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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Absetzung Gregors
ja nicht weniger als er durch die Maßregeln des Papstes getroffen, manch
einer hatte persönliche Demütigung erfahren, und alle mußten sich als
Stand herabgesetzt und entwürdigt fühlen, wie es Liemar von Bremen
ausgedrückt hatte: sie sahen sich behandelt wie Gutsverwalter, nicht wie
Amtsbrüder und Bischöfe. Endlich durfte man auch auf die Empörung
weitester Kreise über das Eheverbot hinweisen, die der Erzbischof von
Mainz unlängst ebenso zu fühlen bekommen hatte wie früher der Bischof
von Passau. Siegfried war im Frühling in Rom gewesen, hatte dort den
Befehl erhalten, das neue Gebot auf einem Konzil zu verkündigen, hatte
sich dem mit allerhand Ausreden zu entziehen versucht, dann aber, als er
mit Absetzung bedroht wurde, doch zu gehorchen unternommen und im
Oktober 1075 eine Synode seines Sprengels nach Erfurt berufen. Da
war er aber auf stärksten Widerstand gestoßen, hatte hören müssen,
daß man dem Papst die Befugnis bestritt und ihn selbst am Leben be-
drohte, so daß er sein Vorhaben aufgab und versprach, Schritte für
eine Milderung des Gesetzes zu tun. Diese Erfahrung mag dazu bei-
getragen haben, dem ängstlichen Mann den Mut zu dem Entschluß zu
stärken, den er als Vorsitzender der Wormser Versammlung in erster
Linie mit seinem Namen zu decken hatte.

Der Entschluß, den Papst, den man fast drei Jahre lang ohne Vor-
behalt anerkannt, dem man gehorcht, vor dem man sich gebeugt hatte,
durch eine Handvoll deutscher Bischöfe seines Amtes verlustig zu er-
klären, war ein Fehler an sich, politisch unklug, rechtlich nicht zu begrün-
den. Der Fehler wurde unnötig vergrößert, indem man persönliche Ver-
unglimpfungen hinzufügte, unerwiesene Beschuldigungen als Tatsachen
hinstellte und nicht einmal die Unzartheit scheute, die Mutter des Königs
hineinzuziehen. Denn daß zu dem Weibersenat, den man dem Papste vor-
warf, neben Beatrix und Mathilde von Toskana die Kaiserin Agnes
gehörte, wußte jedermann. Fehler über Fehler! Aber wer sie feststellt,
darf nicht vergessen, daß mit dem König die Fürsten des Reiches, welt-
liche und geistliche und vor allem die Bischöfe, die Schuld zu teilen haben.
Jhr erfahrenes Alter hätte seiner unbesonnenen Jugend Zügel anlegen
sollen, sie tragen darum mit an der Verantwortung für das, was folgte.

Wie wenn ein losgerissener Felsblock zu Tale rollt, so überstürzen sich
nun die Ereignisse. Um den Anschluß des südlichen Königreichs zu be-
wirken, wurden zwei Bischöfe nach Jtalien gesandt. Sie fanden bereit-

Abſetzung Gregors
ja nicht weniger als er durch die Maßregeln des Papſtes getroffen, manch
einer hatte perſönliche Demütigung erfahren, und alle mußten ſich als
Stand herabgeſetzt und entwürdigt fühlen, wie es Liemar von Bremen
ausgedrückt hatte: ſie ſahen ſich behandelt wie Gutsverwalter, nicht wie
Amtsbrüder und Biſchöfe. Endlich durfte man auch auf die Empörung
weiteſter Kreiſe über das Eheverbot hinweiſen, die der Erzbiſchof von
Mainz unlängſt ebenſo zu fühlen bekommen hatte wie früher der Biſchof
von Paſſau. Siegfried war im Frühling in Rom geweſen, hatte dort den
Befehl erhalten, das neue Gebot auf einem Konzil zu verkündigen, hatte
ſich dem mit allerhand Ausreden zu entziehen verſucht, dann aber, als er
mit Abſetzung bedroht wurde, doch zu gehorchen unternommen und im
Oktober 1075 eine Synode ſeines Sprengels nach Erfurt berufen. Da
war er aber auf ſtärkſten Widerſtand geſtoßen, hatte hören müſſen,
daß man dem Papſt die Befugnis beſtritt und ihn ſelbſt am Leben be-
drohte, ſo daß er ſein Vorhaben aufgab und verſprach, Schritte für
eine Milderung des Geſetzes zu tun. Dieſe Erfahrung mag dazu bei-
getragen haben, dem ängſtlichen Mann den Mut zu dem Entſchluß zu
ſtärken, den er als Vorſitzender der Wormſer Verſammlung in erſter
Linie mit ſeinem Namen zu decken hatte.

Der Entſchluß, den Papſt, den man faſt drei Jahre lang ohne Vor-
behalt anerkannt, dem man gehorcht, vor dem man ſich gebeugt hatte,
durch eine Handvoll deutſcher Biſchöfe ſeines Amtes verluſtig zu er-
klären, war ein Fehler an ſich, politiſch unklug, rechtlich nicht zu begrün-
den. Der Fehler wurde unnötig vergrößert, indem man perſönliche Ver-
unglimpfungen hinzufügte, unerwieſene Beſchuldigungen als Tatſachen
hinſtellte und nicht einmal die Unzartheit ſcheute, die Mutter des Königs
hineinzuziehen. Denn daß zu dem Weiberſenat, den man dem Papſte vor-
warf, neben Beatrix und Mathilde von Toskana die Kaiſerin Agnes
gehörte, wußte jedermann. Fehler über Fehler! Aber wer ſie feſtſtellt,
darf nicht vergeſſen, daß mit dem König die Fürſten des Reiches, welt-
liche und geiſtliche und vor allem die Biſchöfe, die Schuld zu teilen haben.
Jhr erfahrenes Alter hätte ſeiner unbeſonnenen Jugend Zügel anlegen
ſollen, ſie tragen darum mit an der Verantwortung für das, was folgte.

Wie wenn ein losgeriſſener Felsblock zu Tale rollt, ſo überſtürzen ſich
nun die Ereigniſſe. Um den Anſchluß des ſüdlichen Königreichs zu be-
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[366/0375] Abſetzung Gregors ja nicht weniger als er durch die Maßregeln des Papſtes getroffen, manch einer hatte perſönliche Demütigung erfahren, und alle mußten ſich als Stand herabgeſetzt und entwürdigt fühlen, wie es Liemar von Bremen ausgedrückt hatte: ſie ſahen ſich behandelt wie Gutsverwalter, nicht wie Amtsbrüder und Biſchöfe. Endlich durfte man auch auf die Empörung weiteſter Kreiſe über das Eheverbot hinweiſen, die der Erzbiſchof von Mainz unlängſt ebenſo zu fühlen bekommen hatte wie früher der Biſchof von Paſſau. Siegfried war im Frühling in Rom geweſen, hatte dort den Befehl erhalten, das neue Gebot auf einem Konzil zu verkündigen, hatte ſich dem mit allerhand Ausreden zu entziehen verſucht, dann aber, als er mit Abſetzung bedroht wurde, doch zu gehorchen unternommen und im Oktober 1075 eine Synode ſeines Sprengels nach Erfurt berufen. Da war er aber auf ſtärkſten Widerſtand geſtoßen, hatte hören müſſen, daß man dem Papſt die Befugnis beſtritt und ihn ſelbſt am Leben be- drohte, ſo daß er ſein Vorhaben aufgab und verſprach, Schritte für eine Milderung des Geſetzes zu tun. Dieſe Erfahrung mag dazu bei- getragen haben, dem ängſtlichen Mann den Mut zu dem Entſchluß zu ſtärken, den er als Vorſitzender der Wormſer Verſammlung in erſter Linie mit ſeinem Namen zu decken hatte. Der Entſchluß, den Papſt, den man faſt drei Jahre lang ohne Vor- behalt anerkannt, dem man gehorcht, vor dem man ſich gebeugt hatte, durch eine Handvoll deutſcher Biſchöfe ſeines Amtes verluſtig zu er- klären, war ein Fehler an ſich, politiſch unklug, rechtlich nicht zu begrün- den. Der Fehler wurde unnötig vergrößert, indem man perſönliche Ver- unglimpfungen hinzufügte, unerwieſene Beſchuldigungen als Tatſachen hinſtellte und nicht einmal die Unzartheit ſcheute, die Mutter des Königs hineinzuziehen. Denn daß zu dem Weiberſenat, den man dem Papſte vor- warf, neben Beatrix und Mathilde von Toskana die Kaiſerin Agnes gehörte, wußte jedermann. Fehler über Fehler! Aber wer ſie feſtſtellt, darf nicht vergeſſen, daß mit dem König die Fürſten des Reiches, welt- liche und geiſtliche und vor allem die Biſchöfe, die Schuld zu teilen haben. Jhr erfahrenes Alter hätte ſeiner unbeſonnenen Jugend Zügel anlegen ſollen, ſie tragen darum mit an der Verantwortung für das, was folgte. Wie wenn ein losgeriſſener Felsblock zu Tale rollt, ſo überſtürzen ſich nun die Ereigniſſe. Um den Anſchluß des ſüdlichen Königreichs zu be- wirken, wurden zwei Biſchöfe nach Jtalien geſandt. Sie fanden bereit-

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 366. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/375>, abgerufen am 19.09.2020.