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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Abfall vom König
nicht losgesprochen werden. Auf das Recht der Absetzung ging er nicht
näher ein, er begnügte sich mit dem kühnen Satz: "Wenn der apostolische
Stuhl kraft göttlicher Vollmacht über geistliche Dinge richtet, warum
nicht auch über weltliche?"

Jnzwischen hatte sich im deutschen Reich vieles geändert. So fest, wie
er glaubte, hatte Heinrich IV. nicht auf seinem Thron gesessen. Jn
Sachsen glomm der Funke der Empörung unter der Asche, und bei den
Fürsten war das Ansehen des Königs niemals groß. Daß er seinen
Sieg ausnützte, um die Zügel der Herrschaft fester anzuziehen, schuf
ihm Feinde, ohne daß er verstanden hätte, ihnen Furcht einzuflößen.
Für viele war der Spruch des Papstes ein willkommener Anlaß, dem
König den Gehorsam zu kündigen. Zum Unglück war überdies Herzog
Gotfried von Lothringen, auf den Heinrich am meisten gezählt hatte,
schon Ende Februar ermordet worden, und es gab unter den Weltlichen
keinen, der ihn ersetzt hätte. Als nun gar die gefangenen Führer der
Sachsen aus ihrer Haft entweichen konnten, der Aufstand wieder aus-
brach, da war der Plan, mit Heeresmacht nach Jtalien zu ziehen und die
Kaiserkrone zu erobern, unausführbar. Dagegen bildete sich, vom Papst
unterstützt, eine Verständigung der oberdeutschen Fürsten mit den päpst-
lich gesinnten Bischöfen, die auf nichts Geringeres zielte als die Wahl
eines andern Königs. Auf einer Zusammenkunft in Ulm, Mitte August,
wurde der Beschluß gefaßt, die Ausführung sollte zwei Monate später
in Mainz erfolgen. Gregor war von allem unterrichtet. Anfang Sep-
tember gab er seinen Anhängern Auskunft, unter welchen Bedingungen
er Heinrich begnadigen könne: er müsse seine Räte wechseln, der Kirche
die Freiheit geben. Aber der Papst glaubte offenbar selbst nicht mehr an
diesen Weg, denn er faßte bereits die Wahl eines andern Königs ins
Auge, der das Verlangte erfüllen würde, und stellte diesem die Bestätigung
in Aussicht. Dabei rechnete er sogar auf Mitwirkung der Kaiserin.

Gregor zeigte ungewöhnlichen Mut, denn seine Lage war keineswegs
glänzend. Die Normannenfürsten hatten sich seiner Einwirkung nicht
willfährig gezeigt, ihre Truppen drangen in den Kirchenstaat ein, das
belagerte Salerno stand schon dicht vor dem Falle. Ehe das Jahr 1076
endete, hat die Stadt sich Robert Guiscard unterworfen. Fürst Gisulf,
auf den Gregor große Stücke hielt, verteidigte sich noch eine Weile in
der Festung, dann mußte er in Rom Zuflucht suchen. Jn der Lombardei

Abfall vom König
nicht losgeſprochen werden. Auf das Recht der Abſetzung ging er nicht
näher ein, er begnügte ſich mit dem kühnen Satz: „Wenn der apoſtoliſche
Stuhl kraft göttlicher Vollmacht über geiſtliche Dinge richtet, warum
nicht auch über weltliche?“

Jnzwiſchen hatte ſich im deutſchen Reich vieles geändert. So feſt, wie
er glaubte, hatte Heinrich IV. nicht auf ſeinem Thron geſeſſen. Jn
Sachſen glomm der Funke der Empörung unter der Aſche, und bei den
Fürſten war das Anſehen des Königs niemals groß. Daß er ſeinen
Sieg ausnützte, um die Zügel der Herrſchaft feſter anzuziehen, ſchuf
ihm Feinde, ohne daß er verſtanden hätte, ihnen Furcht einzuflößen.
Für viele war der Spruch des Papſtes ein willkommener Anlaß, dem
König den Gehorſam zu kündigen. Zum Unglück war überdies Herzog
Gotfried von Lothringen, auf den Heinrich am meiſten gezählt hatte,
ſchon Ende Februar ermordet worden, und es gab unter den Weltlichen
keinen, der ihn erſetzt hätte. Als nun gar die gefangenen Führer der
Sachſen aus ihrer Haft entweichen konnten, der Aufſtand wieder aus-
brach, da war der Plan, mit Heeresmacht nach Jtalien zu ziehen und die
Kaiſerkrone zu erobern, unausführbar. Dagegen bildete ſich, vom Papſt
unterſtützt, eine Verſtändigung der oberdeutſchen Fürſten mit den päpſt-
lich geſinnten Biſchöfen, die auf nichts Geringeres zielte als die Wahl
eines andern Königs. Auf einer Zuſammenkunft in Ulm, Mitte Auguſt,
wurde der Beſchluß gefaßt, die Ausführung ſollte zwei Monate ſpäter
in Mainz erfolgen. Gregor war von allem unterrichtet. Anfang Sep-
tember gab er ſeinen Anhängern Auskunft, unter welchen Bedingungen
er Heinrich begnadigen könne: er müſſe ſeine Räte wechſeln, der Kirche
die Freiheit geben. Aber der Papſt glaubte offenbar ſelbſt nicht mehr an
dieſen Weg, denn er faßte bereits die Wahl eines andern Königs ins
Auge, der das Verlangte erfüllen würde, und ſtellte dieſem die Beſtätigung
in Ausſicht. Dabei rechnete er ſogar auf Mitwirkung der Kaiſerin.

Gregor zeigte ungewöhnlichen Mut, denn ſeine Lage war keineswegs
glänzend. Die Normannenfürſten hatten ſich ſeiner Einwirkung nicht
willfährig gezeigt, ihre Truppen drangen in den Kirchenſtaat ein, das
belagerte Salerno ſtand ſchon dicht vor dem Falle. Ehe das Jahr 1076
endete, hat die Stadt ſich Robert Guiscard unterworfen. Fürſt Giſulf,
auf den Gregor große Stücke hielt, verteidigte ſich noch eine Weile in
der Feſtung, dann mußte er in Rom Zuflucht ſuchen. Jn der Lombardei

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[370/0379] Abfall vom König nicht losgeſprochen werden. Auf das Recht der Abſetzung ging er nicht näher ein, er begnügte ſich mit dem kühnen Satz: „Wenn der apoſtoliſche Stuhl kraft göttlicher Vollmacht über geiſtliche Dinge richtet, warum nicht auch über weltliche?“ Jnzwiſchen hatte ſich im deutſchen Reich vieles geändert. So feſt, wie er glaubte, hatte Heinrich IV. nicht auf ſeinem Thron geſeſſen. Jn Sachſen glomm der Funke der Empörung unter der Aſche, und bei den Fürſten war das Anſehen des Königs niemals groß. Daß er ſeinen Sieg ausnützte, um die Zügel der Herrſchaft feſter anzuziehen, ſchuf ihm Feinde, ohne daß er verſtanden hätte, ihnen Furcht einzuflößen. Für viele war der Spruch des Papſtes ein willkommener Anlaß, dem König den Gehorſam zu kündigen. Zum Unglück war überdies Herzog Gotfried von Lothringen, auf den Heinrich am meiſten gezählt hatte, ſchon Ende Februar ermordet worden, und es gab unter den Weltlichen keinen, der ihn erſetzt hätte. Als nun gar die gefangenen Führer der Sachſen aus ihrer Haft entweichen konnten, der Aufſtand wieder aus- brach, da war der Plan, mit Heeresmacht nach Jtalien zu ziehen und die Kaiſerkrone zu erobern, unausführbar. Dagegen bildete ſich, vom Papſt unterſtützt, eine Verſtändigung der oberdeutſchen Fürſten mit den päpſt- lich geſinnten Biſchöfen, die auf nichts Geringeres zielte als die Wahl eines andern Königs. Auf einer Zuſammenkunft in Ulm, Mitte Auguſt, wurde der Beſchluß gefaßt, die Ausführung ſollte zwei Monate ſpäter in Mainz erfolgen. Gregor war von allem unterrichtet. Anfang Sep- tember gab er ſeinen Anhängern Auskunft, unter welchen Bedingungen er Heinrich begnadigen könne: er müſſe ſeine Räte wechſeln, der Kirche die Freiheit geben. Aber der Papſt glaubte offenbar ſelbſt nicht mehr an dieſen Weg, denn er faßte bereits die Wahl eines andern Königs ins Auge, der das Verlangte erfüllen würde, und ſtellte dieſem die Beſtätigung in Ausſicht. Dabei rechnete er ſogar auf Mitwirkung der Kaiſerin. Gregor zeigte ungewöhnlichen Mut, denn ſeine Lage war keineswegs glänzend. Die Normannenfürſten hatten ſich ſeiner Einwirkung nicht willfährig gezeigt, ihre Truppen drangen in den Kirchenſtaat ein, das belagerte Salerno ſtand ſchon dicht vor dem Falle. Ehe das Jahr 1076 endete, hat die Stadt ſich Robert Guiscard unterworfen. Fürſt Giſulf, auf den Gregor große Stücke hielt, verteidigte ſich noch eine Weile in der Feſtung, dann mußte er in Rom Zuflucht ſuchen. Jn der Lombardei

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 370. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/379>, abgerufen am 19.09.2020.