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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Ausschluß und Absetzung Heinrichs
rief ihn, die Gottesmutter und Sankt Paulus zu Zeugen an, daß er nur
gezwungen sein Amt übernommen habe. "Deshalb" -- so fuhr er fort --
"glaube ich, es gefalle Dir, daß das Dir im besondern anvertraute
Christenvolk mir als Deinem Stellvertreter im besondern gehorche. Um
Deinetwillen ist mir von Gott die Macht gegeben, zu binden und zu lösen
im Himmel und auf Erden. Jm Vertrauen hierauf untersage ich im
Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes kraft
Deiner Vollmacht zu Ehren und Schutz Deiner Kirche König Hein-
rich, dem Sohne Kaiser Heinrichs, der sich gegen Deine Kirche in
unerhörtem Hochmut erhoben hat, die Regierung des ganzen König-
reichs der Deutschen und Jtaliens, befreie alle Christen von der Fessel
des Eides, den sie ihm geleistet haben oder leisten werden, und verbiete
jedermann, ihm als König zu dienen. Und weil er als Christ es ver-
schmäht hat zu gehorchen, nicht zu Gott zurückgekehrt ist, den er durch
Verkehr mit Ausgeschlossenen verlassen hatte, meine Mahnungen ver-
achtet, sich von Deiner Kirche getrennt und sie zu spalten versucht hat,
so binde ich ihn an Deiner Statt mit der Fessel des Fluches, auf daß die
Völker wissen und erfahren, daß Du bist Petrus, und daß auf Deinen
Fels der Sohn des lebendigen Gottes seine Kirche gebaut hat und die
Pforten der Hölle sie nicht überwältigen werden."

Der Würfel war gefallen, der offene Kampf zwischen König und
Papst, Reich und Kirche ausgebrochen. Daß Gregor Unerhörtes unter-
nahm, als er im Namen seiner geistlichen Gewalt einen König absetzte,
haben alle Zeitgenossen gewußt. Nun fragte es sich, ob die Welt diesen
Anspruch als Recht anerkennen würde. Die Kraftprobe, die der König
gewagt hatte, als er den Papst absetzen ließ, unternahm nun von seiner
Seite auch der Papst. Zeigen mußte sich, wer stärker sei.

Zunächst warben beide Teile um die Zustimmung der Welt. Ein
literarischer Streit begann, der, mit steigender Schärfe geführt, ein
Menschenalter und länger gedauert hat, der erste Fall seit dem Unter-
gang der alten Welt, daß feindliche Parteien um die öffentliche Mei-
nung kämpfen. Von seiten des Königs wurde die Kundgebung von
Worms in wirksamer Umarbeitung überall verbreitet. Jedermann konnte
erfahren, wie und warum Heinrich, gestützt auf das Urteil einer Reichs-
synode, nicht dem Papst, sondern dem falschen Mönch Hildebrand be-
fohlen habe: "Steige herab, steige herab, auf ewig Verfluchter!" Auf
den Kanzeln hörte man verkündigen, daß die Bischöfe dem "falschen

Ausſchluß und Abſetzung Heinrichs
rief ihn, die Gottesmutter und Sankt Paulus zu Zeugen an, daß er nur
gezwungen ſein Amt übernommen habe. „Deshalb“ — ſo fuhr er fort —
„glaube ich, es gefalle Dir, daß das Dir im beſondern anvertraute
Chriſtenvolk mir als Deinem Stellvertreter im beſondern gehorche. Um
Deinetwillen iſt mir von Gott die Macht gegeben, zu binden und zu löſen
im Himmel und auf Erden. Jm Vertrauen hierauf unterſage ich im
Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geiſtes kraft
Deiner Vollmacht zu Ehren und Schutz Deiner Kirche König Hein-
rich, dem Sohne Kaiſer Heinrichs, der ſich gegen Deine Kirche in
unerhörtem Hochmut erhoben hat, die Regierung des ganzen König-
reichs der Deutſchen und Jtaliens, befreie alle Chriſten von der Feſſel
des Eides, den ſie ihm geleiſtet haben oder leiſten werden, und verbiete
jedermann, ihm als König zu dienen. Und weil er als Chriſt es ver-
ſchmäht hat zu gehorchen, nicht zu Gott zurückgekehrt iſt, den er durch
Verkehr mit Ausgeſchloſſenen verlaſſen hatte, meine Mahnungen ver-
achtet, ſich von Deiner Kirche getrennt und ſie zu ſpalten verſucht hat,
ſo binde ich ihn an Deiner Statt mit der Feſſel des Fluches, auf daß die
Völker wiſſen und erfahren, daß Du biſt Petrus, und daß auf Deinen
Fels der Sohn des lebendigen Gottes ſeine Kirche gebaut hat und die
Pforten der Hölle ſie nicht überwältigen werden.“

Der Würfel war gefallen, der offene Kampf zwiſchen König und
Papſt, Reich und Kirche ausgebrochen. Daß Gregor Unerhörtes unter-
nahm, als er im Namen ſeiner geiſtlichen Gewalt einen König abſetzte,
haben alle Zeitgenoſſen gewußt. Nun fragte es ſich, ob die Welt dieſen
Anſpruch als Recht anerkennen würde. Die Kraftprobe, die der König
gewagt hatte, als er den Papſt abſetzen ließ, unternahm nun von ſeiner
Seite auch der Papſt. Zeigen mußte ſich, wer ſtärker ſei.

Zunächſt warben beide Teile um die Zuſtimmung der Welt. Ein
literariſcher Streit begann, der, mit ſteigender Schärfe geführt, ein
Menſchenalter und länger gedauert hat, der erſte Fall ſeit dem Unter-
gang der alten Welt, daß feindliche Parteien um die öffentliche Mei-
nung kämpfen. Von ſeiten des Königs wurde die Kundgebung von
Worms in wirkſamer Umarbeitung überall verbreitet. Jedermann konnte
erfahren, wie und warum Heinrich, geſtützt auf das Urteil einer Reichs-
ſynode, nicht dem Papſt, ſondern dem falſchen Mönch Hildebrand be-
fohlen habe: „Steige herab, ſteige herab, auf ewig Verfluchter!“ Auf
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[368/0377] Ausſchluß und Abſetzung Heinrichs rief ihn, die Gottesmutter und Sankt Paulus zu Zeugen an, daß er nur gezwungen ſein Amt übernommen habe. „Deshalb“ — ſo fuhr er fort — „glaube ich, es gefalle Dir, daß das Dir im beſondern anvertraute Chriſtenvolk mir als Deinem Stellvertreter im beſondern gehorche. Um Deinetwillen iſt mir von Gott die Macht gegeben, zu binden und zu löſen im Himmel und auf Erden. Jm Vertrauen hierauf unterſage ich im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geiſtes kraft Deiner Vollmacht zu Ehren und Schutz Deiner Kirche König Hein- rich, dem Sohne Kaiſer Heinrichs, der ſich gegen Deine Kirche in unerhörtem Hochmut erhoben hat, die Regierung des ganzen König- reichs der Deutſchen und Jtaliens, befreie alle Chriſten von der Feſſel des Eides, den ſie ihm geleiſtet haben oder leiſten werden, und verbiete jedermann, ihm als König zu dienen. Und weil er als Chriſt es ver- ſchmäht hat zu gehorchen, nicht zu Gott zurückgekehrt iſt, den er durch Verkehr mit Ausgeſchloſſenen verlaſſen hatte, meine Mahnungen ver- achtet, ſich von Deiner Kirche getrennt und ſie zu ſpalten verſucht hat, ſo binde ich ihn an Deiner Statt mit der Feſſel des Fluches, auf daß die Völker wiſſen und erfahren, daß Du biſt Petrus, und daß auf Deinen Fels der Sohn des lebendigen Gottes ſeine Kirche gebaut hat und die Pforten der Hölle ſie nicht überwältigen werden.“ Der Würfel war gefallen, der offene Kampf zwiſchen König und Papſt, Reich und Kirche ausgebrochen. Daß Gregor Unerhörtes unter- nahm, als er im Namen ſeiner geiſtlichen Gewalt einen König abſetzte, haben alle Zeitgenoſſen gewußt. Nun fragte es ſich, ob die Welt dieſen Anſpruch als Recht anerkennen würde. Die Kraftprobe, die der König gewagt hatte, als er den Papſt abſetzen ließ, unternahm nun von ſeiner Seite auch der Papſt. Zeigen mußte ſich, wer ſtärker ſei. Zunächſt warben beide Teile um die Zuſtimmung der Welt. Ein literariſcher Streit begann, der, mit ſteigender Schärfe geführt, ein Menſchenalter und länger gedauert hat, der erſte Fall ſeit dem Unter- gang der alten Welt, daß feindliche Parteien um die öffentliche Mei- nung kämpfen. Von ſeiten des Königs wurde die Kundgebung von Worms in wirkſamer Umarbeitung überall verbreitet. Jedermann konnte erfahren, wie und warum Heinrich, geſtützt auf das Urteil einer Reichs- ſynode, nicht dem Papſt, ſondern dem falſchen Mönch Hildebrand be- fohlen habe: „Steige herab, ſteige herab, auf ewig Verfluchter!“ Auf den Kanzeln hörte man verkündigen, daß die Biſchöfe dem „falſchen

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 368. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/377>, abgerufen am 19.09.2020.