſtes zu unterwerfen und die Reiſe Gregors nach Deutſchland nicht zu hindern. Daraufhin durfte er vor den Papſt treten und ſich mit ausgebreiteten Armen, in Kreuzesform, vor ihm niederwerfen. Gregor, zu Tränen gerührt, richtete ihn auf und ſchloß ihn ſegnend in die Arme. Das gleiche geſchah mit den Biſchöfen, die dem König gefolgt waren. Dann las der Papſt die Meſſe und reichte allen das Abendmahl, wor- auf man ſich zu Tiſche ſetzte. Der Friede war geſchloſſen, aber es war ein fauler Friede. Was in Heinrichs Seele vorgegangen ſein mag, als er, der ſtolze Sproß des edelſten Geſchlechts, der Sohn und Enkel von Königen und Kaiſern, die Rolle des armen Sünders bis aufs letzte zu ſpielen ſich gezwungen ſah, konnte und kann ſich jeder vorſtellen. Heinrich gab ſich auch keine Mühe, es zu verbergen, finſter und wortkarg ſaß er beim Mahle, rührte die Speiſen nicht an und bearbeitete die Tiſchplatte mit dem Fingernagel. Dieſe Tage, dieſe Stunden mußten ihm unvergeßlich bleiben ſein Leben lang. Aber auch der Papſt konnte ſeines Triumphes nicht froh ſein. Den vornehmſten Herrſcher der Chriſtenheit, den künftigen deutſchen Kaiſer hatte er buchſtäblich in den Staub gedemütigt, überwunden hatte er ihn noch nicht. Den wahren Sieg ſollte ihm erſt der Tag zu Augs- burg bringen, an dem er feſthielt. Aber für das Spiel, das er dort ſpielen

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 373. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/382>, abgerufen am 19.09.2020.