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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Abfall vom König
Apostel", dem "Meineidigen" und "Ehebrecher" die Gemeinschaft auf-
gesagt hätten. Von der Gegenseite ging der Urteilsspruch des Papstes in
alle Welt hinaus, Kaiserin Agnes sogar, bis zur Widernatürlichkeit
befangen im Gedankenkreis ihres geistlichen Herrn, gab sich dazu her,
ihn zu verbreiten und den Thron des eigenen Sohnes zu unterwühlen.
Die königliche Seite gedachte darauf mit gleicher Münze zu erwidern:
eine Synode in Worms sollte zu Pfingsten (15. Mai) über Gregor
den Ausschluß verhängen. Da aber zeigte sich der erste Riß in der Mauer:
die Synode kam nicht zustande. Erst Ende Juni konnte der Schritt in
Mainz nachgeholt werden, allzu spät. Gregor war nicht müßig gewesen,
im Kampf um die öffentliche Meinung übernahm er mit eigener Feder
die Führung. Jn einem Sendschreiben an "alle Bischöfe, Herzöge,
Grafen und andere Getreue im deutschen Reich, die den Christenglauben
verteidigen," setzte er auseinander, wie er durch Heinrichs Verhalten
dazu genötigt worden sei, das geistliche Schwert gegen ihn zu zücken.
Zugleich war sein Bemühen, die Gegenpartei zu spalten, nicht vergeb-
lich. Die ersten, die abfielen, waren die Lothringer, der Metzer und der
von Verdun; der Würzburger folgte. Erzbischof Udo von Trier, ein
Bruder des Nellenburgers, also dem König persönlich näher verbunden
als viele andere, glaubte vermitteln zu sollen und eilte nach Rom, bereute
und ließ sich lossprechen. Die scheinbar so geschlossene Phalanx wies
bereits Lücken auf, die Reihen der Gegner, bisher nur durch Salzburg
und Passau und die Sachsen vertreten, füllten sich, der Papst hatte eine
Partei in Deutschland, die für ihn kämpfte. Er brauchte keine Römer
nach Deutschland zu schicken, im Lande selbst fand er Werkzeuge seines
Willens. Ende Juli konnte Gregor bereits die Pforten der Gnade halb-
offen zeigen: er ermächtigte die ihm anhängenden Bischöfe im allge-
meinen, alle Anhänger des Königs, die zur Besinnung kämen, in den
Schoß der Kirche aufzunehmen, und erteilte dem Passauer Vollmacht
zu seiner Vertretung. Nur den König nahm er aus, seine Beurteilung
behielt er sich selbst vor. Dem Bischof von Metz ließ er eine ausführ-
liche Widerlegung des Einwands zukommen, daß ein König nicht aus-
geschlossen werden dürfe. Sein Hinweis auf einige angebliche Beispiele
aus der Geschichte hätte genauer Prüfung nicht standgehalten; um so
wirksamer war die Frage: ob denn ein König nicht zu den Schafen des
Herrn gehöre, deren Hut dem Apostel übertragen sei? Wäre der König
von der Bindegewalt der Kirche ausgenommen, so könnte er von ihr auch

Haller, Das Papsttum II1 24

Abfall vom König
Apoſtel“, dem „Meineidigen“ und „Ehebrecher“ die Gemeinſchaft auf-
geſagt hätten. Von der Gegenſeite ging der Urteilsſpruch des Papſtes in
alle Welt hinaus, Kaiſerin Agnes ſogar, bis zur Widernatürlichkeit
befangen im Gedankenkreis ihres geiſtlichen Herrn, gab ſich dazu her,
ihn zu verbreiten und den Thron des eigenen Sohnes zu unterwühlen.
Die königliche Seite gedachte darauf mit gleicher Münze zu erwidern:
eine Synode in Worms ſollte zu Pfingſten (15. Mai) über Gregor
den Ausſchluß verhängen. Da aber zeigte ſich der erſte Riß in der Mauer:
die Synode kam nicht zuſtande. Erſt Ende Juni konnte der Schritt in
Mainz nachgeholt werden, allzu ſpät. Gregor war nicht müßig geweſen,
im Kampf um die öffentliche Meinung übernahm er mit eigener Feder
die Führung. Jn einem Sendſchreiben an „alle Biſchöfe, Herzöge,
Grafen und andere Getreue im deutſchen Reich, die den Chriſtenglauben
verteidigen,“ ſetzte er auseinander, wie er durch Heinrichs Verhalten
dazu genötigt worden ſei, das geiſtliche Schwert gegen ihn zu zücken.
Zugleich war ſein Bemühen, die Gegenpartei zu ſpalten, nicht vergeb-
lich. Die erſten, die abfielen, waren die Lothringer, der Metzer und der
von Verdun; der Würzburger folgte. Erzbiſchof Udo von Trier, ein
Bruder des Nellenburgers, alſo dem König perſönlich näher verbunden
als viele andere, glaubte vermitteln zu ſollen und eilte nach Rom, bereute
und ließ ſich losſprechen. Die ſcheinbar ſo geſchloſſene Phalanx wies
bereits Lücken auf, die Reihen der Gegner, bisher nur durch Salzburg
und Paſſau und die Sachſen vertreten, füllten ſich, der Papſt hatte eine
Partei in Deutſchland, die für ihn kämpfte. Er brauchte keine Römer
nach Deutſchland zu ſchicken, im Lande ſelbſt fand er Werkzeuge ſeines
Willens. Ende Juli konnte Gregor bereits die Pforten der Gnade halb-
offen zeigen: er ermächtigte die ihm anhängenden Biſchöfe im allge-
meinen, alle Anhänger des Königs, die zur Beſinnung kämen, in den
Schoß der Kirche aufzunehmen, und erteilte dem Paſſauer Vollmacht
zu ſeiner Vertretung. Nur den König nahm er aus, ſeine Beurteilung
behielt er ſich ſelbſt vor. Dem Biſchof von Metz ließ er eine ausführ-
liche Widerlegung des Einwands zukommen, daß ein König nicht aus-
geſchloſſen werden dürfe. Sein Hinweis auf einige angebliche Beiſpiele
aus der Geſchichte hätte genauer Prüfung nicht ſtandgehalten; um ſo
wirkſamer war die Frage: ob denn ein König nicht zu den Schafen des
Herrn gehöre, deren Hut dem Apoſtel übertragen ſei? Wäre der König
von der Bindegewalt der Kirche ausgenommen, ſo könnte er von ihr auch

Haller, Das Papſttum II1 24
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[369/0378] Abfall vom König Apoſtel“, dem „Meineidigen“ und „Ehebrecher“ die Gemeinſchaft auf- geſagt hätten. Von der Gegenſeite ging der Urteilsſpruch des Papſtes in alle Welt hinaus, Kaiſerin Agnes ſogar, bis zur Widernatürlichkeit befangen im Gedankenkreis ihres geiſtlichen Herrn, gab ſich dazu her, ihn zu verbreiten und den Thron des eigenen Sohnes zu unterwühlen. Die königliche Seite gedachte darauf mit gleicher Münze zu erwidern: eine Synode in Worms ſollte zu Pfingſten (15. Mai) über Gregor den Ausſchluß verhängen. Da aber zeigte ſich der erſte Riß in der Mauer: die Synode kam nicht zuſtande. Erſt Ende Juni konnte der Schritt in Mainz nachgeholt werden, allzu ſpät. Gregor war nicht müßig geweſen, im Kampf um die öffentliche Meinung übernahm er mit eigener Feder die Führung. Jn einem Sendſchreiben an „alle Biſchöfe, Herzöge, Grafen und andere Getreue im deutſchen Reich, die den Chriſtenglauben verteidigen,“ ſetzte er auseinander, wie er durch Heinrichs Verhalten dazu genötigt worden ſei, das geiſtliche Schwert gegen ihn zu zücken. Zugleich war ſein Bemühen, die Gegenpartei zu ſpalten, nicht vergeb- lich. Die erſten, die abfielen, waren die Lothringer, der Metzer und der von Verdun; der Würzburger folgte. Erzbiſchof Udo von Trier, ein Bruder des Nellenburgers, alſo dem König perſönlich näher verbunden als viele andere, glaubte vermitteln zu ſollen und eilte nach Rom, bereute und ließ ſich losſprechen. Die ſcheinbar ſo geſchloſſene Phalanx wies bereits Lücken auf, die Reihen der Gegner, bisher nur durch Salzburg und Paſſau und die Sachſen vertreten, füllten ſich, der Papſt hatte eine Partei in Deutſchland, die für ihn kämpfte. Er brauchte keine Römer nach Deutſchland zu ſchicken, im Lande ſelbſt fand er Werkzeuge ſeines Willens. Ende Juli konnte Gregor bereits die Pforten der Gnade halb- offen zeigen: er ermächtigte die ihm anhängenden Biſchöfe im allge- meinen, alle Anhänger des Königs, die zur Beſinnung kämen, in den Schoß der Kirche aufzunehmen, und erteilte dem Paſſauer Vollmacht zu ſeiner Vertretung. Nur den König nahm er aus, ſeine Beurteilung behielt er ſich ſelbſt vor. Dem Biſchof von Metz ließ er eine ausführ- liche Widerlegung des Einwands zukommen, daß ein König nicht aus- geſchloſſen werden dürfe. Sein Hinweis auf einige angebliche Beiſpiele aus der Geſchichte hätte genauer Prüfung nicht ſtandgehalten; um ſo wirkſamer war die Frage: ob denn ein König nicht zu den Schafen des Herrn gehöre, deren Hut dem Apoſtel übertragen ſei? Wäre der König von der Bindegewalt der Kirche ausgenommen, ſo könnte er von ihr auch Haller, Das Papſttum II1 24

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 369. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/378>, abgerufen am 19.09.2020.