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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Canossa
Fürsten verschworen sich nachträglich, wenn er länger als ein Jahr
aus der Kirche ausgeschlossen bliebe, sollte ein Anderer König sein. Wie
nun in Rom durch nachgeschickte Gesandte der Fürsten aufgedeckt wurde,
daß der König nicht so geschrieben hatte, wie abgemacht war, lehnte der
Papst ab, ihn als Büßer in Rom zu empfangen; er wollte selbst nach
Deutschland kommen und in Augsburg am 2. Februar den Streit der
Parteien entscheiden. Am 8. Januar wollte er in Mantua sein, bereit,
"für die Freiheit der Kirche und das Heil des Reiches sein Blut zu ver-
gießen". So schrieb er seinen deutschen Anhängern, damit sie ihm das
Geleite entgegenschickten.

Als Heinrich IV. dies erfuhr, wußte er, was ihm bevorstand. Kam es zu
dem Gerichtstag in Augsburg, so hatte er die Wahl, ob er seine Krone
verlieren oder sich allen Bedingungen des Papstes unterwerfen wollte.
Er beschloß, den Augsburger Tag zu vereiteln, indem er die Wieder-
aufnahme in die Kirche sich vorher verschaffte. Er mußte zuvorkommen,
den Papst stellen, bevor er deutschen Boden betreten hatte. Von Speyer,
wo er sich als Büßender in Zurückgezogenheit aufhielt, brach er noch vor
Weihnachten auf und reiste über Besancon und den Mont Cenis und
Turin dem Papst entgegen, der auf dem Wege nach Deutschland schon
bis Mantua gekommen war. Heinrich war von der Königin und dem
Hofstaat begleitet, einige Bischöfe schlossen sich ihm an. Überall, dies-
seits wie jenseits der Alpen, nahm man an, er wolle gegen den Papst
Gewalt brauchen, und freudig begrüßten ihn die Königstreuen in der Lom-
bardei. Sie erwarteten, er werde ihnen helfen, das Feuer der Pataria
vollends auszutreten. Auch Gregor fürchtete einen Handstreich auf seine
Person und kehrte eilig um. Jn Canossa, der uneinnehmbaren Stamm-
burg der Gräfin Mathilde, brachte er sich in Sicherheit. Aber Heinrich
hatte ganz anderes im Sinn. Am 26. Januar 1077 erschien er vor der
Burg, nicht in königlichem Aufzug, sondern als Büßender in vorge-
schriebener Tracht, rauhem Wollhemd und unbeschuht. So begehrte er
vom Papst empfangen zu werden. Gregor weigerte sich. Am folgenden
Tage wiederholte sich das Schauspiel: der deutsche König am Tor der
Burg, barfuß und im Büßergewand, heischte Einlaß und Gnade. Gre-
gor lehnte nochmals ab. Das gleiche Bild am dritten Tage, und immer
blieb der Papst unerbittlich. Jn seiner Umgebung, auch in der Ferne,
wohin die Kunde drang, begann man zu murren. Um ihn weilten seine
ergebensten Freunde, die Schloßherrin Mathilde, zu der die Mark-

Canoſſa
Fürſten verſchworen ſich nachträglich, wenn er länger als ein Jahr
aus der Kirche ausgeſchloſſen bliebe, ſollte ein Anderer König ſein. Wie
nun in Rom durch nachgeſchickte Geſandte der Fürſten aufgedeckt wurde,
daß der König nicht ſo geſchrieben hatte, wie abgemacht war, lehnte der
Papſt ab, ihn als Büßer in Rom zu empfangen; er wollte ſelbſt nach
Deutſchland kommen und in Augsburg am 2. Februar den Streit der
Parteien entſcheiden. Am 8. Januar wollte er in Mantua ſein, bereit,
„für die Freiheit der Kirche und das Heil des Reiches ſein Blut zu ver-
gießen“. So ſchrieb er ſeinen deutſchen Anhängern, damit ſie ihm das
Geleite entgegenſchickten.

Als Heinrich IV. dies erfuhr, wußte er, was ihm bevorſtand. Kam es zu
dem Gerichtstag in Augsburg, ſo hatte er die Wahl, ob er ſeine Krone
verlieren oder ſich allen Bedingungen des Papſtes unterwerfen wollte.
Er beſchloß, den Augsburger Tag zu vereiteln, indem er die Wieder-
aufnahme in die Kirche ſich vorher verſchaffte. Er mußte zuvorkommen,
den Papſt ſtellen, bevor er deutſchen Boden betreten hatte. Von Speyer,
wo er ſich als Büßender in Zurückgezogenheit aufhielt, brach er noch vor
Weihnachten auf und reiſte über Beſançon und den Mont Cenis und
Turin dem Papſt entgegen, der auf dem Wege nach Deutſchland ſchon
bis Mantua gekommen war. Heinrich war von der Königin und dem
Hofſtaat begleitet, einige Biſchöfe ſchloſſen ſich ihm an. Überall, dies-
ſeits wie jenſeits der Alpen, nahm man an, er wolle gegen den Papſt
Gewalt brauchen, und freudig begrüßten ihn die Königstreuen in der Lom-
bardei. Sie erwarteten, er werde ihnen helfen, das Feuer der Pataria
vollends auszutreten. Auch Gregor fürchtete einen Handſtreich auf ſeine
Perſon und kehrte eilig um. Jn Canoſſa, der uneinnehmbaren Stamm-
burg der Gräfin Mathilde, brachte er ſich in Sicherheit. Aber Heinrich
hatte ganz anderes im Sinn. Am 26. Januar 1077 erſchien er vor der
Burg, nicht in königlichem Aufzug, ſondern als Büßender in vorge-
ſchriebener Tracht, rauhem Wollhemd und unbeſchuht. So begehrte er
vom Papſt empfangen zu werden. Gregor weigerte ſich. Am folgenden
Tage wiederholte ſich das Schauſpiel: der deutſche König am Tor der
Burg, barfuß und im Büßergewand, heiſchte Einlaß und Gnade. Gre-
gor lehnte nochmals ab. Das gleiche Bild am dritten Tage, und immer
blieb der Papſt unerbittlich. Jn ſeiner Umgebung, auch in der Ferne,
wohin die Kunde drang, begann man zu murren. Um ihn weilten ſeine
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[372/0381] Canoſſa Fürſten verſchworen ſich nachträglich, wenn er länger als ein Jahr aus der Kirche ausgeſchloſſen bliebe, ſollte ein Anderer König ſein. Wie nun in Rom durch nachgeſchickte Geſandte der Fürſten aufgedeckt wurde, daß der König nicht ſo geſchrieben hatte, wie abgemacht war, lehnte der Papſt ab, ihn als Büßer in Rom zu empfangen; er wollte ſelbſt nach Deutſchland kommen und in Augsburg am 2. Februar den Streit der Parteien entſcheiden. Am 8. Januar wollte er in Mantua ſein, bereit, „für die Freiheit der Kirche und das Heil des Reiches ſein Blut zu ver- gießen“. So ſchrieb er ſeinen deutſchen Anhängern, damit ſie ihm das Geleite entgegenſchickten. Als Heinrich IV. dies erfuhr, wußte er, was ihm bevorſtand. Kam es zu dem Gerichtstag in Augsburg, ſo hatte er die Wahl, ob er ſeine Krone verlieren oder ſich allen Bedingungen des Papſtes unterwerfen wollte. Er beſchloß, den Augsburger Tag zu vereiteln, indem er die Wieder- aufnahme in die Kirche ſich vorher verſchaffte. Er mußte zuvorkommen, den Papſt ſtellen, bevor er deutſchen Boden betreten hatte. Von Speyer, wo er ſich als Büßender in Zurückgezogenheit aufhielt, brach er noch vor Weihnachten auf und reiſte über Beſançon und den Mont Cenis und Turin dem Papſt entgegen, der auf dem Wege nach Deutſchland ſchon bis Mantua gekommen war. Heinrich war von der Königin und dem Hofſtaat begleitet, einige Biſchöfe ſchloſſen ſich ihm an. Überall, dies- ſeits wie jenſeits der Alpen, nahm man an, er wolle gegen den Papſt Gewalt brauchen, und freudig begrüßten ihn die Königstreuen in der Lom- bardei. Sie erwarteten, er werde ihnen helfen, das Feuer der Pataria vollends auszutreten. Auch Gregor fürchtete einen Handſtreich auf ſeine Perſon und kehrte eilig um. Jn Canoſſa, der uneinnehmbaren Stamm- burg der Gräfin Mathilde, brachte er ſich in Sicherheit. Aber Heinrich hatte ganz anderes im Sinn. Am 26. Januar 1077 erſchien er vor der Burg, nicht in königlichem Aufzug, ſondern als Büßender in vorge- ſchriebener Tracht, rauhem Wollhemd und unbeſchuht. So begehrte er vom Papſt empfangen zu werden. Gregor weigerte ſich. Am folgenden Tage wiederholte ſich das Schauſpiel: der deutſche König am Tor der Burg, barfuß und im Büßergewand, heiſchte Einlaß und Gnade. Gre- gor lehnte nochmals ab. Das gleiche Bild am dritten Tage, und immer blieb der Papſt unerbittlich. Jn ſeiner Umgebung, auch in der Ferne, wohin die Kunde drang, begann man zu murren. Um ihn weilten ſeine ergebenſten Freunde, die Schloßherrin Mathilde, zu der die Mark-

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 372. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/381>, abgerufen am 19.09.2020.