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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Absetzung Gregors
jenem 24. Januar 1076 zu Worms ihren Anfang genommen. Bequem
ist es, nachträglich die Überhebung des jugendlich unreifen Herrschers zu
tadeln, der mehr unternahm, als er leisten konnte. Es ist wahr, Heinrich
überschätzte die eigenen Kräfte und unterschätzte den Gegner. Er war
gar nicht so sehr Herr seines Reiches, wie er nach dem schwer errungenen
Siege über die Sachsen geglaubt haben mag. Wieweit die um ihn ver-
sammelten Bischöfe ihren Beschluß aus voller Überzeugung faßten, wird
er nicht gewußt haben. An Bedenken, die erst überwunden werden muß-
ten, hat es in ihrer Mitte nicht gefehlt, und daß jeder einzelne die Ver-
pflichtung zu unterschreiben hatte, Hildebrand fortan nicht mehr als Papst
anzuerkennen, könnte dafür sprechen, daß nicht allen ganz zu trauen war.
Auch durfte man nicht übersehen, daß von den achtunddreißig Bischöfen,
die das deutsche Reich nördlich der Alpen zählte, vierzehn nicht beteiligt
waren, darunter die Erzbischöfe von Salzburg, Magdeburg, Bremen
und Köln, wo Anno soeben gestorben war. Namentlich fällt das Fehlen
des hochangesehenen Liemar von Bremen auf. Ein erfahrener, vorsich-
tiger Herrscher hätte also in dem Beschluß der vierundzwanzig Anwesen-
den noch keine sichere Bürgschaft dafür gesehen, daß er in einem ernsten
Kampf gegen Rom auf die geeinte Kraft der deutschen Reichskirche
werde zählen können. Heinrich war jung, unerfahren und unbesonnen,
ihm sind solche Gedanken wohl gar nicht gekommen. Aber der Beschluß
von Worms war keine Willkürtat des Herrschers, er war hervor-
gegangen aus den Beratungen von Reichstag und Reichssynode. Daß
der König ihn erzwungen habe, wie die Gegner nachher behaupteten, ist
nicht zu glauben; dazu war Heinrich nicht mächtig genug. Höchstens von
einer Stimme glaubt man zu wissen, daß sie nicht frei abgegeben sein
kann: Burchard von Halberstadt, einer der Führer des sächsischen Auf-
stands, war als Gefangener zum Reichstag gebracht worden. Eher läßt
sich annehmen, daß der König von andern zum Vorgehen gedrängt wor-
den ist. Dessen beschuldigte man vor allen den Herzog Gotfried von
Lothringen, der allerdings besondern Grund hatte, Gregor nicht zu
lieben; denn dieser hatte das Zerwürfnis mit Mathilde, seiner Ge-
mahlin, vertieft, statt es beizulegen. Neben dem Lothringer werden
die vom Papst ausgeschlossenen königlichen Räte das Jhre getan haben,
die Erregung ihres Herrn zu schüren. Was vollends die Bischöfe be-
trifft, so hat die Behauptung einiger Zeitgenossen, sie hätten den König
zum Vorgehen getrieben, alle Wahrscheinlichkeit für sich. Sie waren

Abſetzung Gregors
jenem 24. Januar 1076 zu Worms ihren Anfang genommen. Bequem
iſt es, nachträglich die Überhebung des jugendlich unreifen Herrſchers zu
tadeln, der mehr unternahm, als er leiſten konnte. Es iſt wahr, Heinrich
überſchätzte die eigenen Kräfte und unterſchätzte den Gegner. Er war
gar nicht ſo ſehr Herr ſeines Reiches, wie er nach dem ſchwer errungenen
Siege über die Sachſen geglaubt haben mag. Wieweit die um ihn ver-
ſammelten Biſchöfe ihren Beſchluß aus voller Überzeugung faßten, wird
er nicht gewußt haben. An Bedenken, die erſt überwunden werden muß-
ten, hat es in ihrer Mitte nicht gefehlt, und daß jeder einzelne die Ver-
pflichtung zu unterſchreiben hatte, Hildebrand fortan nicht mehr als Papſt
anzuerkennen, könnte dafür ſprechen, daß nicht allen ganz zu trauen war.
Auch durfte man nicht überſehen, daß von den achtunddreißig Biſchöfen,
die das deutſche Reich nördlich der Alpen zählte, vierzehn nicht beteiligt
waren, darunter die Erzbiſchöfe von Salzburg, Magdeburg, Bremen
und Köln, wo Anno ſoeben geſtorben war. Namentlich fällt das Fehlen
des hochangeſehenen Liemar von Bremen auf. Ein erfahrener, vorſich-
tiger Herrſcher hätte alſo in dem Beſchluß der vierundzwanzig Anweſen-
den noch keine ſichere Bürgſchaft dafür geſehen, daß er in einem ernſten
Kampf gegen Rom auf die geeinte Kraft der deutſchen Reichskirche
werde zählen können. Heinrich war jung, unerfahren und unbeſonnen,
ihm ſind ſolche Gedanken wohl gar nicht gekommen. Aber der Beſchluß
von Worms war keine Willkürtat des Herrſchers, er war hervor-
gegangen aus den Beratungen von Reichstag und Reichsſynode. Daß
der König ihn erzwungen habe, wie die Gegner nachher behaupteten, iſt
nicht zu glauben; dazu war Heinrich nicht mächtig genug. Höchſtens von
einer Stimme glaubt man zu wiſſen, daß ſie nicht frei abgegeben ſein
kann: Burchard von Halberſtadt, einer der Führer des ſächſiſchen Auf-
ſtands, war als Gefangener zum Reichstag gebracht worden. Eher läßt
ſich annehmen, daß der König von andern zum Vorgehen gedrängt wor-
den iſt. Deſſen beſchuldigte man vor allen den Herzog Gotfried von
Lothringen, der allerdings beſondern Grund hatte, Gregor nicht zu
lieben; denn dieſer hatte das Zerwürfnis mit Mathilde, ſeiner Ge-
mahlin, vertieft, ſtatt es beizulegen. Neben dem Lothringer werden
die vom Papſt ausgeſchloſſenen königlichen Räte das Jhre getan haben,
die Erregung ihres Herrn zu ſchüren. Was vollends die Biſchöfe be-
trifft, ſo hat die Behauptung einiger Zeitgenoſſen, ſie hätten den König
zum Vorgehen getrieben, alle Wahrſcheinlichkeit für ſich. Sie waren

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[365/0374] Abſetzung Gregors jenem 24. Januar 1076 zu Worms ihren Anfang genommen. Bequem iſt es, nachträglich die Überhebung des jugendlich unreifen Herrſchers zu tadeln, der mehr unternahm, als er leiſten konnte. Es iſt wahr, Heinrich überſchätzte die eigenen Kräfte und unterſchätzte den Gegner. Er war gar nicht ſo ſehr Herr ſeines Reiches, wie er nach dem ſchwer errungenen Siege über die Sachſen geglaubt haben mag. Wieweit die um ihn ver- ſammelten Biſchöfe ihren Beſchluß aus voller Überzeugung faßten, wird er nicht gewußt haben. An Bedenken, die erſt überwunden werden muß- ten, hat es in ihrer Mitte nicht gefehlt, und daß jeder einzelne die Ver- pflichtung zu unterſchreiben hatte, Hildebrand fortan nicht mehr als Papſt anzuerkennen, könnte dafür ſprechen, daß nicht allen ganz zu trauen war. Auch durfte man nicht überſehen, daß von den achtunddreißig Biſchöfen, die das deutſche Reich nördlich der Alpen zählte, vierzehn nicht beteiligt waren, darunter die Erzbiſchöfe von Salzburg, Magdeburg, Bremen und Köln, wo Anno ſoeben geſtorben war. Namentlich fällt das Fehlen des hochangeſehenen Liemar von Bremen auf. Ein erfahrener, vorſich- tiger Herrſcher hätte alſo in dem Beſchluß der vierundzwanzig Anweſen- den noch keine ſichere Bürgſchaft dafür geſehen, daß er in einem ernſten Kampf gegen Rom auf die geeinte Kraft der deutſchen Reichskirche werde zählen können. Heinrich war jung, unerfahren und unbeſonnen, ihm ſind ſolche Gedanken wohl gar nicht gekommen. Aber der Beſchluß von Worms war keine Willkürtat des Herrſchers, er war hervor- gegangen aus den Beratungen von Reichstag und Reichsſynode. Daß der König ihn erzwungen habe, wie die Gegner nachher behaupteten, iſt nicht zu glauben; dazu war Heinrich nicht mächtig genug. Höchſtens von einer Stimme glaubt man zu wiſſen, daß ſie nicht frei abgegeben ſein kann: Burchard von Halberſtadt, einer der Führer des ſächſiſchen Auf- ſtands, war als Gefangener zum Reichstag gebracht worden. Eher läßt ſich annehmen, daß der König von andern zum Vorgehen gedrängt wor- den iſt. Deſſen beſchuldigte man vor allen den Herzog Gotfried von Lothringen, der allerdings beſondern Grund hatte, Gregor nicht zu lieben; denn dieſer hatte das Zerwürfnis mit Mathilde, ſeiner Ge- mahlin, vertieft, ſtatt es beizulegen. Neben dem Lothringer werden die vom Papſt ausgeſchloſſenen königlichen Räte das Jhre getan haben, die Erregung ihres Herrn zu ſchüren. Was vollends die Biſchöfe be- trifft, ſo hat die Behauptung einiger Zeitgenoſſen, ſie hätten den König zum Vorgehen getrieben, alle Wahrſcheinlichkeit für ſich. Sie waren

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 365. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/374>, abgerufen am 19.09.2020.