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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Vorgänge in Rom. Synode 1076
willigste Aufnahme. Nur wenige der lombardischen Bischöfe hielten zu
Gregor, und so machtlos war die Pataria schon geworden, daß an einem
ihrer Hauptherde, in Piacenza, die Synode tagen konnte, die den Beitritt
zum Wormser Beschluß erklärte. Ein Domherr und ein Ritter eilten
nach Rom, um den Aufstand zu entfachen, der Gregor stürzen sollte.

Gregor war vorbereitet und wachsam. Unlängst erst war er einem
Anschlag mit Mühe entgangen. Jener Cencius, der die Hauptstütze
Honorius' II. gewesen war, hatte ihn aus Rache über Entziehung von
Gütern bei der Frühmesse in der Christnacht am Altar in Santa Maria
Maggiore überfallen, in seinen Turm geschleppt und durch Todes-
drohungen zur Abdankung zu zwingen gesucht. Auf die Nachricht hiervon
war die Menge zusammengeströmt, hatte den Turm gestürmt und den
Papst befreit, der, am Kopfe leicht verletzt, aber nicht im mindesten er-
schüttert, in die Kirche zurückkehrte und die Messe beendete. Seitdem
beherrschte er die Stadt fester denn je. Was in Worms und Piacenza
geschehen war, hatte er längst erfahren und ließ die Boten bei ihrer An-
kunft verhaften und in den Kerker werfen. Dann stellte er sie vor die
Synode, die eben damals wie alle Jahre bei Beginn der Fastenzeit zu-
sammengetreten war, und ließ sie die mitgebrachten Schriftstücke ver-
lesen. Von der erregten Versammlung wurden sie schwer mißhandelt
und wären umgebracht worden, hätte Gregor selbst sie nicht mit eigener
Gefahr geschützt.

Die Synode stellt sich noch ausschließlicher als die früheren als Ge-
richtstag dar, von andern Beschlüssen hören wir nichts. Das Straf-
gericht war ausgiebig. Aus der Gemeinschaft ausgeschlossen wurden aus
Burgund und Frankreich vier Bischöfe, ein Abt, ein Mönchskonvent
und drei Grafen. Mit kluger Abstufung verfuhr Gregor gegen Teil-
nehmer an den Synoden von Worms und Piacenza. Siegfried von
Mainz, den Lombarden und denen, die freiwillig unterzeichnet hatten,
wurde Ausübung des Amtes und Genuß des Abendmahls untersagt, die
andern, die gezwungen mitgegangen waren, erhielten Zeit zur Buße bis
Ende Juni. Es hatte also, wer wollte, die Möglichkeit, sich nachträglich
für gezwungen zu erklären. Die volle Wucht der Strafe fiel auf König
Heinrich. Am letzten Tage der Synode, dem 22. Februar 1076, sprach
Gregor ihm das Urteil, während zu Füßen seines Thrones im Nonnen-
schleier sitzend Kaiserin Agnes die Verdammung ihres Sohnes anhörte.
An den heiligen Apostelfürsten Petrus wandte sich der Papst im Gebet,

Vorgänge in Rom. Synode 1076
willigſte Aufnahme. Nur wenige der lombardiſchen Biſchöfe hielten zu
Gregor, und ſo machtlos war die Pataria ſchon geworden, daß an einem
ihrer Hauptherde, in Piacenza, die Synode tagen konnte, die den Beitritt
zum Wormſer Beſchluß erklärte. Ein Domherr und ein Ritter eilten
nach Rom, um den Aufſtand zu entfachen, der Gregor ſtürzen ſollte.

Gregor war vorbereitet und wachſam. Unlängſt erſt war er einem
Anſchlag mit Mühe entgangen. Jener Cencius, der die Hauptſtütze
Honorius' II. geweſen war, hatte ihn aus Rache über Entziehung von
Gütern bei der Frühmeſſe in der Chriſtnacht am Altar in Santa Maria
Maggiore überfallen, in ſeinen Turm geſchleppt und durch Todes-
drohungen zur Abdankung zu zwingen geſucht. Auf die Nachricht hiervon
war die Menge zuſammengeſtrömt, hatte den Turm geſtürmt und den
Papſt befreit, der, am Kopfe leicht verletzt, aber nicht im mindeſten er-
ſchüttert, in die Kirche zurückkehrte und die Meſſe beendete. Seitdem
beherrſchte er die Stadt feſter denn je. Was in Worms und Piacenza
geſchehen war, hatte er längſt erfahren und ließ die Boten bei ihrer An-
kunft verhaften und in den Kerker werfen. Dann ſtellte er ſie vor die
Synode, die eben damals wie alle Jahre bei Beginn der Faſtenzeit zu-
ſammengetreten war, und ließ ſie die mitgebrachten Schriftſtücke ver-
leſen. Von der erregten Verſammlung wurden ſie ſchwer mißhandelt
und wären umgebracht worden, hätte Gregor ſelbſt ſie nicht mit eigener
Gefahr geſchützt.

Die Synode ſtellt ſich noch ausſchließlicher als die früheren als Ge-
richtstag dar, von andern Beſchlüſſen hören wir nichts. Das Straf-
gericht war ausgiebig. Aus der Gemeinſchaft ausgeſchloſſen wurden aus
Burgund und Frankreich vier Biſchöfe, ein Abt, ein Mönchskonvent
und drei Grafen. Mit kluger Abſtufung verfuhr Gregor gegen Teil-
nehmer an den Synoden von Worms und Piacenza. Siegfried von
Mainz, den Lombarden und denen, die freiwillig unterzeichnet hatten,
wurde Ausübung des Amtes und Genuß des Abendmahls unterſagt, die
andern, die gezwungen mitgegangen waren, erhielten Zeit zur Buße bis
Ende Juni. Es hatte alſo, wer wollte, die Möglichkeit, ſich nachträglich
für gezwungen zu erklären. Die volle Wucht der Strafe fiel auf König
Heinrich. Am letzten Tage der Synode, dem 22. Februar 1076, ſprach
Gregor ihm das Urteil, während zu Füßen ſeines Thrones im Nonnen-
ſchleier ſitzend Kaiſerin Agnes die Verdammung ihres Sohnes anhörte.
An den heiligen Apoſtelfürſten Petrus wandte ſich der Papſt im Gebet,

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[367/0376] Vorgänge in Rom. Synode 1076 willigſte Aufnahme. Nur wenige der lombardiſchen Biſchöfe hielten zu Gregor, und ſo machtlos war die Pataria ſchon geworden, daß an einem ihrer Hauptherde, in Piacenza, die Synode tagen konnte, die den Beitritt zum Wormſer Beſchluß erklärte. Ein Domherr und ein Ritter eilten nach Rom, um den Aufſtand zu entfachen, der Gregor ſtürzen ſollte. Gregor war vorbereitet und wachſam. Unlängſt erſt war er einem Anſchlag mit Mühe entgangen. Jener Cencius, der die Hauptſtütze Honorius' II. geweſen war, hatte ihn aus Rache über Entziehung von Gütern bei der Frühmeſſe in der Chriſtnacht am Altar in Santa Maria Maggiore überfallen, in ſeinen Turm geſchleppt und durch Todes- drohungen zur Abdankung zu zwingen geſucht. Auf die Nachricht hiervon war die Menge zuſammengeſtrömt, hatte den Turm geſtürmt und den Papſt befreit, der, am Kopfe leicht verletzt, aber nicht im mindeſten er- ſchüttert, in die Kirche zurückkehrte und die Meſſe beendete. Seitdem beherrſchte er die Stadt feſter denn je. Was in Worms und Piacenza geſchehen war, hatte er längſt erfahren und ließ die Boten bei ihrer An- kunft verhaften und in den Kerker werfen. Dann ſtellte er ſie vor die Synode, die eben damals wie alle Jahre bei Beginn der Faſtenzeit zu- ſammengetreten war, und ließ ſie die mitgebrachten Schriftſtücke ver- leſen. Von der erregten Verſammlung wurden ſie ſchwer mißhandelt und wären umgebracht worden, hätte Gregor ſelbſt ſie nicht mit eigener Gefahr geſchützt. Die Synode ſtellt ſich noch ausſchließlicher als die früheren als Ge- richtstag dar, von andern Beſchlüſſen hören wir nichts. Das Straf- gericht war ausgiebig. Aus der Gemeinſchaft ausgeſchloſſen wurden aus Burgund und Frankreich vier Biſchöfe, ein Abt, ein Mönchskonvent und drei Grafen. Mit kluger Abſtufung verfuhr Gregor gegen Teil- nehmer an den Synoden von Worms und Piacenza. Siegfried von Mainz, den Lombarden und denen, die freiwillig unterzeichnet hatten, wurde Ausübung des Amtes und Genuß des Abendmahls unterſagt, die andern, die gezwungen mitgegangen waren, erhielten Zeit zur Buße bis Ende Juni. Es hatte alſo, wer wollte, die Möglichkeit, ſich nachträglich für gezwungen zu erklären. Die volle Wucht der Strafe fiel auf König Heinrich. Am letzten Tage der Synode, dem 22. Februar 1076, ſprach Gregor ihm das Urteil, während zu Füßen ſeines Thrones im Nonnen- ſchleier ſitzend Kaiſerin Agnes die Verdammung ihres Sohnes anhörte. An den heiligen Apoſtelfürſten Petrus wandte ſich der Papſt im Gebet,

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 367. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/376>, abgerufen am 19.09.2020.